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Kißlegg, Neues Schloss

Aus Deckenmalerei-Lab
Seeger, Ulrike:Kißlegg, Neues Schloss, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2024, URL: www.deckenmalerei.eu/a33a61d0-1600-44d5-bf89-98fb08ee18b0

Inventarnummer: cbdd10363

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Der Text dieses Artikels steht – ausgenommen Abbildungen – unter der Lizenz CC BY 4.0. Dieser Artikel ist lediglich eine Kopie der Originalveröffentlichung auf deckenmalerei.eu und kann veraltet sein; maßgeblich ist die dortige Originalfassung.

1721 von Graf Johann Ernst von Waldburg-Trauchburg neu errichtet, besticht das Neue Schloss in Kißlegg durch seine umfängliche malerische Ausstattung der Bauzeit vorwiegend von Johann Gabriel Roth, aber auch von anderen Künstlern. Ikonographische Bezüge zum Truchsessenamt und zur Waldburg.

Kißlegg, Neues Schloss

Vorgeschichte des Neuen Schlosses in Kißlegg

Der Sachverhalt, dass es in Kißlegg zwei Schlösser gibt, für die sich die Namen Altes Schloss und Neues Schloss etabliert haben, geht auf eine Erbteilung der Ritter und Freiherren von Schellenberg 1381 zurück.[1] Die gemeinsam bewohnte Burg Alt-Kißlegg[2]wurde wegen Streitigkeiten aufgegeben, nachdem jede Linie im Ort eine eigene Burg errichtet hatte. Das Alte Schloss geht auf die mittelalterliche Burg der Nachfahren Märks d. Ä. von Schellenberg-Kißlegg zurück, das später sogenannte Neue Schloss auf die mittelalterliche Burg der Nachfahren Märks und Tölzers von Schellenberg, die die Linien Schellenberg-Sulzberg und Freyberg begründeten.[3]

Nach mehrmaligen Besitzwechsel gelangte das Neue Schloss 1669 an die Linie Waldburg-Trauchburg.[4] 1687 wurde es als Witwensitz der Maria Anna Monika von Waldburg zu Trauchburg, geborene von Königsegg (geb. 1644) erneuert. Erhaltenen Plänen zufolge handelte sich um ein zweigeschossiges Fachwerkhaus auf nahezu quadratischem Grundriss.[5] Beibehalten wurde ein älterer Steinsockel, von dem im heutigen Ostflügel ein Portal mit der Jahreszahl 1565 zeugt.[6] Das Fachwerkhaus fiel 1704 einem im Spanischen Erbfolgekrieg entfachten Stadtbrand zum Opfer.[7]

Neubau seit 1721 durch Graf Johann Ernst II. von Waldburg-Trauchburg

1721 wurde ein Neubau ganz aus Stein beschlossen. Auftraggeber war Graf Johann Ernst II. von Waldburg-Trauchburg (1695–1737), dessen 1717 verstorbener Vater ihm die Herrschaft vererbt hatte, um die Linie Waldburg-Trauchburg-Kißlegg zu begründen.[8]

Architekt war der Allgäuer Johann Georg Fischer (1673–1747), der zuvor für die Linie Waldburg-Wolfegg tätig war und dabei Pläne für das das Alte Schloss in Kißlegg geliefert hatte.[9] Der überlieferte Baubeginn am 21. April 1721 könnte die Grundsteinlegung bezeichnen. Die Bauleitung vor Ort hatte zuerst der Maurermeister Bernhard Rist aus Isny, seit 1724 Hans Wegmann inne, der den Bau 1727 fertiggestellte.[10]

1722 heiratete Graf Johann Ernst II. von Waldburg-Trauchburg Maria Theresia Josepha Felicitas von Waldburg-Wolfegg-Wolfegg (1702–1755), eine Tochter aus dem Alten Schloss in Kißlegg.

Künstler und Daten zur inneren Ausgestaltung

Zur Errichtung und inneren Ausgestaltung des Neuen Schlosses in Kißlegg haben sich verhältnismäßig viele Quellen erhalten.[11] Der Stuck stammte von Francesco Solari, der einer Stuckateurs- und Baumeisterfamilie aus Verna im Valle d‘Intelvi entstammte. Bezahlt wurde er im Jahr 1724. Zur textilen Innenausstattung sind in den Jahren 1725 und 1726 Tapezierer bezeugt.[12] Als Bildhauer wirkten Johann Ruez aus Wurzach und im Treppenhaus für die Stuckfiguren Johann Anton Feuchtmayer.[13]

Die Deckengemälde schuf Johann Gabriel Roth, dessen Lebensdaten nicht bekannt sind. Er scheint 1726 im Piano nobile begonnen zu haben. Der nachfolgend analysierte Akkord vom 26. Januar 1727 betraf lediglich zehn Räume vorwiegend im Erdgeschoss.

Akkord mit Johann Gabriel Roth vom 26. Januar 1727

Zur umfangreichen Ausmalung des Schlosses mit Decken- und Wandgemälden von Johann Gabriel Roth hat sich ein fünfseitiger Akkord vom 26. Januar 1727 erhalten.[14] Mehreren Indizien zufolge, handelt es sich nicht um den ersten, sondern mindestens den zweiten Akkord mit Roth. Zum einen wurden im Januar 1727 nur zehn eher untergeordnete Räume vornehmlich im Erdgeschoss verdingt. Zum anderen signierte Roth das Deckengemälde mit dem Sturz des Phaeton im Treppenhaus schon 1726 mit „I.G. Roth inv: & Pinx. 1726”. Auch im Prunkkabinett im Piano nobile hinterließ er seine Signatur schon 1726: „I. G. Roth Inve. & pinx. 1726“. Das Gemälde Esther vor Ahasver im PIano nobile signierte er sogar: „I.Gabriel Roth Inv. & pinx. 1725“.

Im Akkord vom 26. Januar 1727 wurden dem Maler strenge Vorgaben gemacht. Entweder hatte man mit seiner Arbeitsmoral zuvor schlechte Erfahrungen gemacht oder es war das natürliche Misstrauen der Herrschaft, das die Bedingungen diktierte. Sollte Roth „ein oder anders feld gahr zur flehtig [= flüchtig] oder schlecht dahin gemahlt werden so behalt gnädige Herrschafft sich bevor entweders dass nach Erbringung dessen, ein abbrech oder aber des Hr. Gaberiel Roth, solches anderst, undt fleissiger zur Mahlen schuldig zur thuen,“. Sollte also ein Gemälde der Herrschaft missfallen, hatte Roth es zu wiederholen.

Jedem Feld, beziehungsweise Zimmer war ein genauer Zeitraum zugeordnet und der Maler sollte immer nur in einem Zimmer malen. Die Zeiträume variierten zwischen 4 und 6 Wochen, doch handelte es sich um untergeordnete Räume des Erdgeschosses, die sich heute gar nicht mehr identifizieren lassen. Es ist also davon auszugehen, dass ihm im Jahr zuvor für die Ausmalung der Kapelle, des Treppenhauses und des Piano nobile längere Zeiträume zugestanden wurden.

Die vorbereitende Skizze oder der vorbereitende Riss zählten noch nicht zur vereinbarten Arbeitszeit: „die Chiza oder Ryss betr[effend] selbe zeit darvon ausgenommen; und zur der Chiza zur machen eine besondere zeith vergunndt werden, und nur die zeith observiret werden solle, so er anfangt des steckh oder feld zur mallen“

Man hatte große Angst, der Maler könnte krank werden oder aus einem anderen Grund die Baustelle verlassen. Sollte er ein Feld, beziehungsweise Zimmer nicht vollenden können, so werde ihm ein Drittel des vereinbarten Lohns abgezogen. Roth verpflichtete sich, keine andere Arbeit anzunehmen, bevor der Vertrag nicht erfüllt sei. Sollte er dennoch mit Erlaubnis des Grafen eine andere Arbeit annehmen, müsse er von 3 oder 4 Wochen mindestens 14 Tage in Kißlegg arbeiten. Beide Aspekte könnten dafür sprechen, dass sich für Roth mit diesem Vertrag die Arbeit in Kißlegg dem Ende zuneigte. Der Lohn betrug nur 315 Gulden, was ebenfalls für einen Nachtrag spricht.

Roth kam mit einem Gehilfen, für dessen Unterhalt er aufkommen musste. Außerdem besorgte er, wie allgemein üblich, selbst die Pigmente und Farben, wofür er keine Reisekosten geltend machen durfte: „3to solle Hr. Gaberiel Roth Mahler, sein Kost, undt quartier vor sich und seines Jung nemmen wo er will, auch soll er alle farben, öhl, und all anders zum Mahlen auff seine Costen schaffen und herthuen, ohne deme des gnädigste Herrschafft ihme sein Reysen werths vergurthet. Die Gerüste wurden ihm vom örtlichen Schreiner gestellt.

Die Kapelle im westlichen Seitenflügel


Triumph der katholischen Kirche an der Decke


Heiliger Willibald, erster Bischof von Eichstädt


Heiliger Wunibald im Benediktinerhabit


Heilige Walburga im Habit der Benediktinerinnen


Heilige Ida von Toggenburg mit Hirsch


Malerei des Altars


Altarbild: Kreuzigung Christi


Gottvater und die Taube des Heiligen Geists


Das Treppenhaus


Sturz des Phaeton, darunter Kybele mit der Waldburg als Mauerkrone


Die Räume im ersten Obergeschoss


Der Speisesaal, heute Cäsarsaal


Die Truchsessen beim Servieren der kaiserlichen Tafel


Das Audienzzimmer, heute Esthersaal


Esther vor Ahasver


Das Prunkkabinett


Apoll und die olympischen Musen an der Decke


Die vier Lebensalter


Junge mit Steckenpferd


Junger Mann mit Federbusch und roten Rüben / Selbstbildnis des Malers Roth
Kißlegg, Neues Schloss, Prunkkabinett, Junger Mann mit Federbusch / Selbstbildnis des Malers Johann Gabriel Roth


Mann im Ruderboot


Alter Mann mit Krücke


Junge Frau mit Kanarienvogel / Das Gehör


Kopfstudie eines alten Mannes


Türflügel: Mythologische, weidmännische, exotische und bäuerliche Szenen


Das Servicezimmer, heutiges Dianazimmer


Diana im Hirschgespann mit Morgenstern und der Nacht


Das Schankzimmer für Bier und Wein, heutiges Durchgangszimmer


Drei Putten mit Hopfen und Weizen


Drei Putten mit Weinglas


Das Zimmer hinter der Kapelle im westlichen Seitenflügel, heutiges Kaminzimmer


Jupiter und Juno wachen über die Nacht


Das Parzenzimmer im östlichen Seitenflügel


Die drei Parzen


Der Samsonsaal im östlichen Seitenflügel


Das Deckengemälde: Samson erschlägt 1000 Philister mit einem Eselskiefer


Die Trabanten


Samsons Kampf mit dem Löwen


Samson brennt mit Füchsen die Felder der Philister nieder


Samson trägt die Torflügel der Stadt Gaza auf dem Rücken


Samson und Dalilah


Räume im zweiten Obergeschoss


Zimmer mit Traumpersonifikation, heute westliche Hälfte Ceressaal


Personifikation der Träume


Zimmer mit Hebe, heute östliche Hälfte Ceressaal


Hebe mit Kanne, einer Nelke und Putten


Zimmer mit Diana, heute westliche Hälfte Dianasaal


Diana mit Lanze, Bogen, Jagdhund und Wasservogel


Zimmer mit Pax, heute östliche Hälfte Dianasaal


Pax / Personifikation des Friedens


Großer Eckraum mit Leda, heute Ledasaal


Leda mit dem Schwan und Amor


Durchgangszimmer mit Danae, heutiges Danaezimmer


Danae mit Goldregen und Adler


Zimmer mit Fama, heutiges Athenezimmer


Fama mit Flügeln und Posaune


Zimmer mit Justitia im westlichen Seitenflügel, heute südliche Hälfte Justitiasa


Justitia mit Waage, Richtschwert und weißer Taube


Zimmer mit der Sense des Chronos im östlichen Seitenflügel, heute Chronoszimmer


Fliegender Putto mit Sense


Großer Saal im östlichen Seitenflügel, heute Bankettsaal


Versöhnung der Zweige des Hauses Waldburg an der Decke


Die vier Erdteile in den Trabanten


Europa mit Pferd und den Schönen Künsten


Asien mit Weihrauchfass


Afrika mit Elefantenmaske


Amerika mit Alligator


Bibliographie

  • • AK Brand von Kißlegg, 2004 = Der große Brand von Kißlegg im spanischen Erbfolgekrieg. Ausstellung zum 300. Jahrestag des Brandunglücks von 23. April 1704, Neues Schloß Kißlegg, 23. April bis 12. September 2004,
  • • Hengerer, Waldburg, 2012 = Mark Hengerer, Waldburg, in: Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich, Grafen und Herren (Residenzenforschung, Bd. 15, 4, 2), hg. von Werner Paravicini, bearbeitet von Jan Hirschbiegel und Jörg Wettlaufer, Ostfildern 2012, S. 1584–1627.
  • • KDM, Kreis Wangen, 1954 = Die Kunstdenkmäler des ehemaligen Kreises Wangen, bearbeitet von Adolf Schahl, Werner von Matthey, Peter Strieder und Georg Sigmund Graf Adelmann von Adelmannsfelden, Stuttgart 1954, hier S. 219–225.
  • • Müller, Kißlegg, 1968 = Stephan Müller, Das Neue Schloß in Kißlegg (Schnell und Steiner Kunstführer, 897), München 1968.
  • • Müller, Kißlegg, 1974 = Stephan Müller, Kißlegg im Allgäu. Bild einer Marktgemeinde, Allensbach, 1974.
  • • Rudolf, Ravensburg, 2013 = Hans Ulrich Rudolf (Hg.), Stätten der Herrschaft und Macht. Burgen und Schlösser im Landkreis Ravensburg (Oberschwaben. Ansichten und Aussichten, 9), Ostfildern 2013, hier S. 253–257.
  • • Sauermost, Fischer, 1969 = Heinz Jürgen Sauermost, Der Allgäuer Barockbaumeister Johann Georg Fischer (Studien zur Geschichte des bayerischen Schwabens, 14), Augsburg 1969.
  • • Spahr, Barockstraße II, 1978 = Gebhard Spahr, Oberschwäbische Barockstraße II. Wangen bis Ulm-Wiblingen. Geschichte, Kultur, Kunst, Weingarten 1978.
  • • Weiland, Vergangenheit, 2020 = Thomas Weiland, Kißleggs Vergangenheit, in: Kißlegg im Allgäu, hg. von der Gemeinde Kißlegg, Kißlegg 2020, S. 6–8.

Einzelnachweise

  1. Rudolf, Ravensburg, 2013, S. 251–252.
  2. Rudolf, Ravensburg, 2013, S. 249–253. Burg Alt-Kisslegg – Wikipedia, (heutige Adresse: Kißlegg, Burg Nr. 2).
  3. Rudolf, Ravensburg, 2013, S. 252–253, 259. Siehe auch Weiland, Vergangenheit, 2020.
  4. Rudolf, Ravensburg, 2013, S. 253–256; Hengerer, Waldburg, 2012, S. 1625.
  5. KDM, Kreis Wangen, 1954, S. 219. Siehe auch: Rudolf, Ravensburg, 2013, S. 255–256.
  6. Rudolf, Ravensburg, 2013, S. 256.
  7. AK Brand von Kißlegg, 2004.
  8. Hengerer, Waldburg, 2012, S. 1595 und S. 1625.
  9. KDM, Kreis Wangen, 1954, S. 219; Sauermost, Fischer, 1969, S. 132. Fischer baut 1718 die Gottesackerkapelle St. Anna in Kißlegg, 1719 die Mariensäule vor Schloss Wolfegg, 1720 ist er am Schellenberg’schen, später Waldburg-Wolfeggschen Schloss in Kißlegg bezeugt (Sauermost, Fischer, 1969, S. 142–143).
  10. Die Daten nach KDM, Kreis Wangen, 1954, S. 219. Siehe auch Sauermost, Fischer, 1969, S. 132, der sich jedoch ebenfalls auf den Band der Kunstdenkmäler beruft.
  11. Die wichtigsten Angaben in: KDM, Kreis Wangen, 1954, S. 219–225.
  12. KDM, Kreis Wangen, 1954, S. 222.
  13. KDM, Kreis Wangen, 1954, S. 219.
  14. Aus diesem Akkord zitieren die Autoren des Bands der Kunstdenkmäler (KDM, Kreis Wangen, 1954, S. 222). Er befindet sich im Zentralarchiv Waldburg-Zeil, Bestand Kißlegg unter der Signatur „ZAKi 376“. Die Autorin dankt Herrn Archivar Rudolf Beck für die freundliche Übersendung einer Kopie des Akkords.