Zum Inhalt springen

Kaub, Gasthaus Stadt Mannheim, heute Blüchermuseum

Aus Deckenmalerei-Lab
Seeger, Ulrike:Kaub, Gasthaus Stadt Mannheim, heute Blüchermuseum, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2025, URL: www.deckenmalerei.eu/f0747c7b-e117-435e-9759-107d9f11179e

Inventarnummer: cbdd20227

Lage: Auf OpenStreetMap anzeigen

Der Text dieses Artikels steht – ausgenommen Abbildungen – unter der Lizenz CC BY 4.0. Dieser Artikel ist lediglich eine Kopie der Originalveröffentlichung auf deckenmalerei.eu und kann veraltet sein; maßgeblich ist die dortige Originalfassung.

Für den Saal seines 1780 fertiggestellten Gast- und Wohnhauses wählte Jakob Külb die Jakobsgeschichte. Sie beginnt mit dem durch Rebekka bei Isaak erschlichenen Segen, geht über den Traum von der Himmelsleiter zu Rahel und Lea, um nach der Versöhnung mit Esau mit den Nachkommen in Ägypten zu enden.

Kaub, Gasthaus Stadt Mannheim - Handbemalte Tapeten im Blücher-Museum Kaub
Kaub, Gasthaus Stadt Mannheim - Handbemalte Tapeten im Blücher-Museum Kaub

Das Gasthaus Stadt Mannheim von 1780

Kaub am Rhein, ehem. Gasthaus Mannheim, Blick von Südosten auf die Fassade zur Metzgergasse

Bauherr und Baugeschichte

Bereits 1764 erhielt der Weinhändler Jakob Meinhard Külp (auch Jakob Meinhard Kilp) durch die Große Schildgerechtigkeit das Recht, sein Gasthaus vermittels eines Schildes als solches kenntlich zu machen. Die Jahreszahl 1764 dokumentiert bis heute der Ausleger, der mitsamt dem Namen „Stadt Mannheim gegr. 1764“ original aus dem 18. Jahrhundert überkommen ist.[1] Das Vorderhaus, das mit elf Achsen im Verband der engen Metzgergasse steht, wurde 1780 errichtet. Das Datum der Fertigstellung und seine Bauherrschaft dokumentierte Külp im Scheitelstein der Toreinfahrt. Dieser enthält als Hauszeichen eine Art Segel über einem Anker, kombiniert mit den Initialen „I“ und „K“ für Jakob Külp. Das in den Anker eingeflochtene „S“ steht für den Nachnamen seiner Frau aus der Familie Schorn.[2]

1792 wurden die Seitenflügel und das als Quertrakt hart an den bergseitigen Schieferfelsen gesetzte Hinterhaus angebaut.[3] Im Hinterhaus befand sich im ersten Obergeschoss ein großer Tanzsaal über ebenerdigen Kellerräumen zur Weinlagerung.[4] 1897 brach dort ein Brand aus, der zwar bald gelöscht werden konnte, jedoch einen Neubau mit geringfügigen Erweiterungen nach sich zog.[5]

Möglicher Architekt Franz Wilhelm Rabaliatti

Als Architekt des Vorderhauses gilt der kurpfälzische Hofbaumeister Franz Wilhelm Rabaliatti (1716–1782).[6] Für Rabaliatti spricht zunächst der Umstand, dass Kaub kurpfälzische Amtsstadt war. Ihr hoher wirtschaftlicher Wert lag in der Zollstation, die sich der im Rhein vorgelagerten Insel mit der Zollburg Pfalzgrafenstein bediente.[7] Bereits die Namensgebung „Stadt Mannheim“ verdeutlichte den engen Bezog zu Obrigkeit. Etwa gleichzeitig mit dem Gasthaus der Stadt Mannheim entstand einige Häuser rheinabwärts das Gasthaus „Stadt Heidelberg“, womit die beiden wichtigsten Städte der Kurpfalz in Kaub als Wirtshausnamen präsent waren.[8]

Des Weiteren wird für Rabaliatti als entwerfenden Architekten ins Feld geführt, dass er 1755 „wegen Verfertigung der Läden zur Verwahrung des Pulvermagazines“ in Kaub weilte.[9] Einen archivalischen Beleg für seine mögliche Urheberschaft am Gasthaus Mannheim ließ sich bislang nicht finden. Stilistisch lässt sich die ausgeprägte Symmetrie des Grundrisses und auch der Fassade anführen, die für einen in höfischen Aufgaben erfahrenen Architekten sprechen könnte. Das Vorderhaus wird von der Mittelachse aus über zwei jeweils am Ende des Gebäudes liegende Treppen erschlossen.[10]

Beschreibung

Das 1780 in zweiter Reihe hinter der entlang des Rheins verlaufenden Stadtmauer errichtete Gasthaus beansprucht in der schmalen Metzgergasse elf Achsen, die mit den angrenzenden Häusern im Verband stehen. Das über einem Sockel zweigeschossige Vorderhaus wird in den mittleren drei Achsen durch einen Dreiecksgiebel ausgezeichnet, der sich als Bekrönung eines Zwerchhauses über die traufständigen Nebenachsen erhebt. Risalite waren wegen der Enge der Gasse nicht möglich, doch werden die Mittelachse durch eine ursprünglich Erd- und Obergeschoss zusammenfassende Holzgliederung, die gesamte Fassade von Mauerstreifen in Haustein eingefasst.[11]

Nach einem die beiden Geschosse trennenden profilierten Holzgesims werden die seitlichen Achsen von einem ebenfalls hölzernen Traufgesims abgeschlossen. Das von der Gasse aus kaum erkennbare Mansarddach war mit Mansarden ausgebaut.[12] Als Besonderheit haben sich die Fenster des ersten Obergeschosses original erhalten. Die des Erdgeschosses wurden originalgetreu nachgebaut.[13]

Symmetrische Erschließung

Das Vorderhaus wird in der Mittelachse über eine Durchfahrt erschlossen, die leicht bergauf in den querrechteckigen Innenhof führt. Zu beiden Seiten der Durchfahrt geleiten nahe an der Hofseite symmetrisch gestaltete große Rundbogenportale nach einigen Stufen ins leicht erhöhte Erdgeschoss. Jeweils am Ende des Flügels führen Treppen ins erste Obergeschoss.[14] Die Treppe linker Hand der Durchfahrt war dabei aufwendiger gestaltet als die rechter Hand.

Das Erdgeschoss des Vorderhauses wurde als Gasthaus genutzt.[15] Im ersten Obergeschoss lagen entlang der Fassade in Enfilade die Repräsentations- und wahrscheinlich auch Wohnräume des Bauherrn.[15] Diese repräsentative Raumfolge begann nach der aufwendigeren der beiden Treppen, also an der Nordseite des Gebäudes, mit einem vierachsigen Saal oder auch Salon, an den sich ein dreiachsiger und zwei zweiachsige Räume anschlossen.[14] Der besonders hohe Repräsentationswert des Saals zeigt sich außer in seiner Größe im ikonographischen Programm der bemalten Leinwandbespannungen, das mit der Erzählung des alttestamentlichen Jakob dem Namenspatron des Bauherrn huldigte.[16]

Der nach Süden folgende dreiachsige Raum mit nur 5 Metern Länge anstelle der 8,7 Meter des Saals erhielt ebenfalls eine repräsentative Ausgestaltung, die im moralischen Anspruch jedoch hinter dem Saal zurückblieb und diesen dadurch in seiner Individualität und Einzigartigkeit nochmals hervorhob. Die Wände wurden dort mit anderenorts hergestellten, vor Ort den Raummaßen angepassten bemalten Landschaftstapeten verkleidet. Es handelt sich um frühe, seltenerweise in ihrer originalen Montage erhalte Papiertapeten ebenfalls noch aus der Bauzeit. Sie wurden – ebenso wie die im Detail noch zu besprechenden Leinwandbespannungen – vom rheinland-pfälzischen Landesamt für Denkmalpflege in vorbildlicher Weise erforscht, restauriert und dokumentiert.[17]

Saal im ersten Obergeschoss

Die alle Wände ringsum zur Gänze verkleidende Leinwandbespannung beginnt über einem niedrigen Sockellambris, der mit einem Profil abschließt. Der Holzboden ist aus der Bauzeit erhalten. Die Decke über einer Hohlkehle ist weiß verputzt. Die ebenfalls bauzeitlich erhaltenen Türen gestalten sich zum Flur und zur Enfilade zweiflügelig. Gegenüber der Fensterwand befindet sich eine von schlichten Pilastern gerahmte Ofennische.

Jakobsgeschichte an den Wänden

Ikonographie

Die an den Wänden in Ölfarben auf Leinwandbespannungen gemalten Szenen geben die im Alten Testament im 1. Buch Mose ausführlich beschriebene Geschichte von Jakob und als Ausblick in einer Szene auch von seinen Nachfahren in Ägypten wieder. Eine Verschränkung der Jakobs- und der Josefsgeschichte, wie sie zuletzt wegen der nicht richtig gedeuteten Versöhnungsszene vorgeschlagen wurde,[18] fand nicht statt. Da Jakob der Namenspatron des Bauherrn Jakob Meinrad Külp war, darf man in diesem den Spiritus rector der fingierten Tapisserien vermuten.

Bemerkenswert an der Darstellung der biblischen Geschichte ist zum einen die Nutzung der räumlichen Gegebenheiten zur Intensivierung der Aussage. Zum anderen fallen die formalen Wiederholungen zwischen einigen Szenen auf, die eine rhythmische Verbindung über alle vier Wände hinweg erzeugen.

Fingiertes Rahmensystem der Dekoration

Die einzelnen Szenen werden außer durch die rhythmische Wiederholung einiger Details durch eine stimmungsvolle Parklandschaft miteinander verbunden. Hohe Laubbäume rahmen Lichtungen mit nahegelegenen Ausblicken vor einem warmfarbig dunklen Himmel. Herausgenommen aus dem Modus der dicht belaubten Ideallandschaften ist lediglich die Szene von Jakobs Traum, die durch ihre Platzierung außerhalb der Erzählchronologie in der Nische der Nordwand ohnehin eine Sonderstellung beansprucht.

Einem fingierten Rahmensystem zufolge handelt es sich trotz der Vielzahl der dargestellten Szenen um nur drei wandfüllende gemalte Tapisserien, die durch drei Zwischenfensterstücke, zwei Supraporten und vier Sou-fenêtres ergänzt werden. Die Rahmung der gemalten Tapisserien illusionieren Holzleisten mit seitlichen Rosengirlanden, die an den unteren Ecken ihren Ausgang nehmen. An den oberen Ecken löst sich die Girlande, um als Festons in die Szenen hineinzuhängen. Die Zwischenaufhängungen dieser Festons unterteilen die die einzelnen Szenen, indem sich beispielsweise trennenden Architekturteilen bedienen.

Die gemalten Tapisserien scheinen um die Ecken gehängt ganz in der Art, wie man mit veritablen Tapisserien verfuhr. Obwohl es sich den fingierten Rahmen zufolge nur um drei gemalte Tapisserien handelt, wird im folgenden jeder Szene ein eigenes Kapitel gewidmet.

Jakob erschleicht sich zusammen mit Rebekka den Segen seines blinden Vaters Isaak

Die Bilderzählung beginnt rechter Hand der Tür zum Nachbarraum. Isaak sitzt in einem roten Zelt mit zurückgeschlagenem Eingang in einem Bett, in dem ihn ein Kissen stützt. Er ist blind, was der Maler anhand seiner zusammengekniffenen Augen veranschaulicht hat. Seine Frau Rebekka, deren Lieblingssohn der als Zwilling zweitgeborene Jakob war, führt Jakob seinem Vater zu, damit er kniend dessen Segen empfangen kann. Isaak hatte seinen Segen jedoch dem erstgeborenen Esau zugedacht, der zudem sein Lieblingssohn war.

Die Rolle Rebekkas als Initiatorin des Betrugs wird stark hervorgehoben, doch hat sich Jakob wissentlich ihrem Willen gebeugt. Über seinem Kopf hält Rebekka einen Teller, auf dem sie Isaak das Wildbret reicht, das sich dieser von Esau gewünscht hatte, weshalb sich Esau in diesem Moment auf der Jagd befand. Das Fell, mit dem Jakob Isaak täuschte, um den behaarten Esau zu simulieren, ist nicht zu erkennen.

Die Szene wird vervollständigt durch die Andeutung eines höfischen Interieurs links in der Ecke mit einem Beistelltisch, auf dem eine Wasserfontäne und eine Trinkschale aus Zinn stehen. Rechts öffnet sich hinter einer Säulenstellung, an der der Zelteingang aufgehängt wurde, eine Parklandschaft.

Esau bei der Jagd
Esau bei der Jagd

Die Parklandschaft leitet über zur Fensterwand, auf der zwischen Zimmerecke und Fenster Esau bei der Jagd zu sehen ist. Er war von seinem Vater dorthin geschickt worden, um ihm ein Wildbret zu erjagen, nach dessen Zubereitung und Verzehr er ihn segnen wollte.

Esau ist im Begriff mit Pfeil und Bogen einen Hirsch zu erlegen, der sich in Panik vor den ihn verfolgenden Hunden dramatisch aufbäumt. Der panische Hirsch befindet sich bereits auf der Wand mit dem erschlichenen Segen. Am rechten unteren Bildrand blüht eine Pflanze mit roter Blüte, die mit dem Rot von Esaus Gewand harmoniert. Im Hintergrund ist rechts oben eine Burg zu erkennen. Die Rosengirlande des Rahmensystems bildet zwei Festone aus, die die beiden inhaltlich zusammengehörigen Szenen voneinander trennt und zugleich vereint.

Jakob sieht Rahel mit den Schafen ihres Vaters Laban
Kaub am Rhein, ehem. Gasthaus Mannheim, Saal im Obergeschoss, Blick gegen die Nordwand

Platzierung auf der Wand entgegen der Chronologie

Die Szene von Jakobs erster Begegnung mit seiner zukünftigen Frau Rahel, die der Kauber Maler im linken Drittel der Nordwand ansiedelte, gehört chronologisch vor die dort zentral in einer Nische platzierte Szene mit Jakobs Traum von der Himmelsleiter. Der Maler nutzte die segmentbogenförmige Nische im Zentrum der Wand, um die göttliche Szene von Jakobs Traum von der Himmelsleiter angemessen zu inszenieren. Durch die Mittelstellung der Himmelsleiter erreichte er zudem eine eindrucksvolle Gegenüberstellung der beiden flankierenden Szenen, die nach den ungleichen Zwillingsbrüdern Jakob und Esau den beiden ungleichen Schwestern Rahel und Lea galten.

Alle drei Szenen werden von der Rosengirlande des fingierten Rahmens überfangen, deren Zwischenaufhängungen zur Bildung von Festons an der Nordwand nicht innerhalb der Szenen liegen, sondern sich den oberen Rahmen zunutze machen. Die göttliche Mittelszene wurde explizit von den Festons ausgespart, indem an die Stelle eines Festons die göttliche Lichterscheinung trat.

Jakob sieht Rahel mit den Schafen ihres Vaters Laban

Jakob im roten Mantel mit Bart und Sandalen kommt von links ins Bild. Unterwürfig fragt er zwei Hirten, wer die Frau sei, der er am rechten Bildrand in der Ferne zusammen mit ihren Schafen erblickt. Es handelte sich um Rahel, die nach Lea die jüngere Tochter von Laban war. Laban war der Bruder von Jakobs Mutter Rebekka, zu dem sein Vater Isaak ihn im Anschluss an den vermeintlich Esau erteilten Segen schickte. Jakob verliebte sich in Rahel. Als er wenig später in Labans Dienste trat, erbat er sich als Lohn Rahel zur Frau, die er nach sieben Jahren erhalten sollte.

Jakobs Traum von der Himmelsleiter
Kaub am Rhein, ehem. Gasthaus Mannheim, Saal im Obergeschoss, Blick gegen die Nordwand

Auf den Weg zu seinem Onkel Laban hatte Jakob einen Traum. „Und er träumte: und siehe, eine Leiter war auf die Erde gestellt, und ihre Spitze rührte an den Himmel; und siehe, Engel Gottes stiegen auf und nieder an ihr. Und siehe, Jehova stand über ihr und sprach: Ich bin Jehova, der Gott Abrahams, deines Vaters, und der Gott Isaaks; das Land, auf welchem du liegst, dir will ich es geben und deinem Samen.“[19]

Jakob erkannte Gott und den Ort als Pforte zum Himmel. Den Stein, auf dem er geruht hatte, richtete er als Denkmal auf und versprach, Gott zu ehren, wenn er in Frieden zurückkehre zum Haus seines Vaters. Der Maler hat die Geschichte in ihrem Vorher und Nachher wiedergegeben, indem er nicht nur den schlafenden Jakob auf seinem sorgsam für die Nacht ausgesuchten Stein zeigte, sondern auch dezidiert die Ölflasche an seinem Gürtel, mit dem er den Stein am nächsten Morgen übergießen würde.

Neben dem Schlafenden im roten Mantel liegen Hirtenstab und Kopfbedeckung. Ein Engel steht neben ihm und erläutert ihm den Traum. Gottvater steht als Lichterscheinung im Scheitel der Nische. Die zusammengekniffenen Augen des schlafenden Jakob greifen das vorangegangene Motiv des blinden Isaak auf. Im Vordergrund blühen Blumen. Die Rosengirlande des Rahmensystems spart die Nische mit der göttlichen Erscheinung dezidiert aus, indem sie dort nicht als Feston herabhängt.

Jakobs Frau Lea mit den Kindern Levi und Juda
Kaub am Rhein, ehem. Gasthaus Mannheim, Saal im Obergeschoss, Blick gegen die Nordwand

Nachdem Jakob Laban sieben Jahre gedient hatte, gab dieser ihm nicht wie versprochen Rahel, sondern seine ältere, von Jakob nicht begehrte Tochter Lea zur Frau. Jakob war hintergangen worden und sollte Rahel erst nach weiteren sieben Jahren Dienst bei Laban bekommen. Rahel war jedoch unfruchtbar, sodass Jakob seine Kinder mit Lea zeugte.

Die im rechten Drittel der Nordwand dargestellte Szene von Lea in einem Wagen mit zwei Kindern im Arm gehört inhaltlich sowohl zur Nordwand als auch zur nachfolgenden Ostwand mit der Versöhnung von Jakob und Esau. Die Szene ist Teil der Nordwand, indem dort die Nische mit Jakobs Traum von den beiden ungleichen Schwestern flankiert wird, von der die eine schön, begehrt, aber unfruchtbar, die andere hingegen weniger schön, weniger begehrt, aber fruchtbar war. Rahels Einsamkeit im Vergleich zu ihrer mit Leibesfrucht gesegneten Schwester kommt in der Gegenüberstellung eindrucksvoll zur Geltung.

Leas Wagen, der von einem Wächter mit Diener begleitet wird, wird von einem Esel gezogen. Daneben stehen zwei Kamele, die neben der Fruchtbarkeit Jakobs auch dessen materiellen Reichtum anzeigen und zur Geschichte an der Ostwand überleiten. Große Laubbäume schaffen eine stimmungsvolle Szenerie. Bei den beiden Kindern in Leas Arm handelt es sich um den älteren Levi und den jüngeren, noch als Säugling dargestellten Juda.[20]

Versöhnung von Jakob und Esau

Im Gegensatz zur bisherigen Deutung der an der Nordwand angebrachten Szene als Begrüßung Jakobs durch seinen Sohn Josef in Ägypten,[21] hat man sie im Einklang mit der Erzählchronologie und vor allem auch der Bildtradition als die Versöhnung von Jakob und Esau, also als Bruderkuss zu deuten. Jakob als leicht gebückter Bittsteller trägt einen grauen Bart, womit der Maler dessen höheres Alter gegenüber seinem Zwillingsbruder Esau mit dunklem Bart zum Ausdruck brachte.

Nachdem Jakob viele Kinder bekommen und großen Reichtum angehäuft hatte, fürchtete er den Zorn seines Zwillingsbruders Esau, den er hintergangen hatte. Er bat Gott um ein Zusammentreffen mit Esau, das sich alsbald ereignete. „Esau kam und mit ihm vierhundert Mann. Und er [Jakob] verteilte die Kinder auf Lea und auf Rahel und auf die beiden Mägde; und er stellte die Mägde und ihre Kinder vornan und Lea und ihre Kinder dahinter und Rahel und Josef zuletzt. Er aber ging vor ihnen her und beugte sich siebenmal zur Erde nieder, bis er nahe zu seinem Bruder kam. Und Esau lief ihm entgegen und umarmte ihn und fiel ihm um den Hals und küßte ihn; und sie weinten.“[22]

Der Kauber Maler die Szene des Bruderkusses isoliert ins Zentrum einer weiten Lichtung gesetzt. Jakobs sehr großes Gefolge, dessen Frau Lea mit den beiden Kindern im Wagen noch an der Nordwand Platz gefunden hatten, wird auf der gemalten Tapisserie lediglich von einem Schäferpaar und einigen Schafen gebildet. Esau kam in einem prächtigen, von zwei Schimmeln gezogenen und von Reitern eskortierten Wagen, den er am rechten Bildrand zurückgelassen hatte. Zwei zusätzliche Kamele paraphrasieren die beiden Kamele neben Leas Wagen.

Esaus Überlegenheit kommt im federgeschmückten Turban und im roten Mantel mit Hermelinkragen zum Ausdruck. Jakobs Unterlegenheit zeigt sich in seiner Barhäuptigkeit, seinem einfachen Mantel und vor allem in seiner devoten, leicht gebückten Haltung. Sein grauer Bart weist ihn, wie schon erwähnt, als den älteren der ungleichen Zwillinge aus. Esau umarmt Jakob und beide küssen sich.

Die Szene der Versöhnung von Jakob und Esau wurde in der barocken Malerei häufig dargestellt, wovon die in der Legende oftmals beschriftete Druckgraphik ein Zeugnis abzulegen vermag.[23] Sie steht für die Vergebung von Schuld.

Jakobs Nachkommen in Ägypten

Jakobs Nachkommen wurden in Kaub mit nur einer markanten Szene charakterisiert. Sein Lieblingssohn war Josef, der von seinen Brüdern aus Eifersucht an eine Karawane verkauft wurde und so nach Ägypten kam. Dort rettete ihn seine Fähigkeit, die Träume des Pharaos zu deuten, woraufhin er ein hohes Amt an dessen Hof erhielt. Als in seinem Heimatland Kanaan eine Hungersnot ausbrach, begaben sich Josefs Brüder nach Ägypten, um dort um Getreide zu bitten. Josef schenkte ihnen Getreide, gab sich jedoch auch bei ihrem zweiten Besuch nicht zu erkennen, sondern ließ im Getreidesack des jüngsten Bruders Benjamin einen goldenen Becher verstecken.[24] Erst nachdem die Brüder den des vermeintlichen Diebstahls überführten Benjamin nicht im Stich ließen, gab sich Josef ihnen zu erkennen.

Über Eck, sowohl ein Teil der Ost- als auch der Südwand neben der Tür zum Nachbarraum einnehmend, hat der Kauber Maler die Szene platziert, in der Josef mit Hermelinmantel und federgeschmücktem Turban den bestürzt um Gnade bittenden Benjamin empfängt. Das Antlitz seines jüngsten Bruders rührt ihn so sehr, dass er sich, zumal nach der Standhaftigkeit seiner im Hintergrund stehenden älteren Brüder, als Teil ihrer Familie zu erkennen gibt.

Formal paraphrasiert die Szene mit Josefs Turban und Hermelinmantel Esau bei der Versöhnung von Jakob und Esau. Ein roter Vorhang, der Josef als Baldachin überfängt, entspricht symmetrisch auf der Südwand dem zurückgeschlagenen Zelteingang über dem Bett des blinden Isaak. Wie in der Szene des erschlichenen Segens, dient eine Säulenstellung als Zwischenaufhängung der Rosengirlande des fingierten Rahmensystems.

Blumenvasen als Zwischenfensterstücke
Kaub am Rhein, ehem. Gasthaus Mannheim, Saal im Obergeschoss, Blick gegen die Westwand

Die drei Zwischenfensterstücke werden je von einer hohen Prunkvase mit Blumen auf einer gemalten Konsole eingenommen. In Ergänzung zur fingierten Konsole dürften zwischen den Fenstern schmale Konsoltische, von denen sich möglicherweise zwei erhalten haben. In den Zwischenfensterstücken geht die Rosengirlande des fingierten Rahmensystems eine besonders enge Verbindung zum dargestellte Sujet ein, indem die Prunkvasen neben roten Nelken und eine Art roter Sonnenblumen vornehmlich rote und weiße Rosen aufnehmen.

Vögel als Supraporten und Sou-fenêtres
Kaub am Rhein, ehem. Gasthaus Mannheim, Saal im Obergeschoss, Blick gegen die Südwand

Die querrechteckigen, wegen der geringen Raumhöhe verhältnismäßig niedrigen Supraporten und Sou-fenêtres folgen dem fingierten Rahmensystem der gemalten Tapisserien insofern, als auch sie von gemalten Holzleisten eingefasst werden. Die Rosengirlanden wurden jedoch ausgelassen, sodass nur in den unteren Ecken der Rahmen ein pflanzliches Motiv zurückblieb.

Fasan und Dompfaff über der Tür zum Nachbarraum

Über der Tür zum Nachbarraum sitzen als gemalte Supraporte zwei Vögel. Am Boden scheint es sich um eine Art Fasan zu handeln. Am rechten Bildrand sitzt ein Vogel mit roter Brust, vielleicht eine Art Dompfaff beziehungsweise Gimpel auf einem Zweig. Links schließt eine rot blühende Pflanze die Komposition ab.

Früchtestillleben mit Papagei über der Tür zum Flur

Über der Tür zum Flur erblickt man ein Büfett mit verschiedenen Obstsorten, von dem ein Papagei eine Rispe Johannisbeere nascht. Das Angebot beginnt links mit einem Arrangement aus Melone, einer teilweise geschälten Zitrone, einem Weinglas und einem Teller mit Kirschen. Es folgen Äpfel und Trauben sowie Pfirsiche und Pflaumen sowie der Papagei, der sich die Johannisbeeren herauszupft. Die Früchtesillleben würden gut zu einem zumindest temporär als solcher genutzten Speiseraum passen.

Zwei Fasane unter dem Fenster

Im Zentrum des querrechteckigen Bildfeldes sitzen einander gegenüber zwei Fasane. Einer davon wendet den Kopf, sodass sie beide in die gleiche Richtung schauen. Das erste Bildfeld unter den Fenstern wird durch einen Heizkörper verdeckt.

Drei pickende Vögel mit Jagdhund unter dem Fenster

In der Mitte des querrechteckigen Bildfeldes picken drei Vögel, mit denen der Maler dezidiert seine Fähigkeit zur Variation vorführte. Nur ein Vogel pickt, der andere schaut geradeaus, der dritte dreht den Kopf nach hinten. Es hat den Anschein, als würde das schrittweise Erkennen einer Gefahr vor Augen geführt. In der Tat bellt in Blickrichtung des den Kopf wendenden Vogel in der rechten unteren Ecke angriffslustig ein Jagdhund.

Zwei Kraniche im Schilf unter dem Fenster

Als Vergegenwärtigung der Kaub am Rhein vorgelagerten Flusslandschaft wirkt das vierte Sou-fenêtre mit zwei Kranichen mit grauschwarzem Gefieder und roter Kappe zwischen Schilfpflanzen. Der eine Kranich holt gerade einen Fisch aus dem Wasser, während der andere sich zu ihm umblickt.

Programm und Synthese

Innerhalb der repräsentativen Raumfolge im ersten Obergeschoss seines Gast- und Wohnhauses, von der sich zwei Räume mit bauzeitlichen Wandverkleidungen erhalten haben, zeichnete der Bauherr Jakob Meinrad Külp den vierachsigen Saal oder auch Salon zusätzlich zur Größe durch eine persönlich auf ihn zugeschnittene, moralisch anspruchsvolle Ikonographie aus. Die im Hinblick auf seinen Vornamen gewählte Jakobsgeschichte des Alten Testaments hat der namentlich nicht bekannte Maler auf drei fingierte Tapisserien gemalt. Bemerkenswert ist hierbei, wie geschickt er die räumlichen Gegebenheiten zur Inszenierung der Geschichte zu nutzen wusste.

An der Nordwand wurde nicht nur die göttliche Szene mit Jakobs Traum von der Himmelsleiter durch ihre Mittelstellung und Platzierung in einer Nische inszeniert, sondern auch eine Gegenüberstellung der ungleichen Schwestern Rahel und Lea erreicht. Deren Ungleichheit paraphrasiere die der ungleichen Zwillinge Jakob und Esau, die in der ersten Szene durch das Täuschungsmanöver ihrer Mutter Rebekka entzweit wurden, sich in einer späteren Szene jedoch versöhnen konnten.

Mehrere motivische Wiederholungen, wie der prächtige Turban und der Hermelinmantel, ein roter Vorhang oder die zusammengekniffenen Augen des blinden Isaak und des schlafenden Jakob, schlossen die Szenen rhythmisch zusammen und schufen Beziehungen quer durch den Raum. Insgesamt wurden dadurch die Betrachtungsmöglichkeiten der gemalten Tapisserien erhöht, vor allem aber auch der moralische Charakter der Darstellungen in seiner Wirkung verstärkt.

Bibliographie

  • Arnold, Leinwandtapeten, 2016 = Astrid Arnold, Leinwandtapeten im 18. Jahrhundert. Forschungsstand – Probleme – Ausblick, in: Wieder Salonfähig. Handbemalte Tapeten des 18. Jahrhunderts, hg. von der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz. Direktion Landesdenkmalpflege (Denkmalpflege in Rheinland-Pfalz. Aus Forschung und Praxis, 2), Petersberg 2016, S. 56–67.
  • Dreier, Gasthaus Stadt Mannheim, 2016 = Stephan Dreier, Das ehemalige Gasthaus Stadt Mannheim. Zu Geschichte, Baubeschreibung, Sanierung und Wiederherstellung, in: Wieder Salonfähig. Handbemalte Tapeten des 18. Jahrhunderts, hg. von der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz. Direktion Landesdenkmalpflege (Denkmalpflege in Rheinland-Pfalz. Aus Forschung und Praxis, 2), Petersberg 2016, S. 23–29.
  • Fink, Blücher, 2016 = Alexandra Funk, Wo Blücher übernachtete. Geschichte und Projekt Gasthaus Stadt Mannheim in Kaub, in: Wieder Salonfähig. Handbemalte Tapeten des 18. Jahrhunderts, hg. von der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz. Direktion Landesdenkmalpflege (Denkmalpflege in Rheinland-Pfalz. Aus Forschung und Praxis, 2), Petersberg 2016, S. 14–22.
  • Gerner-Beuerle, Erzählende Wände, 2016 = Claudia Gerner-Beuerle, „Erzählende Wände“ in Kaub. Biblische Szenen als Wanddekoration. Darstellungen – Arbeitsweise - Technologie, in: Wieder Salonfähig. Handbemalte Tapeten des 18. Jahrhunderts, hg. von der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz. Direktion Landesdenkmalpflege (Denkmalpflege in Rheinland-Pfalz. Aus Forschung und Praxis, 2), Petersberg 2016, S. 32–45.
  • Gerner-Beuerle, Salonfähig, 2015 = Claudia Gerner-Beuerle, „Wieder salonfähig“! Die gemalten Bildtapeten und die bauzeitliche Ausstattung in der Metzgergasse 6 in Kaub am Rhein, in: Querbeet. Restaurierungsprojekte in der Landesdenkmalpflege Rheinland-Pfalz (Denkmalpflege in Rheinland-Pfalz. Aus Forschung und Praxis, 1), Petersberg 2015, S. 16–27.
  • Hoffmann, Rabaliatti, 1934 = Wilhelm W. Hoffmann, Franz Wilhelm Rabaliatti. Kurpfälzischer Hofbaumeister (Meister und Werke des rheinisch-fränkischen Barocks, 2), Heidelberg 1934.
  • Schneidereit-Gast, Landschaftstapete, 2016 = Monika Schneidereit-Gast, Die Restaurierung der Landschaftstapete im Blüchermuseum in Kaub, in: Wieder Salonfähig. Handbemalte Tapeten des 18. Jahrhunderts, hg. von der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz. Direktion Landesdenkmalpflege (Denkmalpflege in Rheinland-Pfalz. Aus Forschung und Praxis, 2), Petersberg 2016, S. 46–54.

Einzelnachweise

  1. Der schmiedeeiserne Ausleger scheint dem Ornament zufolge mit Schwung und Gegenschwung einerseits noch aus der Zeit um 1764, mit Mäander und Blattkranz aber auch aus der Zeit um 1800 zu stammen.
  2. Dreier, Gasthaus Stadt Mannheim, 2016, S. 23 hat die Initialen als „Johann Külp aufgelöst, bei dem es sich allerdings um den Sohn des Erbauers handelt. Die Auflösung als Jakob Meinhard Külp bei Fink, Blücher, 2016, S. 14 sowie bei Gerner-Beuerle, Erzählende Wände, 2016, S. 33. Der Hinweis auf die Familie Schorn zur Auflösung des „S“ stammt von Museumsleiter Dieter Weber.
  3. Fink, Blücher, 2016, S. 15; Dreier, Gasthaus Stadt Mannheim, 2016, S. 23.
  4. Dreier, Gasthaus Stadt Mannheim, 2016, S. 23.
  5. Dreier, Gasthaus Stadt Mannheim, 2016, S. 23-24.
  6. Gerner-Beuerle, Salonfähig, 2015, S. 16; Fink, Blücher, 2016, S. 14; Dreier, Gasthaus Stadt Mannheim, 2016, S. 23.
  7. Zur Zollstelle: Fink, Blücher, 2016, S. 14.
  8. Vgl. Fink, Blücher, 2016, S. 14.
  9. Fink, Blücher, 2016, S. 14–15. Der Nachweis bei Hoffmann, Rabaliatti, 1934, S. 155.
  10. Siehe hierzu den Grundriss bei Fink, Blücher, 2016, S. 15.
  11. Die Materialien der Vertikalgliederung nach Dreier, Gasthaus Stadt Mannheim, 2016, S. 24-25.
  12. Eine schematische Fassadenansicht bei Fink, Blücher, 2016, S. 14.
  13. Dreier, Gasthaus Stadt Mannheim, 2016, S. 24-25.
  14. 14,0 14,1 Siehe hierzu den Obergeschossgrundriss bei Fink, Blücher, 2016, S. 15.
  15. 15,0 15,1 Fink, Blücher, 2016, S. 15.
  16. Der Zusammenhang der Jakobsgeschichte mit dem Namenspatron von Jakob Meinrad Külp bei Gerner-Beuerle, Erzählende Wände, 2016, S. 33–34.
  17. Zur Papiertapete: Schneidereit-Gast, Landschaftstapete, 2016. Das Forschungsprojekt des Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland (CbDD) nimmt keine Papiertapeten auf, weshalb diesem Raum kein eigenes Kapitel gewidmet wurde.
  18. Gerner-Beuerle, Salonfähig, 2015, S. 18–19; Gerner-Beuerle, Erzählende Wände, 2016, S. 35.
  19. 1. Mose, 28. 1. Mose - Kapitel 28 - Bibel-Online.net
  20. 1. Mose, 29. 1. Mose - Kapitel 29 - Bibel-Online.net
  21. So Gerner-Beuerle, Erzählende Wände, 2016, S. 35.
  22. 1. Mose, 33. 1. Mose - Kapitel 33 - Bibel-Online.net
  23. Siehe hierzu das virtuelle Kupferstichkabinett unter dem Suchbegriff „Jakob Versöhnung Esau“. Eine gewisse Ähnlichkeit bieten: http://diglib.hab.de?grafik=graph-a1-2753-1 und http://kk.haum-bs.de/?id=visscher-c-j-exc-ab3-0017
  24. 1. Mose, 43. 1. Mose - Kapitel 43 - Bibel-Online.net