Dätzingen, Malteserschloss
Inventarnummer: cbdd10048
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Schloss Dätzingen schmücken in situ sechs Veduten des Hafens von La Valletta auf Malta, gemalt nach dem Vorbild einer für den Druck vorgesehenen Folge des französischen Geographen A. F. G. de Palmeus, die ihrerseits auf die Vedutenserie des „maltesischen Canaletto“ Alberto Pullicino zurückgeht.

Das Schloss und Johann Baptist Anton von Flachslanden als Auftraggeber des Saals
Baugeschichte des Schlosses
Schloss Dätzingen im Landkreis Böblingen stellt sich heute als dreigeschossige Vierflügelanlage dar mit einem dem Ort an der Nordseite[1] zugewandten Portikus. Der Portikus entstand 1814 nach Plänen von Nikolaus Friedrich von Thouret an der Stelle, an der einst der Verbindungsgang zur Kirche seinen Ausgang nahm. Die 1812 abgebrochene Kirche mit dem Patrozinium der hl. Barbara lag schräg zum Schloss auf dem Terrain der heutigen Auffahrt, wo sie vom Gottesacker umgeben war. Die einzelnen Bauphasen der Anlage, die in Teilen auf mittelalterliche Vorgängerbauten zurückgeht,[2] sind nicht genau dokumentiert. Als Zeitpunkt einer Erweiterung wird in der Literatur immer wieder das Jahr 1607 genannt,[3] doch ohne Quelle und ohne weitere Spezifizierung.
Der einst der Kirche und dem Ort zugewandte Nordflügel ist im Grundriss deutlich tiefer als die drei anderen Flügel und besitzt deshalb auch ein höheres Dach. Er ist unterkellert ebenso wie die unmittelbar anschließenden drei bis vier Achsen von West- und Ostflügel. Der Dachstuhl über diesem unterkellerten dreiflügeligen Bereich konnte 2010 dendrochronologisch auf das Jahr 1627 datiert werden.[4]
Auf der Ansicht in Kiesers Forstlagerbuch von 1681[5] sind die Nord-, West- und Südseite des Schlosses zu sehen.[6] Zu erkennen ist der tiefe Nordflügel mit seinem hohen Dach und dem Verbindungsgang zur Kirche. Der Westflügel bestand in etwa wie heute und im rückseitigen Südflügel ist das rundbogige Tor der heutigen Durchfahrt zu sehen. Es könnte aufgrund seiner Ornamentik in die Renaissance gegeben werden. Im Osten steht bei Kieser ein einzelnes Gebäude. Die dendrochronologische Untersuchung des Dachstuhls von 2010 erbrachte erstmals, dass das Ensemble im Jahr 1733 zur Vierflügelanlage geschlossen und baulich vereinheitlicht wurde.[4]
Eine weitere wichtige Erkenntnis des dendrochronologischen Gutachtes bestand darin, dass im Jahr 1773/74 das Dachwerk über dem heutigen Maltesersaal nachträglich durch eingefügte Sprengbünde ertüchtigt wurde, um darunter die Anlage eines stützenfreien Saals zu ermöglichen.[4] Das Datum entspricht dem Amtsantritt des letzten Komturs Johann Baptist Anton von Flachslanden. Ein weiteres die Baugeschichte betreffendes Datum aus der Amtszeit Flachslandens fand sich im Kellergeschoss. Dort ist in der Achse, mit der die Unterkellerung im Westflügel beginnt, am Türsturz die gemeißelte Jahreszahl 1784 zu lesen.
Johann Baptist Anton von Flachslanden
Dank der dendrochronologischen Datierung des Dachstuhls lässt sich der Saal eindeutig dem letzten Komtur von Dätzingen Johann Baptist Anton von Flachslanden (1739–1822) zuordnen.[7] Flachslanden erhielt seine militärische Ausbildung zum Professritter auf der Insel Malta, wo er 1768 zum Generalkapitän der Galeerenflotte ernannt wurde. 1773 wurde er Komtur von Dätzingen und Rohrdorf, hielt sich von da an jedoch zumeist im Großpriorat der Deutschen Zunge in Heitersheim auf. Mit der Einrichtung des Saals im Jahr 1775 und sicherlich auch eines zugehörigen Appartements setzte er gleich nach seinem Amtsantritt in Dätzingen einen repräsentativen Akzent.
1781 wandte sich der ehrgeizige Ordensritter dem kurbayrischen Hof unter Kurfürst Carl Theodor zu. Hintergrund war dessen Unterfangen, als Pfründe für seinen natürlichen Sohn Carl August von Bretzenheim (1768–1823),[8] die stillgelegte Englische Zunge des Malteserordens als Englisch-Bayerische Zunge neu zu beleben.[9] Zum Großprior der Englisch-Bayerischen Zunge wurde Carl August von Bretzenheim ernannt, doch lenkte die Geschicke defacto Johann Baptist Anton von Flachslanden. Der Prestigegewinn zusammen mit gesteigerten Einkünften seit 1783 als Turcopolier (Kommandant der Kavallerie, Ehrenamt der Englischen Zunge)[10] dürften zur zweiten, aufgrund des Baudatums im Keller um 1784 anzusetzenden Ausstattungsphase des Maltesersaals mit den im Goût grec-Stil gerahmten Veduten geführt haben. Außer mit der Ausgestaltung des Saals tat sich Flachslanden in Dätzingen mit der Anlage eines stimmungsvollen Landschaftsgartens mit einem See und mehreren Kleinarchitekturen hervor.
Der Saal und seine Ausgestaltungsphasen

Beschreibung
Der Saal befindet sich als Eckraum im ersten Obergeschoss. Die Schmalseite des längsrechteckigen Raums ist der heutigen Eingangsseite des Schlosses, die Längsseite dem Garten an der Ostseite zugewandt. Die Schmalseite ist dreiachsig, besitzt aber lediglich zwei Fenster, da die dritte Achse fensterlos ist. Die ebenfalls dreiachsige, mit drei Fenstern versehene Längsseite verfügt über breitere Trumeaus als die Schmalseite, sodass ein längsrechteckiger Raum entsteht.
Die Wände sind mit einer Stuckgliederung versehen, deren Ornamentik zwei Ausstattungsphasen verrät. Eine erste Phase mit Rocaille ist der dendrochronologischen Datierung im Dachstuhl zufolge 1775 anzusetzen. Eine zweite Phase im Goût grec lässt sich mit der Jahreszahl 1784 im Keller in Verbindung bringen. In die Stuckgliederung wurden zwei thematisch zusammengehörende, zeitlich jedoch 1775 und 1783 anzusetzende, nachfolgend zu besprechende Gemäldezyklen eingesetzt. Gegenüber der langseitigen Fensterwand steht in einer Nische ein im 20. Jahrhundert erneuerter Ofen, der vom Vorraum des Saals aus befeuert werden konnte.
Die Rocaille-Ornamentik findet sich an den Rahmen der insgesamt vier Supraporten und als Ovalkartusche mit schilfigen Blattzweigen am Rahmen des Porträts an der Nordwand. Bei den Supraporten lässt es sich erkennen, dass am unteren Profil in der Mitte nachträglich das Akanthusblatt beschnitten wurde. Offenbar störte es in der zweiten Ausstattungsphase und zwar weniger körperlich, da die Gemälde ringsum Luft in ihrem Rahmen haben, als vermutlich vielmehr stilistisch.
Die Goût grec-Rahmungen nehmen an den Wänden und an den Trumeaus die insgesamt sechs Veduten des Hafens von La Valletta auf Malta auf. Sie bestehen aus dicht geflochtenen Blattzöpfen, die von einer Schleife herabhängend die Gemälde bekränzen. Am Rahmen des Porträts wurden dem aufstrebenden Schilfgebinde zwei herabhängende Zöpfe hinzugefügt.
Das ehemalige Mobiliar
Die einstige Möblierung des Saals ist einem Inventar vom Anfang des 18. Jahrhunderts über die mobilen Verlassenschaften des Malteserordens zu entnehmen.[11] Außer dem Kanonenofen befanden sich dort vier Konsoltische, wovon drei (ein großer und zwei kleine) à l’antique, also im Goût grec gestaltet und mit marmornen Platten versehen waren. Zwölf geflochtene Armlehnstühle standen im Raum vermutlich entlang der Wände. Über den fünf Fenstern waren eiserne Halterungen für Vorhänge angebracht. Die Gemälde wurden nicht aufgeführt, da es sich nach damaligem Verständnis um eine wandfeste Dekoration handelte, die nicht in die Obhut des Kastellans fiel, der zu seiner Entlastung das Inventar erstellt hatte.
Veränderungen im Klassizismus
Vermutlich unter Thouret wurde der Saal klassizistisch weiß übertüncht. Dieser Zustand ist durch Fotografien mehrfach dokumentiert. Nachdem die Gemälde 1962/63 durch das Landesdenkmalamt restauriert worden waren,[12] entschloss man sich 1969 zur Wiederherstellung einer Marmorierung, die seither auf dem Lambris grün marmorierte, auf der aufgehenden Wand rot marmorierte Felder auf rotem, beziehungsweise hellgelbem Grund zeigt.[13]
Die vier Supraporten

Die vier Supraporten, die vermutlich für die Ausstattungsphase von 1775 entstanden, unterscheiden sich von den Veduten an den Wänden in mehrfacher Hinsicht. Das verbindende Thema der Supraporten ist die Flotte des Malteserordens, deren Galeeren und Segelschiffe auf tiefdunklem Wasser vor bedeutenden Hafenstädten des östlichen Mittelmeers zu sehen sind. Anders als die bildparallel angelegten Veduten an den Wänden sind die Supraporten typologisch älter noch in der Art von Vogelschauen gegeben. Die Hafenstädte sollen Akkon, Rhodos, Malta und Lepanto darstellen.
Gut zu erkennen ist Lepanto (griechisch Nafpaktos) mit seinem venezianischen Fort rechts oberhalb der Hafeneinfahrt. Mehrere Kuppeln und Minarette im Stadtbild zeigen die dort seit dem Frieden von Karlowitz (1699) wieder türkische Herrschaft an. Im Vordergrund kommt in zeremonieller Formation eine Galeerenflotte des Malteserordens auf den Betrachter zu. Mit ihrem vergoldeten Hauptschiff und der Zielstrebigkeit, mit der sie den schützenden Hafen verlässt, hebt sie sich eindrucksvoll von den weiß beflaggten, still vor Anker liegenden Segelschiffen ab. Menschen sind auf den Supraporten keine zu sehen.
Die sechs Veduten

Gegenstand
Die sechs großformatigen Veduten (ca. 120 x 180 cm) entstanden vermutlich 1783 für die Ausstattungsphase von 1784. Sie zeigen bildparallel angelegte Ansichten der stark befestigten Hafenlandschaft von La Valletta auf der Insel Malta. Im Vordergrund bilden Staffagefiguren das beschauliche Leben wohlhabender Ordensritter ab, während im Mittelgrund prächtige Segelschiffe und stark bemannte Galeeren in den Hafen einlaufen oder dort vor Anker liegen.
Entlang der Horizontlinie etwa in der Mitte der Bilder entfaltet sich das Panorama in ruhiger Präzision. Auf dramatisch aufragende Gebäude und suggestive Tiefenzüge, wie sie die Vedutenmaler Canaletto und auch Vanvitelli immer wieder anwandten, hat der maltesische Maler verzichtet. Die Variation seiner Gemälde ergibt sich durch ihre Detailgenauigkeit, mit der sie die verschiedenen Ansichten des stark zergliederten Hafenpanoramas wiedergeben. Farblich ist ihre Palette auf Hellblau, Ocker und Blaugrau reduziert.
Der Zyklus beginnt nördlich, auf dem Foto rechts des Kamins, da die dortige Vedute am besten dazu geeignet ist, einem Fremden die weitläufige und stark befestigte Hafenlandschaft von La Valletta zu erläutern. Als Grundlage zum Verständnis der Geographie und der wichtigsten Gebäude eignet sich in besonderem Maße die sehr detaillierte, mit einer ausführlichen Legende versehene Karte von A. F. G. de Palmeus aus dem Jahr 1751.[14]
Vorlagen und Vergleiche
Die Dätzinger Veduten folgten einem Kanon, der sich 1749 mit einem achtteiligen Zyklus des maltesischen Malers Alberto Pullicino auf Malta etabliert hatte.[15] Auftraggeber war der französische Ordensritter Etienne François Turgot de Brucourt (1721–1789), der mit den 60 x 130 cm großen Gemälden sein Schloss Manneville in Lantheuil bei Caen in der Normandie schmückte.[16] Pullicino, dem die Forschung den Beinamen eines maltesischen Canaletto gegeben hat,[17] malte die Veduten nach der Natur, was er auf der Rückseite der „Überblicksvedute“ (Vedute I) ausführlich vermerkte: „Veue de l‘entree du grand port de Malte peinte d’apres nature en aout 1749 par Alberto Pulicino pour le Chevalier Turgot“.[18] Bislang konnten drei weitere Serien in Öl nachgewiesen werden.[19]
Der französische Geograph A. F. G. de Palmeus, von dem die erwähnte Landkarte von La Valletta von 1752 stammt, plante 1753 eine Stichserie nach den Bildern von Turgot, die mangels Subskribenten jedoch nicht zur Ausführung gelangte. Sie ist als Vorhaben überliefert mit der Legende aller acht geplanten Stiche.[20] Statt Palmeus gab Giacomo Moro eine Stichserie bei Giuseppe Bardi in Florenz heraus. Von Giacomo Moro ist außerdem eine Serie in Gouache erhalten.[21]
Wie getreu die von Flachslanden vermutlich im Jahr 1783 auf Malta für Schloss Dätzingen in Auftrag gegebenen Veduten den Vorlagen Pullicinos folgten, lässt sich eindrücklich anhand der Staffagefiguren erkennen. In den vorangegangenen Versionen finden sich sowohl die Boule-Spieler auf der Terrasse der deutschen Herberge (Vedute II)[22] als auch das Landhaus von Vedute III.[23] Auch auf den Varianten nach Pullicino gibt es ein Bild mit dunklem, stürmischem Himmel. Dort kommen die dunklen Wolken aus dem Nordosten,[24] was mit der traditionellen Türkengefahr in Zusammenhang gebracht werden könnte. In Dätzingen (Vedute IV) bläst der Wind von Westen, was als Vorbote der Aufklärung gedeutet wurde.[25]
Betrachtet man einige Veduten als einander ergänzende Pendants, wie sich das insbesondre für die Veduten IV und VI anbietet, die die Halbinsel von La Valletta einmal von Norden und einmal von Süden zeigen, so fällt deren Anordnung im Dätzinger Saal nicht nebeneinander, sondern genau gegenüber auf.[26] Ihre gleichzeitige Betrachtung erforderte demnach ein Bewegen im Raum, das das Gespräch über die Bilder dynamisierte und das Verständnis der räumlichen Situation auf Malta befördern konnte. Die ebenfalls einander gegenüberliegenden Veduten II und V zeigen mit einem Standpunkt jeweils auf der Halbinsel das nördlich beziehungsweise südlich gegenüberliegende Panorama. Die Veduten I und III können insofern als Pendants aufgefasst werden, als sie La Valletta einmal von der See- und einmal von der Landseite zeigen.[27]
Insbesondere die sechsteilige Vedutenserie an den Wänden, aber wahrscheinlich auch die Supraporten, dürften auf Malta entstanden und von dort nach Dätzingen gebracht worden sein. Die Name der beiden jeweiligen Maler sind nicht bekannt.
Vedute I

Die auf Vedute I gezeigte Hafenlandschaft besteht aus einer Halbinsel, auf der sich die Altstadt mit der Kathedrale St. Johns erhebt. Die ins offene Meer vorstoßende Spitze dieser langgestreckten Halbinsel ist wie der Bug eines Schiffes mit dem Fort St. Elmo besetzt. Zu beiden Seiten der Halbinsel öffnen sich Hafeneinfahrten, die tief ins Landesinnere vordringen. Für den Betrachter zur Linken öffnet sich im Süden der Große Hafen. Seine der Halbinsel gegenüberliegende Flanke birgt weitere Hafeneinfahrten, die weitere Veduten zur Anschauung bringen werden. Für den Betrachter zur Rechten öffnet sich im Norden der Marsamuscetto-Hafen. In seinem Becken liegt auf einer Insel das Fort Manoel. Seine St. Elmo gegenüberliegende Landspitze trägt den Namen Dragonera oder Draggut Point. Auf Vedute I ist das gesamte Panorama zu erkennen, beginnend an der südlichen Flanke des großen Hafens über Fort St. Elmo mit der Kathedrale St. Johns im Hintergrund bis zum Fort Manoel und dem Draggut Point ganz rechts. Im Vordergrund liegt eine große Galeere.
Vedute II

Die Vedute II an der Nordwand zeigt den Blick von der Nordflanke der Halbinsel auf Fort Manoel. Wegen seiner Insellage wurde dort die Quarantänestation eingerichtet. Im Vordergrund ist angeschnitten eine Bastion zu sehen, auf der sich Staffagefiguren promenieren. Am linken Rand spielen Kinder Boule. Es handelt sich um die Terrasse der Herberge der Deutschen Zunge, die an der Nordflanke der Altstadt lag. Im Mittelgrund sind Segelschiffe unter maltesischer Flagge bei der Einfahrt in den Hafen zu sehen.
Vedute III

Die Vedute III zeigt die Halbinsel mit der Altstadt von der Landseite her. Zu erkennen ist ihre Lage zwischen den beiden Hafenbecken. Im Vordergrund befindet sich ein kubisches Landhaus von fünf mal drei Achsen, dessen Dach mit kleinen Pyramiden besetzt ist. Es erhebt sich entlang einer Mauer hart an der Straße. Auch hier beleben Staffagefiguren das Bild, indem sich zwei Männer vom Balkon des Landhauses herabbeugen zu einem zweirädrigen Einspänner, der vor dem Haus wartet.
Vedute IV

Die Vedute IV zeigt die Halbinsel von Südosten, also ihre südliche Flanke. Der Stadtpunkt des Betrachters ist das Fort St. Angelo. Zu erkennen ist am rechten Rand der Halbinsel das Fort St. Elmo. In der Mitte drängt sich die Altstadt mit ihren Häusern, Kuppeln und Türmen. Links außen befindet sich die eigenständig befestigte „ville basse“.
Vedute V

Die Vedute V zeigt die Südflanke des Großen Hafens, also das der Halbinsel an der Südseite gegenüberliegende Panorama. Die dort stark zerklüftete Küste ermöglichte die Anlage mehrerer Hafeneinfahrten, die jeweils mit Forts besetzt sind. In der Mitte erhebt sich das mächtige Fort St. Angelo, das 1565 bei der Belagerung durch die Türken das wichtigste Verteidigungsbollwerk der Ordensritter war. Hinter dieser maltesischen „Engelsburg“ liegt die Altstadt von Birgu, die nach der erfolgreichen Türkenabwehr den Namen Vittoriosa erhielt. Am linken Bildrand ist das Fort Riccazoli zu sehen. Rechts des Forts St. Angelo öffnet sich der Galeerenhafen, der wiederum rechts von der Stadt Senglea eingefasst wird. Senglea liegt auf dem Höhenzug einer Landzunge und wurde damals von der kreuzförmigen Kirche des hl. Filippo Neri bekrönt.
Vedute VI

Mit der Vedute VI links des Kamins schließt sich der Kreis. Sie zeigt die Halbinsel von Nordosten. Standpunkt ist das Fort Manoel. Auf der gegenüberliegenden Seite befindet sich die deutsche Herberge. Sie ist an den zweigeschossigen Arkaden zu erkennen.
Das Porträt

Das Porträt an der Nordseite des Saals wurde beschnitten und wahrscheinlich in Zweitverwendung angebracht. Es stellt einen jungen Adligen mit Hermelinmantel und den Insignien des 1708 erneuerten pfälzisch-kurfürstlichen Hausordens St. Hubertus dar.[28] Das Porträt enthält weder einen Hinweis auf den Malteserorden, noch stellt es Johann Baptist Anton von Flachslanden dar. Einem historischen Foto vom Beginn des 20. Jahrhunderts im Besitz des Heimatmuseums Dätzingen ist zu entnehmen, dass das Porträt einst übermalt war, sodass der Dargestellte einen schwarzen Ordensmantel mit großem weißen Malteserkreuz auf der Brust trug. Die Übermalung wurde vermutlich im Zuge der Marmorierung der Wandflächen 1969 entfernt. Da Flachslanden erst in der zweiten Ausstattungsphase Kontakt zum kurpfälzischen Hof Carl Theodors hatte, könnte das Porträt frühestens damals hinzugekommen und für den neuen Anbringungsort übermalt worden sein.
Die naheliegende Möglichkeit, dass es sich um das Porträt des damaligen Großpriors der Englisch-Bayerischen Zunge, Carl August von Bretzenheim handelt,[29] birgt Probleme. Erstens war Bretzenheim 1784 erst 16 Jahre alt, wohingegen das Porträt einen knapp 30jährigen Mann wiedergibt. Zweitens wurde Bretzenheim erst 1789 von Kaiser Joseph II. in den erblichen Fürstenstand erhoben,[30] sodass der Hermelinmantel ohnehin erst damals seine Rechtfertigung erhalten hätte. Das Porträt müsste dann in den 1790er Jahren gemalt worden sein, was stilistische Unstimmigkeiten mit sich bringt. Die Auffassung des Porträts verweist stilistisch eher auf die Zeit noch vor die Mitte des 18. Jahrhunderts. Außerdem fragt man sich, warum der kurpfälzische Hof Flachslanden kein aktuelles Porträt Bretzenheims in Ordensmontur zur Verfügung hätte stellen können.
Programm und Synthese
Mit der Vedutenserie des Hafens von La Valletta präsentierte der Malteserritter Johann Baptist Anton von Flachlanden seine hochrangigen Ämter im europaweit agierenden Ordensverband. Die kleine, nicht sehr einträgliche und zudem in der Diaspora im protestantischen Herzogtum Württemberg gelegene Kommende Dätzingen-Rohrdorf bildete dabei nur äußerlich den Stützpunkt seiner weitreichenden politischen Aktionen. Flachslanden hielt sich meistens im Großpriorat der Deutschen Zunge in Heitersheim südlich von Freiburg im Breisgau auf. Seine prestigereichen Ämter als Kommandant der Galeeren und als Turcopolier (Kommandant der Kavallerie) lagen im Ordensverband sogar außerhalb der Deutschen Zunge.
Die vier Supraporten, die vermutlich noch aus der ersten, 1773 anzusetzenden Ausstattungsphase des Saals stammen, vergegenwärtigen Flachslandens Kommandantur der Galeeren. Die Vedutenserie der zweiten Ausstattungsphase von 1784 bezieht sich auf das von Flachslanden im Jahr kurz zuvor erlangte Ehrenamt des Turcopoliers, das von seiner Stellvertreterfunktion des Großpriors der neu ins Leben gerufenen Englisch-Bayerischen Zunge zeugte.
Flachslanden war nicht der erste Ordensritter, der sich auf Malta eine Ansichtenserie malen ließ, um damit in der Heimat einen Saal zu dekorieren, doch scheint Dätzingen eines der wenigen, vielleicht sogar das einzige im originalen Kontext erhaltene Ensemble zu sein. Wegen ihres hohen dekorativen Werts tauchen vergleichbare Serien nach und nach im Kunsthandel auf.
Bibliographie
- Heinz Erich Walter, Das Schloß Dätzingen. Gemeinde Grafenau (Württemberg) (Walter-Schloßführer, 117), Dätzingen 1975.
- David M. Boswell, Alberto Pullicino: His artistic Commissions, Life, and times in eighteenth-century Malta, in: Melita Historica, X, 2 (1987), S. 347–367.
- David M. Boswell, Malta’s Canaletto, Alberto Pullicino: a ‘painter after nature’ and his circle, in: Apollo, Bd. 132, Heft 346 (1990), S. 392–398.
- Thomas Freller, Malta-views in a German Palace – Balí Flachslanden’s art treasures in Dätzingen, in: Treasures of Malta 48 (Malta, Sommer 2010), XVI, 3, S. 74–79.
- Festschrift 50 Jahre Schloss Dätzingen in Gemeindebesitz, hg. von der Gemeinde Grafenau, o. O. o. J. [2011].
- Thomas Freller, Zwischen Dätzingen, Malta und St. Petersburg. Johann Baptist von Flachslanden, Diplomat – Galeeren-Admiral – Pfründenjäger, in: Zeitschrift für Württembergische Landesgeschichte 75 (2016) S. 155–170.
Einzelnachweise
- ↑ Der Flügel zum Ort ist nach Nordosten ausgerichtet, doch hat sich im örtlichen Sprachgebrauch die Bezeichnung Nordflügel etabliert.
- ↑ Dätzingen kam 1263 als Stiftung des Ritters Ulrich von Tatichingen an den Johanniterorden (FS 50 Jahre Schloss Dätzigen, 2011, S. 21).
- ↑ Walter, Schloß Dätzingen, 1975, S. 15; FS 50 Jahre Schloss Dätzigen, 2011, S. 22.
- ↑ 4,0 4,1 4,2 Dendrochronologische Untersuchung der Dachwerke von 2010 durch Tilman Marstaller M.A. Büro für Archäologie und Bauforschung, Gutachten im Heimatmuseum Dätzingen.
- ↑ FS 50 Jahre Schloss Dätzingen, 2011, S. 41.
- ↑ http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=1-513127
- ↑ Zur Vita: Freller, Flachslanden, 2016.
- ↑ Zu Bretzenheim: Kat. Ausst. Mannheim/Düsseldorf 1999, Bd. 1, S. 43–47.
- ↑ Auch hierzu Freller, Flachslanden, 2016, S. 162.
- ↑ Die Jahreszahl bei Freller, Malta-views, 2010, S. 76.
- ↑ HStAS Q 3/8 Bü 16 („Dezingen / Verzeichniß der bei den nunmaligen Malteserordens Commende erfandenen in von mir übernommenen Mobilien“ Hinzen gezeichnet: „F. Bock“ o. D.).
- ↑ https://www.bildindex.de/document/obj20592718?medium=mi05428e08
- ↑ Die Jahreszahl 1969 ist einer Inschrift an der Ostwand zu entnehmen.
- ↑ Plan général de la ville capitale de Malte […] dedié et presenté à S. A. S. M. Le Prince de Conty […] A. F. G. De Palmeus Fils, Ingénieur, Dessinateur, Géographe, gravé par J. Lattré […] M.D.CC.LI. https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b530938489
- ↑ Zu diesem Zyklus, der 1986 im Kunsthandel auftauchte: Boswell, Pullicino, 1987 und Boswell, Malta’s Canaletto, 1990. Außerdem Freller, Malta-views, 2010, der erstmals den Bezug zu Dätzingen herstellte.
- ↑ Boswell, Pullicino, 1987 und ders., Malta’s Canaletto, 1990.
- ↑ Boswell, Malta’s Canaletto, 1990.
- ↑ Boswell, Malta’s Canaletto, 1990, Abb. 1.
- ↑ Boswell, Malta’s Canaletto, 1990, S. 396.
- ↑ Boswell, Pullicino, 1987, S. 353–354. Boswell, Malta’s Canaletto, 1990, S. 398.
- ↑ Boswell, Pullicino, 1987, S. 354.
- ↑ Boswell, Malta’s Canaletto, 1990, S. 395 mit Abb. II.
- ↑ Boswell, Pullicino, 1987, Abb. 15.
- ↑ Boswell, Pullicino, 1987, S. 354 und Boswell, Malta’s Canaletto, 1990, Abb. III.
- ↑ FS 50 Jahre Schloss Dätzingen, 2011, S. 30–31.
- ↑ Hierauf machte die FS 50 Jahre Schloss Dätzigen, 2011, S. 28–31 aufmerksam.
- ↑ FS 50 Jahre Schloss Dätzingen, 2011, S. 28–31.
- ↑ Zum Orden und seinen Insignien: Kat. Ausst. Mannheim/Düsseldorf 1999, Bd. 1, S. 167–174.
- ↑ Vgl. das Porträt Carl August von Bretzenheims in Kat. Ausst. Mannheim/Düsseldorf 1999, Bd. 2, S. 48 von 1792.
- ↑ Kat. Ausst. Mannheim/Düsseldorf 1999, Bd. 1, S. 44.