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Harmating, Schloss

Aus Deckenmalerei-Lab


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 2: Die Landkreise Bad Tölz-Wolfratshausen, Garmisch-Partenkirchen, Miesbach. Hirmer, München 1981, ISBN 978-3-7991-5834-3, S. 187–190, geschrieben von Bachter, Falk, Bauer-Wild, Anna, Böhm, Cordula, Lüdicke, Lore und Sinkel, Kristin. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Schloß, Gemeinde Egling, Privatbesitz (Baron Schirnding)

Zum Bauwerk: Spätmittelalterlicher Herrensitz, urkundlich 1487 zum erstenmal erwähnt. Im ersten Stock an der NW-Ecke des Baues ein fast quadratischer Saal, das sog. Kanzlerzimmer 1691 ausgestattet

Ein weiterer Raum, erster Stock, SO-Ecke, hat einen Erker, dessen Gewölbe 1695 mit inschriftlich bezeichneten Familienwappen bemalt wurde

Auftraggeber: Ferdinand Barth von Harmating (Schloßbesitzer 1689–1705) laut Inschrift im Deckenbild des Kanzlerzimmers Ao. 1691 LIES FERDINAND/ BART.V:H: DISES ZIMER/ MALLEN UND RENOVIERN/, Neu Restauriert Anno 1912/ unter Ernst Freiherr von Barth.

Aus den Inschriften des heraldisch ausgemalten Erkers geht hervor, daß Ferdinand Barth Münchner Bürger- und Stadtzeugmeister sowie Landschaftskanzler des Münchne Umlandes war; Harmating diente als Jagdschloß.

Autor und Entstehungszeit: Aufgrund stilkritischer Vergleiche ist das Deckenbild von Meinecke-Berg in Übereinstimmung mit Theodor Müller, München, Melchior Steid (* 1657 Innsbruck † 1727 München) zugeschrieben worden (Meinecke-Berg, S. 123). Formale und motivische Beziehungen bestehen vor allem zu den Fresken Steidls im Kaisersaal des Benediktinerstifts Kremsmünster, OO (1696).

Die Entstehungszeit ist durch die Inschrift gegeben: Ao. 1691 und fällt zusammen mit der Beschäftigung Steidls im Stift St. Florian, OO, von Juli 1690 bis Oktober 1694 (Korth, S. 52 f. und S. 339, Qu. 198).

Wappenerker im ersten Stoc

Befund

Träger der Deckenmalerei: Flachdecke Rahmen: Gemalter Profilrahmen Technik: Fresko; polychrom

Maße: Höhe 3,45 m; 6,15 × 6,40 (Gesamtmaße)

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Der ursprüngliche Zustand ist durch Übermalungen bei der Restaurierung von 1912 (vgl. Inschrift unter Auftraggeber) etwas beeinträchtigt. Die Konturen und Binnenzeichnungen sind heute zu hart; einige Farbabschürfungen, Feuchtigkeitsschäden und ausgebesserte Risse im südlichen Bilddrittel

Gesamtansicht der Deck

Beschreibung

O HELIOS IM SONNENWAGEN Das Fresko nimmt die gesamte, annähernd quadratische Flachdecke ein. Unmittelbar über den Wänden, nur durch einen gemalten einfachen Profilrahmen abgesetzt, öffnet sich die scheinarchitektonisch erweiterte Decke in einem zentralen, einansichtigen Rundbild und in vier bogenförmigen Ecköffnungen. Das Deckenfresko kann vom Betrachter mit Standort unter der Bildmitte nicht simultan erfaßt werden, da der Raum sehr niedrig ist; die gemalte Trompenkonstruktion und der kassettierte Kuppelring können daher eine gewölbte Architektur und himmlischen Freiraum nicht überzeugend illusionieren. Diese Tatsache ist nicht Steidls Mangel an künstlerischen Fähigkeiten, sondern den architektonischen Gegebenheiten (niedere Raumhöhe, kleine Grundfläche) zuzuschreiben.

Die Plastizität der Rahmenzone des Mittelbildes wird durch das Übergreifen der Putti, Wappen, und der Allegorie der Nacht betont. Ferner wird der Eindruck von Materialität durch den Wechsel von Inkarnat, Stuckplastik und vegetabilischen Elementen angestrebt.

Die Mittelöffnung mit Apoll symbolisiert den mythologischen Himmel, die vier Ecköffnungen sind als reale Öffnungen zu verstehen, hier wird der irdische Himmel mit Bäumen, blauem Himmel und Wolken dargestellt.

Die Hauptszene in der Mittelöffnung zeigt den Sonnengott im herkömmlichen Typus des Helios-Apoll. Er zügelt sein Pferdegespann, das einen muschelförmigen Wagen mit ungewöhnlichen Strahlenrädern zieht. Die strahlende Sonnenscheibe über Apoll wirkt wie eine Gloriole um sein Haupt. Vom Sonnenwagen über die schweren Rosse wölbt sich der Zodiakus. Unmittelbar neben der Sonnenscheibe wird das Sternzeichen des Löwen deutlich sichtbar, links anschließend ist innerhalb des Tierkreises das Zeichen der Jungfrau nur schemenhaft zu erkennen.

Das warme lebendige Grau der Wolken und der massigen Pferdeleiber, bei letzteren durch die schraffierte Maltechnik besonders plastisch, bildet einen Ausgleich zum Dreiklang der Buntfarben, dem Gelb der Sonne und des Wagens mit dem kräftigen Blau des Mantels und dem rosigen Inkarnat des Gottes. Das Licht im Mittelbild ist diffus, wogegen die Architekturmalerei auf die tatsächliche Beleuchtung des Raumes von NW Bezug nimmt.

Die Gesimszone wird von der gemalten Trompenkonstruktion eingenommen, in deren vier Ecköffnungen je ein Putto mit Jagdattribut dargestellt ist. Gewehr, Käscher, Falke und Hund bezeichnen allegorisch die vier Elemente: Gewehr für Feuer, Käscher für Wasser (vom Ofen verdeckt; keine Abbildung), Falke für Luft und Hund für Erde. An der O- und W-Seite des Raumes finden sich zwei, von Mischwesen (Putti mit geringelten und verschlungenen Tritonenunterleibern) gehaltene Wappenkartuschen der Familien Barth und Ligsalz, an der N-Seite eine Puttogruppe mit Blattmaske.

Ausschnitt W-Seite: Wappenkartusche der Barth
Helios im Sonnenwagen

An der S-Seite ist dem Sonnengott in allegorischen Figuren die Nacht gegenübergestellt. Den Schlaf verkörpern eine kauernde Frau mit verhülltem Haupt, eine junge schlafende Frau und ein bärtiger schlafender Mann. Sie werden von einem sternenbesetzten dunkelblauen Tuch umfangen, das aus dem Himmelsraum über den Rand der Kuppelöffnung drapiert ist und in den Erdbereich überleitet. Dahinter wird der Mond sichtbar (vgl. Ripa, s. v. notte, S. 361); Sol und Luna werden gegenübergestellt.

Ergänzungen zur Ikonographie

Die Darstellung des Tierkreises in Verbindung mit Helios-Apoll und dem Sonnenwagen ist in repräsentativen Räumen des 17. und 18. Jh. öfter anzutreffen, so z. B. im Kaisersaal von Kremsmünster/OO, ebenfalls von M. Steidl 1696, in Schloß Haimhausen LKr. Dachau, von J.G. Bergmüller, 1750, in Reichersberg a. Inn/OO, Bayerischer Saal, von Johann Nepomuk Schöpf 1771. Die Wahl des Themas mit Apoll und dem Löwen des Zodiakus ist auf den Auftraggeber Ferdinand Barth von Harmating zu beziehen und wurde aus der Fürstenikonographie entlehnt. Der Löwe, das Wappentier der bayerischen Kurfürsten, symbolisiert Macht, Mut und Stärke. 1662 erschienen anläßlich der Geburt Max Emanuels drei mit Kupferstichen illustrierte Werke, die den Kurprinzen von Bayern mit der aufgehenden Sonne identifizieren (s. Lorenz Seelig,

Ausschnitt S-Seite: Nacht

Aspekte des Herrscherlobs – Max Emanuel in Bildnis und Allegorie, in: Kurfürst Max Emanuel – Bayern und Europa um 1700, Bd 1, Zur Geschichte und Kunstgeschichte der Max-Emanuel-Zeit, Hg. Hubert Glaser, München 1976, S. 6 u. Abb. 6). Im Dies Natalis, Köln 1662, wird die »Sonnen-Metapher« durch den Tierkreis erweitert, wobei die Strahlen der Sonne auf das Zeichen des Löwen fallen.

Quellen und Literatur

Tintelnot, Hans, Die Barocke Freskomalerei in Deutschland, München 1951, S. 277.

Hoffmann, Hermann, Schloßarchiv Harmating, in: Bayerische Archivinventare, Heft 2, München-Pasing 1955. TT 11 1 1 TT' 1 C... D 1 1 1 T/T

Handbuch der Historischen Stätten Deutschlands, VII Bayern, Hg. Karl Bosl, Stuttgart 21965, S. 272.

Meinecke-Berg, Viktoria, Die Fresken des Melchior Steidl, Diss. München 1971, S. 123 f. C TAT... . T C 11" ' D AT"

Sayn-Wittgenstein, Franz zu, Schlösser in Bayern, München 1972, S. 102.

Korth, Thomas, Stift St. Florian, Nürnberg 1975, S. 52 f. und S. 339, Qu. 198.