Hirnsberg, Pfarrkuratiekirche Mariä Himmelfahrt
Der weite, hohe Raum ist nach Bomhard (S. 223) »eine der eindrucksvollsten Raumschöpfungen der Spätgotik im südöstlichen Oberbayern«. Saal zu drei Jochen, kräftige Wandpfeiler mit vorgelegten Pilastern, Doppelempore im W. Belichtung durch je drei Fenster an der N- und S-Seite. AR zu zwei Jochen mit dreiseitigem Schluß, Belichtung durch je ein Fenster im N, S und in den Schlußschrägen.
Patrozinium: Mariä Himmelfahrt
Zum Bauwerk: Neubau an Stelle einer älteren Kirche im letzten Viertel des 15. Jh., Weihe im August 1496 durch Dr. Ludwig Ebner, Bischof von Chiemsee. 1719 Neubau der Westempore. 1743 Barockisierung des Innenraums: »Von welt: und geistlicher Obrigkeit ist auf die gemachte Vorstehlung bewilligt worden, das dises Gottshaus nach dem vorgezaigter Riß sowohl in: als auswendig mit Stuckhador: und Mahlerarbeith ausgemacht: dan verbuzt. 3 ganz: und 2 halbe Fenster von Neuem ausgebrochen: und anders der Notturft nach reparirt werden darf« (Heimatmuseum Prien, Kirchenrechnung 1743). Die Gewölberippen wurden abgeschlagen, die Wandgliederung ummantelt, neue Fenster ausgebrochen und die alten ausgerundet. Der Chorbogen wurde geschweift. Die Maurerarbeiten besorgte Wolf Ganterer von Babensham, Gerichtsmaurermeister von Kling, von dem auch der Stuck im Kirchenraum stammt (Bomhard, S. 223). Der Stuck an den Emporenbrüstungen ist nach Bomhard 1776/80 von dem Rosenheimer Bildhauer Felix Pämer geschaffen worden. Anbau einer Vorhalle als Kriegergedenkstätte 1953.
Auftraggeber: Die Ausmalung erscheint in den Kirchenrechnungen. Pfarrer von Söllhuben war Philipp Jakob Fendt (1731-63; s.S.411f.), Herr der Herrschaft Wildenwart war Maximilian Franz Anton Xaver von Schurff (1717-46), vertreten durch den Gerichtsverwalter Joseph Thomas Rosner, der die Barockisierung förderte. Die Gesamtkosten in Höhe von 530fl. hat die Kirche getragen. Die Kreuztracht übernahm Holz, Fuhren und Handlangerdienste ohne Bezahlung (AEM).
Autor und Entstehungszeit: Joseph Tiefenbrunner (* Trautersdorf bei Prien 1709 † ebd. 1787) 1743. Inschrift in einer Kartusche am Chorbogen SANCTA MARIA ORA PRO NOBIS 1743.
»Umbwillen Joseph Tiefenbrunner Mahler zu Trauterstorff in dises Gottshaus 3 Stuckh gemahlen, dan die Stukhador Arbeith geduscht (getönt) ...«, wurde er mit 70fl. bezahlt (Heimatmuseum Prien, Kirchenrechnung 1743). Im gleichen Jahr verdiente Tiefenbrunner für Faßarbeiten und die Renovierung des Kreuzaltars in Hirnsberg 52 fl. 1745 renovierte er den alten Priener Hochaltar, der in Hirnsberg aufgestellt wurde (nicht erhalten). Der Kreuzweg wird ihm zugewiesen (Bomhard, S. 227).


Befund
Träger der Deckenmalerei: LHs (A und B) und AR (C) verschliffenes Kreuzgewölbe Rahmen: A, B und C Stuckprofilrahmen, aus C-Bogen gebildet Technik: Fresko; sämtliche Deckenbilder sind polychrom
Maße: A Höhe 11,25 m; 2,90 × 2,40 B Höhe 11,25 m; 2,90 × 2,80 C Höhe 11,00 m; 3,00 × 2,00
Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1867 wurde der Kirchenraum in neoromanischem Stil umgestaltet, die Deckendekoration aber belassen. Joseph Hitzinger aus Teisendorf tünchte das Kircheninnere 1896 steinfarben. Unter Leitung von Rudolf Esterer wurde durch Hugo Williroider, Hochstätt, 1946/47 wieder eine ›barocke‹ Raumfarbigkeit mit Bunttönung des Stucks hergestellt. Restaurieren des Stucks durch Wilhelm Maile, Planegg. 1987 Sanierung der baufälligen Emporen, 1988 Befunduntersuchung durch Manfred Lauber, Bad Endorf, wobei festgestellt wurde, daß die bunte Fassung von 1946 der ursprünglichen Fassung in etwa entsprach. 1989 Innenrestaurierung durch Reiner Neubauer, Prien. Freilegen der Raumfassung von 1743 und deren Wiederherstellung, Schließen der Risse, Reinigung der Deckenbilder. Der Zustand der Fresken ist verhältnismäßig gut, die Farben sind kräftig.
Beschreibung und Ikonographie
Der schön proportionierte Raum wirkt reizvoll durch den geschwungenen und ornamentierten Chorbogen. Die Gewölbestuckierung ist zwar nicht ohne Qualität und abwechslungsreich durch die Verwendung von gegenständlichen Motiven, Muscheln, Vasen, Blumen und Brokatfelder, aber sie ist ohne Rocaillen – für die Zeit altertümlich. Sie ähnelt den ebenfalls von Ganterer geschaffenen Dekorationen von Straßkirchen (S. 494) und Evenhausen (S. 131).
A ANBETUNG DER HIRTEN Ansicht nach W. Quadermauerwerk mit einer Säule deutet den Stall von Bethlehem dar, links ist ein Esel an der Heuraufe zu sehen. Maria hat das in hellem Licht erstrahlende Jesuskind auf dem Schoß, Joseph neigt sich über sie. Von rechts kommen drei Hirten, um das Kind anzubeten und Geschenke darzubringen. In einer Wolke, die in den Stall eingedrungen ist, fliegen Putten und halten ein Inschriftband GLORIA IN EXCELSIS DEO. Das Bild wurde sichtlich nach einer graphischen Vorlage gemalt; die Farben sind hier wie bei den beiden anderen Fresken kräftig, Rotbraun und Blau dominieren.
B MARIA IN DER GLORIE In der oberen Bildhälfte ist Maria zu sehen, im Typus der zum Himmel auffahrenden Gottesmutter. Sie ist von einer hellen Strahlenglorie hinterfangen; viele Engel umgeben sie, singend und musizierend. In der unteren Bildhälfte sind fünf männliche Figuren zu sehen: links Johannes der Täufer mit dem Kreuzstab, neben ihm Joseph mit der Lilie. Auf der anderen Seite ist an der Krone und der Harfe König David zu erkennen. Die beiden letzten Figuren sind durch Attribute nicht gekennzeichnet und deshalb nicht zu benennen.
Das Bild folgt keinem festen ikonographischen Schema. Elemente der Himmelfahrt Mariä (Kirchenpatrozinium) sind mit solchen der Ahnen und Sippe Christi verknüpft (David, Joseph, Johannes). Im Vergleich mit C, dessen Komposition von Joseph Tiefenbrunner stammen dürfte, wird hier wie bei A deutlich, daß eine graphische Vorlage zumindest für Teile des Bildes vorgelegen haben muß.
C KRÖNUNG MARIENS Das Chorfresko zeigt in der oberen Hälfte die Dreifaltigkeit, Gottvater mit dem Zepter,
Christus stehend mit dem Kreuz und in einer Strahlenglorie den Hl. Geist in Gestalt der Taube. Putten und Puttenköpfchen umgeben sie. In der unteren Bildhälfte thront Maria auf Wolken. Um sie sind Puttenköpfchen zu sehen. Maria wird hier nicht von Gottvater und Christus gekrönt. Ein Engel bringt von rechts einen Fürstenhut (statt der sonst üblichen Zackenkrone), ein kleiner Engel zu Füßen Christi ein Zepter. Zwei Erklärungen bieten sich für diese Abweichung von der Norm an: Es könnte die Krönung Mariens als Patrona Bavariae dargestellt sein (vgl. Tegernsee, Psallierchor, Fresko A CBD, Bd 2, S. 594–96). Wahrscheinlicher aber sind Fürstenhut und Zepter Hinweise auf die Gerichtsherrschaft, denn die Freiherren von Schurff, Besitzer der Herrschaft Wildenwart führten die beiden Bilder in ihrem Wappen. Vielleicht wurde Maria so als Schutzherrin der Herrschaft Wildenwart angesprochen.
Der Hochaltar von 1794 zeigt das Kirchenpatrozinium Maria Himmelfahrt (das Altarblatt ist eine spiegelbildliche Kopie nach Rubens). Am linken Seitenaltar (gestiftet 1711 vom Söllhubener Kooperator Johann Wolfgang Hupfauf) wurden die Herzen Iesu und Mariä verehrt. Der rechte Seitenaltar war Maria als Rosenkranzkönigin gewidmet (gestiftet 1720/21 vom Söllhubener Kooperator Johann Wolfgang Fischer). Der Kreuzaltar, 1724 an der Nordseite des Chors errichtet, zeigt unter dem Kreuz Maria mit den sieben Schwertern im Herzen. An den Brüstungsfeldern der Kanzel sind vier Darstellungen von Thomas Urscher, Maler in Neubeuern, um 1720: Maria als Heil der Kranken, Zuflucht der Sünder, Trösterin der Betrübten und Hilfe der Christen (Anrufungen aus der Lauretanischen Litanei). Die Häufung der marianischen Andachtsthemen hängt mit der Hirnsberger Marienwallfahrt zusammen, die sichtlich im frühen 18. Jh. wiederbelebt werden sollte und auch eine lokale Nachblüte erlebte (Bomhard, Anm. 337). Die Ausmalung brachte dann 1743 weitere Marienthemen, ohne übergreifendes ikonologisches Konzept.
Quellen und Literatur
AEM, Pfarrakten Söllhuben, Filiale Hirnsberg 1721-1776: Altäre; Bau 1743.
Heimatmuseum Prien, Kirchenrechnung der Filialen Hirnsberg und Thalkirchen 1743.
BLfD, Akt Hirnsberg, Kirche Mariä Himmelfahrt.
Buehl, Joseph, Geschichtliche Anmerkungen über die Pfarrei und Hofmark Söllhuben, in: OAVG 5, 1844, S. 161-64, 180. Mayer-Westermayer, Bd 3, S. 220.
KDB IOB (2), S. 1601 f.
Huber, Lorenz, Die Kirche in Hirnsberg (= Die Kirchen der Gegend um Rosenheim, Heft 1), Rosenheim 1905.
Schleich, Stefan von, Hirnsberg über dem Simssee, Rosenheim 1952.
Bomhard, Peter von, Der Chiemgau (GKF Nr. 18) München 1955, Beilage.
Bomhard, Bd 2, S. 217-27, 470-74, 523 f.
Detterbeck, Karl und Konrad Breitrainer, Riederinger Heimatbuch, Riedering 1988, S. 365.
Hirnsberg (o.V., o.J.), vervielfältigtes Ms als Kirchenführer. Katalog der Ausstellung 1250 Jahre Truthersreute – Trautersdorf 740–1990 im Heimatmuseum Prien, Prien 1990, S. 34 f. Dehio 1990, S. 430 f.
Aß, Karl Josef, Die Werke der Chiemgauer Malerfamilie Tiefenbrunner, in: Charivari 1991 Nr. 11, S. 16-21.
Naimer, Erwin, Das Bistum Chiemsee in der Neuzeit (= Quellen und Darstellungen zur Geschichte der Stadt und des Landkreises Rosenheim Bd XI), Rosenheim 1990, S. 57. A. E.