Geisenheim, ehemaliges Palais Ostein
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In einem Pavillon an der Ostseite des Palais hat sich ein kleiner Saal mit Figurengruppen in Wald- und Landschaftsszenen erhalten. Von der Ausstattung des weitläufigen Palais ist ansonsten neben dem Stuckdekor nur ein kleines Wandbild vorhanden.

Das ehemalige Palais Ostein
Lage, Bau- und Nutzungsgeschichte
1766-71 ließ Graf Karl Maximilian von Ostein (1735–1809) nach Plänen von Johann Valentin Thoman eine schlossartige Dreiflügelanlage am westlichen Ortsrand von Geisenheim errichten. Der Graf war ein Neffe des Mainzer Erzbischofs und Kurfürsten Johann Friedrich Karl von Ostein. Als dieser 1763 verstarb, erbte Karl Maximilian ein großes Vermögen, aus dem er die Errichtung des Jagdschlosses Niederwald im nahen Rüdesheim (ab 1764) sowie das Palais in Geisenheim finanzierte. Das Gebäude überlebte seinen Erbauer allerdings nur kurz in unbeschadetem Zustand: 1809 verstarb Karl Maximilian kinderlos, woraufhin das Palais von seinem Neffen und Erben, Freiherr Friedrich Karl Anton von Dalberg, verkauft wurde.[1] Dabei wurde die Dreiflügelanlage selbst aufgeteilt und veräußert an einen Grafen von Degenfeld und "einen Obersten von Gontard", der "unglücklicherweise den Mittelbau niederreißen [ließ]" [2]. Seither existieren die beiden Seitenflügel als Einzelgebäude, die erst im 20. Jahrhundert wieder in den Besitz desselben Eigentümers gelangten: Seit 1849 gehörte der Ostflügel Mitgliedern der adligen Familie Brentano, später durch Erbschaft der Familie Freyberg-Eisenberg-Allmendingen. Der Westflügel wurde 1925 als Internats- und Unterrichtsgebäude der Ursulinenschule gekauft, die 1964 auch den Westflügel erwarb und als Internat nutzte. Durch die Nutzung als Wohngebäude für mehrere Familien und als Internat/Schulgebäude, die eine neue Aufteilung der ursprünglichen Räume bedingte, ging im Laufe der Zeit vieles der originalen Ausstattung verloren; allein der Stuckdekor einiger Räume sowie der ausgemalte Gartensaal im Ostpavillon blieben erhalten. Eine einzelne gemalte Kartusche im Hauptgebäude ist noch vorhanden. Heute (Stand Januar 2026) werden die Gebäude "wegen baulicher Mängel" nicht mehr genutzt. [3]
Baubeschreibung
Ursprünglich handelte es sich um eine nach Süden (in Richtung des Rhein) offene Dreiflügelanlage, zu der ein westlich gelegener Wirtschaftshof gehörte, der heute nur teilweise erhalten ist. Der Mittelflügel, das Corps de Logis des Grafen von Ostein, wurde 1812 abgerissen. 1925 bedauert Klapheck, dass dadurch "nur noch ein trauriger Rest einstiger Herrlichkeit" auf uns gekommen ist: [Mit dem Abriss des Mitteltrakts "war der Schloßbau seines Hauptschmuckes beraubt, der fürstlichen Repräsentationsräume, der Marmor- und Spiegelsäle und des ausladenden barocken Treppenhauses, das hoch oben über dem Dach ein Kuppelbau beschlossen haben soll."[2] Beteiligte Künstler oder Themen der Ausstattung dieser verlorenen Räume sind nicht bekannt. Eine um den Zeitpunkt des Abrisses herum von Schmuttermayer angefertigte Ansicht (s. Abb.) des Schlosses von Süden gibt einen Eindruck des zerstörten Gesamtgefüges; es zeigt die Südfassade des verlorenen Mittelflügels zweistöckig mit einem leicht geschweiften, von drei Fenstern durchbrochenen Giebel und einem flachen Giebeldreieck, in dem ein Wappenrelief angedeutet ist. Zum zentral in der Fassade platzierten Haupteingang führte eine fünfstufige Treppe; die Mittelachse wurde weiter betont durch einen Balkon mit Gitterbegrenzungen, der einer Tür im Obergeschosses vorgelagert war. Davon abgesehen entsprach der Mittelbau vermutlich der schlichten Formensprache, die man an den Seitenflügeln noch erkennt.
Die Seitenflügel sind an den Südenden je drei Fensterachsen tief und erstrecken sich 11 Fensterachsen weit nach Norden. Dort stoßen sie jeweils an einen Pavillonbau, der sich zwei weitere Fensterachsen tief in Richtung des Innenhofes herausschiebt und zwar über dieselbe Geschosshöhe verfügt, aber mit einem höheren Mansarddach die von Thoman geplante Staffelung der Anlage andeutet, die ihres Abschlusses, des Mitteltraktes, beraubt ist. Die Mansarde ist durchgehend mit kleinen Sattelgauben durchfenstert, die den Fensterachsen der Vollgeschosse entsprechen. Die Gebäudeecken sind mit einer flachen, breiten Quaderung betont. Zwischen Erd- und Obergeschoss sowie unmittelbar über den Fensterrahmen des Obergeschosses verlaufen schlichte Gesimse, die sich um das Gebäude herum verkröpfen. Auf der Südseite des westlichen Seitenflügels befindet sich ein Balkon in der Mittelachse des Obergeschosses, der nach Schmuttermayers Riss des Gebäudes im frühen 19. Jahrhundert noch nicht vorhanden war. Der Riss spart allerdings auch die beiden Pavillone an den Außenseiten von Ost- und Westflügel aus.
Im Inneren sind Teile der Stuck-Ausstattung von Johann Peter Jäger erhalten. "Von den erhaltenen Seitenflügeln, die je 43 Zimmer zählen, faßte der eine die Privatgemächer des Hausherrn, der andere Fremdenquartiere . Der Stuck der Seitenbauten und der Pavillon mit einem köstlich ausgemalten und stuckierten Gartensaal und einem Baderaum, mit Delfter Platten belegt, sind nur ein schwacher Abglanz vergangenen Reichtums." [4]
Der Ostpavillon
Der Pavillon an der Ostseite des Ostflügels ist ein einstöckiger Anbau mit steil aufragendem Mansarddach. Wie das restliche Palais werden die Gebäudeecken durch eine Quaderung betont. Im Gegensatz zu den schlichten, rechteckigen Fenstern des Seitenflügels verfügt der Pavillon über Segmentbogenfenster, die mit verschnörkelten Kartuschenornamenten bekrönt sind. Ein Saal auf dem Grundriss eines Oktogons bildet den Kernbau, nach Westen geht ein Verbindungsgang zum Ostflügel des Palais, an der Ostseite des Pavillons ist ein Vorzimmer vorgelagert, das mit "Fliesen aus der Manufaktur Flörsheim mit "perspektivischer Blaumalerei, sign. 1771 von M. Schuckart."[5] ausgestattet war, die heute abgenommen sind.
An der Nordseite des Pavillons tritt das Oktogon ein Stück aus der Fassade heraus. Drei verglaste Flügeltüren gewähren Licht und Besuchern Einlass in den Saal im Inneren. Die Mittelpfosten zwischen den Flügeltüren sind durch wulstige Ornamente wie zierliche Baumstämme gestaltet und leiten eine Formensprache mit Pflanzenmotiven ein, die sich im Inneren des Saals weiter entfaltet. Diese Gestaltung wird nicht dem Entwurf Johann Valentin Thomans zugerechnet, sondern Johann Peter Jäger zugeschrieben, von dem auch die Stuckdekoration von Palais und Pavillons stammt, und mit dessen Name der Grundriss des Pavillons signiert ist (concepit Joh P Jäger, s. Abb.)
Die Fenster seitlich der Flügeltüren wurden inzwischen zugesetzt und verputzt.
Der Gartensaal
Der oktogonale Saal ist mit Steinfliesen ausgelegt. Die Wände sind durch Pilaster unterteilt, die acht flache, rundbogige Nischen ausbilden. Auf den Pilastern sind mit Stuck hohe Sockel und schlanke Palmenstämme modelliert, die von zarten Ranken umwunden sind. Die Zwickel über den Wandnischen und ein schlichtes, umlaufendes Gesims überführen den achteckigen Grundriss des Raumes in einen niedrigen runden Tambour, auf dem eine sehr flach gewölbte Decke aufliegt. Die Kronen der stuckierten Palmen wachsen scheinbar hinter dem umlaufenden Gesims hindurch, die Palmwedel hängen teilweise darüber und steigern so die Plastizität der Dekoration. Am Rand der Decke verlaufen ebenfalls feingliedrige Stuckornamente: schwungvoll gefiederte Ranken sind an den Enden zusammengebunden und bilden kleine Podeste, die von Vasen und Putten besetzt werden. Zwischen diesen ist eine zarte Blumengirlande gespannt.
Zu den vier Himmelrichtungen befindet sich jeweils eine Doppeltür; die nördliche Tür ist mit Ausnahme einer niedrigen Füllung über dem Bodenniveau vollständig verglast, ebenso der Halbkreisbogen über der Tür. Die Nischen links und rechts davon sind identisch ausgeführt. Die Türen im Westen, Süden und Osten sind dagegen massiv und bemalt.
Die Ausmalung des Gartensaals
Die Laibungen der Wandnischen zeigen aufgemalte Blätterranken, die das Pflanzenthema des Stuckdekors aufnehmen.
Über den Bögen der Wandnischen befinden sich ingesamt 16 Bilder, die das ländliche Leben und Wirtschaften zeigen, etwa das Melken einer Kuh, Arbeiter auf Getreidefeldern, einen Jäger im Wald und eine Schafhirtin vor dem Tor einer Stadt.
Links und rechts der südlichen Tür des Gartensaals sind die Wandnischen vollständig mit jeweils einer Szene ausgemalt: Das Gemälde links zeigt eine Dame und einen Herrn auf einem Waldweg. Mit einer Hand rafft sie ihren langen Rock an der Hüfte hoch, damit er nicht auf dem Boden schleift; mit der anderen stabilisiert sie einen großen Krug, den sie auf dem Kopf balanciert. Der Mann, den eine an einem nahen Baum angelehnte Flinte als Jäger ausweist, stützt eine Hand in die Seite und bedeckt mit der anderen mit einer nachdenklichen Geste seinen Mund, während er der Dame hinterher blickt.
Das rechte Gemälde stellt eine ähnliche Szene dar, die auf einem Waldweg spielt: zwei Wanderer mit Spazierstöcken halten dort inne, der eine lehnt sich auf die Schulter des anderen, der sich wiederum zu seinem Begleiter umsieht. Im Hintergrund am rechten Bildrand ist eine dritte Person zu sehen, möglicherweise ein weiterer Spaziergänger oder ein Jäger, er ist jedoch nicht mehr eindeutig zu erkennen.
Die beiden großen Wandgemälde zeigen bereits in der Dokumentation aus den 1920er Jahren größere Schäden. Das Bild mit der Wasserträgerin weist größere Fehlstellen im unteren Drittel auf, das Bild mit den Spaziergängern ebenso; in letzterem gibt es weitere Schäden im rechten Bildrand.
Die West- Nord- und Südtür verfügen jeweils über eine fünfteilige Ausmalung. Im unteren Bereich der Türen befindet sich auf jedem Türflügel jeweils eine kleinformatige Darstellung des Waldbodens, bewachsen und eingerahmt von Unterholz und krautigen Pflanzen. Auch die ansonsten verglasten Türen auf der Nordseite des Saals verfügen über diese Gemälde. Im oberen Teil zeigen die hölzernen Türflügel jeweils Szenen mit (Liebes-)Paaren vor dem Hintergrund eines Gartens mit Staffagebauten. Die beiden Bilder einer Tür gehören dabei zusammen. Auch die Gemälde in den Bögen über den Türen korrespondieren mit diesen Motiven; sie zeigen ebenfalls Paare, jedoch eingebettet in weitere Landschaften, die sich im Hintergrund ausbreiten.
Die Wandbilder sind monochrom in Rottönen vor gelbgrünem Hintergrund gemalt. Sie werden teilweise dem vor allem in Frankfurt und Umgebung tätigen Maler und Radierer Christian Georg Schütz d. Ä. zugeschrieben. Zu seinem Oeuvre, das neben kleinformatigen Gemälden auch Raumausstattungen mehrerer Frankfurter Bürgerhäuser zählte (die allerdings nicht / nur fragmentarisch erhalten sind), und in dem Ausblicke in üppige Wälder und Landschaften mit ländlich-romantischen Figurengruppen eine große Rolle spielen, wären die Gartensaal-Bilder im Großen und Ganzen passend. Eine Tätigkeit Schütz' in Geisenheim ist jedoch nicht nachgewiesen. [6]
Bibliographie
- Dehio, Rheinland, 2005 = Dehio, Georg: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Nordrhein-Westfalen I: Rheinland, hrsg. von der Dehio Vereinigung e.V., Berlin/München 2005.
- Denkmalverzeichnis: Ehem. Palais Ostein = Denkmalverzeichnis des Landes Hessen, Datenbank DenkXweb: Rheingau-Taunus-Kreis, Geisenheim, Rüdesheimer Straße 34, Ehem. Palais Ostein (Ursulinenschule), Stand 08.09.2025, online: http://denkxweb.denkmalpflege-hessen.de/130086 [zugegriffen am 29.01.2026]
- Klapheck, Kunstreise, 1925 = Klapheck, Richard: Eine Kunstreise auf dem Rhein von Mainz bis zur holländischen Grenze, 2 Bde., Bd. 1: Von Mainz bis Koblenz, Düsseldorf 1925.
- Luthmer, Bau- und Kunstdenkmäler, 1902 = Luthmer, Ferdinand: Bau- und Kunstdenkmäler des Regierungsbezirks Wiesbaden, VI. Band: Nachlese und Ergänzungen zu den Bänden I bis V und Gesamtregister, Frankfurt am Main 1902. online: https://archive.org/details/bauundkunstdenkm06luth/page/68/mode/2up?q=Geisenheim [zugegriffen am 02.02.2026]
Einzelnachweise
- ↑ s. Denkmalverzeichnis: Ehem. Palais Ostein.
- ↑ 2,0 2,1 Klapheck, Kunstreise, 1925, S. 68
- ↑ Denkmalverzeichnis: Ehem. Palais Ostein; Klapheck, Kunstreise, 1925, S. 68.
- ↑ Klapheck, Kunstreise, 1925, S. 68; die erhaltenen Fliesen des letztgenannten Raumes aus der Manufaktur Flörsheim mit "perspektivischer Blaumalerei, sign. 1771 von M. Schuckart", Dehio, Rheinland, 2005, S. 346. Die eigentliche Signatur ist "Schugart 1771", die Fliesen befinden sich heute im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt am Main, Inv. Nr. 13126 (deponiert [Stand 2026]).
- ↑ Dehio Rheinland, S. 346. Eine Aufnahme aus den 1920er Jahren dokumentiert einen Teil der grafisch anmutenden Fliesenmalerei, die den Blick in eine offene Loggia- oder Hallenarchitektur mit Ranken- und Blumenornamenten öffnet, s. https://www.bildindex.de/media/obj20449144/mi00707e04?medium=mi00707e04 [zugegriffen am 02.02.2026]
- ↑ z.B. als Maler genannt in Dehio, Rheinland, S. 346; dagegen im Denkmalverzeichnis: Ehem. Palais Ostein "früher Christian Georg Schütz d. Ä. zugeschrieben", jedoch ohne weitere Ausführung.