Hamburg, ehem Haus Deichstraße 53
Inventarnummer: cbdd20044
Lage: Auf OpenStreetMap anzeigen
Der Text dieses Artikels steht – ausgenommen Abbildungen – unter der Lizenz CC BY 4.0. Dieser Artikel ist lediglich eine Kopie der Originalveröffentlichung auf deckenmalerei.eu und kann veraltet sein; maßgeblich ist die dortige Originalfassung.
Aus dem abgerissenen Haus Deichstraße 53 hat sich transloziert u.a. ein Festsaal mit Wandmalerei von ca. 1680 erhalten, der Kostümbilder, Schäferinnen und Landschaftsveduten zeigt. Die überlebensgroßen Figuren sind für Privathäuser von Bürgern in Norddeutschland einmalig.

Das ehemalige Haus Deichstraße 53

Kurzbeschreibung und Lage
Das Haus Deichstraße 53[1] war ein typisches Hamburger Kaufmannshaus mit Diele, Kontor, Wohn- und Lagerräumen unter einem Dach. Als Außendeichhaus lag es zwischen Straße und Fleet.
Bau-, Ausstattungs- und Nutzungsgeschichte
Das Haus Deichstraße 53 wurde um 1590 erbaut und von Hamburger Kaufleuten bewohnt. 1680 gelangte es an Peer Rölcke. Er ließ das Haus offenbar neu ausstatten und aus zwei Räumen im zweiten Obergeschoss einen repräsentativen Saal schaffen. 1714 gelangte das Gebäude an Jürgen Rölcke und von diesem 1737 an Paul Wichmann Steckelmann. Anlässlich der Übergabe entstand am 9. Mai 1737 ein Inventar. 1909 wurde das Gebäude abgebrochen. Den Saal und einige Fragmente aus anderen Räumen konnten gerettet werden. Der Saal wird heute im Museum für Hamburgische Geschichte präsentiert, ebenso eine Säule aus der Diele.
Beschreibung
Das giebelständige Fachwerkhaus über trapezförmigem Grundriss befand sich zwischen der Deichstraße im Westen und dem Nikolaifleet im Osten. Es war fünf Achsen breit und hatte über dem Erdgeschoss drei Vollgeschosse. Dann kam ein steiler zweigeschossiger Giebel. Man betrat das Haus im 18. Jahrhundert durch eine Vordiele, die von zwei Zimmern flankiert wurde. Aus der anschließenden Diele führte eine Treppe in die Obergeschosse. Von der Diele gingen ferner zwei Zimmer ab, von denen eines mit Malereien versehen war. Erstes und zweites Obergeschoss dienten als Wohngeschosse. Im ersten Stock befand sich die gute Stube des Hauses sowie gegen das Fleet u.a. eine Kammer und eine Stube. Im zweiten Obergeschoss gab es einen Verteilerraum, von dem aus man zur Straße hin drei Räume und den großen Festsaal mit Balkon zum Fleet hin betreten konnte. Der Saal war ebenfalls ausgemalt.
Der translozierte Festsaal aus dem zweiten Obergeschoss
Bau- und Ausstattungsgeschichte
Der Festsaal[2] im zweiten Obergeschoss wurde aus zwei ehemals eigenständigen Räumen zusammengefügt. Das geschah vermutlich 1680 oder kurz danach. Auftraggeber war der Hamburger Kaufmann Peer Rölcke. 1909 wurde der Saal ausgebaut und wird heute im Museum für Hamburgische Geschichte präsentiert.
Beschreibung
Der ehemals trapezförmige Raum wurde durch eine zentrale Tür im Westen betreten. Sein Boden ist mit schwarzen und weißen Alabasterplatten belegt. Im Osten öffnete er sich mit fünf Fenstern zum Fleet hin. Vor den drei südlichen Fenstern befand sich ein kleiner Balkon. Sechs Unterzüge tragen die Decke. Die Decke hat einen blaugrünen Anstrich und ist mit vergoldeten Flammleisten eingefasst. In Verlängerung der Unterzüge sind die Wände in einzelne Felder untergliedert. Dabei werden mit malerischen Mitteln die gedrehten Holzsäulen zwischen den Fenstern aufgenommen. Die Eingangsseite ist vergleichsweise schmucklos. Fenster im oberen Bereich dieser Wand ließen Licht in den Verteilerraum vor dem Saal.
Die Wandmalerei
Befund – Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte
Die Wandmalerei[3] ist um 1680 mit Ölfarbe auf Putz gemalt worden. Vom Künstler ist nichts bekannt. Die Malerei wurde 1909 weitgehend geborgen und in das 1914-22 erbaute Museum für Hamburgische Geschichte zusammen mit weiten Teilen der Raumfassung eingebaut.
Beschreibung und Ikonographie
Die ehemalige Nord- und Südwand sind durch illusionistisch gemalte gedrehte braune Holzsäulen mit korinthischen Kapitellen in fünf unterschiedlich große Abschnitte untergliedert. Die Säulen scheinen vor Arkadenbögen gestellt, durch die hindurch man in eine Landschaft mit niedrigem Horizont blickt. Nicht alle Bildfelder sind erhalten. Überkommen sind an jeder Wand zwei italianisierende Veduten mit antiken Ruinen sowie zwei überlebensgroße Kostümfiguren. Von der ehemaligen Westwand ist nur ein vergleichsweise kleinformatiges Wandbild mit zwei kindlichen Schäferinnen erhalten.
Die figürlichen Darstellungen
Beschreibung
Die Figuren stehen jeweils auf einem schmalen braunen Erdstreifen. Ihr Hintergrund ist unbestimmt.
Die Kostümfiguren an der Nord- und Südwand
Beschreibung
Die vier Kostümfiguren an der Nord- und Südwand zeigen drei Herren und eine Dame. Sie folgen eng den „Figures à la Mode“ sowie den „Capricci“ von Romeyn de Hooghe und tragen die Mode der 60er und 70er Jahre des 17. Jahrhunderts. Sie waren nach 1680 bereits nicht mehr aktuell.[4]
Die Schäferinnen an der Westwand

Beschreibung
Interessant erschienen bereits Lauffer 1910 die beiden als Schäferinnen verkleideten Mädchen. Sie tragen helle Gewänder, sind mit Blumen bzw. einer roten Schleife bekränzt und halten gemeinsam eine weiße Rose. Sie sind ein früher Beleg für in Hamburg rezipierte Schäferpoesie in der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg.[5]
Die Landschaften
Beschreibung
Die Landschaften mit kleinen Staffagefiguren stellen keine realen Orte oder Plätze dar, sondern sind Idealveduten. Die Architektur und vor allem die Versatzstücke antiker Ruinen geben ihnen eine südlich-mediterrane Anmutung.[4]
Die Stellung der Malerei
Die Malerei ist nach derzeitigem Kenntnisstand einzigartig für bürgerliche Privathäuser in den Hansestädten. Vor allem die Kostümfiguren sind hier zu nennen. Leider ist über die Intentionen des Auftraggebers nichts bekannt. Die Landschaftsausblicke entsprechen den sich in jener Zeit durchsetzenden wandfüllenden Landschaftsdarstellungen.[3]
Die Decken- und Wandmalerei des nördl. für den Saaleinbau aufgegebenen Raums
Beschreibung
Auch das nördliche Zimmer, das für den Saal nach 1680 aufgegeben wurde, hatte eine Ausmalung. Beim Ausbau der Malerei für das Museum entdeckte man sowohl an der Decke als auch an der Wand eine darunterliegende Fassung. Die Decke hatte eine Fassung mit gemalten Blumenvasen. Zwischen den späteren Säulen befanden sich ursprünglich Nischen, die farbig bemalt waren. Sie waren durch einen Riegel gleichmäßig unterteilt und zeigten oben je eine Vase mit einem großen Blumenstrauß und unten eine Tuchdraperie. Lauffer datierte diese Malerei auf ca. 1640.[6]
Weitere Malereifragmente aus dem Haus Deichstraße 53
Befund – Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte
1909 wurden weitere Malereifragmente aus dem Haus Deichstraße 53 geborgen.[7] Es handelt sich um neun mit Leimfarbe bemalte Holzbretter einer Decke aus dem ersten Obergeschoss. Sie wurden nicht in das neue Museum eingebaut, sondern eingelagert.[8] Lauffer datierte sie 1910 auf die Mitte des 17. Jahrhunderts.
Beschreibung
Es handelt sich um eine typische Decke der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts im Hamburger Raum. In den Fachen einer Holzbalkendecke waren verschiedene, meist gegenständliche Motive vor einem sehr dunklen Hintergrund gemalt. Man erkennt verschiedene Tiere wie einen Hirsch, einen Fisch oder einen Löwenkopf. Hinzu kommen Früchte wie Weintrauben, Äpfel oder Birnen, ein Festzelt, eine Palette mit Pinsel und eine Maske. In einer Szene tragen auf Hinterbeinen laufende Hunde einen Hasen an einer Stange sowie einen Korb mit Gänsen. Teilweise gibt es auch in verschiedenen Formen gemalte Kartuschen, die von blauen und braunen Ornamenten umgeben sind. Einige Kartuschen sind mit Schnörkeln und Masken vergleichsweise aufwendig gestaltet. Sie nehmen unterschiedliche, in rotgelber Farbe gemalte Motive auf wie Fruchtstücke oder Personifikationen. Eine ist mit „IGNIS“ beschriftet, eine andere mit „AQVA“. Sie könnten zu einem ehemaligen Elementezyklus gehören. Eine andere Figur hält einen Spiegel und stellt eventuell eine Personifikation der Weisheit dar.
Bibliographie
- Literatur:
- Jaacks, Zimmer, 1997. – Jaacks, Gisela: Hamburger Zimmer vom Barock zum Klassizismus, in: Bracker, Jörgen/Jaacks, Gisela (Hrsg.): Decken- und Wanddekoration in Hamburg vom Barock zum Klassizismus (Hamburg-Porträt. Museum für Hamburgische Geschichte) 28 (1997), S. 3-18.
- Lauffer, Museum, 1910. – Lauffer, Otto: Museum für Hamburgische Geschichte, Bericht für das Jahr 1909, in: Jahrbuch der Hamburgischen Wissenschaftlichen Anstalten 27 (1910), S. 255-356.
- Rudhard, Bürgerhaus, 1975. – Rudhard, Wolfgang: Das Bürgerhaus in Hamburg. Tübingen 1975.
Einzelnachweise
- ↑ Lauffer, Museum, 1910, S. 267-282; Jaacks, Zimmer, 1997; S. 13-15; Rudhard, Bürgerhaus, 1975, S. 74 (Abb. 15 und Abb. 56).
- ↑ Jaacks, Zimmer, 1997, S. 13; Lauffer, Museum, 1910, S. 273-274, 279-280.
- ↑ 3,0 3,1 Jaacks, Zimmer, 1997, S. 13-15.
- ↑ 4,0 4,1 Jaacks, Zimmer, 1997, S. 14.
- ↑ Lauffer, Museum, 1910, S. 278; Jaacks, Zimmer, 1997, S. 14.
- ↑ Lauffer, Museum, 1910, S. 281.
- ↑ Lauffer, Museum, 1910, S. 316-318.
- ↑ Museum für Hamburgische Geschichte, Inv. Nr. 1909,172.