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Flensburg, ehem Haus Große Straße 30

Aus Deckenmalerei-Lab
Laß, Heiko:Flensburg, ehem. Haus Große Straße 30, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2024, URL: www.deckenmalerei.eu/81ee98dc-6941-4041-96d1-3bd9c6540329

Inventarnummer: cbdd20129

Lage: Auf OpenStreetMap anzeigen

Der Text dieses Artikels steht – ausgenommen Abbildungen – unter der Lizenz CC BY 4.0. Dieser Artikel ist lediglich eine Kopie der Originalveröffentlichung auf deckenmalerei.eu und kann veraltet sein; maßgeblich ist die dortige Originalfassung.

Aus dem Haus Große Straße 30 hat sich eine translozierte Decke mit Porträtköpfen erhalten sowie in einer Kopie eine Wandmalerei mit Jäger und Jagdwild zwischen Ranken. Sie stammen aus der Zeit um 1600. Die Malerei geht bzw. ging eventuell auf Melchior Lorichs zurück.

Decke im Renaissanceraum des Eckenerhauses
Decke im Renaissanceraum des Eckenerhauses

Das ehem. Haus Große Straße 30 in Flensburg

Kurzbeschreibung und Lage

Das Haus Nr. 30 stand an der Ostseite der Großen Straße.

Bau-, Ausstattungs- und Nutzungsgeschichte

Das Haus stammte aus dem 16./17. Jahrhundert. Ende des 16. Jahrhunderts gelangte es in den Besitz des Kaufmanns Balthasar Lorck. Dieser war ein Sohn von Thomas Lorck, der Stadtvogt, Ratsherr und königlicher Zolleinnehmer gewesen war. Sein Bruder Caspar war Diplomat. Sein Bruder Jasper besaß Vikarien in Klanxbüll. Und sein Bruder Melchior nannte sich Lorichs und war einer der bekanntesten Künstler des späten 16. Jahrhunderts — 1580 wurde er dänischer Hofmaler. Balthasar war bereits 1564 zusammen mit seinen Brüdern vom Kaiser geadelt worden. Seine Schwester Anna war Kauffrau und führte das Geschäft ihres Vaters fort. Ab 1564 war sie wie auch er als königliche Zolleinnehmerin tätig. Nach Balthasars Tod 1589 gelangte das Haus an seine Erben. 1597/98 kam es an die Tochter Catharina, die Gemahlin des Bürgermeisters Gerd von Oesede war. 1608 kaufte das Haus Henrich von Mehrfeld. Es wurde 1914 abgebrochen.[1]

Bei dem Haus handelte es sich um ein viergeschossiges Traufenhaus. Im Zuge der Abbrucharbeiten entdeckte man Decken- und Wandmalereien. Die Decke wurde ausgebaut und in das 1914 geschaffene „Gesamtkunstwerk“ des damals „Alt-Flensburger Haus“ genannten Eckener Hauses wieder eingebaut. Sie fand Platz im so genannten „Renaissancezimmer“ rechts des Eingangs, dem ehemaligen Kontorraum. Eine der Wandmalereien aus dem Haus Große Straße 30 wurde als Kopie an die Wände des Renaissancezimmers gebracht. Diese Maßnahmen erfolgten im Rahmen der Bestrebungen, im so genannten Alt-Flensburger Haus Spolien aus historischen Abrisshäusern als letzte Relikte bürgerlicher Wohnkultur für die Nachkommen zu bewahren. Daher wurden die neu geschaffenen Räume auch mit einer hochwertigen Ausstattung versehen, die entweder aus Originalen oder Repliken bestand. Das Renaissancezimmer sollte die Zeit von 1580 bis 1660 präsentieren. Das Eckener Haus wurde bis 2008 als Gaststätte genutzt, weshalb man nach 1945 zunehmend Originale entfernte und wieder in das städtische Museum verbrachte. Die Malereien wurden teilweise durch Kopien ersetzt.[2]

Forschungsstand zur Baugeschichte

Die Malerei, und in ihrem Zusammenhang auch das ehemalige Haus Große Straße 30 wurden erstmals im Jahr 1915 von Ernst Sauermann in seinem Aufsatz „Das Alt-Flensburger Haus“ beschrieben.[3] Alle späteren Veröffentlichungen fußen auf seinen Ausführungen. Zu nennen sind vor allem das Denkmalinventar von Rohling aus dem Jahre 1955[4] und die Abhandlung Wenzels von 2018.[5] Die Geschichte der Hausbesitzer hat Kraack 2013 veröffentlicht.[6]

Zwei ehemalige Räume im ersten Obergeschoss

Bau-, Ausstattungs- und Funktionsgeschichte

Die Räume wurden 1914 im Zusammenhang mit dem Abbruch des Hauses zerstört.[7]

Beschreibung

Im ersten Obergeschoss befanden sich zwei Räume mit wandfester Ausstattung, die beim Abbruch 1914 entdeckt wurde. Die beiden nebeneinanderliegenden Räume wiesen auf die Straße hinaus. Das vordere Zimmer hatte eine mit malerischen Mitteln fingierte Kassettendecke. Die Wände zierten über einer Sockelzone mit gemalter Stoffbespannung Szenen einer Feldjagd. Im östlich angrenzenden Raum befand sich — über einer gleich gestalteten Sockelzone — eine Wasserjagd.[8]

Die translozierte Deckenmalerei

Befund – Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Die Malerei ist Anfang des 17. Jahrhunderts von einem unbekannten Künstler geschaffen worden. Es wurde die Vermutung aufgebracht, dass die Malerei auf Melchior Lorichs zurückgehen könnte, da es sich bei dem Haus um das Elternhaus von Lorichs handelte. Lorichs ist bald nach 1584 verstorben.[9] 1914 wurde die Bretterdecke in das Eckener Haus transloziert, wo sie sich bis heute in einem Erdgeschossraum rechts des Eingangs befindet. 1977 wurde die Malerei großflächig übermalt und mit einem dunklen Überzug versehen sowie in Details verändert, wie es ein Vergleich mit älteren Fotos zeigt. Zudem sind nur 18 Bretter älteren Datums, die anderen sind nicht ursprünglich.[10]

Beschreibung und Ikonographie

Die Decke fingiert mit malerischen Mitteln eine Kassettendecke. Ehemals grüne Leisten teilen die Decke der Länge nach in drei Reihen mit insgesamt 15 unterschiedlich großen Kassetten. Prinzipiell ist die südliche Reihe annähernd halb so breit wie die mittlere und die nördliche. Im Osten — gegen die Fenster in einem Standerker — sind die letzten beiden Kassetten aufgrund des schmaleren Standerkers auch in der nördlichen Reihe von anderer Gestalt. Die östliche Reihe im Standerker ist zudem sehr schmal und füllt offenbar nur den beim Wiedereinbau von 1914 verbliebenen Raum aus. Die Bretter laufen nicht durch, sondern sind zwischen dem zweiten und dritten Feld von Osten her jeweils unterbrochen. In die einzelnen Felder sind jeweils geometrische Figuren wie Rhomben oder Kreuze gemalt. Die Konturen von 1914 sind übermalt und nicht genau eingehalten worden. Der Hintergrund ist dunkelgrün und die ornamentale Bemalung erfolgte in einem hellen Ocker. Die Rahmen sind in Rotbraun, Rot und Orange gehalten. Offensichtlich war der Hintergrund von 1914 blaugrau, die Rahmen hatten einen violettbraunen und blassgelben Farbton. Zumindest konnte diese Fassung in einem Fenster auf alten und neuen Brettern festgestellt werden. Die mittlere Reihe nimmt in je einem zentralen Achteck bis auf das schmale östliche Feld Porträtköpfe auf. Sie befinden sich alle auf alten Brettern. Bei früheren Überarbeitungen wurden die Köpfe zumindest partiell verändert. Sie zeigen die zeitgenössische Tracht um 1600, teilweise mit Halskrause, teilweise mit weißem Kragen.[11] Wer die Dargestellten sind und ob es sich überhaupt um Porträts handelte, ist heute nicht mehr zu sagen.

Die kopierte Wandmalerei

Befund – Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Die Wandmalerei stammt aus der Zeit um 1600. Es wurde die Vermutung aufgebracht, dass die Malerei auf Melchior Lorichs zurückgehen könnte, da es sich bei dem Haus um das Elternhaus von Lorichs handelte. Lorichs ist bald nach 1584 verstorben.[9] Die Malerei wurde beim Abriss des Hauses 1914 zerstört. Zuvor waren Pausen/Kopien angefertigt worden, nach denen die Malerei in denselben Farben durch Jensen Husby direkt an die Wände des Renaissancezimmers kopiert wurde. Nachdem die Malerei bereits 1952 durch Carl Fey erneuert worden war, wurden die Wände im Rahmen eines Umbaus 1968 verkleidet, die Tür im Osten versetzt und eine vereinfachte zweite Kopie der ersten Kopie auf Leinwand angefertigt. Beide Fassungen sind nur mehr rudimentär erhalten.[12]

Beschreibung und Ikonographie

Von der ursprünglichen Malerei im Haus Große Straße 30 ist ein Detail in einer Schwarzweißfotografie überliefert, das zwei Hasen zeigt. Es lässt sich gut erkennen, wie die Malerei auf einer Putzschicht erfolgte — Pfosten und Riegel zeichnen sich zwar deutlich ab, waren aber offensichtlich ursprünglich überputzt.[13] Die originale Farbigkeit ist nicht mehr festzustellen, und man muss sich darauf verlassen, dass die erste Kopie dem ursprünglichen Kolorit entsprach.[14]

Die Kopie im Renaissancezimmer zeigt im unteren Bereich gemalte umlaufende Tuchgehänge in den Farben Umbra und Terra di Siena. Darüber befindet sich die ebenfalls umlaufende Jagdmalerei, umgeben von schlingenden Ranken mit fantastischen Blüten und Früchten. An deren Rändern befinden sich teilweise mehrere begleitende Striche, die an Bewegungslinien erinnern. In der ersten Kopie auf Putz waren die Ranken und Früchte in den Farben gelb, blau und schwarz gehalten. Der Fond hatte ein helles Ocker. In der zweiten Kopie auf Leinwand wurden die Ranken in Grünbraun und die Früchte in Braun auf einem hellen, fast weißen Fond gemalt. Zwischen den Ranken sind verschiedene Figuren zu erkennen. Dargestellt sind unter anderem ein Berittener mit Speer, ein Jagdhund, flüchtende und kauernde Hasen, ein Hirsch sowie eine äsende Hirschkuh. Sie sind in der zweiten Kopie in Braun gehalten und heben sich damit gut von dem hellen Hintergrund ab. Es ist unbekannt, welche Farbigkeit sie in der ersten Kopie hatten.[15]

Die nicht kopierte Wandmalerei

Befund – Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Die Wandmalerei ist um 1600 entstanden und wurde beim Abriss des Hauses zerstört.[16]

Beschreibung und Ikonographie

Die nicht kopierte Wandmalerei im benachbarten Zimmer zeigte einen ähnlichen Wandaufbau. Auch hier wurde die untere Hälfte von Tuchgehängen eingenommen. Die Malerei zwischen Weinranken zeigte die Jagd auf Wasservögel. Hinzu kamen Kartuschen mit Inschriften, die aber nicht überliefert oder dokumentiert sind.[17]

Die vermutliche Bedeutung der Malerei

Es ist bemerkenswert, dass in einem Bürgerhaus Jagdszenen an die Wand gebracht wurden. Sofern es sich bei den Dargestellten an der Decke um identifizierbare Personen handelt, wäre ein direkter Bezug zwischen diesen und der Jagd herzustellen. Die Jagd erfolgt auf Hasen. Thematisiert wird also die Niederjagd. Das Hochwild bleibt ungestört. Sehr zu bedauern ist, dass die Inschriften der Kartuschen unbekannt sind. Sie hätten vermutlich Aufschluss über die tatsächliche Bedeutung der Malerei gegeben. Aufgrund der fehlenden Datierung ist außerdem unbekannt, wer sie beauftragt hat. Eine Einflussnahme oder gar Urheberschaft von Melchior Lorichs ist rein hypothetisch. Der Adelsstand von Balthasar Lorck wäre jedoch eine gute Erklärung für die Jagdszenen.

Bibliographie

  • Literatur:
  • Beseler, Bericht, 1970. — Beseler, Hartwig: Bericht des Landesamtes für Denkmalpflege Schleswig-Holstein über die Jahre 1968 und 1969, in: Nordelbingen 39 (1970), S. 192-237.
  • Kraack, Kataster, 2013. — Kraack, Gerhard (bearb.): Historisches Kataster der Stadt Flensburg. Die Häuser und ihre Besitzer von 1436 bis 1795 (Große Schriftenreihe der Gesellschaft für Flensburger Stadtgeschichte e.V., 76). 3 Bde. Flensburg 2013.
  • Lorck-Schierning, Familie Lorck, 1949. — Lorck-Schierning, Andreas: Die Chronik der Familie Lorck. Schicksale und Genealogie einer Flensburger Kaufmannsfamilie aus vier Jahrhunderten. Neumünster 1949.
  • Müller, Lorck, 1987. — Müller, Wolfgang J.: Lorck, Melchior (Lorichs), in: Stolberg-Wernigerode, Otto zu (Hrsg.): Neue deutsche Biographie, Bd. 15, Locherer – Maltza(h)n. Berlin, 1987, S. 163-165.
  • Rohling, Flensburg, 1955. — Rohling, Ludwig: Die Kunstdenkmäler der Stadt Flensburg (Die Kunstdenkmäler des Landes Schleswig-Holstein, 7). München/Berlin 1955.
  • Sauermann, Alt-Flensburger Haus, 1915. — Sauermann, Ernst: Das Alt-Flensburger Haus, in: Schleswig-Holsteinischer Kunstkalender 1915, S. 50-63.
  • Archivalien:
  • Binger, Eckener Haus, 2019. — Binger, Heike: Restauratorische Malschichtuntersuchung. Eckener Haus/Alt-Flensburger Haus, Norderstraße 8, 24939 Flensburg. Februar 2019.
  • Sabottka, Eckenerhaus, 2020. — Sabottka, Larissa: Bericht. Projekt: „Alt-Flensburger Haus“ — Eckenerhaus. Baugeschichtliche Untersuchung und Dokumentation (Raumbuch). Bearbeitungszeitraum: August 2019-Februar 2019. März 2020.
  • Sobotka, Alt Flensburger Haus, 2020. — „Alt-Flensburger Haus“ — Eckenerhaus / Baugeschichtliche Untersuchung und Dokumentation. 2020.
  • Wenzel, Eckenerhaus, 2018. — Wenzel, Eiko: Eckenerhaus/Alt-Flensburger Haus, Norderstraße 8-10. 25.05.2017. Ergänzt 30.10.2018, in: Aktenarchiv des Landesamts für Denkmalpflege Schleswig-Holstein, Akte FL Felnsburg, Norderstraße 8. Kaufmannhof: Vorderhaus. ONR 198. Akten-Nr. 23772, Bd. 1.

Einzelnachweise

  1. Kraack, Kataster, 2013, S. 570-571; Müller, Lorck, 1987; Lorck-Schierning, Familie Lorck, 1949, S. 47-64.
  2. Kraack, Kataster, 2013, S. 570. Sabottka, Eckenerhaus, 2020, S. 3, 11; Wenzel, Eckenerhaus, 2018, S. 7-9.
  3. Sauermann, Alt-Flensburger Haus, 1915.
  4. Rohling, Flensburg, 1955.
  5. Wenzel, Eckenerhaus, 2018.
  6. Kraack, Kataster, 2013.
  7. Wenzel, Eckenerhaus, 2018, S. 9.
  8. Sauermann, Alt-Flensburger Haus, 1915, S. 58. Wenzel, Eckenerhaus, 2018, S. 12.
  9. 9,0 9,1 Rohling, Flensburg, 1955, S. 468.
  10. Sobotka, Alt Flensburger Haus, 2020, S. 66-69; Binger, Eckener Haus, 2019, S. 13-15.
  11. Sauermann, Alt-Flensburger Haus, 1915, S. 58-59. Sobotka, Alt Flensburger Haus, 2020, S. 70; Binger, Eckener Haus, 2019, S. 13, 15.
  12. Beseler, Bericht, 1970, S. 225; Rohling, Flensburg, 1955, S. 468; Sauermann, Alt-Flensburger Haus, 1915, S. 58-59. Sobotka, Alt Flensburger Haus, 2020, S. 67-69; Sabottka, Eckenerhaus, 2020, S. 13; Binger, Eckener Haus, 2019, S. 6, 11; Wenzel, Eckenerhaus, 2018, S. 10, 12.
  13. Binger, Eckener Haus, 2019, S. 11.
  14. Sauermann, Alt-Flensburger Haus, 1915, S. 58.
  15. Sauermann, Alt-Flensburger Haus, 1915, S. 58-59. Sobotka, Alt Flensburger Haus, 2020, S. 65-67; Wenzel, Eckenerhaus, 2018, S. 10, 12.
  16. Rohling, Flensburg, 1955, S. 468; Sauermann, Alt-Flensburger Haus, 1915, S. 58-59. Sobotka, Alt Flensburger Haus, 2020, S. 67-69; Sabottka, Eckenerhaus, 2020, S. 13; Binger, Eckener Haus, 2019, S. 6, 11; Wenzel, Eckenerhaus, 2018, S. 10, 12.
  17. Sobotka, Alt Flensburger Haus, 2020, S. 66; Wenzel, Eckenerhaus, 2018, S. 12.