Diemendorf, Filialkirche St. Margareta
Filialkirche, Gemeinde und Pfarrei Tutzing, Diözes Augsburg; z. Z. der Ausmalung Hofmarkskirche der Freiherren Vieregg von Tutzing, Pfarrei Pähl
Patrozinium: St. Margareta
Zum Bauwerk: Die Kirche wurde an Stelle eines mittelalterlichen Vorgängerbaues, dessen Turm noch steht, vor 1739 erbaut. – Einfacher Saalbau mit abgerundeten Ecken, eingezogener AR und im W eine Empore.
Autor und Entstehungszeit: A ist in der O-Ecke auf einem Stein signiert: P Wanner. Von dem Autor sind keine Lebensdaten und auch keine weiteren Werke bekannt. Als Entstehungszeit kann das Datum des Kirchenneubaus, 1739, wohl nicht in Frage kommen. Komposition, tafelbildartige Anlage, hohes Bildformat, Farbe und Art der Landschaftsdarstellung sprechen für eine Datierung um oder nach 1800.
Befund
Träger der Deckenmalerei: A ovale, im Freskofeld abgeflachte Kuppel; B Flachkuppel
Rahmen: A gekehltes, bemaltes Profil; B Stuckprofil; A1-2, B1-4 Stuckprofil
Technik: Fresko; A, B polychrom; A1-2 monochrom karmin; B1, B3 monochrom ocker; B2, B4 monochrom grüngrau Maße: A Höhe 6,35 m; 6,25 × 2,75
B Höhe 6,00 m; ∅ 1,50
Erhaltungszustand und Restaurierungen: Erste Restaurierung 1865; leichte Übermalungen bei der letzten Restaurierung von 1963; geringfügige Risse in A
Beschreibung
A MARTYRIUM DER HL. MARGARETA Die Darstellung ist als einansichtige Szene, tafelbildartig ohne Verkürzungen und Untersicht angelegt. Es gibt keine Himmelsöffnung.
Im Zentrum des Bildes kniet die hl. Margareta mit ausgebreiteten Händen und zum Himmel erhobenen Augen. Ein Greis, der hinter ihr steht und sich über sie beugt, spricht ihr beschwörend zu. Ein römischer Hauptmann tritt Margareta gegenüber, begleitet von zwei Soldaten mit Fahne und Lanze. Eine Gruppe von drei Soldaten oder Folterknechten bildet den Übergang zum Vordergrund, wo ein Feuer brennt. Über der Szene ein Engel und Puttoköpfe in den Wolken.
Kühle Buntfarben herrschen vor, hart gegeneinander abgegrenzt in nicht mehr barocker Farbkomposition.
B ST. MARGARETA IN DER GLORIE Margareta sitzt auf Wolken, von Putti umgeben, und zeigt einem Drachen zu ihren Füßen das Kreuz in ihren Händen. A1-2, B1-4 runde Medaillons mit Doppelemblemen.
Ikonographie
Die hl. Margareta, Tochter des heidnischen Priesters Aedesius aus Antiochien, wurde von einer christlichen Amme im Glauben unterwiesen. Sie weigerte sich, den Präfekten Olybrius zu heiraten, der sich um sie bewarb. Darauf ließ dieser sie mit glühenden Haken zerfleischen. Auf dem Bild A ist der hl. Margareta gegenüber der Präfekt Olybrius dargestellt, in dem Greis hinter ihr darf man wohl ihren Vater, Aedesius, sehen. Die Folterknechte machen die Ha-Martyrlum der hl. Margareta


Die Figuren für die Marter glühend. Der Engel trägt Palmzweig und Martyrerkrone.
In B erinnern Kreuz und Drache daran, wie Margareta nach ihrem ersten Martyrium im Kerker saß, wo ihr der Teufel erschien. Aber durch das Kreuzeszeichen überwand sie die Macht der Hölle. Der Drache ist individuelles Attribut Margaretas. Das Schwert in der Hand des Engels weist auf ihren endgültigen Martertod durch Enthauptung hin (Ribadeneira-Hornig, Bd 2, 20. Juli, S. 72 f.).
EMBLEMATISCHE DARSTELLUNGEN Die sechs Medaillons sind dreiteilig gegliedert, sie haben ein lateinisches Lemma, eine historische Szene und eine Emblemicon. Die Icones haben eine oder mehrere Perlen zum Gegenstand. Die Perle, lateinisch margarita, spielt auf die Heilige dieses Namens an. Die auf wenige Figuren reduzierten historischen Szenen aus dem Leben der hl. Margareta stehen an Stelle eines Epigramms und ergänzen zugleich die beiden Hauptfresken, die das Martyrium und die Glorie der Heiligen zeigen, zu einem Lebenszyklus.
A1 SPLENDET IN ORTU. — Die Amme zeigt dem Kind Margareta das Kreuz Christi. — Eine Perle in einer Muschel. Die Perle in der Muschel ist in der Emblematik ein Bild der Reinheit, Grundlage dieser Vorstellung ist die von Plinius stammende Annahme, daß die Perle aus einem in die Muschel eingedrungenen Tautropfen (= Herkunft vom Himmel) entstehe (diese Erklärung gibt Picinelli beim ersten Perlenemblem: Liber 12, Nr. 212 s. v. margaritha). Die historische Szene setzt das Perlenemblem in Beziehung zu der frommen Kindheit der Heiligen. Das von heidnischen Eltern abstammende Kind hatte den christlichen Glauben durch seine Amme erhalten.
A2 NICHIL AB AEQUORE SUGIT Margareta widersteht der Leidenschaft des Olybrius. Perle und Muschel inmitten der Fluten. Dieses Emblem ist bei Picinelli Liber 12, Nr. 217, beschrieben: »Mirifica adeo concha margarithiferae custodia est, ut assiduo vel supra areno sam glaream, vel supra maris undas volutata, nullai umquam aquae guttulam intra se admittat. Hunc proind hanc gnomam subjungere placet: NIL MARIS EXSUGIT VO NIL AB AEQUORE SUGIT.« Der beiden Bildern gemeinsame Sinn ist die Bewahrung der Reinheit
B1 NEC FULMINA TERRENT Margareta weist den Teufel in der Gestalt eines Drachens mit dem Kreuz zurück. Ein Blitz zuckt über der Perle. Wie die Perlmuschel von Blitz und Unwetter unberührt bleibt, so Margareta vom Bösen. Das Sinnbild steht für die Unerschrockenheit des Gerechten.
Picinelli führt ein Perlenemblem für die gleichmütige unerschrockene Tugend an. Das Bild hat jedoch keinen Blitz, sondern einen Bohrer über der Perle (Liber 12, Nr. 232 »... margaritham depinxit, una cum terebello ad eam perforando destinato. Inscriptionem addidit QUOVIS ROTUNDA.« Anschaulicher und einprägsamer sind das hier gewählte Bild von dem bedrohenden Blitz und das Lemma NEC FULMINA TERRENT, die in gleicher Sinngebung in anderen Zusammenstellungen geläufig sind, z. B. beim Adler (Liber 4, Nr. 112, s. v. aquila) oder beim Lorbeerbaum (Liber 9, Nr. 206, s.v. laurus). Das Perlenemblem B1 knüpft sinngemäß bei Emblem A2, das die wohl geschützte und behütete Perle vorstellt, an. Die Drachenszene erläutert die Bedeutung der Icon für Margareta als die Standhaftigkeit in der Versuchung
B2 OMNIBUS OMNIA Ein Krüppel fleht zur hl. Margareta, die auf einer Wolke sitzt und aus deren Händen ein Strahl auf ihn fällt. Perlen neben einem Mörser mit Stößel. – Das Pulver der zerstoßenen Perle diente als Medizin, die als sehr wirksam angesehen war. Picinelli bringt ein Perlenemblem, das sich hierauf bezieht: »Experimentis comprobatum est, pulverem margarithae contusae praesentissimum esse remedium ad restaurandas aegrotantium vires... Ita evenit, ut, quae modo candore suo formaque admirabilis, inter divitias Regum habebatur, jam fracta censeatur melior. Unde Serenissimus Philotheus margarithae etiamnum integrae subscripsit: FRACTA TAMEN MELIOR. Das Emblem wird auf die Passio Christi bezogen (Liber 12, Nr. 249). Beim Diemendorfer Emblem sind zur Verdeutlichung des Sinngehalts Mörser und Stößel in die Icon einbezogen, das Lemma ist da- gegen inhaltlich allgemein gehalten. Die Perlen als wirksame Medizin weisen auf die wunderbare Hilfe der Patronin Margareta hin.
B3 SUB SOLE RUBESCIT Ein Folterknecht sengt den entblößten Oberkörper Margaretas mit einer Fackel. Die Sonne scheint auf die Perle. Bei Picinelli steht das Bild der unter den Sonnenstrahlen sich rot verfärbenden Perle für die leicht verletzbare Tugend der Jungfräulichkeit: »Candor inter primas margarithae proprietates numeratur; qui tamen ipse offuscatur et in rubedinem quandam degenrat, si iniqua sua sorte apertis solaribus radiis exponatur. Unde Plinii verbis inhaerens, margaritham hoc lemmate affeci: sub sole rubescit« (Liber 12, Nr. 219). Die Zusammenstellung mit der Marterszene ergibt einen anderen Sinnbezug: Die sengenden Sonnenstrahlen werden den folternden Fackeln verglichen. Das Rot der Perle bezeichnet das Blut der Martyrin.
B4 INDE OMNE DECUS Margareta kniet, von einem Engel in den Wolken fallen Strahlen auf sie. Lichtstrahlen fallen auf die Perle in der Muschel. Dieses Emblem stimmt auch im Sinnbezug mit einem Emblem Picinellis überein, das für die Gottes Gnade dankbar annehmende Seele des Menschen steht: »Animum, adversus benefici gratum, e Margaritha dignoscis, quae radiis solaribu exposita, hanc gnomen praefert: HINC NITOR, HINC VIGO vel . . . et decus, et pretium« (Liber 12, Nr. 227, vgl. auc Nr. 214). Die Engelserscheinung – formal durch das Strahlenmotiv der Perlenicon angeglichen – gibt die Stärkung Margaretas durch einen Engel nach der Versuchung des Teufels wieder. Lemma und Icon bestimmen die Szene näher: allein durch Gottes Hilfe vermag Margareta das Martyrium durchzustehen.
Quellen und Literatur
Gailler, Franz, Vindeliciae Sacrae Tomi 3 . . . Capitului Weilheimense, Augsburg 1756, Cap. 22, 5. Braun-Augsburg, Bd 1, S. 343, 349. KDB I OB (1), S. 861.




