Zum Inhalt springen

Hessental, Hällische Erbschänke, Gasthaus Krone

Aus Deckenmalerei-Lab
Seeger, Ulrike:Hessental, Hällische Erbschänke, Gasthaus Krone, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2025, URL: www.deckenmalerei.eu/9d1b9ed7-7467-44a0-ac80-8d5d0e621f3b

Inventarnummer: cbdd20202

Lage: Auf OpenStreetMap anzeigen

Der Text dieses Artikels steht – ausgenommen Abbildungen – unter der Lizenz CC BY 4.0. Dieser Artikel ist lediglich eine Kopie der Originalveröffentlichung auf deckenmalerei.eu und kann veraltet sein; maßgeblich ist die dortige Originalfassung.

Im 1745–1755 erneuerten Vorderhaus des als „Hällische Erbschänke“ einzigen Gasthauses in Hessental malte vermutlich Johann Michael Roscher im ersten Obergeschoss als Zeichen der Gastfreundschaft die drei Engel bei Abraham und Sara vor einem dem Gasthaus ähnlichen Gebäude nebst den vier Jahreszeiten.

Die „Hällische Erbschänke“, später Gasthaus Krone

Geschichte des Gasthauses

Die erste sichere Nennung des Gasthauses ist 1558 als die Freie Reichsstadt (Schwäbisch) Hall mit dem nahegelegenen Kloster Comburg einen Vertrag abschloss, demzufolge es in Hessental nur eine, und zwar eine Hällische Gaststätte geben dürfe.[1] Das Gasthaus Krone wurde deshalb als „Hällische Erbschänke“ bezeichnet.[2]

1573 wurde Hessental durch einen Großbrand verwüstet.[2] Damals dürfte auch der Gasthof in Mitleidenschaft gezogen worden sein.

Bereits der Vorgänger des heutigen 1755 errichteten Gebäudes lag gegenüber der Kirche im Ortszentrum an der Landstraße nach Kloster Comburg. Es ist auf der 1701 von dem Schweizer Kartografen Daniel Meyer (1671–1710) erstellten Karte zu erkennen.[3] Besitzer war damals Johann Ezechiel Fimpelin, der das Wirtshaus 1675 erworben hatte.[4] Das zum Gasthaus gehörende Anwesen erstreckte si ch weit über die heutigen Nachbargrundstücke.[5]

1754–1755 erfolgte ein tiefgreifender Umbau zumindest des Vorderhauses durch den Enkel von Johann Ezechiel Fimpelin, Johann Michael Winkler (1728–1801). Am Außenbau „hoch über dem Eingang“ ist die Jahreszahl 1754 eingemeißelt.[5]Außerdem hat sich ein Ofenstein von 1755 mit den Initialen „IMW“ alias J. M. W. für Johann Michael Winkler erhalten. Die oft reich verzierten Ofensteine dienten als Sockel für gusseiserne Kastenöfen.[6] 1974 diente er im Keller als Fasslager.[5] Heute befindet er sich eingemauert im Eingangsbereich.

Der Name „Krone“ wurde dem Gasthaus erst im 19. Jahrhundert gegeben. Der Pfarrer und Kirchenhistoriker Martin Wissner, dem ein fundierter Beitrag zur Geschichte der „Krone“ zu verdanken ist, fand die Bezeichnung erst 1845 anlässlich des Verkaufs durch Johannes Nefflen (1789–1858), einem umtriebigen und auch gefürchteten Politiker, Schriftsteller, Mundartdichter und Volksredner.

Beschreibung

Als Teil eines großen, heute modern genutzten Komplexes von Nebengebäuden erhebt sich zur alten Landstraße nach Coburg (heute Schmiedsgasse) das architektonisch anspruchsvoll gegliederte Vorderhaus. Es wendet sich mit insgesamt neun Festerachsen zur Straße. In der Tiefe sind drei, beziehungsweise vier Festerachsen an Süd- und Nordseite ebenfalls architektonisch gegliedert.

Das über einem Kellergeschoss zweigeschossige verputzte Gebäude wird an den Kanten von gemauerten Eckpilastern eingefasst, deren Kapitelle über einem Halsring völlig glatt belassen und deshalb auch als Fries zu begreifen sind, auf dem das an drei Seiten umlaufende Kranzgesims ruht. An der Hauptfassade scheiden weitere, in der gleichen Art gebildete Pilaster die mittleren drei Achsen aus, ohne dass diese als Mittelrisalit vor die Fassade treten würden. Über den drei mittleren Achsen bricht das Kranzgesims ab für ein dreiachsiges Zwerchhaus mit zweigeschossigem Giebel.

Die Gliederung des Zwerchhauses mit ionischen Pilastern, die Rechteckfenster mit Parapet und einer Verdachung aus Scheitelstein zwischen Voluten flankieren, wirkt merkwürdig volkstümlich und passt im Duktus nicht zu den großzügigen Eckpilastern aus Haustein. In den beiden unteren Geschossen besitzen die Fenster Sandsteinrahmen mit Scheitelsteinen. Herausgehoben ist die Mittelachse durch eine zusätzliche Profilierung des Fensters im Obergeschoss und ein prächtig gerahmtes Portal.

Das dem Umbau von 1754 zugehörende Portal schließt mit einem Segmentbogen zwischen seitlichen ornamentierten Lisenen, auf denen geschweifte Konsolen einen Segmentgiebel tragen. Im Scheitelstein verweist die Inschrift „O. D. 1935“ auf Otto Dürr, an den das Anwesen 1912 überging.[5]

Das Dach präsentiert sich, abgesehen von der Brechung des Zwerchgiebels, als geschweiftes Walmdach mit Gauben. Im Band der Kunstdenkmäler von 1907 hieß es: „Gasthaus zur Krone, einfacher Rokokobau mit Zwerchstock und französischem Dach.“[7] Vermutlich bezog sich das französische Dach vor allem auf das Mansarddach des Zwerchhauses.

Gaststube im ersten Obergeschoss

Die durch eine Rokoko-Stuckdecke mit Deckengemälde ausgezeichnete Gaststube befindet sich im ersten Obergeschoss an der Südwestecke des Vorderhauses, also sowohl der Coburger Landstraße (Schmiedsgasse) als auch dem seitlichen Hof zugewandt.[8] Sie wendet sich mit drei Fenstern zur Straße nach Süden und einem Fenster zum Hof nach Westen.

Die Gaststube bildet heute einen Anraum zu einem großen Saal, doch handelte es sich, dem Deckenstuck und einem kräftigen Unterzug zufolge, ehemals um einen separaten, intim wirkenden Raum. Dieser war 7 Meter lang, 4,3 Meter tief und 3,25 Meter hoch. Der heutige Bodenbelag ist nicht ursprünglich.

Die Rocaille-Ornamentik der Stuckdecke entwickelt sich jeweils ausgehend von den Rahmen, beziehungsweise Kartuschen der Bildfelder. Sie lässt sich gut mit der durch den Ofenstein überlieferten Entstehungszeit 1755 vereinbaren. Der rechteckige, seitlich leicht ausgestellte Rahmen des Hauptbildes wird in der Mitte aller vier Seiten durch eine Rocaille-Kartusche mit leerem Feld akzentuiert.

Die beiden Kartuschen der Langseiten wurden bei den Restaurierungen des 20. Jahrhunderts dazu genutzt, Initialen und Jahreszahlen anzubringen.[9] „J. M. W.“ und „T. D.“ verweisen auf den damaligen Besitzer Theo Dürr, der die Initialen des Bauherrn Johann Michael Winkler mit an die Decke brachte. Die Zahlen „1754“ und „1985“ sowie „2009“ sind die Jahreszahlen der Fassade, der Restaurierung unter Theo Dürr und der jüngsten Restaurierung.

Deckenmalerei mit Abrahams Gastfreundschaft und den vier Jahreszeiten

Das zentrale Deckengemälde mit der Szene „Abraham und die drei Engel“ als Sinnbild der Gastfreundschaft rechnet mit einem Betrachter, der mit dem Rücken zur Straße steht. Die vier Eckmedaillons mit den Personifikationen der vier Jahreszeiten sind so ausgerichtet, dass man sie von der Mitte des Raumes aus ringsum betrachten kann.

Als Maler hat Ewald Jeutter wegen der stilistischen Verwandtschaft mit dem Schwäbisch Haller Maler Johann Michael Roscher (1702–1763) dessen Sohn Christian Friedrich vorgeschlagen.[10] Schriftquellen zufolge wurde Christian Friedrich Roscher zwischen 1753 und 1756 verschiedentlich für Dekorationsaufgaben der Stadt Schwäbisch Hall herangezogen.[11]

Da von Christian Friedrich jedoch keine Werke bekannt zu sein scheinen und Johann Michael Roscher 1759 noch tätig war,[12] erscheint Johann Michael Roscher als Maler derzeit plausibler. Johann Michael Roscher legte 1755 einen von Ewald Jeutter abgebildeten Entwurf für Malereien in der Sakristei von St. Michael in Schwäbisch Hall vor,[13] der eine Zuweisung der Hessentaler Gemälde an seine Person stilistisch sogar stützen könnte. Zu Johann Michael Roscher passen jedenfalls die massigen Gewänder und die Betonung der Konturen.

Die drei Engel bei Abraham und Sara

Das querrechteckige Deckengemälde ist zweigeteilt. Von rechts kommen drei Engel, in denen Abraham, der in der linken Bildhälfte im gelben Mantel niederkniet, Christus erkennt.[14] Die Engel mit teilweise freudig erhobenen oder geöffneten Armen tragen ein blaues, ein rotes und ein gelbes Gewand. Nur die beiden vorderen Engel haben Flügel, wohingegen der mittlere, etwas im Hintergrund bleibende, gelb gewandete Engel keine Flügel hat.

Hinter Abraham steht seine Frau Sara vor ihrem gemeinsamen Haus. Sie trägt ein zeitgenössisches Gewand und hat ihre Arme als Zeichen der Gastfreundschaft ebenfalls erhoben. Für den Betrachter links des Hauses steht auf einem Pfosten eine Schmuckvase mit Agave. Die Disposition von Haus und Pfosten erinnert an das Gasthaus Krone, wie es ein historisches Foto vom Beginn des 20. Jahrhunderts überliefert.[1]

Als graphische Vorlage hat Ewald Jeutter auf eine bei Johann Georg Hertel in Augsburg verlegte, von Jacopo Amigoni (1682–1752) erfundene Radierung hingewiesen.[15] Wie die meisten graphischen Darstellungen des Themas variierte auch Amigoni prinzipiell eine Komposition von Raffael, die er allerdings ins Hochformat setzte. Überzeugend an der Gegenüberstellung sind insbesondere die großen stimmungsvollen Bäume. Markant ragt auf beiden Szenen schräg von links eine hohe Kiefer mit einigen abgestorbenen Ästen ins Bild. Weitere Tannen- und Laubbäume bilden den Hintergrund.

Die zum Zeitpunkt ihrer Verwendung erstaunlich aktuelle Vorlage könnte Johann Michael Roscher durch seinen Sohn Georg Michael Roscher (1724–1762) vermittelt worden sein.[16] Georg Michael war ebenfalls Maler und begab sich an Anschluss an seine Ausbildung beim Vater nach Ansbach und Augsburg, wo er im Verlag von Johann Georg Hertel (1700–1775) als Ornamententwerfer und Stecher arbeitete.[17] 1752 übersiedelte er nach Fürth, kehrte jedoch 1759 nach Schwäbisch Hall zurück.[18]

Medaillons der vier Jahreszeiten

Die vier Jahreszeiten in den Ecken werden jeweils durch das Brustbild einer pastoral gekleideten, höfisch wirkenden Person versinnbildlicht. Der Hintergrund des Medaillons ist scheinarchitektonisch als Nische ausgemalt.

Das Frühjahr wird von eine frontal aus dem Bild schauenden Frau mit weiß gepuderten Haaren, doppelreihiger Perlenkette und einer roten Blüte im Haar personifiziert. In der rechten Hand hält sie ein Blumensträußchen vor die Brust. Zu ihrer Linken steht ein großes Blumenbouquet.

Für den Sommer steht eine Frau mit Strohhut, Ähren in der linken und einer Sichel in der rechten Hand. Trotz ihrer ländlichen Erscheinung trägt sie ene doppelreihige, eng am Hals anliegende Perlenkette.

Den Herbst versinnbildlicht eine dunkelhaarige Frau mit einem Weinglas in der linken und einem prall mit Weitrauben gefüllten Korb vor der rechten Hand. Eine Borde mit großen Schleifen ziert das Oberteil ihres Kleides.

Die Personifikation des Winters trägt eine Strickmütze über braunem Haar. In der rechten Hand hält sie ein Koppchen mit Unterschale, mit der linken greift sie nach einer von zwei Kaffeekannen auf einem seitlichen Tablett. Ihr legeres Hauskleid ist an den Rändern mit Pelzstreifen abgesetzt.

Bibliographie

  • Grenacher, Meyer, 1960 = Franz Grenacher, Daniel Meyer, ein unbekannter schweizerischer Kartograph und der Kataster seiner Zeit, in: Geographica Helvetia. Schweizerische Zeitschrift für Länder- und Völkerkunde, 15 (1960), S. 8–16.
  • Jeutter, Raumdekorationen, 1995 = Ewald Jeutter, Raumdekorationen aus dem zweiten Drittel des 18. Jahrhunderts in Bürgerhäusern der ehemals „Freyen Reichsstadt“ Hall. Ein Beitrag zu den Auftraggebern und den Dekorateuren, in: Württembergisch Franken, 79 (1995), S. 243–312.
  • KDM Jagstkreis, 1907 = Die Kunst- und Altertums-Denkmale im Königreich Württemberg, hg. von Eduard Paulus und Eugen Gradmann, Jagstkreis, erste Hälfte: Oberämter Aalen, Crailsheim, Ellwangen, Gaildorf, Gerabronn, Gmünd, Hall, bearbeitet von Eugen Gradmann, Esslingen 1907.
  • Wissner, Krone, 1974 = Martin Wissner, Die „Krone“ in Hessental. Zur Geschichte einer ehemals Hällischen Schenkstatt, in: Der Haalquell. Blätter für Heimatkunde des Haller Landes, 26 (1974), S. 53–56.

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 Wissner, Krone, 1974, S. 53.
  2. 2,0 2,1 (Hessental: Schwäbisch Hall (schwaebischhall.de)
  3. Wissner, Krone, 1974, S. 56. Zu Daniel Meyer in Schwäbisch Hall: Grenacher, Meyer, 1960.
  4. Wissner, Krone, 1974, S. 54 und 56.
  5. 5,0 5,1 5,2 5,3 Wissner, Krone, 1974, S. 56.
  6. Ofenstein – Wikipedia
  7. KDM Jagstkreis, 1907, S. 575.
  8. Eine Ansicht des Gasthauses mitsamt der einstigen Hofeinfahrt bei Wissner, Krone, 1974, S. 53.
  9. Jeutter, Raumdekorationen, 1995, S. 277 hielt die Jahreszahl 1754 für original.
  10. Jeutter, Raumdekorationen, 1995, S. 277–278.
  11. Jeutter, Raumdekorationen, 1995, S. 278.
  12. Jeutter, Raumdekorationen, 1995, S. 254.
  13. Jeutter, Raumdekorationen, 1995, S. 254–255 mit Abb. 8.
  14. Zur Ikonographie: Poeschel, Ikonographie, 2005, S. 46–47.
  15. Jeutter, Raumdekorationen, 1995, S. 277 mit Abb. 37. Die Komposition von Jacopo Amigoni radierte dessen Freund Joseph Wagner in Kupfer, von dem Hertel einen seitenverkehrten Nachstich publizierte (Joseph Wagner nach Jacopo Amigoni, Abraham kniet vor den drei Engeln, um 1745, NGA 65598, URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Joseph_Wagner_(publisher)_after_Jacopo_Amigoni,_Abraham_Kneeling_before_the_Three_Angels,_c._1745,_NGA_65598.jpg, letzter Zugriff_ 2025-08-11).
  16. Zum Sohn Georg Michael, dessen Vita anlässlich seines Totes zusammengefasst wurde: Jeutter, Raumdekorationen, 1995, S. 273–274. Siehe auch den Eintrag zu Schwäbisch Hall, Pfarrgasse 12, wo die Autorin auf Georg Michael Roscher ausführlich eingeht. Seeger, Ulrike: Schwäbisch Hall, ehem. Stadtpfarrhaus, Pfarrgasse 12 (cbdd20207), in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2025, URL: www.deckenmalerei.eu/fa896653-3dcf-4c88-9785-bd19757a3789, letzter Zugriff: 2025-03-05
  17. roscher georg michael | Graphikportal
  18. Jeutter, Raumdekorationen, 1995, S. 273–274.