Hienhart, Hofmarkschloss
Inventarnummer: cbdd10282
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Das Schloss und die Hofmark Hienhart waren ab dem frühen 17. Jahrhundert im Besitz des Patriziergeschlechts der Dürnitz zu Straubing. Die nach 1721 veränderte Bautengruppe aus Schloss und benachbarter Kapelle geben beredtes Zeugnis von einer Lokalgeschichte, die auf Niedergerichtsbarkeit beruhte.

Entstehungs-, Bau- und Ausstattungsgeschichte
Entstehungs-, Bau- und Ausstattungsgeschichte
„1547 erhielt der Straubinger Bürger Hans Schwarz auf seinem Hof zu Hienhart die Edelmannsfreiheit. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Hienhart mit ,aller Vogtoberkait‘ zum Landgericht Straubing gehört. 1610 saßen in Hienhart zwei Bauern, welche die jährliche Mai- und Herbststeuer an das Rentamt Straubing zahlen mussten. Hans Schwarz starb 1551, seinen Erben wurde die Hofmarksfreiheit auf Widerruf verliehen; Hienhart kam an Adam Schwarz, der schon vor 1577 verstarb; denn die Verwalter seines Nachlasses verkauften schon 1577 Gut und Sitz [...] an den Pfleger zu Viechtach, Augustin Preu, der wegen der von ihm beanspruchten Edelmannsfreiheit Schwierigkeiten bekam. Von ihm erbte gegen Ende des 16. Jahrhunderts Andreas Georg Khirmeier Hienhart und erlangte daraufhin Edelmannsfreiheit. Er war offensichtlich anderwärts engagiert, da er den Sitz schon 1600 an Herzog Maximilian veräußerte, der ihn zwei Jahre darauf dem Straubinger Vizedom, Graf von Sulz, zu freiem Eigen gab und ihn und seine Erben mit Edelmannsfreiheit und Niedergerichtsbarkeit begnadete. Wiederum zwei Jahre später verkaufte Graf von Sulz Hienhart an den Straubinger Bürgermeister Thomas Dürniz. [...]
Die Hofmark Hienhart blieb fortan bei den Dürniz. Ihre Niedergerichtsbarkeit blieb aber zunächst auf den Sitz und die zwei dortigen Höfe beschränkt, während die anderen Güter zum Landgericht eingezogen wurden. [...] Am 16.1.1687 erhielt Johann Thomas Dürniz die Niedergerichtsbarkeit kraft Edelmannsfreiheit auf den vorher vom Landgericht übernommenen Gütern. Bei der Neuorganisation bildeten die Freiherren von Dürniz zunächst ein ,purifiziertes Ortsgericht‘, dann ein Patrimonialgericht.“[1]
In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts veränderte man sowohl das Schloss als auch die dazu gehörige Kapelle, deren Ausstattung allerdings erst in der Mitte des Jahrhunderts anzusetzen ist.
Das Bauwerk

Das Bauwerk
„Die bestehende Anlage umfasst einen zweigeschossigen Schopfwalmdachbau [...] und die [...] Schlosskapelle, die an der Hofeinfahrt steht.“[2]
Das äußere Erscheinungsbild der in ihren realen Dimensionen relativ klein bemessenen Kapelle ist überraschend.[3] Überraschend deshalb, weil die westliche Eingangsfront mit ihrer Kombination aus dem mittig erhöhten Turm mit Haube und Laterne und den seitlichen konchenartigen Nischen das Bild einer Großarchitektur evoziert, die sie de facto nicht ist. Der dahinter liegende kurze Hauptraum mit der Apsis verliert wegen der gelungenen Proportionen dennoch nicht an seiner Gesamtwirkung.
Der Umbau der Kapelle in seiner heute noch bestehenden Form ist zeitlich nicht genau belegbar,[4] muss jedoch auf alle Fälle nach 1721 erfolgt sein, was eine historische Bildquelle, ein Stich von Michael Wening,[5]zwingend nahe legt.
Die Schlosskapelle
Die Kapelle: (Beschreibung und Maße)
Die Disposition der Kapelle ist in ihrer grundrissmäßigen Anlage aus einem dem Quadrat angenäherten zentralisierten Hauptraum und dem halbkreisförmig anschließenden Chor relativ schnell erfassbar und verleihen dadurch dem Inneren zudem eine gewisse Intimität.
Seine besonderen räumlichen Qualitäten entwickeln sich erst mit dem Einsatz der vielschichtigen und gekurvt gebildeten Gliederung, die dem Innenraum trotz seiner Kleindimensioniertheit seine proportionierte Großzügigkeit verleiht.
Wegen der Turmstellung ist der Hauptraum von zwei Seiten aus begehbar. Dieser besitzt zwei Fenster, im Chor dienen drei Fenster zu Belichtung, was eine faktische und symbolische Steigerung (Dreifaltigkeitsthema im Fresko) gegenüber dem Hauptraum darstellt.
Der Hauptraum ist ca. 4m lang, 4,78m breit und 5,41m hoch.
Der Auftraggeber: Johann Nepomuk Baron von Dürniz?

Der Auftraggeber
Der Auftraggeber des Kapellenbaues samt seiner Ausstattung stammt auf alle Fälle aus dem Patriziergeschlecht derer von Dürniz zu Straubing. Bei dem bisherigen Wissensstand ist eine konkrete Person (noch) nicht benennbar.
Als potentieller Auftraggeber könnte Johann Nepomuk Baron von Dürniz in Frage kommen, der ab 1752 Besitzer von Hienhart war.[6]
Der Künstler: Joseph Anton Merz?

Der Künstler
Eine konkret benennbare Künstlerpersönlichkeit ist bisher nicht fassbar. Allerdings hat man „nach Ausweis des Stils“[7] den Straubinger Maler Joseph Anton Merz als ausführenden Künstler vorgeschlagen.[7]
Die Bilder in den Nischen der Vorhalle
Die Bilder in den Nischen der Vorhalle
Sowohl in der südlichen wie auch der nördlichen Nische konnten „in beiden Gewölben [...] originale Deckengemälde [...] nachgewiesen werden.“[8] Dabei handelt es sich „vermutlich [um] eine Mariendarstellung,“[8] was gut in den inhaltlichen Gesamtkontext zu integrieren ist.
Das Deckengemälde im Hauptraum
Das Deckengemälde im Hauptraum
In einem unregelmäßig gebildeten Wolkenknäuel wird Maria als eine gen Himmel schwebende Figur gezeigt. Sie ist zentral positioniert und allein mit ihrer Körpergröße hebt sie sich von den sie umgebenden Engeln ab. Diese besitzen zweierlei Gestalt: zum einen sind es kleine, geflügelte Wesen, die meist in Gruppen auftreten. Und zum anderen sind es schon erwachsene Engel mit großen Flügeln, die zum Beispiel die Krone als königliches Rangzeichen von Maria bereithalten.
Die Gottesmutter kombiniert in ihrer Körper-, Arm- und Kopfhaltung unterschiedliche Momente miteinander. Während Maria sanft nach oben strebt, findet sie dabei noch genügend Zeit, um den unter ihr herbeigetragenen Kranz aus verschieden farbigen Rosen zu betrachten.
Das Deckengemälde im Chor

Das Deckengemälde im Chor
Dargestellt ist die Heilige Dreifaltigkeit. Bildlinks sitzt Christus, der ein Kreuz in seiner rechten Hand hält. Er sieht zu Gottvater auf der Seite gegenüber. Dieser wird mit Szepter und der Himmelskugel als Weltenherrscher charakterisiert. Über beiden schwebt der Heilige Geist in seiner traditionellen Taubengestalt.
Für den ikonologischen Zusammenhang ist, im Vergleich mit vielen ähnlich gestalteten Beispielen, die Körper- und Blickrichtung von Gott entscheidend. In Hienhart sucht er nicht den Blickkontakt zu seinem Sohn, sondern sieht herunter auf den Hochaltar. Auf diesem muss gerade sein Sohn die Leiden ausstehen, die einerseits seine Mutter Maria in den Zustand der Bewusstlosigkeit versetzen, aber andererseits der gläubigen Menschheit ihre Erlösung offerieren. Gottvater, der Initiator dieses Heilsplanes, verweist mit seiner Blickrichtung auf diesen Kontext.
Die Restaurierungen

Die Restaurierungen
Der Außenbau (zwei Nischen der Fassade) und der Innenraum von Hienhart waren im August 1991 Gegenstand einer Befunduntersuchung, die darauf abzielte, eine Restaurierung einzuleiten. Im Zuge dieser Maßnahmen, fand man im Außenbereich bis dahin nicht bekannte Freskomalereien, die „zur Erbauungszeit der Kapelle [gehören] und [...] in einem relativ guten Erhaltungszustand [sind].“[9]
Damals schlug man vor, die Vorhalle mit ihren gewölbten Nischen unberührt zu lassen. Falls man konservatorische Maßnahmen in Betracht ziehe, müssen „die Festigung der losen Freskoputzschicht mit Malerei zum Unterputz und Hohlputzbereich [...] [allerdings] sehr vorsichtig erfolgen.“[9]
Programm und Synthese: ,Regine Apostolorum‘ und Aufnahme Mariens in den Himmel

Programm und Synthese
Das himmlische Schauspiel im Langhaus illustriert die Anrufung Mariens als ,Regina Apostolorum‘ aus der Lauretanischen Litanei, einer erst 1601 durch Papst Clemens VIII. approbierten Gebetsform, die in Süddeutschland bereits zuvor, insbesondere durch das publizistische Wirken des Jesuiten Petrus Canisius, ab 1558 weite Verbreitung fand.[10]
Die Verbindung zur örtlichen Rosenkranztradition stellt für den eintretenden Besucher der von einem Engel präsentierte Blütenkranz her. Die weißen und vermutlich roten und goldenen Rosen stehen hierbei für den freudenreichen, den schmerzhaften und den glorreichen Rosenkranz. Ein Engel aus der reichen Schar hält der Gottesmutter eine Krone über ihr Haupt und weist sie damit attributiv als ,Königin der Engel‘ aus.
Wirth, der die Engel prinzipiell „als Assistenten am Thron Gottes [...]“[11] bezeichnete, betonte im marianischen Kontext, dass weder „[die] Krone des Lebens, noch [das] E[ngels-]Gefolge [... der] Maria [...] von Geburt aus zustehende Standesattribute, sondern mariologische bzw. verherrlichende Beigaben“[11] seien. „Die E[ngel] können nicht im Auftrag Mariä [...] handeln, sie erscheinen als deren machtvolle Begleiter, um von der Würde Mariä [...] ein eindringliches Bild zu geben. Ihre Funktion als Gottesboten erfüllen die E[ngel] dadurch, dass sie den andächtigen Betrachter dieser Bilder lehren, was der machtvolle Gnadenwille ihres Herrn an den Erwählten vermag. [...].“[11]
Betrachtet man das Langhausfresko jedoch nicht singulär, sondern stellt, wie die ausgestreckten Arme Mariens nahelegen, eine Verbindung mit der im Chor vorgeführten Dreifaltigkeit her, so können beide Fresken gemeinsam auch als Aufnahme Mariens in den Himmel gelesen werden. Auffällig ist hierbei der Blick von Gottvater auf die bildlich vorgestellte Kreuzigung seines Sohnes im Hochaltar. Damit schließt sich der theologische Zirkelschluss, bei dem durch die Bereitschaft Mariens zum Empfang von Jesus Christus das göttliche Erlösungswerk möglich wurde, das mit dem Tod Christi seine Vollendung erfuhr. Die Rolle Mariens in der Heilsgeschichte und die ihr dadurch zuteil werdenden göttlichen Gnadenerweise können somit als ikonologischer Rahmen benannt werden.
Bibliographie
- Brix, Niederbayern, 2008
- Brix, Michael: Bayern II. Niederbayern (Dehio, Georg: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Bayern II. Niederbayern), München/Berlin 2008 (2. Auflage).
- Freundorfer, Hienhart, 1974
- Freundorfer, Wolfgang: Straubing. Landgericht, Rentkastenamt und Stadt (Kommission für Bayerische Landesgeschichte bei der bayerischen Akademie der Wissenschaften (Hg.): Historischer Atlas von Bayern, Teil Altbayern, Heft 32), München 1974, S. 271–273.
- Düring, Lauretanische Litanei, 1990
- Düring, Walter: Die Lauretanische Litanei. Entstehung, Verfasser, Aufbau und mariologischer Inhalt, St. Ottilien 1990.
- Gröber, Kunstdenkmäler, 1925
- Gröber, Karl: Die Kunstdenkmäler von Niederbayern. XII. Bezirksamt Straubing (Mader, Felix (Hg.): Die Kunstdenkmäler von Bayern, Regierungsbezirk Niederbayern, XII. Bezirksamt Straubing), München 1925.
- Schütz, Neumann, 1986
- Schütz, Bernhard: Balthasar Neumann, Freiburg i.Br. [u.a.] 1986.
- Wirth, Engel, 1960
- Wirth, Karl-August: Engel, in: https://www.rdklabor.de/wiki/Engel.
Einzelnachweise
- ↑ Freundorfer, Hienhart, 1974, S. 271–272.
- ↑ Brix, Niederbayern, 2008, S. 212.
- ↑ Adresse: 94363 Oberschneiding-Hienhart, Hienhart 1. Denkmal-Nr.: D-2-78-167-30.
- ↑ Die beiden häufigsten Angaben sind, ohne entsprechende Belegstelle, „um 1730“ (Gröber, Kunstdenkmäler, 1925, S. 58) oder „um 1740“ (Brix, Niederbayern, 2008, S. 213).
- ↑ https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/e/e0/Hoenhart[zuletzt abgerufen am 27.10.2021].
- ↑ Freundorfer, Hienhart, 1974, S. 271–272. Als einziges kunsthistorisches Argument kann man die Architektur-Sprache anführen, weil sie Elemente gekurvter Architektur aufweist, die in dieser Region um 1750 zu verorten wären. Bei Schütz, Neumann, 1986 ist der Unterschied zwischen gekurvter und kurvierter Architektur thematisiert.
- ↑ 7,0 7,1 Brix, Niederbayern, 2008, S. 213.
- ↑ 8,0 8,1 München, BLfD: Ordner: Hienhart, NB, Hienhart 3, Restaurierung / diverse Gewerke Band 1: Befunduntersuchung: Fassaden und Innenraum mit Hochaltar. (Untersuchung am 27.–28.08.1991 durch Restaurator Hasselmann).
- ↑ 9,0 9,1 München, BLfD: Ordner: Hienhart, NB, Hienhart 3, Restaurierung / diverse Gewerke Band 1: Befunduntersuchung: Fassaden und Innenraum mit Hochaltar.
- ↑ Düring, Lauretanische Litanei, 1990, S. 11–12.
- ↑ 11,0 11,1 11,2 Wirth, Engel, 1960: https://www.rdklabor.de/wiki/Engel[zuletzt abgerufen am 27.10.2021].