Frauenried, Filialkirche Mariä Geburt
Filialkirche (Kuratie), Gemeinde und Pfarrei Irschenberg Erzdiözese München und Freising; z. Z. der Ausmalung Benefizium, dessen Präsentationsrecht der Bischof von Freising innehatte; Gericht Aibling
Patrozinium: Mariä Geburt
Zum Bauwerk: Die in der 1. Hälfte des 15. Jh. von Graf Georg dem Waldecker erbaute Kirche wurde 1763 unter Pfarrer Alexander Joseph Streiter von Irschenberg (1759–97) und Benefiziat Johann Ignatius Kanzler (1754-64, Epitaph an der S-Seite der Kirche) umgebaut und neu ausgestattet Inschrift am Chorbogen (außen) RENOVATUM / ANNO DOMINI / 1763. (innen) Renoviert 1960. – Saalbau zu vier Achsen mit eingezogenem zweijochigem AR, dreiseitig geschlossen, Pilastergliederung. Im W Doppelempore.
Autor und Entstehungszeit: Signatur in B am O-Rand: JÜ(ligiert) Breymayer. pinxit. 1763. Die Fresken sind die spätesten des Tölzer Malers und Bürgermeisters Julian Breymeyer (* 1716 † 1795, weitere Lebensdaten s. Reichersbeuern, S. 219). Bemerkenswert ist, wie sich Breymeyers Stil seit Lenggries (1747, s.S. 214f.), Reichersbeuern (1748), Wall (1755, s. S. 604–10) und Holzkirchen (1758, s. S. 513-16) entwickelte: die Formensprache ist sicherer, die Farben, früher im wesentlichen in eine Rot-Braun- Skala eingebunden, sind leuchtend und klar, kühle Farbwerte dominieren. Der Figurentypus, in Wall noch schwerfällig und proportional vielfach mißglückt (im Verhältnis zum Körper zu große Köpfe), ist in Frauenried schmal, überlängt, die Gestik geradezu preziös. In seiner stilistischen Entwicklung zeigt sich Breymeyer von dem Aiblinger Maler Johann Georg Gaill (vgl. im LKr. Miesbach: Reichersdorf, 1760, S. 549-54; Gotzing, 1761, S. 503-08; Neukirchen, 1763, S. 529-34; Kleinpienzenau, 1766, S. 523–28; beeinflußt.
Befund
Träger der Deckenmalerei: ursprünglich gotisches Rippengewölbe mit Stichkappen, im 18. Jh. im LHs (A-C) und AR (D) zu einer im Scheitel verschliffenen Spitztonne umgestaltet
Rahmen: A-D, B1-6, D1-2, a-d, imitierte Profile in Ockertönen (intendierte Goldwirkung)
Technik: Fresko; A-D, B1-6, D1-2 polychrom, a-d Grisaillen
Maße: A Höhe 9,80 m; 2,00 × 2,00
B Höhe 9,80 m; 5,50 × 3,70
C Höhe 9,80 m; 2,00 × 2,00
D Höhe 9,50 m; 4,80 × 3,20
Erhaltungszustand und Restaurierungen: Restaurierung 1960 durch Fa. Eixenberger, München, bei der Teile der Dekorationsmalerei (Brokatmuster in den Stichkappen) freigelegt wurden. In allen Fresken gekittete Scheitelrisse und durch Feuchtigkeit verursachte, jedoch wenig in Erscheinung tretende hellgraue Flecken. Großer gekitteter Riß in D, 1978 erneut ausgebessert. Deutlich wahrnehmbare Retuschen an der ausgebesserten Fehlstelle bei dem Scheitelriß in A (durch das Gesicht der Immaculata).
Beschreibung und Ikonographie
Die Bildfelder sind ohne verbindende Dekoration auf das Gewölbe gesetzt, nur einmal greifen die Rocaillebekrönungen zweier Stichkappen in die Rahmung von B über. Mit Dekorationsmalerei sind ausschließlich die Stichkappen geschmückt (rocailleeingefaßte Brokatmuster in den Farben Gold-Grün-Weiß auf rosa Grund). Darüber hinaus zeigen nur die Rahmungen imitierte Rocailleornamentik. Die Hauptfresken A-D sind einheitlich für die Blickrichtung gegen O angelegt. Einansichtige Darstellungen, in denen Untersicht, wie der hohe Stufenaufbau in B zeigt, angestrebt, jedoch nur selten erreicht wird. Betrachterstandpunkte für A–D jeweils unter der Bildmitte.


A IMMACULATA Maria ist im Typus der Unbefleckt Empfangenen wiedergegeben: über der von der Schlange umwundenen Erdkugel (aus der seitlich zwei Bäume wachsen), den Fuß auf der Mondsichel, in der Hand die Lilie. Über ihr im Lichtnimbus das Dreifaltigkeitssymbol, von Puttenköpfchen umgeben. Neben dem Auge Gottes ist die Taube des Hl. Geistes zu sehen.
B GEBURT MARIENS (apokryph) Über einem mehrfach gebrochenen Treppenaufbau steht vor einer einfach gegliederten Rückwand schräg ein Bett. Die hl. Anna, in Kissen gelehnt, hält die neugeborene Maria im Arm; eine Frau bereitet die danebenstehende Wiege, für die ein Engel ein weißes Tuch darreicht. Links steht Joachim und weist zum Himmel, wo in einer Gloriole das Marienmonogramm MARIA (ligiert) erscheint. Von der Geistestaube darüber fällt ein Strahl auf Maria. Engel tragen Blumengirlanden und einen Kranz von Rosen. Auf der Wiege ist das Marienmonogramm wiederholt, der Fuß der Wiege ist der Mondsichel nachgebildet, beides, wie auch der Kranz von Rosen, Anspielung auf die Immaculata. Im Vordergrund auf den Stufen weibliche Staffagefiguren.
Die Farbigkeit des Bildes wird durch den häufigen Blau-Gelb-Kontrast bestimmt. Dabei werden diese Farben in den Gewändern, aber auch in Bett und Draperie direkt zueinander gesetzt als immer wiederkehrendes Motiv. Blau und Gelb – durch verschiedene Rotwerte in Gewändern ergänzt – sind dabei nicht in eine Hintergrundsfarbigkeit eingebettet: Architekturen und Himmel sind extrem hell und fast farbneutral. Weiß tritt als Lichtfarbe auf: Glorie, Strahl, aber auch als auszeichnende Farbe, die um das Kind Maria konzentriert ist.
B1-6 MARIENLEBEN Das Hauptbild ist von 6 Bildfeldern auf den Gewölbezwickeln begleitet. Inhaltlich an E anschließend zeigen sie Szenen aus dem Marienleben. De Zyklus beginnt in der Mittelachse der N-Seite.

Die Hauptpersonen dieser Szene sind in einer achsensymmetrischen Komposition angeordnet, die in den Figuren der drei Engel aufgelockert wird. In stark verkleinertem






Maßstab ist die irdische Szenerie gegeben. Sie zeigt ähnlich einem Fatto, das leere Grab Mariens mit den zwölf Aposteln; die Beziehung zwischen den beiden Bildteilen wird durch einen der Apostel aufgenommen, der, an Größe die anderen überragend, auf Maria im Himmel weist. Durch die Darstellung dieser Szene wird die Krönung Mariens als historisches Ereignis interpretiert und in das Marienleben eingefügt. (Vgl. Ribadeneira-Hornig, Bd 2 15.8., Theologische Erläuterungen zum Fest Mariä Himmelfahrt mit den legendären Ereignissen, S. 219 u. 222)
D1-2 MARIENERSCHEINUNGEN Das Hauptbild wird in der Mittelachse von 2 Bildfeldern in Kartuschen an den Gewölbezwickeln begleitet.
D1 Skapulierspende an den hl. Simon Stock, den Karmelitergeneral, in einer Vision des Heiligen 1251 zu Cambridge.

D2 Rosenkranzspende an den hl. Dominikus und die hl. Katharina von Siena – die beiden Marienerscheinungen berühmter Marienverehrer (vgl. Unterhausen, CBD, Bd 1 S. 551 f.) weisen wie die folgenden Embleme a-d auf die in Frauenried geübte Marienverehrung hin. Nach Pfatrisch (S. 120) wurden in Frauenried 1721 eine Mariahilf- und 1797 eine Skapulierbruderschaft errichtet, die beide am 8. September, dem Patroziniumsfest, gefeiert wurden. Der Marienzyklus in Frauenried zeigt im übrigen eine auffallende Übereinstimmung mit dem Marienzyklus in Unterhausen (Fresken von Johann Baptist Baader 1773 loc. cit., S. 549–52).
a-d EMBLEME in den Gewölbezwickeln zu beiden Seiten des Chorbogens, von diesem leicht überschnitten. Auffallend die erzählerische Gestaltung der atmosphärischen Landschaften in den Emblembildern, die an das Voralpengebiet um Frauenried erinnern.
a Wer unter diesn Schutz, der biethet allen Trutz. - In einer schneebedeckten, tief gestaffelten Gebirgslandschaft liegen zahlreiche Kirchen verstreut, wohl die acht Kirchen und Kapellen der Pfarrei Irschenberg. In halber Höhe schwebt waagrecht ein nach oben gewendeter Schild, auf dem eine Madonna, ähnlich dem Gnadenbild von Frauenried, steht. Durch den Schild werden Blitz und Hagel, die aus den Wolken hervorbrechen, abgehalten. Der Verweis des Emblems auf den Schutz, der von dem Gnadenbild ausgeht, wird noch verstärkt durch die Darstellung des Schildes. In der Emblematik ist der Schild ein häufiges Motiv, so nennt auch Picinelli, s. v. scutum, Liber 22, Nr. 139-147 zahlreiche Beispiele, die den Schild als ein Sinnbild des Schutzes, den Maria ihren Verehrern zukommt, erläutern.
b Mein Überfluß im Überfluß – Auf einer Säule, die über einem muschelförmigen Brunnenbecken aufragt, steht eine Marienstatue mit dem Kind auf dem Arm. Maria ist gekrönt und hält ein Zepter in der Rechten. Aus vier Rohren fließt Wasser in das Becken und ergießt sich in vier Strahlen über den Beckenrand auf die Erde, wo es sich zu einem Bach vereint. In diesem Emblem vereinen sich mehrere Bedeutungsebenen. Bei der Marienstatue handelt es sich um den Typus der Patrona Bavariae, die als Schutzherrin Bayerns in dieser Form ikonographisch vorgebildet ist (vgl. die Marienstatue von Hans Krumpper 1616 an der Fassade der Münchner Residenz). Damit wird sowohl der Bezug zu der beschützenden Rolle Mariens in a hergestellt als auch zum Mittelfresko D, der Krönung Mariens. Das Brunnenmotiv als Symbol marianischer Gnadenvermittlung ist bereits im Hohen Lied vorgebildet im »fons vitae« (Cant 4, 15). In Frauenried wird die Aussage gesteigert durch die Anspielung auf die vier Paradiesesflüsse, die als Gnadenflüsse von Maria ausgehen. In ähnlicher Weise hat Joh. Bapt. Zimmermann 1750-52 im Chor der Wallfahrtskirche Maria Brünnlein bei Wemding das Gnadenbild der Kirche als Brunnenstatue mit der
Darstellung der vier Paradiesesflüsse verbunden. Eines der begleitenden Embleme in Wemding zeigt nochmals einen Brunnen auf einem Globus mit vier herabfallenden Wasserstrahlen; das Lemma gibt die Bezeichnung »Fons Paradysi Gen: 26«, und die subscriptio lautet: »In alle Welt auf alle weiß strombt diser bronn des paradeys«. Auch in der Friedhofskirche in Bayrischzell ist in Fresko B das marianische Gnadenbild der Kapelle als Brunnenstatue wiedergegeben, die vier Wasserstrahlen werden von den Personifikationen der Erdteile aufgefangen (s. S. 461 f.).

c Mein Ankunft in die Welt, Aufs beste alles bestellt. – Über den Bergen und einem waldigen Tal geht die Sonne auf, Hunde und Wild erscheinen in dieser Landschaft.
d Mein heller Schein bringt Freud allain. – Hier steht über einer Landschaft mit Kornfeldern, springenden Pferden und Kühen die Sonne am Himmel; vorne im Schatten liegt ein Gehöft, im Hintergrund ragen die Berge auf, darüber im Himmel fliegen Vögel.
Die Embleme c und d westlich des Triumphbogens verbindet das Bild der Sonne. Es ist als marianisches Gnadenmotiv in der Emblematik so geläufig, daß hier nur auf ein marianisches Sonnenemblem bei Boschius, Classis 1, Nr. 599, verwiesen sei, das eine strahlende Sonne zeigt mit dem Lemma PLENA SIBI ET ALIIS. In den Emblemen a-d werden als zentrale Themen Schutz und Gnade Mariens angesprochen, dabei wird der Blick von Frauenried (a) auf Bayern (b) gelenkt. Es wird aber auch auf Fresko D verwiesen, denn mit der Krönung Mariens ist auch das Motiv der Fürbitte Mariens für die Menschen verbunden. Die Embleme c und d sprechen dagegen auf die Geburt Mariens (Fresko B) an.
Quellen und Literatur
Pfatrisch, Peter, Geschichte der Pfarrei Irschenberg, in: OAVG 23, 1863, S. 114–20.
Mayer-Westermayer, Bd 2, S. 24
KDB I OB (2), S. 1452
Dehio-Gall OB, S. 240
Kemp, Cornelia, Angewandte Emblematik in Bildprogrammen süddeutscher Barockkirchen, München 1981.