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Hofwies, Filial- und Wallfahrtskirche Mariä Geburt

Aus Deckenmalerei-Lab


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 8: Landkreis Mühldorf am Inn. Hirmer, München 2002, ISBN 978-3-7774-9430-2, S. 129–132, geschrieben von Böhm, Cordula. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Filial- und Wallfahrtskirche, Pfarrei Frauendorf (Pfarrverband Kraiburg), Markt Kraiburg, Erzdiözese München und Freising; z.Z. der Ausmalung Pfarrei Ensdorf, Erzbistum Salzburg. Die Kirche »in der sogenannten Hofwiese« gehörte zur Hofmark Guttenburg, die sich im Besitz der Grafen von Taufkirchen befand. Gericht Kraiburg

Patrozinium: Mariä Geburt, Nebenpatrone St. Veit und St. Georg

Zum Bauwerk: An der Stelle der heutigen Wallfahrtskirche stand ursprünglich eine St.-Veits-Kapelle. 1620/23 Neubau, zu dem die Baumaterialien der abgebrochenen St.-Georgs-Kapelle auf dem sog. Girgenberg bei Guttenburg verwendet wurden, nachdem diese vom Inn bedroht und baufällig geworden war. Dem Veitpatrozinium wurde das des hl. Georg hinzugefügt. Vom mittelalterlichen Bau stammt das Turmjoch, das im Inneren Spuren von spätgotischen Fresken zeigt. Die Wallfahrt zur Schmerzhaften Muttergottes entstand Ende des 17. Jh., als Wolf Joseph II. Graf von Taufkirchen-Guttenburg eine wundertätige Marienfigur erwarb und in der Kapelle aufstellte.

1790 Erweiterung der Hofwieskapelle »in Form eines Rundels«, gegen die der Pfarrer von Ensdorf protestierte, weil sie zu zwei Dritteln einem Neubau gleichkam. Bau nach Plänen des Burghausener Stadtmaurermeisters Franz Anton Glonner (Pläne im Stadtarchiv Burghausen), Bauausführung wohl durch den Kraiburger Maurermeister Simon Millinger (s. Demmel 1995). Die Altar- und Figurenausstattung ist Johann Philipp Wagner aus Kraiburg zuzuschreiben.

Kreuzförmiger Bau (16,80×4,50m) mit zwei Vorjochen (des Vorgängerbaus) und einem anschließenden zentralen Gemeinderaum, an den seitlich Apsiden anschließen. Gleichbreiter AR (4,00×4,50 m) mit Apsisnische, in der der freistehende Altar mit dem Gnadenbild steht. Gurtbogen- und Pilastergliederung im Vorraum, auf Konsolen sitzend, Eckpilaster im Zentralraum. Belichtung durch ein Paar hohe Rundbogenfenster im Vorraum, geschweifte Kleeblattfenster in den seitlichen Apsiden, im AR durch ein Fenster im S (im N Oratorium). Sakristeianbau im O; Empore im W.

Auftraggeber: Graf Maximilian Emanuel Josef Reichsgraf von Taufkirchen. Pfarrer von Ensdorf war Franz Xaver Schmid (1772–95).

Autor und Entstehungszeit: Zuschreibung an Martin Anton Seltenhorn (* 1740 † 1809 Kraiburg) 1791

0/ // Der Kraiburger Maler Martin Anton Seltenhorn, von dem mehrere Fresken in der Umgebung bekannt sind, ist rein historisch als Autor der wahrscheinlichste. Er hatte am 2.6. 1789 in zweiter Ehe Maria Thekla Falk, die Tochter des Pflegers von Guttenburg, geheiratet. Die stilistische Einordnung wird allerdings durch die groben Übermalungen und Entstellungen in Hofwies erschwert, außerdem stammen seine Fresken, die zum Vergleich herangezogen werden können, aus weit früherer Zeit (Frauendorf 1766, St. Erasmus 1770, Gars 1777). Das Kuppelfresko B zeigt noch am meisten Ähnlichkeit mit den heftig bewegten Kompositionen in St. Erasmus und Gars. Doch sprechen motivische Übereinstimmungen der Landschafts- und Architekturgestaltung und besonders die Verwandtschaft mit den späten Seitenaltarbildern in St. Erasmus und Frauendorf doch für die Autorschaft Martin Anton Seltenhorns. Das Kuppelfresko in der Hofwies ist eine Wiederholung des 1771 entstandenen Kuppelfreskos in der Wallfahrtskirche Maria Ach, OO, rechts der Salzach bei Burghausen gelegen und früher zum Rentamt gehörig. Es stammt von dem Burghauser Maler Johann Nepomuk della Croce, dem bekanntesten Maler der späten Epoche im östlichen

Oberbayern, der viel mit dem Baumeister Glonner zusammenarbeitete und an dem Seltenhorn sich bei dem Bemüher um einen zeitgemäßen, klassizistisch beruhigten Malstil offenbar orientiert hat. Eine Autorschaft della Croces selbst kommt nicht in Frage, selbst in Anbetracht der starken Übermalungen; della Croce entwirft großzügiger Kompositionen und Figuren (s. Goerge).

Zur Ausmalung gehört die ornamentale Bekrönung über der Eingangstür außen, die das Wappen der Taufkirchen zu Guttenburg zeigt und darüber einen kleeblattförmigen Ausschnitt aus dem Votivgemälde von 1788 mit der Geschichte des Gnadenbildes

Befund

Träger der Deckenmalerei: A und C sphärische Tonne, B längselliptische Pendentifkuppel, D, E Halbkuppeln Rahmen: A, C, D, E weißes Stuckprofil, B gemaltes Stuckprofil, 1–4 Stuckkartuschen

Technik: Fresko; polychrom

Maße: A Höhe 5,00 m; 2,70 × 2,80

B Höhe 6,70 (Stich 1,50) m; 5,50 × 4,20

C Höhe 5,20 m; 2,20 × 3,30

D, E Höhe 5,00 m; 1,60 × 2,15

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Schwere Beeinträchtigung der Fresken durch eine unsachgemäße Restaurierung 1936. Das Fresko über dem Eingang wurde 1953 von Hugo Williroider, Hochstätt, renoviert. Bei der letzten Restaurierung 1967/68 wurden Schäden behoben, Übermalungen abgenommen und die ornamentale Malerei im Innenraum an Pilastern und Gurten wieder vervollständigt. Die Deckenbilder sind technisch in gutem Zustand, aber immer noch stark übermalt. Besonders in B und C sind starke Retuschen und grobe Konturierungen festzustellen. 2002 Restaurierung in Vorbereitung.

Beschreibung und Ikonographie

Die Raumgestaltung ist eine einheitlich klassizistische. Die Gurtbögen und Pilasterinnenseiten sind goldbrokatiert, die Pilaster marmoriert und mit gemalten Schleifen dekoriert. Oratoriumsloge und Emporenbrüstung sind mit klassizistischem Dekor versehen, um das hochovale Fresko B im Zentralraum von 1790 rankt sich eine goldene Blattgirlande. Die Bildfelder der Fresken A, C, D und E entsprechen sich und sind in Stuckrahmen an die sonst undekorierte Decke gesetzt.

A ST. GEORG UND VITUS IN DER GLORIE WolkenSzenerie mit Putten. Die beiden Heiligen sitzen bzw. knien unter einer angedeuteten Glorie, der hl. Vitus in Herzogshut und Hermelin, gestützt auf den Ölkessel, der hl. Georg in Ritterkleidung mit Fahne, den Drachen zu seinen Füßen. Zwei Putten halten Palmzweig und Lorbeerkranz als Märtyrerlohn. Die Farben sind in hellen Werten mit viel Weißbeimischung aufgetragen.

B HEIMSÜCHUNG Die Komposition ist eine seitenverkehrte Wiederholung des Kuppelfreskos della Croces in der Wallfahrtskirche Maria Ach (OÖ), beide Bilder gehen auf die bekannte Rubens-Vorlage zurück. Das Motiv der Substruktion, über die Stufen zum Haus von Elisabeth und Zacharias führen, an dessen Geländer Maria und Elisabeth sich begegnen, hat sein Pendant am linken Bildrand in einem dunklen Erdhügel, aus dem eine Palme emporragt. Maria in Reisehut, gefolgt von zwei Dienerinnen, wird von Elisabeth am Arm genommen und begrüßt. Zacharias in ockergelbem Gewand streckt die Hand aus. Das Zentrum der Kuppel wird von einer Engelgruppe bestimmt, von denen einer eine Rosengirlande ausbreitet und damit die Bildmitte kreisförmig bezeichnet.

C VERMAHLUNG Der Bildschauplatz ist aus Requisiten wie Mauer, Säulenschaft, Treppe, Sockel, Draperie ohne räumlich-logischen Zusammenhang zusammengestellt. Wolken dringen von oben ein. Der Hohepriester steht hinter einer Brüstung; mit der rechten Hand weist er auf ein Buch, das ihm ein Knabe hält, mit der Linken segnet er die Hände von Maria und Joseph, die vor ihm knien. Maria trägt einen Kranz aus Rosen, Joseph den grünenden Stab mit Lilien. Ein Engel und Putten in den Wolken halten eine kleine Girlande und einen Kranz. Die Farbigkeit ergibt mit viel Grau, Beige und Grauviolett eine lastende Wirkung vor allem in der Randzone, die aber von der Lockerheit und Weitläufigkeit der Altarkomposition aufgefangen wird.

D VERKÜNDIGUNG Quaderwerk und Treppen geben von rechts und vorn den Rahmen an, von links schwebt aus dunklen Wolken der Verkündigungsengel auf Maria zu, die demütig am Betpult kniet. Von den Hofwieser Fresken ist dieses am besten erhalten, es zeigt eine leuchtende Farbigkeit in Rot-, Blau- und Gelbwerten. Die Komposition hält sich eng an eine Kupferstichvorlage Johann Georg Bergmüllers, die nach dem Rosenkranzzyklus in der Dominikanerkirche Augsburg entstanden ist (Karin Friedlmaier, Johann Georg Bergmiller, Das druckgraphische Werk, München 1997).

B Heimsuchung, 1–4 Evangelisten
D Verkündigung

E ANBETUNG DER KÖNIGE Vor antikischen Ruinen sitzt Maria mit dem Kind, hinter ihr ist Joseph zu sehen. Die drei Könige kommen von links und knien vor dem Jesuskind nieder. Am Himmel steht der Stern von Bethlehem. Als phantastische Requisiten sind in der rechten Bildhälfte Quadermauer, Gartenvase auf Sockel und eine antike Inschrifttafel dargestellt, die letztere noch halb in der Erde verborgen. Im Hintergrund sieht man einen Diener mit zwei Kamelen. Wie in Fresko B und C zeigt Seltenhorn hier Freude an architektonischen Requisiten. Hellwertige Farbigkeit von Grau und Grün in Abstufungen.

1-4 EVANGELISTEN

In angedeuteten Innenräumen sind die Evangelisten in Dreiviertelfigur wiedergegeben.

Quellen und Literatur

AEM, Pfarrei Ensdorf, Filialkirche Hofwies (174840001 Schreiben der verwitweten Gräfin Anna an den Bischof mit der Bitte um Benedizierung 1620/23).

StA Burghausen, P 1206, fol. 31 und 33, P 402 (Pläne Glonner).

BLfD, Akt Hofwies, Kirche Mariä Geburt.

Mayer-Westermayer, Bd 2, S. 93–97

KDB I (OB) 3, S. 2174.

Bourier, Karl, Schloß und Hofmark Guttenburg am Inn, in: Inn-Isengau, Blätter für Geschichte und Heimatkunde, 1929-33. Hefte 27-34.

Strobl, Lorenz, Die Hofwieskirche, in: Das Mühlrad, Bd 8, 1958, S. 69f.

Bourier, Karl, Die Wallfahrts-Kapelle in der Hofwies, in: Das Mühlrad 1965–67, S. 43–54.

Historischer Atlas Bd 36, Mühldorf (Helmuth Stahleder) München 1976 S 240


Dehio 1990, S. 388 f

Demmel, Fritz, Zur Erbauung der Wallfahrtskirche auf der Hofwies bei Guttenburg am Inn, in: Das Mühlrad 34, 1992, S. 49–56.

-, Die Burghauser Stadtmaurermeister Franz Anton und Joseph Glonner. Ein Beitrag zur Architektur der Stadt zwischen 1777 und 1842 (= Burghauser Geschichtsblätter 48), 1995, S. 113 f. und Abb. 56.

Goerge, Dieter, Johann Nepomuk della Croce 1736–1819 Leben und Werk (= Burghauser Geschichtsblätter 50), 1998 S. 64 f.