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Erfurt Egstedt, Jagdschloss Willrode

Aus Deckenmalerei-Lab
Laß, Heiko:Erfurt-Egstedt, Jagdschloss Willrode, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2022, URL: www.deckenmalerei.eu/88458819-8e21-4c0c-87d5-2963e0e2974a

Inventarnummer: cbdd10162

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Der Text dieses Artikels steht – ausgenommen Abbildungen – unter der Lizenz CC BY 4.0. Dieser Artikel ist lediglich eine Kopie der Originalveröffentlichung auf deckenmalerei.eu und kann veraltet sein; maßgeblich ist die dortige Originalfassung.

Im Hauptsaal des Schlosses hat sich ein Jagdgemäldezyklus von ca. 1770 erhalten. Die verschiedenen Szenen der Parforcejagd folgen weitgehend den Stichen von Johann Elias Ridinger. Es ist die einzige in Thüringen noch erhaltene Wandmalerei mit Jagddarstellungen.

Das Jagdschloss Willrode

Das Forsthaus Willroda

Das sog. Forsthaus Willroda[1] ist östlich im Wald von Egstedt gelegen. Es handelt sich um ein mit Mauer und Graben umzogenes Areal, das von Süden her über eine Brücke betreten wird. Es beinhaltetet mehrere Gebäude. Im Osten sind an der Mauer ehemalige Wirtschaftsbauten und eine Kapelle gelegen. Im Norden, das Mauerrund verlassend, steht das Hauptgebäude.

Geschichte und Baugeschichte

Das Forsthaus hat eine lange Geschichte, die bis in das 12. Jahrhundert zurückreicht. Die Kapelle stammt in Ursprüngen noch aus dem 13. Jahrhundert. Die alte Burg gelangte 1572 an den Rat der Stadt Erfurt. Mit dem Ende der Eigenständigkeit Erfurts 1664 kam Willroda an die Landesherrschaft – das Kurfürstentum Mainz. Die Herzöge von Sachsen-Weimar erhielten von Mainz die ehemalige Jagdgerechtigkeit der Stadt Erfurt. Das galt jedoch nicht für Willroda, wo die Hohe Jagd von den Mainzer Statthaltern ausgeübt wurde. Tettau irrt, wenn er meint, die Herzöge hätten hier die Jagdrechte besessen und das Objekt zum Jagdschloss ausgebaut.

Die konkrete Baugeschichte des Hauptgebäudes ist noch immer ungeklärt. Vermutlich wurde nach einem Brand des Vorgängerbaus zwischen 1720 und 1745 ein Neubau errichtet, der wohl nur ein Stockwerk umfasste. Nachdem Bauschäden auftraten, erfolgte 1763 ein erster Umbau. Eventuell kam es aber auch erst 1754 zum Neubau. Nach 1768/69 beschloss man unter dem Mainzer Statthalter Karl Wilhelm von Breitbach, das Forsthaus als Jagdschloss zu nutzen. Es wurde erweitert und erhielt ein erstes Obergeschoss, indem man das bestehende Dach anhob, um Raum für ein zweites Vollgeschoss zu erhalten. Der ab 1772 als Statthalter in Erfurt amtierende Karl Theodor von Dalberg ließ das Gebäude im Inneren für seine neue Funktion weiter ausbauen und ausstatten.

1803 kam Willroda zusammen mit Erfurt an Preußen, dann an 180717 an Napoleon und 1815 wieder an Preußen. Willroda wurde seit 1802 nur noch als Forsthaus bzw. Dienstsitz der Försterei Willroda, nicht aber als Jagdschloss genutzt.

Ab 1992 erfolgten erste Sicherungsarbeiten und ab 2001 eine Gesamtsanierung des Anwesens bis 2012.

Das Jagdschloss

Das Hauptgebäude ist ein zweistöckiger, schmucklos verputzter Fachwerkbau mit Krüppelwalmdach. Es misst elf auf drei Achsen. Annähernd in der Mitte ist der schlichte Eingang gelegen. Eine weitere Tür befindet sich in der zweiten Achsen von rechts. Im Inneren erschließ links der Tür eine Treppe den zweiten Stock. Dort ist zentral der Hauptsaal gelegen, der von zwei mittigen Fluren erschlossen wird.

Der Hauptsaal

Bau- und Ausstattungsgeschichte

Der Raum[2] wurde gegen 1770 für Karl Wilhelm von Breitbach errichtet und ab 1772 für Carl Theodor von Dalberg ausgestattet. Beide beauftragen als Mainzer Statthalter und nicht als Privatpersonen.

Beschreibung

Der nicht exakt rechteckige Raum misst rund 7,6 auf 9,8 Meter. Er ist drei Fensterachsen breit und reicht durch die gesamte Gebäudetiefe, sodass er von Norden und Süden Licht erhält. Zwei mittige Türen an der West- und Ostwand ermöglichen den Zugang. Die Decke ist mit Rocaillen von Bernhard Hellmuth stuckiert, die Wände sind über einem Sockel flächendeckend mit einer umlaufenden Malerei versehen. Lediglich Fenster und Türen sind ausgespart.

Die Wandmalerei im Saal

Befund – Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Die Wände sind mit einer flächendeckenden Malerei.[3] versehen. Sie wurde mit ölhaltiger Tempera auf Leinwand gefertigt und zeigt die verschiedenen Stationen einer Parforcejagd. Der Maler war der aus Erfurt stammende Rudolph Christian Albert Zöllner. Es ist unbekannt, ob die Malereien für den Saal geschaffen oder angekauft wurden. Zöllner war Bayreuther Hofmaler und es wird davon ausgegangen, dass die Jagdgesellschaft eine Bayreuther Jagd zeigt und unter den Dargestellten auch Markgraf Friedrich III. von Brandenburg-Bayreuth zusammen mit seiner zweiten Gemahlin Sophie Caroline Marie von Braunschweig-Wolfenbüttel zu sehen sind. Die Malerei wurde Mitte des 20. und Anfang des 21. Jahrhunderts restauriert.

Beschreibung und Ikonographie

Die Wände des Hauptsaals nehmen insgesamt zwölf Gemälde auf. Die 2,5 Meter hohen Darstellungen sind um die Raumecken herumgeführt. Abgegrenzt werden sie durch Fenster und Türen. Die ehemals unter den Fenstern befindliche Malerei ist heute verloren. Sie ist durch farblich angepasste Leinwände ersetzt.

Gezeigt wird die Parforcejagd auf einen Hirschen in mehreren Szenen. Die rote Uniform war für die Parforcejagd typisch und entspricht in ihrer Ausprägung ungefähr der Zeit um 1760/70.

Der Beginn der Jagd an der Westwand

Die erste Szene der Jagd ist an der Westwand rechts der Tür zu sehen. Der zu jagende Hirsch wird aus der Deckung gedrückt. Auf Pferden sieht man die berittene Parforcejäger, während der kläffende Lancierhund von einem grünen Jäger zurückgehalten wird.

Die Malerei an der Nordwand

Die Jagd setzt sich an der Nordwand fort. Zwischen dem linken und mittleren Fenstern sieht man einen berittenen Jäger und zwei Jäger zu Fuß. Es handelt sich um eine Szene, in der die sogenannten Relais vom Kommandeur der Jagd ausgesetzt werden – also das Verteilen von Ersatzhunden entlang der vermuteten Fluchtrute des Hirschen. Zwischen linkem und rechtem Fenster erblickt man Berittene und Hunde, die von rechts nach links entgegen der Erzählrichtung stürmen. Offenbar jagen sie dem Hirsch hinterher.

Das Hetzen des Hirschen an der Ostwand

An der Ostwand kann man den Flüchtenden dann erblicken, wie er von Reitern und Hunden von links nach rechts verfolgt wird.

Den Hirsch verlassen die Kräfte

Rechts der Tür haben den Hirschen dann die Kräfte verlassen. Er wird von den Hunden angefallen und ein Jäger zückt ein Jagdschwert, um ihm die Hinterlaufsehnen zu durchschlagenden. Erst der Jagdherr wird seinen Qualen mit dem Hirschfänger ein Ende bereiten. Von rechts kommen bereits weitere Jäger mit Hunden herbei.

Die Malerei an der Südwand

An der Südwand ist zwischen linkem und mittlerem Fenster ein Reiter mit Hunden zu sehen. Die Szene passt nicht in den chronologischen Ablauf der Jagd und ist vor dem Beginn der eigentlichen Hetzjagd anzusetzen. Die Szene zwischen mittlerem und rechtem Fenster zeigt zwei Jäger, die in ihre Parforcehörner blasen und die Jagdgesellschaft über das bevorstehende Ende der Jagd informieren.

Das Ende der Jagd an der Westwand

An der Westwand ist schließlich das Ende der Jagd dargestellt. Der Jagdherr ist mit seiner Gemahlin zur Stelle und auf einer kleinen Erhebung zu sehen. Ein Jäger ist im Begriff, den Kopf des Hirschen abzutrennen. Er wird ihn gleich den Hunden präsentieren. Von links trägt ein weiterer Jäger an einer Stange die Belohnung der Hunde herbei – vermutlich Rinderpansen. Es gibt weitere Zuschauer, die dem Spektakel beiwohnen. Die Jäger blasen das Halali – die Jagd ist beendet.

Vorlagen und Vergleiche

Die Vorlage

Die Darstellungen folgen alle Johann Elias Ridinger,[4]der 1756 einer Folge von 16 Blatt die Parforcejagd auf einen Hirschen darstellte. Von den 16 Blatt seines Werkes wurden fast ausnahmslos Darstellungen gewählt, die auch den Hirsch zeigen. Die Jagdvorbereitungen oder rein höfische Szenen sind nicht wiedergegeben. Jedoch wurde keine Vorlage eins zu eins kopiert, sondern in zahlreichen Details verändert, den Umständen oder auch dem Raum angepasst. Am Auffallendsten ist dabei, dass blutige Szenen entfernt und Architekturen einfügt wurden. So fehlt die Vorsuche mit dem Leithund, das Aussetzen der Relais, das Stellen des Hirschen und das Erlegen des Hirschen. Im Folgenden werden die wichtigsten Änderungen kurz benannt.

Die Änderungen

Die erste Szene mit dem Beginn der Jagd geht auf die Darstellung „Der Anjagdhirsch wird vom Lancierhund gesprengt“ zurück und wurde nach links erweitert. Dort ist ein flüchtender Fuchs zu sehen. Die Szene an der Nordwand zwischen den Fenstern links geht auf eine Darstellung zurück, in der der Kommandeur der Jagd die Relais aussetzt. Die Szene zwischen den Fenstern rechts ist ein Detail aus einer Darstellung Ridinger „Der Hirsch wird von dem Piquer aufgenom[m]en die gantze Meute bey denen brüchen auf die fæhrte gebracht u. nach ihren Harden gelöset“. Das Hetzen des Hirschen an der Ostwand wurde insoweit abgeändert, als ein Hund, der den Hirsch bereits überholt hat, fortgelassen wurde und auch ein Relais, das im Hintergrund zu sehen war, nicht übernommen wurde. Dafür wurde links ein weiterer Reiter hinzugefügt. Die Darstellung des Anfallens des Hirschen durch die Parforcehunde an der Ostwand rechts hat ein leicht verändertes Personal. Die Bäume wurden verändert, ein Pferd eingefügt und der Blick in den Himmel im Gegensatz zur Vorlage frei gegeben. An der Südwand ist ein Reiter vor einem Schloss im Hintergrund zu sehen. Er ist Ridingers Darstellung „Der Zug nach dem Bogen auf den Anjagts Hirschen“ entnommen. Das Schloss ist neu hinzugekommen. Die tollenden Hunde rechts stammen, wie die Jäger, die in das Parforcehorn blasen, aus dem „Curee“. Sie fehlen dafür auf der Westwand, wo das Curee Ridingers wiedergegeben wird. Diese Darstellung weicht am stärksten von der Vorlage ab. Zu sehen ist nicht der Moment, bei dem den Hunden der abgetrennte Kopf des Hirschen präsentiert wird, sondern jener kurz vor dem Abtrennen. Es handelt sich so um das Halali, nicht das Curee. Das Personal ist stark verändert und im Hintergrund eine Burg zu sehen.

Programm und Darstellung

Der Künstler

Die Jagdgemälde schuf Rudolph Christian Albert Zöllner. Er stammte aus Erfurt und war Hofmaler bei Markgraf Friedrich III. von Brandenburg-Bayreuth. Dieser jagdbegeisterte Herrscher starb 1763 und die Bilder für Willrode entstanden nach seinem Tod. Vielleicht gab es sie aber auch bereits zuvor und sie wurden nach 1763 im Fürstentum Bayreuth nicht mehr benötigt. Denn der neue Markgraf stellte zahlreiche Baumaßnahmen und die teure Jagd ein. Auch entließ er zahlreiche Künstler.

Die Darstellung und das Programm

Die Darstellungen in Erfurt sind offenbar auf einen bestimmten Hof hin gestaltet worden. Die Farbe der Uniformen kann dabei nur bedingt Rückschlüsse erlauben, denn Grün für die Jägerei und Rot für die Parforcejägerei waren allgemein üblich. Offenbar handelt es sich aber um einen weltlichen Hof, denn beim Halali sind der Jagdherr und seine Gemahlin eindeutig zu identifizieren. Die Jagd findet in einem Laubmischwald statt. Der gleiche Baumbestand und die einheitlichen Horizontlinie mit Ausblicken in einen ähnlichen Himmel zeigen eine Mittelgebirgslandschaft. Die eigens hinzugefügten Architekturen lassen sich nicht mit Bauten in Thüringen identifizieren. Die Burg über dem Halali gleicht aber stark Burg Thierstein. Diese steht im ehemaligen Fürstentum Bayreuth oberhalb des bevorzugten Parforcejagdreviers von Schloss Kaiserhammer. So sind der Jagdherr und seine Frau auf dem Gemälde mit Markgraf Friedrich III. und seiner zweiten Frau Sophie Caroline Marie von Braunschweig-Wolfenbüttel zu identifizieren. Die Frau im Hintergrund könnte seine Tochter Elisabeth Friederike Sophie sein, die von ihrem Mann getrennt im Fürstentum ihres Vaters lebte. Gezeigt werden also die höfischen Aspekte der Parforcejagd im Fürstentum Bayreuth unter Markgraf Friedrich III.

Bibliographie

  • Literatur:
  • Baier-Schröcke, Stuckdekor, 1968. – Baier-Schröcke, Helga: Der Stuckdekor in Thüringen vom 16. bis zum 18. Jahrhundert (Schriften zur Kunstgeschichte, 10). Berlin 1968.
  • Bruckschlegel, Willrode, 2007. – Bruckschlegel, Hans: Zur Restaurierung der Gemälde im Forsthaus Willrode. In: Stadt und Geschichte, Zeitschrift für Erfurt 36 (4/2007), S. 25.
  • Dehio, Thüringen, 1998. – Dehio, Georg: Thüringen (Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler). Bearbeitet von Stephanie Eißing und Franz Jäger. Berlin/München 1998.
  • Schuchardt, Willrode, 1965. – Schuchardt, Hans: Willrode im Spiegel der Geschichte der Stadt Erfurt (Beiträge zur Geschichte der Stadt Erfurt, 1). Göttingen [1965].
  • Tettau, Erfurt, 1890. – Tettau, Wilhelm von (Bearb.): Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler der Stadt Erfurt und des Erfurter Landkreises (Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler der Provinz Sachsen, 13). Halle 1890.
  • Quellen:
  • Ridinger, Parforcejagd, 1756. – Ridinger, Johann Elias: Die par force Jagd des Hirschen und deren ganzer Vorgang mit ausführlicher Beschreibung. Augsburg 1756.
  • Archivalien:
  • Nitz, Willroda, 2003. – Nitz, Thomas: Forsthaus Willroda – Hauptgebäude und Kapelle –. 1. Ergänzung zur bauhistorischen Untersuchung. Dokumentation durchgeführt im Auftrag des Thüringer Forstamtes Kranichfels – baubegleitend im Jahr 2003. Fachbüro für Denkmalpflege Thomas Nitz. Erfurt 2003. In: Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Bau- und Kunstdenkmalpflege, Archiv [51.041-0001]. Erfurt, Forsthaus Willroda.
  • Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Bau- und Kunstdenkmalpflege, Archiv [51.041-0001]. Erfurt, Forsthaus Willroda.
  • Wolf/Beck/Keyßler, Willrode, 1991. – Wolf, Beck, Keyßler. Architekten, Ingenieure & Parnter: Forsthaus Willrode, Kr. Erfurt, Befund, Sicherung 1991. In: Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Bau- und Kunstdenkmalpflege, Archiv [51.041-0001]. Erfurt, Forsthaus Willroda.

Einzelnachweise

  1. Bruckschlegel, Willrode, 2007; Nitz, Willroda, 2003; Dehio, Thüringen, 1998, S. 1387; Wolf/Beck/Keyßler, Willrode, 1991, S. 2; Schuchardt, Willrode, 1965, S. 812, 100; Tettau, Erfiurt, 1890, S. 405406.
  2. Nitz, Willroda, 2003; Wolf/Beck/Keyßler, Willrode, 1991, S. 69; Baier-Schröcke, Stuckdekor, 1968, S. 127128;Schuchardt, Willrode, 1965, S. 1012.
  3. Bruckschlegel, Willrode, 2007; Nitz, Willroda, 2003; Wolf/Beck/Keyßler, Willrode, 1991, S. 2; Schuchardt, Willrode, 1965, S. 1012.
  4. Ridinger, Parforcejagd, 1756.