Hamburg, Landhaus Glockenhaus

Laß, Heiko:Hamburg, Landhaus "Glockenhaus", in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2025, URL: www.deckenmalerei.eu/a40a6245-c583-4e0d-8dd0-01297a7313c1

Inventarnummer: cbdd10271

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Das ehemalige Landhaus „Glockenhaus“ birgt eine bemalte Decke mit sechs Landschaftsdarstellungen von ca. 1630.

Glockenhaus, Decke
Glockenhaus, Decke

Das "Glockenhaus"

Kurzbeschreibung und Lage

Das so genannte Glockenhaus[1] ist ein typisches Hamburger Landhaus im ehemaligen Billwerder. Es setzt sich aus dem eigentlichen Landhausteil zur Straße und einem rückwärtigen Wirtschaftsteil zusammen und ist das am besten erhaltene Beispiel dieser Art aus dem 18. Jahrhundert.

Bau- und Ausstattungs- und Nutzungsgeschichte

Das Glockenhaus geht auf ein Bauernhaus (Hufnerhaus) zurück, das um 1600 durch einen landhausartigen Wohnteil erweitert wurde, womit eine typische T-förmige Anlage entstand. Das Grundstück gelangte 1595 an Jacob Trocke und Peter Middeldorp. Sie dürften die Bauherren gewesen sein, da die Fällzeit der Balken auf 1596 datiert wurde. Seit 1678 gehörte das Anwesen Peter Middeldorp allein. 1779 erwarb es der Hamburger Oberalte Paridom Daniel Kern und ließ das bestehende Landhaus tiefgreifend umbauen. Bei seinem Tod 1793 müssen diese Arbeiten spätestens beendet gewesen sein, wahrscheinlich auch schon 1785. 1909 brannte der reetgedeckte Wirtschaftsteil ab und wurde durch einen verkürzten Massivbau ersetzt, der vordere Wohnbereich blieb jedoch erhalten. 1972-75 wurden Mauerwerk und Dach des Hauses instand gesetzt. Anschließend erfolgte der Innenausbau und 1986 die frei geschaffene Anlage eines Gartens in Formen des Barock. Seit 1984 beherbergt das Glockenhaus das Deutsche Maler- und Lackierer-Museum.

Beschreibung

Vor dem Umbau um 1780 war der Landhausteil ein zweigeschossiger Backsteinfachwerkbau von neun Fach Länge und drei Fach Tiefe. Seit dem Umbau ist der Bau quadratisch mit 9 auf 8 Fach unter einem steilen abgewalmten Satteldach. Die Fassaden sind axial gegliedert und werden von mittigen eingeschossigen, spitzgiebeligen Dacherkern bekrönt. Der vordere trägt einen kleinen Glockenturm, der dem Haus seinen Namen gegeben hat. In der Mittelachse der Straßenseite ist der Eingang gelegen, der von einem hölzernen Balkon mit schmiedeeisernem Gitter überfangen wird.

Ehemals befand sich in beiden Stockwerken ein großer Saal. Die aus dem ersten Drittel des 17. Jahrhunderts stammende bemalte Balkendecke im Obergeschoss erstreckt sich über die gesamte damalige Grundfläche des Hauses. An ihren Ausmaßen ist die ehemalige Größe des Saals bestimmbar. Im Erdgeschoss gibt es in der Mitte einen Gartensaal mit zwei flankierenden kleinen Eckräumen. Der Zugang zu den Räumen erfolgte über eine Querdiele mit Treppenhaus. Beim Neubau unter Kern wurden die Querdiele des alten Landhauses und der dreigeschossige Querriegel in den Neubau integriert. Neben der bemalten Balkendecke im Obergeschoss sind auch Teile des Fachwerkgerüsts der Querdiele erhalten.

Heute wird die Eingangssituation von Portal, Windfang, Spiegeltür und Vorhalle betont. Die Flure und das Treppenhaus in der Gebäudemitte präsentieren sich mit Marmor- und Sandsteinplatten. Dieser Mittelachse sind die Seitenräume zugeordnet. Im Erdgeschoss haben sich in den seitlichen Stuben Reste einer Empire-Wanddekoration erhalten. Die Stuckdecken in den Räumen zeigen schlichte klassizistische Schmuckmotive. Im Obergeschoss befindet sich gegen die Eingangsseite der ehemalige Hauptsaal, der heute in drei Räume unterteilt ist. Er wird von der Treppe aus über einen Flur erreicht.

Stellung des Glockenhauses

Das Gebäude ist ein letzter Rest der ehemals reichen Landhaus- und Gartenlandschaft östlich von Hamburg.[2] Die Bauten standen vor allem auf der Insel Billwerder, mit der damals das Gebiet zwischen Bille und Dove Elbe bezeichnet wurde. Die große Landhauszeit der Region reichte vom Ende des 16. Jahrhunderts bis um 1800. Zahlreiche Städter besaßen damals Land in der Region. Ihren Anfang nahm diese Entwicklung mit niederländischen Glaubensflüchtlingen, die die Landhauskultur aus ihrer Heimat mitbrachten. Sie wurde bald von den Hamburgern übernommen. Die Landhäuser selbst wurden oft an die bestehenden Bauernhäuser angefügt. Häufig entstand der Typus eine T-förmigen Hauses bei baulicher Trennung zum bäuerlichen Teil des Hauses. 1663 soll sich über die Hälfte der Nutzfläche im Besitz Hamburger Stadtbürger befunden haben. 1674 heißt es „In der Elbe ligen vil lustige Insuln, welche alle gleichsam kleine Speise-Kammern diser Stadt sind, da ist auch Billwerder von dem Flusse Bille iumschlossen, welcher nach der Länge und Breite von Schönen Lust-Höfen glänzet“.[3] Zu den Landhäusern gehörten weiträumige Gärten. Mit dem Aufkommen der Landschaftsgärten gewann zunehmenden der Westen Hamburgs mit seiner Hügellandschaft und dem weiten Blick über das Elbtal an Attraktivität gegenüber dem flachen Billwerder. Nun gelangte das Land wieder zunehmend in bäuerlichen Besitz.

Der ehemalige Saal im ersten Obergeschoss

 

Bau- und Ausstattungsgeschichte

Der ehemalige Saal[4] im Obergeschoss ist Anfang des 17. Jahrhunderts entstanden, vermutlich zusammen mit dem Gebäude. Seine Deckenmalerei erhielt er um 1630 und war spätestens zu diesem Zeitpunkt vollendet. Beim Umbau des Glockenhauses wurde er übernommen, später aber in drei Räume unterteilt.

Beschreibung

Der mittlere Raumteil – die so genannte Balkondiele – öffnet sich heute mit einer Balkontür nach Norden. Der ist in seinem vorderen südlichen Teil durch eingebaute Vitrinenschränke verengt und öffnet sich dahinter mit großen Türen nach beiden Seiten. So ist das Ausmaß des ursprünglichen Raumes zu ermessen. Die beiden angrenzenden Räume haben jeweils ein Doppelfenster nach Norden und im Westteil auch eines nach Westen. Bemalte Balken tragen eine Decke, von denen sechs Fachen noch heute bemalt sind.

Die Decke im ersten Obergeschoss und ihre Malerei

Befund - Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Die Decke[5] wurde um 1630 bemalt. Später hängte man sie ab. Nach ihrer Wiederentdeckung in den 1970er Jahren erfolgte Anfang der 1980er Jahre ihre Restaurierung und teilweise auch Retuschierung. Es handelt sich um eine Leimmalerei. Die Holzfugen wurden mit Leinwand abgedeckt.

Beschreibung und Ikonographie

Auf den Deckenbalken sind an die Unterseiten blaue Ranken auf cremefarbenem Grund gemalt. An den Seiten sind es vergleichbare Festons und zwei Köpfe/Cherubim an den mittleren Balken. Für Plastizität sorgen weiße Höhungen und schwarze Schatten.

Alle Fachen sind von einem gemalten doppelten braunen Rahmen, von denen der äußere marmoriert ist, eingefasst. In der Mitte ist jeweils ein Rundmedaillon mit identischem Rahmen eingefügt. Die äußeren Felder nehmen jeweils blaues Rankenwerk mit Früchten und Blumen sowie teilweise Putten und Tieren auf cremefarbenem Grund auf. Dabei zeigen die beiden zentralen Fachen nur florale Elemente, die jeweils folgenden Putten und die äußeren Tiere bzw. Fabelwesen. Auch hier sind die Höhungen in Weiß und die Schatten in Schwarz angelegt.

Die Mittelmedaillons präsentieren innerhalb einer umlaufenden blauen Blumengirlande je eine ideale Landschaft – monochrom in Brauntönen gemalt. Die Darstellungen sind alle auf eine Ansicht von Westen her konzipiert.

Von Osten nach Westen erblickt man in der ersten Fache links in den Ranken einen Hirschen und rechts ein gesatteltes und gezäumtes Pferd, beide in Seitenansicht in Bewegung von rechts nach links. Das Mittelmedaillon präsentiert eine bewaldete Landschaft am Wasser mit einer Burgruine sowie eine Repoussoir-Figur. Die nächste Fache zeigt links und rechts je einen von der Mitte fortschreitenden Putto. Die Landschaft des Mittelmedaillons gewährt den Blick auf eine Bucht mit Bäumen im Vorder- und Mittelgrund, ein Haus und auf dem Wasser ein Boot mit zwei Ruderern.

Die mittleren beiden Fachen nehmen an den Seiten nur florale Motive auf. Das obere Medaillon bildet eine weite Landschaft mit Bäumen am Rand, einem Haus sowie einer Repoussoir-Figur und einem schlanken Baum im Vordergrund ab, das untere eine Landschaft mit Bäumen, einer Brücke über einen Bachlauf mit Wanderer im Vordergrund und einem Rundturm auf einer Anhöhe im Mittelgrund links.

In der nächsten Fache spielen in den Ranken rechts und links zwei Putten Geige. Die Darstellung im Medaillon gewährt den Blick in eine weite Landschaft mit zwei kleinen Figuren im Mittelgrund. Links erblickt man eine Ruine. In der letzten Fache wachsen links und rechts aus den Ranken fischartige Fabelwesen. Die Landschaft im Mittelmedaillon zeigt einen zentralen hochaufragenden Baum im Bildvordergrund sowie rechts vor einem Wald ein paar kleine Häuser mit einem Wanderer davor. Links geht der Blick in die Tiefe des Raumes.

Stellung

Monochrome Landschaftsdarstellungen in Mittelmedaillons umgeben von ornamentalen Ranken in Fachen sind in Norddeutschland bis weit in das 18. Jahrhundert verbreitet. Über das Übliche hinaus geht die Darstellung von Putten, Tieren und Fabelwesen in diesen Ranken.

Bibliographie

  • Literatur:
  • Finder, Billwärder, 1935. – Finder, Ernst: Die Landschaft Billwärder, ihre Geschichte und ihre Kultur (Veröffentlichung des Vereins für Hamburgische Geschichte, 9). Hamburg 1935.
  • Gabrielsson, Entwicklung, 1975. – Gabrielsson, Peter: Zur Entwicklung des bürgerlichen Garten- und Landhausbesitzes bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts. In: Bauche, Ulrich (Bearb.): Gärten, Landhäuser und Villen des hamburgischen Bürgertums. Kunst, Kultur und gesellschaftliches Lebens in vier Jahrhunderten (Aus den Schausammlungen des Museums für Hamburgische Geschichte, 4). Hamburg 1975, S. 11-18.
  • Klée-Gobert, Bergedorf, 1953. – Klée-Gobert, Renata (Bearb.): Bergedorf - Vierlande - Marschlande. Die Bau- und Kunstdenkmale der Freien und Hansestadt Hamburg. Bd. 1. Hamburg 1953.
  • Laß, Burgen, 2012. – Laß, Heiko: Burgen, Schlösser und Herrenhäuser in Hamburg und Umgebung. Berlin 2012.
  • Mathieu/Fischer, Baukunst, 1975. – Mathieu, Kai/Fischer, Manfred F.: Baukunst und Architekten. In: Bauche, Ulrich (Bearb.): Gärten, Landhäuser und Villen des hamburgischen Bürgertums. Kunst, Kultur und gesellschaftliches Lebens in vier Jahrhunderten (Aus den Schausammlungen des Museums für Hamburgische Geschichte, 4). Hamburg 1975, S. 26-44.
  • Plutat, Glockenhaus, 2002. – Plutat, Hanna: Deutsches Maler- und Lackierer-Museum Hamburg-Billwerder (Schnell Kunstführer, 1512). 2. Aufl. Regensburg 2002.
  • Schmal, Marschlande, 2001. – Schmal, Helga: Vier- und Marschlande (Hamburg-Inventar. Stadtteilreihe 6.1). Hamburg 2001.
  • Archivalien:
  • 39-611.101.6. – Freie und Hansestadt Hamburg. Behörde für Kultur und Medien, Denkmalschutzamt, Objektakte Billwerder Billdeich 72, Aktenzeichen 39-611.101.6.
  • 39-611.101.7. – Freie und Hansestadt Hamburg. Behörde für Kultur und Medien, Denkmalschutzamt, Objektakte Billwerder Billdeich 72, Aktenzeichen 39-611.101.7.
  • 39-611.101.8. – Freie und Hansestadt Hamburg. Behörde für Kultur und Medien, Denkmalschutzamt, Objektakte Billwerder Billdeich 72, Aktenzeichen 39-611.101.8.

Einzelnachweise

  1. Laß, Burgen, 2012, S. 39-40; Plutat, Glockenhaus, 2002; Schmal, Marschlande, 2001, S. 49-51; Mathieu/Fischer, Baukunst, 1975, S. 31-32; Klée-Gobert, Bergedorf, 1953, S. 191.
  2. Schmal, Marschlande, 2001, S. 48-52; Gabrielson, Entwicklung, 1975, S. 12-14; Mathieu/Fischer, Baukunst, 1975, S. 30, 35-36; Finder, Billwärder, 1935, S. 154-156.
  3. Zitiert nach Gabrielson, Entwicklung, 1975, S. 12.
  4. Laß, Burgen, 2012, S. 39; Plutat, Glockenhaus, 2002, S. 16.
  5. Mathieu/Fischer, Baukunst, 1975, S. 32. 39-611.101.6; 39-611.101.7; 39-611.101.8.