Freyung, Jagdschloss Wolfstein
Inventarnummer: cbdd10306
Lage: Auf OpenStreetMap anzeigen
Der Text dieses Artikels steht – ausgenommen Abbildungen – unter der Lizenz CC BY 4.0. Dieser Artikel ist lediglich eine Kopie der Originalveröffentlichung auf deckenmalerei.eu und kann veraltet sein; maßgeblich ist die dortige Originalfassung.
Das im Besitz der Passauer Fürstbischöfe gewesene Schloss Wolfstein zeigt zweierlei Besonderheiten: historisch war es dauerhafte Schutzburg des Handelsweges Goldener Steig und kunsthistorisch verspätete Trutzburg des katholischen Glaubens, der von aufklärerischen Ideen in Frage gestellt war.

Lage, Entstehungs-, Bau- und Ausstattungsgeschichte
Lage
„Das Schloss liegt auf einem nach drei Seiten steil zu dem umfließenden Sausbach abfallenden Bergvorsprung. Auf der Südseite, wo die Zunge mit dem Bergrücken zusammenhängt, liegt der Zugang. Der ehemalige Halsgraben ist zugeschüttet. Das Schloss selbst hat den Umriß eines geknickten Trapezes. [...] Eine Ringmauer besteht nicht, sondern die Gebäude selbst bilden bis auf eine kurze Stelle den Bering [...].“[1]
Entstehungs-, Bau- und Ausstattungsgeschichte
„Die Gründung der Burg Wolfstein wird auf den Passauer Bischof Wolfger im Anfang des 13. Jahrhunderts zurückgeführt. Sie blieb (vielleicht mit einer einzigen Ausnahme im 15. Jahrhundert) durchaus im hochstiftischen Besitz bis zur Säkularisation und war Sitz eines Pflegeamtes. Ihre jetzt noch bestehende Gestalt verdankt die Burg im Wesentlichen dem Bischof Urban von Trennbach. Ein bischöfliches Schreiben an den Pfleger von Wolfstein von 1577 spricht von Bauvorbereitungen, ebenso ein Schreiben von 1588. Am Schloss selbst findet sich über dem Portal eine Bauinschrift, dabei ehemals die Jahreszahl 1590. 1778 hat [...] Kardinal von Firmian die Kanzlei und Registratur errichtet. Es kann sich dabei wohl nur um inneren Aus- oder Umbau gehandelt haben.“[2]
Im Zusammenhang mit diesen baulichen Maßnahmen stand auch die Ausstattung des Fürstenzimmers, dessen Wände der Passauer Joseph Widemann 1779 ausmalte.[3]
Die ehemalige Wehrburg und das spätere Schloss Wolfstein, ungefähr 50 Kilometer von Passau, dem Hauptsitz der Fürstbischöfe, entfernt, erfüllte sowohl im Mittelalter wie in der Frühen Neuzeit drei wesentliche Funktionen: einerseits sicherte die Burg den Handelsweg des Goldenen Steiges[4] und diente als Verwaltungssitz (Pflegegericht) und andererseits konnte sie auch die Funktion eines herrschaftlichen Nebensitzes einnehmen, der gleichzeitig bevorzugtes Jagdgebiet der Fürstbischöfe war.[5]
Das Bauwerk

Die gesamte Anlage gruppiert „sich um einen unregelmäßigen Innenhof. Die Südhälfte besteht aus dem hohen, zweiflügeligen Hauptbau (Hakenanlage mit niedrigerem Eckblock und Anbau in der Innenecke). Die Nordhälfte besteht aus einem unregelmäßigen, niedrigen Dreiflügelbau.
Der Hauptbau tritt dem Ankommenden mit der wehrhaften, schildmauerartigen Südfront entgegen. Sie hat vier Geschosse mit vier Fensterachsen. In der zweiten Achse von Westen liegt das Durchfahrttor [...]. Die Schmalseite des Südflügels hat zwei Fensterachsen. Auf der Westseite schließt daran ein niedrigerer Anbau zu zwei Fensterachsen.“[6]
Das Fürstenzimmer
„Großer, rechteckiger Raum mit spätbarocker Stuckdecke. Der Raum war in jüngster Zeit durch eine in SO-NW-Richtung laufende Zwischenwand geteilt, die Wand wurde vor Beginn der Untersuchung [1985/86] bereits wieder entfernt.
In der N- und S-Wand je eine rechteckige Fensternische mit geradem Sturz und gerader Laibung bis zum Boden, rechteckige Fensteröffnung, Kreuzstockfenster, 20. Jh.
In der SW- und rechts in der NW-Wand eine rechteckige Türöffnung.“[7]
Das ,Fürstenzimmer‘ befindet sich im 2. Obergeschoss und wird bereits seit 1783 ebenso bezeichnet.[8]
Der Raum ist zwar rechteckig, aber nicht rechtwinklig. Die beiden Längsseiten sind annähernd gleich lang (Ost-Wand: 7,14m, West-Wand: 7,16m), die Nord- und Südwand jedoch differieren um beinahe einen halben Meter (Nord-Wand: 5,98m, Süd-Wand: 6,46m). Die Höhe bemisst sich auf 3,28m.
Der Auftraggeber: Fürstbischof Leopold Ernst von Firmian (1708–1783)

Der Passauer Fürstbischof Leopold Ernst von Firmian (reg. 1763–1783) als Auftraggeber der Ausmalung des. Fürstenzimmers in Schloss Wolfstein
Den Auftrag zur Erneuerung bzw. Ausmalung entsprechender Räumlichkeiten in Schloss Wolfstein erteilte der Passauer Fürstbischof Leopold Ernst von Firmian (1708–1783), der ab 1763 die Geschicke des Hochstifts Passau leitete. 1772 wurde er von Papst Clemens XIV. zum Kardinal ernannt. Als „der letzte ,Barockfürst‘ auf dem Passauer Bischofsthron“[9] nutzte er ausgiebig auch die weltlichen Annehmlichkeiten eines Fürstbischofs, wozu die langen Aufenthalte auf Wolfstein und seinen diversen anderen Jagdschlössern (Neuburg am Inn, Riedenburg, Rathmannsdorf, Thyrnau) gehörten.[10]
Der Künstler: der Passauer Maler Joseph Widemann

Das Fürstenzimmer malte der Passauer Maler Joseph Widemann 1779 aus.[11] „Joseph Widemann mahlern von Passau hatt man wegen ausmahlung obgesagten zim[m]ers, dan demeselben [...] verreichten Kost und trunk [...] auslagen bezalt ... 57:f:47:c.“[12]
Die Wandbilder: Technik und Rahmung
Fürstenzimmer: Wandbilder: Technik
Die Wandmalereien im sogenannten Fürstenzimmer sind als Secco-Malerei ausgeführt.[8]
Fürstenzimmer: Wandbilder: Rahmung
Alle sechs Wandbilder mit szenischen Darstellungen weisen eine gemalte Rahmung auf, deren gestalterischer Aufbau stets gleich ist.
Dieser Rahmen mit dem zentralen Bildfeld erstreckt sich zwischen dem gemalten, den ganzen Raum umlaufenden Sockelbereich und der oberen Gesimsleiste. Auf diese Weise ergibt sich eine klassische dreiteilige Wandgestaltung (Basis, Schaft und Kopfbereich), deren Gliederung allerdings nicht auf Säulen oder Pilastern basiert, sondern ins Dekorhafte verwandelt ist.
Der Bilder-Rahmen besteht aus einer Kombination von drei formalgestalterisch voneinander verschiedenen Einzelrahmen, deren einzige Verbindung allein in der Verwendung der Rocaille besteht.
Die äußere, alle weiteren Rahmen umschließende Bildbegrenzung entwickelt sich aus einer standfesten vergoldeten Volute und setzt sich als Band nach oben fort, das wiederum in einer formverwandten, aber kleineren Volutenform (als Kapitellersatz) endet. Darüber schwingen sich die C-Bögen einer Rocaille hoch, die bis zum Gesims reichen.
Der zweite, mittlere Rahmen zeichnet sich durch eine dünnere Formgebung aus Stäben und C-Bögen aus und wird mittels der Goldfarbigkeit von den beiden anderen optisch getrennt und gleichzeitig hervorgehoben.
Die Goldstäbe entwachsen einer unteren Spangenkonstruktion mit Kartusche. Das obere Rocaille-Gebilde stellt zum einen die Auflage für einen Goldpokal bereit und zum anderen bildet der Goldring eine optimale Halterung für die daran aufgehängte Lorbeergirlande.
Erst dahinter, räumlich als hinterste Schicht erfassbar, sind die figürlichen Szenerien dargestellt, die mittels ihres eigenen, einen einfachen Leistenrahmen imitierenden Lineaments zum Bild werden.
Nordwand, Westseite: Krebsfischer
In dem hochrechteckigen Bildfeld scheint eine idyllisch anmutende Szene dargestellt. Vor der Kulisse einer Landschaft, die eine Mischung aus einheimisch-europäischen und exotisch-asiatischen Bäumen und Sträuchern ist, sind zwei Männer am Ufer eines Sees zu sehen.
Der Mann im Vordergrund, mit Rüstung, Helm und Schwert unschwer als Krieger auszumachen, beugt sich zu einer Fischreuse hinunter. Darin hat sich ein Krebs verfangen, der ihn in den Finger beißt.
Eine ähnliche Überraschung erlebt sein Begleiter hinter ihm. Denn er wird plötzlich von einer Wasserschlage mit pfeilartigem Schwanzende attackiert, die sich um seinen rechten Arm gewunden hat. Sein innerer Schrecken zeigt sich in seinem Haarschopf, der die Windungen des Schlangenkörpers wiederholt.
Nordwand, Ostseite: Rast am See
Am Rande eines Sees haben zwei Männer angehalten, um Rast zu machen. Derjenige mit dem Spitzhut auf seinem Kopf hat sich auf einen Felsblock niedergelassen. Hinter seinem Rücken begegnen sich zwei verschiedene Tiere, die sehr friedlich aufeinander reagieren.
Um die Ecke des Steinblocks biegt ein Wolf mit hochgestelltem Schwanz, der beim Anblick eines liegenden Löwen nicht aggressiv wird, sondern diesen liebevoll lächelnd anschaut. Würden die beiden Tiere in ihrem natürlichen Habitat zusammentreffen, liefe die Begegnung sicher nicht so friedfertig ab.
Hier aber sind beide als einander vertraute Symboltiere zu verstehen, die ein animalisches Vergnügen daran finden, das fürstbischöfliche Wappen der Passauer Herrschaft in ein fabelhaftes Narrativ zu übersetzen.
In einem ähnlich tierischen Sinngehalt dürfte auch der Kranich auf dem obersten Ast des Baumes rechts zu deuten sein. Obwohl der im Bild anwesende zweite Mann als Jäger mit Bogen unter dem Arm charakterisiert wird und auf den Kranich als mögliches Jagd-Objekt deutet, hat dieser dennoch nicht die geringste Absicht, den Vogel zu erjagen, sondern will nur dessen Anwesenheit im Bild überdeutlich hervorheben.
In direkter vertikaler Linie unterhalb des Kranichs ist eine Schildkröte sichtbar, die ihr Köpfchen neugierig aus ihrem Panzer heraus nach oben streckt.
Ostwand, Nordseite: Drachenattacke
Zwei Krieger, jeder von ihnen mit einem Speer bewaffnet, haben sich unter einem palmenartigen Baum niedergelassen, um sich auszuruhen. Während der eine sich hingelagert und seine Augen geschlossen hat, ist sein Kompagnon aufgerichtet und mit weit aufgerissenen Augen dargestellt. Er hat die Gefahr erspürt, die von einem Drachen ausgeht, der sich mit seinen großen Schwingen fliegend und feuerspeiend dem Duo nähert.
Ostwand, Südseite: Himmelsforscher und Bibelhalter
Himmelsforscher und Bibelhalter oder das Verhältnis von Wissenschaft und Glaube
An dem Seeufer vor einer Mauer mit Rundturm sind drei Figuren zu sehen. Im Vordergrund sitzt ein Mann mit Federhut auf dem Kopf, der sich auf einen Himmelglobus abstützt. Darunter sind ein aufgeschlagenes Buch und ein Zirkel erkennbar.
Er sieht hoch zu einem Bärtigen, der ebenfalls ein aufgeschlagenes Buch mit seiner rechten Hand hochhält. Auffällig ist seine Geste mit der linken Hand, weil er sich damit an seine Stirn tippt.
Zwischen beiden steht ein Knabe mit ambivalenter Körperaussage: einerseits weist er auf den Sitzenden, mit dem er allerdings keinen Blickkontakt hat, weil er andererseits sehr zielgerichtet in den offenen Himmel sieht.
Südwand: zerstörte Darstellung
Aufgrund der übrig gebliebenen Aufbaustruktur des Rahmenwerkes, das den anderen Bildfeldern gleicht, ist an dieser Stelle ursprünglich eine szenische Darstellung anzunehmen. Der nach der Originalausmalung 1779 zeitlich später vollzogene Mauerdurchbruch und Einbau einer neuen Türe zerstörte dieses ehemals vorhandene Freskenbild; eine Nachricht über deren Inhalt ist bis dato nicht bekannt.
Südwand: zerstörte Supraporte
In der Südwest-Ecke des Fürstenzimmers befand sich ehedem eine Türe zum benachbarten, westlich gelegenen Raum. Dies war 1779 bei der Ausmalung des Fürstenzimmers der wandfeste Bestand, denn der Freskant Widemann gestaltete den malerischen Aufbau mit Supraporte genauso wie an der heute noch erhaltenen Westtüre. Eine mit großer Sicherheit in der Supraporte angebrachte Darstellung ist heute zerstört, ihr Thema nicht erhalten.
Westwand, Südseite: Spiegel-Szene
Drei Personen begegnen sich an einem Seeufer, das von Baum und Strauch umgeben ist und von einem auf einen Hügel stehenden Gebäude hinterfangen ist.
In kompositorisch aufsteigender Linie sind von links nach rechts ein sitzender Krieger mit Speer, ein Kniender mit Spiegel und, mit räumlichen Abstand zu diesen beiden, eine leicht nach vorn geneigte stehende Person zu sehen.
Diese beugt sich vor, um sich im Spiegel zu betrachten, während sie gleichzeitig mit beiden Händen auf eine Schlange deutet, die sich um den Baumstumpf hinter ihr windet.
Westwand, Wandmitte: Musiker
An einem Seeufer sind drei Personen zusammengekommen. Zwei von ihnen spielen ein Musikinstrument: die links Stehende fidelt auf einer Geige, während sich der Jagdhornbläser lässig auf einem Felsvorsprung niedergelassen hat. Hinter ihm sitzt ein Knabe, der in den Bildhintergrund deutet.
Die geschilderte Szene spielt an einem idyllischen Ort, der von einem palmenartigen Baum mit zwei großen eiförmigen Früchten bestimmt wird.
Westwand: Supraporte
In der längsrechteckigen Supraporte ist eine Obstschale mit Henkeln dargestellt. Darin befinden sich Weintrauben, die blaue Sorte auf der linken, die weiße auf der rechten Seite. Weinblätter vervollständigen dieses Stillleben, das auf diese Weise die räumlich anschließende Küche anschaulich vorbereitet.
Programm und Synthese: Chinoiserie zwischen profanem Vergnügen und Geistlichkeit

Im gestalterischen Kleid der modischen Chinoiserie[13] wird in Schloss Wolfstein ein Programm gezeigt, das sowohl die profanen Vergnügungen wie die geistlichen Anforderungen eines Fürstbischofs thematisiert.
Dem ersten Anschein folgend, erzählt der Künstler „auf [den] ursprünglich 7 Bildern [...] von einer langen Reise in den fernen Osten. Nach diesem Abenteuer hat sich der Reisende in seinem Aussehen so verändert, dass er sich selbst im Spiegel nicht wiedererkennt.“[14]
Dieser aus der bloßen Anschauung gewonnenen Interpretationsebene mit der Darstellung von Genreszenen soll hier nicht dezidiert widersprochen, jedoch durch eine zeitgemäße bildrhetorische Interpretation ergänzt werden.
Im Vordergrund der hier erstmals vorgeschlagenen Deutung stehen einerseits die Rolle und Stellung des Auftraggebers und andererseits die Funktion des Gebäudes.
Zur Entschlüsselung der symbolischen Darstellungen wird die bildrhetorische Methode angewandt.
Bei einer solchen zugrunde gelegten Mehr-Schichtigkeit der Analyse lassen sich (mindestens) drei miteinander verschränkte Themenkreise ausmachen.
1. Themenbereich: Das Hochstift Passau

Der erste Themenbereich bezieht sich auf den profanen Aspekt von Schloss Wolfstein als jahrhundertealten Besitz des Fürstbistums Passau.
In der Szenerie mit der Darstellung des Wolfes, des Löwen, des Kranichs und einer Schildkröte werden verschiedene Momente dieses Besitzstandes symbolisch ausgedrückt. Der Wolf gibt hier nicht nur einen realen Hinweis auf deren Existenz im Bayerischen Wald ab, sondern ist ebenso ein heraldischer Verweis auf den Passauer Fürstbischof Wolfger von Erla, unter deren Regierungszeit (1191–1204) die (damalige) Burg Wolfstein entstand. Der Wolf mutierte in der Folgezeit sogar zum charakteristischen Wappentier des Passauer Bistums,[15] was zusätzlich eine zeitliche Brücke zwischen dem Auftraggeber der Wandbilder 1779 und dem namengebenden Bischof Wolfger um 1200 herstellt.
Der Löwe ist in diesem inhaltlichen Kontext als einfach zu verstehendes Machtsymbol[16] des Passauer Fürstbischofs eingesetzt, das sich allgemein auf alle Fürstbischöfe des Hochstifts beziehen lässt, bis hin zum Auftraggeber der Wandmalerei Leopold Ernst von Firmian.
Der dargestellte Kranich vereinigt einige wichtige symbolische Eigenschaften wie Wachsamkeit und Klugheit in sich, Eigenschaften, die besonders Herrscher bei der Ausübung einer guten Regierung zu berücksichtigen hatten.[17]
Mit dem Kranich ist eine weitere Symbolebene verbunden, welche die Wachsamkeit weniger im politischen Sinne, als vielmehr in der Einstellung zum gelebten Glauben versteht.[18] In den Tugendallegorien kann sogar die Treue zu Christus damit gemeint sein.[19]
Der Kranich, der in seiner Aussagefähigkeit äußerst positiv konnotiert ist, gilt allgemein als Vogel des Glücks, zudem vereinigt er in sich die symbolischen Wünsche für Gesundheit und ein langes Leben, was man vor allem auf die Fortdauer der Herrschaft der Passauer Fürstbischöfe in Wolfstein interpretieren darf.
In diesen, die Generationenfolgen übergreifenden Kontext lässt sich ebenso die Anwesenheit der Schildkröte integrieren, die wegen „ihrer langen Lebensdauer [...] als Sinnbild von Gesundheit, Vitalität und Unsterblichkeit“[20] galt.
Denkbar wäre hier allerdings auch eine negative Konnotierung der Schildkröte, die seit der Renaissance allgemein als Ausdruck der Sündenlast verstanden werden konnte.[21] Unter dieser Prämisse könnte man den in Wolfstein dargestellten Bildinhalt als ständige Ermahnung an die Tugendhaftigkeit und Erinnerung an die Glaubensstärke auffassen.
Im Zusammenhang von Emblematik und Erziehungsallegorien fürstlicher Persönlichkeiten konnte die Schildkröte auch als Zeichen kluger Vorsicht gesehen werden. Dieses Verhalten bildete eine Grundvoraussetzung, um das Schloss Wolfstein, dessen stilisierte Darstellung im Bildhintergrund zu sehen ist, dauerhaft im Besitz des Hochstiftes Passau zu behalten.
Eine zweite Szenerie ist auf die Hauptfunktion dieses fürstbischöflichen Besitzes beziehen. Wolfstein diente von Anfang an nicht nur als Nebensitz der Passauer Fürstbischöfe, sondern war in dem waldreichen Gebiet vor allem bevorzugte Unterkunft bei den hier stattfindenden Jagdausflügen. Die Jagd, nicht nur allein Ausweis privater Leidenschaft, sondern genauso Ort gesellschaftlicher Repräsentation und Demonstration des landesherrlichen Territoriums,[22] erfuhr besonders unter dem begeisterten Jäger Firmian eine Hochblüte.[23] Die verbildlichten Musikinstrumente von Jagdhorn und Geige weisen in diesem Kontext auf die Anfänge des Jagdtreibens und die abschließenden vergnüglichen Unterhaltungen hin.
2. Themenbereich: Die Gefährdungen der fürstbischöflichen Tugend

Der zweite Themenkreis bezieht sich auf die Gefahren und Bedrohungen eines christlich geführten Lebens, vor dem selbst die Fürstbischöfe nicht gefeit waren.
Auf der Darstellung mit dem Krebsfischer wird dieses Wassertier zusammen mit der ebenfalls im Bild existenten Schlange als unreines Wesen vorgeführt, welche generell das Böse, christlich gesehen eher das Sündige und in der Tugendlehre die Laster der Unbeständigkeit[24] und des Neides[25] ausdrücken können.[26]
Die Szenerie mit der Drachenattacke erweitert bildmotivisch auf sehr bedrohliche Weise diese Gefährdungen menschlicher (und fürstbischöflicher) Tugenden.
Der Drache ist hier gemeinhin als das Böse, vulgo: Teufel, zu erkennen, der auf die beiden Krieger, vielleicht als gläubige Krieger Christi zu deuten, auf überraschende Weise zustößt, womit die bösartigen und teuflischen Energien veranschaulicht sind, die zu jeder Zeit und überall lauern können.
Anders ausgedrückt: die Bedrohung des christlichen Glaubens durch den Teufel ist latent vorhanden, weshalb das Wandbild als eindringliche Mahnung zu verstehen ist, gegen das Böse stets gewappnet zu sein.
3. Themenbereich: Selbsterkenntnis als Weg zu Gott

Der dritte Themenkreis konkretisiert den vorhergehenden Themenkomplex dahingehend, dass in der Spiegel-Szene die Selbst-Bespiegelung im übertragenen Sinne von Selbst-Erkenntnis als ein ganz entscheidender Weg zum christlichen Gott vorgeschlagen ist.
Im Wandbild ist dieser innere Umwandlungsprozess als verzweifelte Reaktion auf die Anwesenheit der bösen und sündigen Schlange hinter dem Spiegelbetrachter motiviert.
Dass man in dieser äußerlich schreckhaften und innerlich schrecklichen Situation nicht alleine bleiben muss, sondern damit bereits den ersten Schritt auf dem Weg zum Göttlichen eingeschlagen hat, zeigt mit seiner ganzen Körper- und Armhaltung der auf der linken Seite sitzende ,miles christianus‘, der mit dem Spiegelgucker Blickkontakt hat und mit seiner Hand nach oben zeigt. Sein Speer wiederholt dabei nicht nur seine Geste, sondern kann hierbei als „Werkzeug göttlicher Gerechtigkeit“[27] verstanden werden.
Dieses Geschehen einer Entscheidungsfindung scheint in den Wandbildern des Fürstenzimmers eingebettet in einen größeren Diskurs-Zusammenhang zu sein, der sich in der Darstellung von Wissenschaft und Glaube andeutet.
Gemeinhin und undifferenziert als Aufklärung proklamiert, wird in dem Gegensatzpaar aus sitzendem Wissenschaftler, der seine Ratio als Wissensinstrument benützt und dem stehenden Buch(=Bibel)leser möglicherweise die grundsätzliche Einstellung des Auftraggebers Leopold Ernst von Firmian gezeigt, der im Zeitalter der Aufklärung, trotz verschiedener Reformen, z.B. in der Priesterausbildung, eher eine in seiner Funktion als Fürstbischof verständliche konservative glaubens- und bibelstarke Haltung vertrat und den verderblichen Einfluss von Neuerern verunglimpfte.[28]
Restaurierungen

Restaurierungen
„1986 sollten die beiden oberen Geschosse des Schlosses zu einem Jagd- und Fischereimuseum ausgebaut werden. Die Arbeiten waren bereits angelaufen und zunächst wurde einmal großzügig der Putz in der Sockelzone zur späteren Aufnahme der Heizkörper und Elektroleitungen abgeschlagen. Als dies im Fürstenzimmer zu ¾ geschehen war, stoppte das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege die Abbrucharbeiten, da man auf Malereifragmente gestoßen war. Es wurde ein Auftrag zur Befunduntersuchung erteilt.“[29]
„Raum 2.4.
[...] Decke:
Spätbarocke Stuckdecke mit profiliertem, geschwungenem und verkröpftem Rahmen, in der Mitte Vierpaßrahmen, innen Medaillon.
Über der Wand eine Hohlkehle, zur Decke hin ein rechteckiger Stuckrahmen, Halbrundstab mit beidseitigem Blatt, über der Wand Stuckleiste aus Halbrundstab, Kehle, Halbrundstab mit 2 gestuften Blättern.
Befund:
Über der spätbarocken Stuckdecke befindet sich wahrscheinlich eine Holzbalkendecke, die vom 2. Umbau stammt, hier wurde jedoch auf eine Öffnen der Decke verzichtet.
Im gesamten Raum wurde bei der 2. Umbauphase der Putz abgeschlagen und neu verputzt, im Spätbarock erfolgte mit Einzug der Stuckdecke eine weitere Überputzung.
Fassungen:
Als 1. Fassung auf dem spätbarocken Putz findet sich eine Rokokobemalung mit Architektur und Pflanzenornamenten. An einigen Stellen ist eine figürliche Malerei in Grisailletechnik in violetten Farben ausgeführt. Die Rokokomalerei ist mit Ausnahme einer großen Fehlstelle beim Türdurchbruch in der SW-Wand noch ziemlich vollständig erhalten.
Die Fassung weist keine großen Beschädigungen auf, sie ist allerdings durch das Verlegen der Elektroleitungen, besonders im Sockelbereich, zerstört. Rings um die beiden Fensteröffnungen in der NO- und SO-Wand reicht die Malerei bis dicht an den Fensterstock.
In der SW-Wand ist eine größere Fehlstelle beim Aufbruch der Türöffnung entstanden.
Im rechten Teil der SW-Wand befand sich im Rokoko ein Ofen. Der Putz ist dort gestört.
Im linken Teil der SW-Wand findet sich im Abstand von ca. 1,81 m von der Südecke entfernt eine senkrechte Kante. Dort endet der Rokokoputz. Er beginnt erst wieder an der SO-Wand, ca. 13 cm von der Südecke entfernt.
Es handelt sich bei dieser Fehlstelle um die ehemalige spätbarocke Türöffnung. Die Deckenfassung zu dieser Wandbemalung ist nur einfarbig hellgrau.
Später folgen nur begr. weiße Fassungen an Wand und Deckenfläche. [...].“[30]
Die ab 1985/86 eingeleitete Instandsetzung bezog sich auf die „Entfeuchtung des alten Mauerwerks, Sanierung von Decken und Fußböden, die Neugestaltung der Innentreppenhäuser sowie die Restaurierung der Innenräume einschließlich der Bearbeitung eines Rokoko-Bilderzyklus mit 6 (ursprünglich 7) heiteren Genreszenen, die mit bunten Blumengehängen, Blattgirlanden, Muschelwerk und Vasen umrahmt sind [...].“[31]
Die erstmalige Renovierung des Fürstenzimmers dauerte von November 1986 bis August 1989.[31]
„Von 2011 bis 2014 wurden die Räume [erneut] renoviert [...].“[32]
Bibliographie
- .A., Dokumentation, 1993 — o.A.: Fürstenzimmer, Geschichte, in: (Hgg.) Regierung von Niederbayern-Sachgebiet 420 – mit Landkreis Freyung-Grafenau und Stadt Freyung: Schloss Wolfstein, Stadt Freyung (Städtebauförderung in Niederbayern, Dokumentation 9), Landshut/Freyung 1993
- Brix, Niederbayern, 2008 — Brix, Michael: Bayern II. Niederbayern (= Dehio, Georg: Handbücher der Deutschen Kunstdenkmäler. Bayern II. Niederbayern), München/Berlin 2008 (2. Auflage)
- Dittrich, Tiersymbole, 2005 — Dittrich, Siegrid und Lothar: Lexikon der Tiersymbole. Tiere als Sinnbilder in der Malerei des 14.–17. Jahrhunderts, Petersberg 2005 (2. Auflage)
- Dreyer, Passau, 2020 — Dreyer, Angelika: Passau, Neue Residenz, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni (www.deckenmalerei.eu/9671a10f-daed-u26a-ac9f-dd9b8a4194ed: Neue Residenz, Raum 201, Programm und Synthese)
- Köllmann, Chinoiserie, 1952: https://www.rdklabor.de/w/index.php?title=Chinoiserie&oldid=92592.
- Kretschmer, Lexikon, 2008 — Kretschmer, Hildegard: Lexikon der Symbole und Attribute in der Kunst, Stuttgart 2008
- Paulus, Wolfstein, 1998 — Paulus, Karl-Heinz: Ein Schloss für einen Landkreis. Das Schloss Wolfstein in Freyung. Bedeutendstes Geschichts- und Baudenkmal des Unteren Bayerischen Waldes, in: Schöner Bayerischer Wald. Zeitschrift für Kultur, Freizeit, Erholung und Unterhaltung, Jahrgang 1998, Nr. 123 (Juli/August), S. 22–23
- Praxl, Wolfstein, 1968 — Praxl, Paul: Wolfstein, in: Heimatkundlicher Arbeitskreis Wolfstein (Hg.): Der Landkreis Wolfstein, Wolfstein 1968, S. 82–85
- Ritz, Kunstdenkmäler, 1931 — Ritz, Joseph Maria: Die Kunstdenkmäler von Niederbayern. XXIII. Bezirksamt Wolfstein (=Mader, Felix (Hg.): Die Kunstdenkmäler von Bayern, Regierungsbezirk Niederbayern, XXIII. Bezirksamt Wolfstein), München 1931
- Rösener, Jagd, 2004 — Rösener, Werner: Die Geschichte der Jagd. Kultur, Gesellschaft und Jagdwesen im Wandel der Zeit, Darmstadt 2004
- Werner, Burgen, 1979 — Werner, Günther T.: Burgen, Schlösser und Ruinen im bayerischen Wald, Regensburg 1979
- Köllmann, Chinoiserie, 1952: https://www.rdklabor.de/w/index.php?title=Chinoiserie&oldid=92592.
Einzelnachweise
- ↑ Ritz, Kunstdenkmäler, 1931, S. 116–117. Adresse: Wolfkerstraße 3, 94078 Freyung; Denkmal-Nummer: D-2-72-118-17.
- ↑ Ritz, Kunstdenkmäler, 1931, S. 114–116.
- ↑ BLfD, München: Ordner: 8393 Freyung, Burg Wolfstein, Band 1, Befunduntersuchung Gesamtgebäude – Innenräume, 1986–1987; Praxl, Wolfstein, 1968, S. 83; o.A., Dokumentation, 1993, S. 16; Brix, Niederbayern, 2008, S. 138.
- ↑ https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Goldener_Steig&oldid=216345865 [letzter Zugriff am 10.05.2022].
- ↑ Werner, Burgen, 1979, S. 68.
- ↑ Ritz, Kunstdenkmäler, 1931, S. 117–118.
- ↑ BLfD, München: Ordner: Befunduntersuchung im Innern des Schlosses Wolfstein. Durchgeführt von Siegfried Mühlbauer/Norma Zavodnik am 21.10.–24.10.1985 und 07.01–05.03.1986, Blatt 40.
- ↑ 8,0 8,1 Paulus, Wolfstein, 1998, S. 22.
- ↑ https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Leopold_Ernst_von_Firmian&oldid=196886473 [letzter Zugriff am: 10.05.2022].
- ↑ https://www.niederbayern-wiki.de/index.php?title=Leopold_Ernst_Graf_von_Firmian&oldid=285483 [letzter Zugriff am: 10.05.2022].
- ↑ Brix, Niederbayern, 2008, S. 138.
- ↑ Quelle abgedruckt in: o.A., Dokumentation, 1993, S. 16.
- ↑ Köllmann, Chinoiserie, 1952: https://www.rdklabor.de/w/index.php?title=Chinoiserie&oldid=92592 [letzter Zugriff am: 10.05.2022].
- ↑ https://www.freyung.de/de/flyer/MuseumsflyerFreyung.pdf [letzter Zugriff am: 10.05.2022].
- ↑ https://www.hdbg.eu/gemeinden/inde.php/detail?rschl=9262000[letzter Zugriff am: 10.05.2022].
- ↑ Dittrich, Tiersymbole, 2005, Band 1, S. 292, 294–296; Kretschmer, Lexikon, 2008, S. 266–269.
- ↑ Dittrich, Tiersymbole, 2005, Band 1, S. 269.
- ↑ Dittrich, Tiersymbole, 2005, Band 1, S. 269–270.
- ↑ Dittrich, Tiersymbole, 2005, Band 1, S. 269–274, bes. S. 269–270.
- ↑ Kretschmer, Lexikon, 2008, S. 364.
- ↑ Kretschmer, Lexikon, 2008, S. 364–365.
- ↑ Zusammenfassend: Rösener, Jagd, 2004.
- ↑ Siehe ausführlicher: Dreyer, Passau, 2020, in: www.deckenmalerei.eu(Passau, Neue Residenz, Raum 201, Programm und Synthese).
- ↑ Dittrich, Tiersymbole, 2005, Band 1, S. 274–276, bes. 275–276; Kretschmer, Lexikon, 2008, S. 233.
- ↑ Dittrich, Tiersymbole, 2005, Band 1, S. 445–456, bes. 446, 449–450; Kretschmer, Lexikon, 2008, S. 366–371, bes. 370.
- ↑ Im nicht-symbolischen, realen Alltag der hochstiftischen Bewohner stellte neben der Fischerei der Krebsfang einen Nebenerwerb dar: o.A., Dokumentation, 1993, S. 23.
- ↑ Kretschmer, Lexikon, 2008, S. 255.
- ↑ https://www.niederbayern-wiki.de/inde.php?title=Leopold_Ernst_Graf_von_Firmian&oldid=285483 [letzter Zugriff am: 10.05.2022].
- ↑ o.A., Dokumentation, 1993, S. 17.
- ↑ BLfD, München: Ordner: 8393 Freyung, Schloss Wolfstein, Band 1, Befunduntersuchung Gesamtgebäude – Innenräume, 1986–1987, Blatt 40–41.
- ↑ 31,0 31,1 Paulus, Wolfstein, 1998, S. 23.
- ↑ https://www.niederbayern-wiki.de/inde.php?title=Schloss_Wolfstein&oldid=281085 [letzter Zugriff am: 10.05.2022].