Beuern, Pfarrkirche St. Michael


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 1: Die Landkreise Landsberg am Lech, Starnberg, Weilheim-Schongau. Hirmer, München 1976, ISBN 978-3-7991-5737-7, S. 25–27, geschrieben von Bauer-Wild, Anna, Böhm, Cordula, Lüdicke, Lore und Werner-Clementschitsch, Heide. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Pfarrkirche, Pfarrei Greifenberg-Beuern, Diözese Augsburg; z. Z. der Ausmalung Pfarrei Beuern, auf die Kloster Wessobrunn das Präsentationsrecht hatte. Herrschaft Greifenberg

Patrozinium: St. Michael

Zum Bauwerk: Unter Pfarrer Kaspar Mauser (1717-45) wurde 1724–25 der Neubau der Kirche durch Joseph Schmuzer errichtet, von der alten – spätgotischen – Kirche stammt der Turm. – Einfacher Saalbau mit eingezogenem, halbrund geschlossenem AR; nördlich am LHs die Gruftkapelle der Freiherrn von Perfall zu Greifenberg

Auftraggeber: Pfarrer Matthias Johann Nepomuk Bayerlacher von Beuern (1750-72) bestritt die Kosten der Freskierung von 1759 (vgl. Landsberger Geschichtsblätter 1929, Sp. 58 f.); es ist anzunehmen, daß der Hofmaler Schöpf, damals Hofmarksherr im wenig entfernten Geiselbullach (OB LKr. Fürstenfeldbruck) über Emanuel Maximilian Freiherrn von Perfall (* ca. 1717 † 1790) herangezogen wurde.

Autor und Entstehungszeit: Signatur in der östlichen Rahmenmuschel des LHs-Bildes: J de Schoepf: inv. et pinx./ 1759. Eine Kirchenrechnung von 1759 im Schloßarchiv Greifenberg lautet: »Dem Herrn Johann von Schöpf, Churcöllnischen Hofmallern dermahlen in München, hat [man] vor Ausmahlung der Kürchen und zwar sovil das Langhaus betrifft, nebst der mosaig in fresco zaig Scheins bezalt 300 fl.« (Frdl. Mitt. Wilhelm Neu, B.L.f.D.; vgl. Landsberger Geschichtsblätter 1929, Sp. 59). — Das Fresko wird meist Johann Nepomuk von Schöpf, dem kurbayerischen Hofmaler (*1735 † nach 1785) zugeschrieben (Thieme-Becker, Bd 30, S. 235; Dehio-Gall OB; Müller-Hahl). Die Kirchenrechnung spricht jedoch ausdrücklich von einem Kurkölnischen Hofmaler Johann von Schöpf. Daher kommt nur Johann Adam Schöpf (*1702 Stadtamhof † 1772 Egenburg), Vater und Lehrer des Johann Nepomuk, nach 1742 kurkölnischer Truchseß und Hofmaler, ab 1757 Hofmarksherr von Geiselbullach (Keim) in Frage. Johann Adam Schöpf nannte sich auch »von Schöpf« (vgl. den Porträtstich von Haid nach Bergmüller, Abb. 55 bei Schulten). Ein stilistischer Vergleich mit den kurkölnischen Werken — signiertes Kuppelfresko von 1750 in der Clemenskirche zu Münster (zerstört; vgl. Schulten, Abb. 45), Fresken in der Heiligen Stiege auf dem Kreuzberg zu Bonn (etwa 1752, s. Schulten, S. 73 ff.), Decken- und Wandfresken der Heilig-Geist-Kapelle in Schloß Augustusburg Brühl (auch bereits um 1750, vgl. Schulten, S. 78) bestätigt diese Annahme (Schulten erwähnt das Deckenbild vor Beuern als ein wahrscheinlich von Johann Adam Schöpf stammendes Werk, s. S. 151, Anm. 206). Besonders auffallend sind die formalen Wiederholungen in den ornamentalen Dekorationssystemen (Goldkassetten, Gebälkstücke und schneckenartige Einzüge, Rocaillen, ineinandergesetzte Muscheln, Blumengirlanden). Auch die preziös-gespreizten Figuren in einer ebensolchen Komposition stimmen überein. Wie weit die plastische Zeichnung der Figuren und die volltonige Farbgebung bezeichnend für Johann Adam Schöpf sind, läßt sich nach dem Erhaltungszustand in Beuern und nach den Fotos der kurkölnischen Werke nicht bestimmen. Charakteristisch für die Bildanlage ist wohl eine in der Fläche bleibende Kompositionsweise, die trotz einzelner Figuren in ausgeprägter Untersicht keine raumillusionistische Höhenwirkung erzielt.

Befund

Träger der Deckenmalerei: LHs Flachtonne mit Stichkappen

Rahmen: zwei Profilrundstäbe, der äußere in Stuck gebildet, der innere durch Malerei imitiert

Technik: Fresko; polychrom

Maße: Höhe 13,15 m; 9,10 × 6,00

Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1851/52 Übertünchung der Gewölbedekoration; 1906 Wiederaufdeckung und Restaurierung, der AR erhielt ein neues Deckenbild von Leonhard Thoma. 1922 Verrußung durch Kirchenbrand; 1933 und 1963 erneute Restaurierungen. Die auffallend grelle Farbigkeit (vor allem das Himmelsblau) ist auf die mehrfache Restaurierung zurückzuführen. Die grundsätzliche Farbdisponierung, Bildanlage als auch Figurentypen der originalen Malerei sind dabei einigermaßen erhalten geblieben.

Beschreibung

ENGELSTURZ Die gemalte und zu geringen Teilen auch stuckierte Dekoration der Flachtonne ist in eine imitierte Kassettendecke und ein längsovales Bildfeld in der Mitte der Wölbung geschieden. Rocaillespiegel mit Büsten am Gewölbeansatz und Putti auf Wolken in den Gewölbefeldern überspielen in Grisailletönen die weiß-goldenen Kassetten. Die Kassettendecke öffnet sich mit weiß-goldenen Abschlußprofilen in den Bildhimmel. Der Rahmen ist durch gekurvte Gebälkstücke und Muscheln an zwei Stellen unterbrochen, zwei buntfarbig wiedergegebene Putti dort entstammen der Engelsszene des Bildes.

Gottvater thront als Weltregent in der Glorie, umgeben von anbetenden Engeln. Der Kreis der Engel geht über in das Gefolge des hl. Michael, des Streiters Gottes. Mit Helm, Lederpanzer und wehendem roten Mantel bekleidet, erhebt Michael das flammende Schwert gegen Luzifer und seinen Anhang. Engel präsentieren einen Schild mit der Aufschrift QUIS /UT / DEUS und die Seelenwaage Michaels. Unterhalb der Gestalt Michaels stürzen die Feinde, nackte menschliche Leiber, in Qualen gewunden und aneinandergepreßt, auf dunklen Wolken hinab; Blitze des Himmels treffen sie. — Dem Sinn der sakralen Raumfolge widersprechend ist der Engelsturz auf den Altar raum hin gerichtet; als ein Riegel schiebt sich allerdings der Chorbogen mit einer großen IHS-Kartusche dazwischen.

 
 
Büsten am Gewölbeansatz
 
 

Die Himmelsszenerie ist in drei durch Licht- und Farbgebung differenzierte Höhenzonen gestaffelt: Die Glorie Gottvaters, als die höchste Zone, wird durch transparente Ocker-, Gelb- und Weißtöne gestaltet. In der nächsttieferen, durch einen Wolkenzug gebildeten Zone des Erzengels Michael sind kräftige Farben - Rotbraun, Ocker und Blau, Grün - gegen hellstrahlende Weiß- und Inkarnattöne gesetzt; Licht und Schattenzeichnung geben den Figuren plastischen Charakter. Ähnlich, doch im ganzen dunkelfarbiger gestaltet, ist die dritte Zone der besiegten Feinde. Im Kontrast zu der raumsuggerierenden Farbigkeit steht die perspektivische Behandlung der Figuren: diese zeigen kaum Untersichten, der hl. Michael z. B. ist waagrecht über dem Betrachter schwebend wiedergegeben. Verkürzungen zeigen nur die Herabstürzenden und — ausgeprägter — die Engelsgruppe am westlichen Bildrand.

Ergänzungen zur Ikonographie: Die Darstellung enthält Bildmotive, die deutlich auf den Engelsturz, die Bestrafung der aufrührerischen Engel zu Beginn der Weltschöpfung, hinweisen (apokryphe, biblische und andere literarische Quellen zum Thema siehe RDK, Bd 5, Sp. 621–74, Artikel „Engelsturz“ von Karl August Wirth; LCI, Bd 1, Sp. 642 f.). Gott, der Weltschöpfer und Regent — sinnbildlich bezeichnet durch Weltkugel und Zepter —, und die guten, Gott dienenden Engel — sie beten Gott an — sind in die Darstellung einbezogen. Michael, der Anführer der himmlischen Heerscharen und Überwinder des apokalyptischen Drachens (Apoc 12,7–9) ist hier nicht als Drachentöter, sondern als Antagonist Luzifers gezeigt. Die nackte männliche Gestalt des stürzenden Luzifer wird durch einen Stern über der Stirn als der gefallene Morgenstern (Is 14,12–15) bezeichnet. Der ihn treffende Blitz bezieht sich auf das biblische Bild vom stürzenden Satan (Lc 10,18). (Zu Luzifer vgl. LCI, Bd 3, Sp. 124–26.) Der Pfau verweist sinnbildlich auf die stolze Empörung des höchsten Engels wider Gott, auf den Aufstand der bösen Engel, die Voraussetzung für den Engelsturz. Ebenso spielt das QUIS UT/DEUS, der lateinische Name Michaels, darauf an. Der Engelsturz wird zusammen gesehen mit dem Gericht am Ende der Welt: Auf diese deutet die Waage, Symbol des Gerichtes und Attribut des Seelenwägers Michael, hin. Die Stürzenden sind teils als Teufel mit Fledermausflügeln und Schlangenenden, teils als gequälte Verdammte — die menschlichen Körper zeigen keine tierischen Formen — charakterisiert.

In der moralischen Allegorese verkörpert Luzifer die größte Sünde, den Hochmut (vgl. hierzu den Kupferstich 126 bei Ripa-Hertel: der Personifikation Superbia ist als Fatto der Sturz Luzifers durch Michael hinzugefügt). Die Schlange, die sich um den Körper eines Verdammten windet, bedeutet in diesem Sinnzusammenhang wohl die Sünde, welche durch den Teufel in die Welt kam (Gen 3,1–15). Der Triumph Michaels und seiner Heerscharen ist moralisch gewertet der Sieg des Guten über das Böse (Letztere Ausführungen folgen Wirth, a. a. O., Sp. 655 ff. mit Abb. 23 des Ripa-Hertel-Stichs.)

Quellen und Literatur

Braun-Augsburg, Bd 1, S. 359 f.; Bd 2, S. 109, 276.

Perfall, Maximilian Freiherr von, Historische Beschreibung mehrerer Ortschaften in der Umgebung von Greifenberg, in: OAVG 10, 1848, Sp. 250. KDB I OB (1), S. 516 f.

[Emerich, Karl], Beiträge zur Ortsgeschichte. Zur Geschichte der Pfarrei Beuern, in: Landsberger Geschichtsblätter 26, 1929, Nr. 5–8, Sp. 33 ff.

Keim, Joseph, Der Hofmaler J. A. Schöpf und Straubing, in: Jahresbericht des historischen Vereins für Straubing, 65, 1962, S. 109–113.

Neu, Wilhelm, Unbekannte Frühwerke des Baumeisters Joseph Schmuzer, in: Lechisarland 1963, S. 17 f. Dehio-Gall OB (1964) S 406

Schulten, Walter, Die Heilige Stiege auf dem Kreuzberg zu Bonn, Diss. Düsseldorf 1964.

Müller-Hahl, Bernhard (Hg.), Heimatbuch Stadt- und Landkreis Landsberg am Lech, Aßling-München 1966, S. 17 f.

 
Engelsturz