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Kösching, Seelenkapelle

Aus Deckenmalerei-Lab


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 13: Landkreis Eichstätt. Hirmer, München 2008, ISBN 978-3-7774-4475-8, S. 306–312, geschrieben von Böhm, Cordula, Bauer-Wild, Anna und Langenstein, Eva. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Seelhauskapelle Innere Gottesackerkapelle, Pfarrgasse 1, östlich der Pfarrkirche

Patrozinium: Hl. Kreuz Zum Bauwerk: 1730-31 im Friedhof als Seelhaus errichtet und wohl noch 1731 als Kapelle geweiht (Lizenz zur Benediktion vom 12.11.1731). Als Baumeister vermutet Siegfried Hofmann den Ingolstädter Michael Anton Prunthaller. Nach Verlegung des Friedhofs Ende des 19. Jh. Einbau einer Lourdes-Grotte im Westen und Umwidmung.

A Tod, B Gericht, C Himmel und Hölle (Melchior Puchner 1731)

Kleiner Saalraum (6,80×5,40m), flachrund geschlossen. Wandgliederung mit vorgelegten Doppelpilastern und eingetieften Nischen. Belichtung durch ein Fenster von Norden und zwei Rundfenster seitlich des Altars. Dem Eingang auf der Nordseite lag ursprünglich ein Zugang auf der Südseite gegenüber (jetzt Lourdes-Grotte), so dass ein Prozessionsweg durch die Kirche bestand. Bandwerkstuck, von Siegfried Hofmann überzeugend mit Wolfgang Zächenberger in Verbindung gebracht. Altar 17. Jh. mit spätgotischem Vesperbild, Antependium um 1710.

Auftraggeber: Pfarrer Matthäus Kerschl (1715-42) ließ den Bau als Seelhäusl errichten und anschließend als Kapelle weihen. Siegfried Hofmann erinnert sich an einen bis zur letzten Renovierung der Kapelle vorhandenen Pflasterstein mit der Inschrift anno 1731 Mathäus K. P.

D Auge Gottes

Autor und Entstehungszeit: Melchior Puchner (* 1695 Schongau † 1758 Ingolstadt) 1731. Überzeugende Zuschreibung durch Siegfried Hofmann (1992). Puchner war 1721/24 als »academischer Maler« in Ingolstadt ansässig. Andreas Felix von Oefele überliefert, dass er Schüler von Johann Andreas Wolff und Kaspar Gottfried Stuber in München gewesen sei. Seine zahlreichen Werke lassen einen vielfältig ausgebildeten Maler erkennen, der verschiedene Stilrichtungen beherrschte. Lebendigkeit und Qualität erhalten seine Werke weniger durch die Kompositionen, die manchmal steif und nicht ganz ausgewogen wirken, sondern durch leicht, schnell und treffsicher hingelegte zarte Höhungen, die seinen Bildern einen zarten Schimmer verleihen. Oefele überliefert auch, dass Puchner ein empfindsamer, zaghafter Charakter gewesen ist, der trotz großen Fleißes bei seinen Aufträgen oft nur langsam vorankam und dessen Werke dann besser gelangen, wenn er seine Skrupel vergaß und schneller und schwungvoller malte (Oefeleana 14, S. 167). Dem von Oefele geschilderten Charakter Puchners mag die Verwendung von augenscheinlich ölhaltiger Tempera in der Seelenkapelle entsprochen haben, die dem Maler keinen Zeitdruck auferlegte und Korrekturen ermöglichte.

In Zusammenarbeit mit dem Stuckator Wolfgang Zächenberger, der in Ingolstadt seit 1722 als Stuckator, spätestens ab 1729 auch als Bildhauer ansässig war, war Puchner in der Spitalkirche in Ingolstadt und im Chor von Zuchering (CBD Bd 14 Stadt Ingolstadt) tätig. Wie schon sein Lehrer Johann Andreas Wolff scheint Puchner zumindest in späteren Jahren auch als Generalunternehmer aufgetreten zu sein (für Demling und Großmehring sind Altarausstattungen überliefert).

Befund

Träger der Deckenmalerei: Flachtonne mit Stichkappen Rahmen: A-C weißes Stuckprofil, Aa-b, Ba-b, Ca-b, D und Da-b gemalte dunkle Rahmenlinie Technik: Secco; polychrom

Maße: A Höhe 4,70 m; 0,70 × 1,30 B Höhe 4,70 m; 0,70 × 1,30 C Höhe 4,70 m; 0,70 × 1,30

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Restaurierungen 1956, 1969, 1983, die letzte durch Fa. Pfaller, Ingolstadt. Jedesmal war der Anlass die Feuchtigkeit von Mauerwerk und vom Dach aus. Die Deckenbilder wurden nicht erwähnt. Sie sind jedoch bis auf Risse und geringfügige Abreibungen hervorragend und original erhalten.

Beschreibung und Ikonographie

Die Fresken A-C zeigen von O nach W die Vier Letzten Dinge: Tod, Gericht, Himmel und Hölle. D über dem Altar ist eine Ergänzung.

    • A TOD**

Eine Frau liegt im Sterben. An ihrem Sterbebett stehen ein Engel und ein Priester. Sie weisen den Weg zum Himmel, den nun die Seele bald gehen soll, und versperren zwei Teufeln, die mit den gefüllten Sündenregistern – auf einem prallen Beutel stehen die Zahlen 300/100 – in einem aufgeschlagenen Buch 10000/2000/563?/100 – zu der Sterbenden herandrängen, den Zugriff auf ihre Seele. Der Priester zeigt auf ein Weihwasserbecken. A1 Uhr, deren Zeiger auf halb zwölf stehen: »Eine ins gemein wird dleste sein.« Auf der Uhr sind fünf kleine Totenschädel als Bekrönungen. Das Emblem bedeutet die letzte Stunde – die Todesstunde – des Menschen. Ab Sense auf einer Blumenwiese: »Schneidt als zu sam ohne aus nam.« Keinem Menschen bleibt der Tod erspart.

    • B JÜNGSTES GERICHT**

Das Bild zeigt den Erzengel Michael mit dem Flammenschwert. Er hat Luzifer gestürzt, der zur Hölle fährt. Die Waage weist auf seine Eigenschaft als Seelenwäger. In der einen Wagschale steht eine kleine nackte Seele, der ein Engel beisteht, indem er ihren Rosenkranz in die Wagschale legt. Die zweite Wagschale, in der ein Mühlstein liegt, der die Sünden der Seele symbolisiert, versucht ein kleiner Teufel nach unten zu ziehen. Der Rosenkranz aber, den die Seele zu Lebzeiten offenbar häufig gebetet hat, wiegt schwerer. B, Strahlende Sonne: »Was auch haar klein, zeigt dißer schein.« Das Emblem bezieht sich darauf, dass beim Jüngsten Gericht nichts verborgen bleibt, ebenso wie beim hellen Sonnenschein alle Dinge klar erkennbar sind. B1 Münzen und Prüfstein: »Was falsch/was guet. Entscheided Godt.« Auf einem Tisch steht eine Geldkassette, daneben ist ein Prüfstein, der von einer Hand aus Wolken bedient wird.

KÖSCHING

Α.

C HIMMEL UND HÖLLE Wolkenszenerie. Die Seelen der Gerechten fahren nach oben zum Himmel auf, die Seelen der Verdammten stürzen nach unten in die Hölle.

Ca Gartenparterre, darüber scheint die Sonne. Der Fichten Schatz hat da nur Blatz. Der Garten wird hier mit dem Paradiesesgarten verglichen und der Gerechte mit einem Baum, der gute Früchte getragen hat und dessen Platz nun im Paradiesesgarten ist.

В.

AL

dies verglichen und der Gerechte mit einem Baum, der gut Früchte getragen hat und dessen Platz nun im Paradiesesgarten ist.

Cb Gefällter Baum, der verbrannt wird. Dem Baum ohn Fricht daß billich geschicht. Dieses Emblem bezieht sich auf Mt 3,10: »Jeder Baum nun, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.« (ebenso Mt 7,19 und Lc 3,9; ähnlich der unfruchtbare Feigenbaum Lc 13,7).

D AUGE GOTTES IN WOLKENKRANZ Allß erlanget der Herr. Die Bedeutung dieses letzten Bildes erschließt sich

Bb

Ca

durch die begleitenden Embleme, die sich auf das Fegfeuer beziehen und damit die Darstellung der Vier Letzten Dinge Tod, Gericht, Himmel und Hölle ergänzen, die in Bild A–C dargestellt sind. Nach LThK ist das Fegfeuer »der jenseitige Zustand und Aufenthalt jener Seelen, die zwar in der Gnade Gottes geschieden, aber mit noch nicht abgebüßten Sündenstrafen oder auch mit noch nicht getilgten läßlichen Sünden behaftet sind, die darum nach dem Sondergericht einer vorübergehenden Läuterung bedürfen, um in die ewige Seligkeit eingehen zu können.« (Bd 3, Sp. 979–82, s.v. Fegfeuer).

D.

D. Eine Hand löscht Zahlen auf einer Tafel. Is dSchuld auch kleyn - zalet mueß seyn. Am Boden liegt außerdem ein geöffnetes Buch, wohl ein Kontobuch der Schuld – eine Zahl darin ist mit Rotstift durchgestrichen. Inschrift und Bild zusammen bedeuten, dass Gott auch jede kleine Schuld kennt, sie aber nach der Buße löschen wird.

Db Eine Hand öffnet mit einem Schlüssel die Gittertüre eines Gefängnisses nach zahlter Schuldt – der Freyheit Huldt. Nach der im Fegfeuer gebüßten Schuld gelangt die Seele zur ewigen Seligkeit.

D.

Wa-b Zwei Wandbilder über den Türen geben dem Besucher ein »memento mori« mit auf den Weg.

W. Leuchtturm und Schiffe im Meer Die Lebens Frist/ein Schiffarth ist/Ains früh ains spät/gelangt zum Gestad. Am Meeresufer steht ein Leuchtturm, der in der Emblematik meist die himmlische Leitung in Schwierigkeiten bedeutet. Drei Schiffe sind im Meer zu sehen, zwei noch weit vom Ufer entfernt, eines liegt bereits in der Bucht am Ufer. Die Inschrift besagt, dass den Menschen ihre Lebensfrist nicht bekannt ist. Wb Totenkopf im Spiegel Dem Spiegl trau./Und dich beschau/diß ist dein Gestalt – seist jung seist alt. Im Tod sind alle Menschen gleich.

Quellen und Literatur

Pfarrarchiv Kösching, lateinische Chronik des Pfarrers Matthäus Kerschl 1717–42, übersetzt von Dr. Grünzinger, Stadtarchiv Ingolstadt, 1958; Vertrag und Quittung Schredters von 1717/18; Ferdinand Ott, Chronik von Kösching, Ms. 1916.

StAM, LRA 107511 Akten des Königl. Bezirksamts Ingolstadt, Betr. Bau-Reparaturen an der kathol. Pfarrkirche in Kösching 1849–1925; LRA 107512 Akten des Königl. Bezirksamts Ingolstadt, Betr. Freilegung der kathol. Pfarrkirche in Kösching 1908–13, mit vielen Plänen; LRA 25062 Restaurierung der Pfarrkirche zu Kösching 1903–15.

BLfD, Akt Kösching, Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt; Gebr. Preis, Kösching, Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt, Programm der Deckenbilder, Ms. 1990.

Kunstinventar Bistum Regensburg, bearbeitet von Xaver Luderböck, 2000.

KDB I OB (1), S. 82

(o.V.), Aus der Geschichte der Pfarrkirche von Kösching, in: Köschinger Anzeiger, Anzeigenblatt für Kösching und Umgebung, 1., 11. und 18. 8. 1923.

Historischer Atlas Ingolstadt, S. 149.

Hofmann, Siegfried, Zum Werk Ingolstädter Freskenmaler des 18. Jahrhunderts, in: SVHI 82, 1973, S. 157–84; hier S. 177. Kemp, S. 230ff.

Ettel, Ernst, Geschichte der Pfarrei Kösching, in: SVHI 89, 1980, S. 115–52.

Hofmann, Siegfried und Friedrich Lenhardt, Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt Kösching, Kösching 1992.

Die Beschreibung des Bistums Regensburg von 1723/24, hg. von Manfred Heim (= BGBR, Beiband 9), Regensburg 1996, S. 277ff.

Dehio OB 1990, S. 558; 2006, S. 607 (Marien- und Seelkapelle sind identisch).

Literatur ausschließlich zur Seelenkapelle

Hofmann, Siegfried, Zum Werk Ingolstädter Freskenmaler des 18. Jahrhunderts, in: SVHI 82, 1973, S. 157f.

-, Die Kirchen in Appertshofen, Kasing und die kleinen Kirchen (Kapellen) in Kösching (Peterskapelle, Seelhauskapelle, Kapelle im äußeren Friedhof, Klausenkapelle): Werke Michael Anton Prunthallers und Johann Schellhorns aus Ingolstadt, in: SHVI 92, 1983, S. 291–316.

A. B./E. L.