Freising, Ehem. Fürstbischöfliche Residenz
Ehem. fürstbischöfliche Residen:
Heute Bildungszentrum der Erzdiözese München und Freising, Kardinal-Doepfner-Haus, Domberg 27.
7 immer im 2 Stock
Zum Bauwerk: Das Gebäude stammt in seinem östlichen Teil aus dem 14., 15. und 16. Jahrhundert, der westliche Trakt wurde 1960 erbaut. Das Zimmer im 2. Obergeschoß befindet sich im östlichen, gegen den Dom gerichteten Flügel. Etwa quadratischer Raum von ca. 7 × 7 m, mit zwei Fenstern nach O, das südliche Fenster ist größer, da an dieser Stelle die Fassade des Schlosses durch ein Risalit über dem Haupteingang betont ist. In der Mitte der W-Wand eine Tür; in der NW- Ecke ragt ein Mauervorsprung herein, bedingt durch die Kamine und die Feuerungsstelle für den nicht erhaltener Kachelofen. Der Raum wird seit dem 19. Jahrhundert als Dompropstzimmer bezeichnet, seine ursprüngliche Bestimmung ist nicht bekannt (vgl. den Plan der fürstbischöflichen Residenz von Thomas Heigl von 1807, Plan der 2. Etage ohne Legende, im BHStA, Abt.IV, Plansammlung Freising 16; Kat. Freising 1989, I.25.d. [Georg Brenninger]).
Auftraggeber: Johann Franz Eckher von Kapfing und Liechteneck, Fürstbischof von Freising (1695–1727)
Autor und Entstehungszeit: Zuschreibung an Johann Baptist Zimmermann (* 1685 Gaispoint † 1758 München) wohl 1716
In einem Brief vom 21. Oktober 1716 an Abt Rupert II. Neß von Ottobeuren schreibt Zimmermann, daß er den Domkreuzgang in Freising vollendet habe, »nun aber etwas Extra vor meinen gnedigsten Herrn (= Eckher) in Arbeith habe und selbiges verfertigen solle«, er wolle aber gewiß zum Dreikönigstag (1717) nach Ottobeuren zurückkehren (s. S. 133). Diesen Extraauftag hat Hubensteiner (1954, S. 128) mit dem Stuck der Benediktuskirche identifiziert, was von Christina Thon (Johann Baptist Zimmermann als Stukkator, München-Zürich 1977, S. 47 f.), die ihn Nikolaus Liechtenfurtner zuschreibt, zurückgewiesen wurde. Bei Zimmermanns besonderer Arbeit für den Fürstbischof könnte es sich jedoch um das hier vorliegende Zimmer in dessen Residenz gehandelt haben (die Fresken wurden erst 1970 freigelegt und waren Hubensteiner und Thon noch nicht bekannt; Zuschreibung durch S. Benker, mündlich).
Sowohl die Deckenmalerei als auch der Stuck zeigen thematisch und motivisch eine auffallende Ähnlichkeit zur Ausstattung des Apollozimmers in Schloß Maxlrain (um 1715). In beiden Fällen ist im Zentrum des Deckenspiegels Apoll mit den Musen im Fresko dargestellt, und das Bildfeld ist gerahmt von einem breiten stuckierten Rand mit Stuckreliefs der Vier Kardinaltugenden in Kartuschen, die in Maxlrain in den Ecken, in Freising in den vier Hauptrichtungen angebracht sind.
Befund
Träger der Deckenmalerei: Flachdecke mit Hohlkehle Rahmen: Annähernd quadratisches, leicht geschwungenes Bildfeld, umzogen von einem Abschlußprofil anschließend eine breite stuckierte Zone mit Kartuschen in den vier Hauptrichtungen, die in das Bildfeld hineinragen. In den Kartuschen Stuckreliefs der Vier Kardinaltugenden Temperantia (W), Prudentia (N), Fortitudo (O) und Iustitia (S). In den Zwickeln schlanke Akanthus- und Blattranken. Der Stuck ist leicht ockergelb, grau und hellgrün getönt.
Technik: Fresko mit Secco; polychrom.
Maße: Höhe 3,30 m; 3,60 × 3,60
Erhaltungszustand und Restaurierungen: Das Fresko war übertüncht und wurde 1970 von Christian Seibold, Freising freigelegt und restauriert. Die Malfläche ist insgesamt stark beschädigt. Im heutigen Zustand fallen vor allem rosa, orangebraune und gelbe Farbtöne auf, blau und grün sind stark reduziert.
Beschreibung und Ikonographie
APOLL Die Darstellung, die in der Blickrichtung von O nach W zu betrachten ist, wird beherrscht von einem großen Brunnen rechts mit einem monumentalen Aufsatz aus zwei steinfarben gemalten sitzenden Figuren, die eine große, braun-orange-farbene Ziervase mit Relieffries und Henkel tragen. Aus dem eckigen Sockel entspringt vorne in dünnem Strahl eine Quelle, die einen Bach im Vordergrund links speist. Dahinter erhebt sich der Parnaß, vor dem der lorbeerbekränzte Apoll am Fuße eines Baumes sitzt, der wohl den immergrünen Lorbeerhain symbolisieren soll. Der Gott spielt die mit einer Sonne bekrönte Leier und blickt empor zu Minerva, deren Oberkörper über ihm hinter einer Wolke sichtbar wird. Sie weist mit der Rechten auf sein Instrument und mit der Linken zum Himmel, wohl auf den (heute nicht mehr sichtbaren) Pegasus. In der Bildmitte sind, in den Hintergrund gerückt, vier musizierende Musen dargestellt, eine stehende, halb vom Rücken gesehene Lautenspielerin, vielleicht Erato oder Terpsichore, neben ihr sitzend eine singende Muse, die sich auf der Knickhalslaute begleitet, vielleicht Melpomene, dahinter Euterpe mit der Doppelflöte und außerdem noch eine Muse mit einem Tambourin. Links am Bildrand neben dem Baum sieht man Köpfe und Oberkörper von Pan mit der Rohrflöte und neben ihm Syrinx, das Haupt mit Schilf bekränzt.
Die Darstellung von Apoll und den Musen in Anwesenheit von Minerva repräsentiert ein von Lastern freies, ideales Reich, in dem eine gemessene kunstvolle Musik erklingt. Symbolisiert ist der Gegensatz von apollinischer, hoher zu orgiastischer, niederer Musik. Diese wird veranschaulicht durch die Rohrflöte, das Instrument Pans. Die Auswahl von nur vier Musen aus dem Kreis von neun bezieht sich vielleicht auf die verschiedenen Arten der Musik.
Zimmermann hat diesen Antagonismus von apollinischer und dionysischer Musik häufig dargestellt und dabei einzelne Figuren kaum verändert wieder verwendet (München, Palais
Apol
Holnstein, 1737; Nymphenburg, Steinerner Saal, 1755/57; CBD 3/II, S. 366, 573). Am ähnlichsten ist sein Fresko Maxlrain, das allerdings im 19. Jh. durch Übermalung stark verändert worden ist. Dort fehlt jedoch die Brunnengruppe rechts im Vordergrund. Wahrscheinlich wurde für beide Darstellungen dieselbe, noch nicht identifizierte Stichvorlage verwandet. Die ebenfalls sehr ähnlich gestalteten Stuckreliefs der Vier Kardinaltugenden (Hahn 1994, Abb. S. 276-79) gehen auf Stiche von Michel Dorigny nach Gemälden von Simon Vouet im Salon de Mars in Versailles zurück (William K. R. Crelly, The Paintings of Simon Vouet, New Haven und London 1962, No. 150).
Quellen und Literatur
Benker 1975, Abb. S. 12 (Stuck). Bauer, Hermann und Anna, Johann Baptist und Dominikus Zimmermann, Regensburg 1985, S. 308. Götz 1992, S. 228, 290 und Abb. 86. Beiträge Freising 1994, S. 277 und Abb. S. 259. B.V.-K.
Ehem. Domdechantei, Domberg 18-24, heute Amtsgericht und Vermessungsamt