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Berchtesgaden, ehem. Augustiner-Chorherrenstift

Aus Deckenmalerei-Lab


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 11: Landkreis Traunstein. Hirmer, München 2005, ISBN 978-3-7774-2695-2, S. 201–206, geschrieben von Bauer-Wild, Anna. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Sakristeibau der ehem. Augustiner-Chorherren-Stiftskirche St. Peter und Johannes der Täufer

Zum Bauwerk: Propst Gregor Rainer (1508–1522) ließ 1510 den doppelstöckigen Sakristeibau an der N-Seite der Kirche errichten, anschließend an den Chor; Wappen des Propstes befinden sich außen an der NW-Ecke und eine Wappentafel über dem Eingang vom Chor her. Barockisierung der beiden Sakristeiräume vor 1710. Einrichtung mit Paramentenschränken 1736 durch den Berchtesgadener Tischler Christoph Datz

Untere Sakristei: Rechteckiger Raum (11,35×7,35 m), Zugang von außen im W, von der Kirche im S. Eingebaute Wendeltreppe in der SW-Ecke, Belichtung durch zwei Fenster von N, eines im O und eines im W. Stuckierung des zentralen Ovals an der Decke von Joseph Schmidt aus Salzburg um 1710, der Stuck an den Eckstücken der Decke dürfte etwas später angebracht worden sein. Schmidt stuckierte 1709 in Berchtesgaden außerdem zwei Räume im Schloß (jetzt Nr. 5 und 79), in der Friedhofskapelle, in Maria Gern und in St. Bartholomä.

Obere Sakristei: Der Raum im ersten Obergeschoß (11,80×7,65 m) ist über eine Wendeltreppe zu erreichen und wird von drei Seiten durch je zwei Fenster gleichmäßig belichtet.

Auftraggeber: Die Barockisierung der beiden Sakristeiräume fand im zeitlichen Zusammenhang mit der Dekoration von Maria Gern 1710 statt, während der Abwesenheit des Fürst-

Propstes Joseph Clemens, Herzog von Bayern, Erzbischof und Kurfürst von Köln (1688–1723), der sich wegen seiner Rolle im Spanischen Erbfolgekrieg im Exil befand. Der Dekan war bei Abwesenheit des Propstes ermächtigt, Reparaturen auf eigene Verantwortung durchführen zu lassen.

Dekan z.Z. der Ausmalung war Johann Baptist Lachemayr von Ehrenheim (1688–1710), der auch für den Bau von Maria Gern verantwortlich war (s.S. 246), und nach dessen Tod Heinrich Maximilian Freiherr von Piesser (1710–13). Die beiden Sakristeien wurden wohl noch unter Dekan Lachemayr ausgestattet.

3 Sakrament der Firmung
1 Letztes Abendmahl – Sakrament der Eucharistie (Christoph Lehrl um 1709)

Untere Sakristei

Autor und Entstehungszeit: Zuweisung an Christoph Lehrl (* 1643 Salzburg † 1718 Höglwörth, s. S. 381) um 1710 Überzeugende Zuweisung an Lehrl durch Franz Martin 1923 (S. 38). Frater Christoph Lehrl war Laienbruder im benachbarten Augustiner-Chorherrenstift Höglwörth. Er hatte dort vor 1689 den Winterchor freskiert und 1697/98 die Stiftskirche Ranshofen. 1710/11 ist er als Freskant in Maria Gern bezeugt (S. 246), wo seit 1709 der Salzburger Stuckator Joseph Schmidt auch stuckierte. Die Dekoration der unteren Sakristei ist wohl kurz vor der von Maria Gern anzusetzen.

5 Sakrament der Priesterweih

LANDKREIS BERCHTESGADEN · BERCHTESGADEN

Befund

Träger der Deckenmalerei: Flachdecke Rahmen: Stuckprofil Technik: Ol auf Leinwand

Maße: 1 Höhe 4,90 m; 3,85 × 2,65 a-d Höhe 4,90 m; 1,40 × 2,30

Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1922 Reinigung der Olbilder durch die Fa. Vitzthum und Schlee. Am 23.2.1925 wurden die Bilder durch einen Schwelbrand in der Sakriste zwar nicht beschädigt, aber rauchgeschwärzt. 1964 Restaurierung durch Georg Löhnert, Ingolstadt. Letzte Reinigung und Restaurierung des Raums 1997 im Rahmen der Kirchenrestaurierung durch Wolfgang Lauber, Bad Endorf, mit Reinigung und Konservierung der auf Leinwand gemalten Deckenbilder. Die Gemälde sind stark nachgedunkelt.

Beschreibung und Ikonographie

DIE SIEBEN SAKRAMENTE Die Stuckierung der rechteckigen Decke bildet ein Oval aus, in das zentral ein größeres Deckenbild und dieses umgebend sechs weitere Ölbilder eingelassen sind. Die sieben Bilder zeigen die Sakramente, wobei das Sakrament der Eucharistie, das wichtigste und traditionell oft in Sakristeien gezeigte Sakrament den beherrschenden Mittelplatz innehat. Die Darstellungen sind thematisch zum Teil ganz allgemein gehalten, zum Teil zeigen sie biblische oder historische Szenen.

Obere Sakriste

Autor und Entstehungszeit: Autor unbekannt, um 1709. Der Stuck der oberen Sakristei, ebenfalls vom Salzburger Stuckator Joseph Schmidt, ist etwa gleichzeitig mit der Stuckierung von Maria Gern 1709/10 entstanden. Auch wenn die Bilder der oberen Sakristei durch Restaurierungen stark verändert sind, so ist doch zu sehen, daß sie ursprünglich nicht von Frater Christoph Lehrl aus Höglwörth stammen können. Die historische Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß mit dieser Ausmalung der Berchtesgadener Maler Franz Thomas Schmidt beauftragt wurde, der mit Maria Gern zusammen arbeitete.

Befund

Träger der Deckenmalerei: Flachdecke

Rahmen: B, a-d Stuckprofile, die Felder zwischen Mittelbild und den Oval-Medaillons in den Ecken sind mit weißen Akanthusranken auf grau getöntem Grund gefüllt

Technik: Fresko; polychrom

Maße: B Höhe 4,20 m; 5,30×3,20

a-d Höhe 4,20 m; 1,80×1,10

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Starke Übermalungen, die Medaillons sind praktisch neu gemalt. Im Hauptbild ist die Ansicht Berchtesgadens mit den Bergen im Hintergrund sicher neueren Datums. Neue Raumfassung 1964 durch Georg Löhnert, Ingolstadt. »In der oberen Sakristei befindet sich ein Deckenbild, das sowohl im 19. Jh. als auch nochmals in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts stark übermalt worden ist. Die Farben des Deckenbilds sind so kräftig, daß es für richtig gehalten wird, die Stuckfassung von 1964, die gleichsam als Rahmen des Deckenbilds einen roséfarbenen Fonds einsetzt, zu belassen«

B Augustinus als Patron Berchtesgadens

Im Rahmen der großen Kirchenrestaurierung reinigte und restaurierte Manfred Lauber, Bad Endorf, 1997 die stuckierten Decken- und Wandflächen, besserte die Wasserschäden aus, reinigte und restaurierte die Deckenbilder.

Beschreibung und Ikonographie

B AUGUSTINUS ALS PATRON BERCHTESGADENS An der Stuckrahmung setzt rings um das Bild eine Balustrade an, in Untersicht und Verkürzung in der Art von Scheinarchitekturen gemalt. Die Szene aber, die von diesem Rahmen eingefaßt wird, ist einansichtig und ohne illusionistische Effekte. Am unteren Bildrand ist in einer weiten Landschaftszenerie, die hinter der Balustrade fortgeführt ist, das Berchtesgadener Land zu sehen, mit hohen Bergen – links ist der Watzmann zu erkennen – und Wäldern. In der Mitte ist das Stift Berchtesgaden dargestellt, mit Stiftskirche und Stiftsgebäuden, rechts der Turm von St. Andreas. Darüber thront in Wolken der hl. Augustinus, nach dessen Regel die Augustiner-Chorherrer lebten und der deshalb als Ordensgründer galt. Er trägt einen reich verzierten Rauchmantel über der Albe; ein Putto über ihm hält die Mitra, ein anderer das Pedum. Weitere kleine Putten und Puttenköpfchen sind in den Wolken um ihn verteilt. Augustinus hat den Blick nach oben gerichtet und hält sein Attribut, das flammende Herz als Zeichen seiner Gottesliebe.

a-d LATEINISCHE KIRCHENLEHRER Da Augustinus, der zu dem üblichen Zyklus der vier abendländischen Kirchenlehrer gehört, im Hauptbild auftritt, wurde die Gruppe von Gregor, Hieronymus und Ambrosius durch den großen Kirchenlehrer Athanasius von Alexandrien vervollständigt (c und d keine Abb.).

a HIERONYMUS Hieronymus sitzt an einem Tisch in der Klause, im roten Kardinalsgewand, der Hut hängt hinter ihm an der Wand. Er schreibt in ein Buch. Bei ihm ist der Lowe.

b AMBROSIUS Ambrosius von Mailand, als Bischof mit Pluviale und Mitra, erscheint in einem einfachen Innenraum; er blickt in ein geöffnetes Buch. Hinter ihm auf einem Wandbord stehen ein weiteres Buch und der Bienenkorb als Attribut

c GREGOR DER GROSSE Papst Gregor, die Tiara auf dem Haupt und den dreifachen Kreuzstab in der Hand, blickt in ein geöffnetes Buch. Neben seinem Ohr erscheint die Taube der göttlichen Inspiration in einem Lichtkreis.

der göttlichen Inspiration in einem Lichtkreis. d ATHANASIUS VON ALEXANDRIEN Der Heilige sitzt frontal als Bischof mit Pluviale und Mitra an einem Tisch und hat segnend die rechte Hand erhoben. Hinter ihm auf einem Bord lehnt ein geöffnetes Buch mit der Inschrift ὁ Μάρ

b Ambrosius

Quellen und Literatur

Koch-Sternfeld, Joseph Ernst Ritter von, Geschichte des Fürstenthums Berchtesgaden und seiner Salzwerke in drei Büchern (ein Band), Salzburg 1815.

Mayer-Westermayer, Bd 1, S. 107–108

KDB I OB(3), S. 2935f.

Gehring, Ludwig, Kunsthistorische und geschichtliche Denkmäler Berchtesgadens und Umgebung, München 1917.

Martin, Franz, Berchtesgaden. Die Fürstpropstei der regulierten Chorherren (1102–1803), Augsburg 1923, S. 38, 42.

Lieb, Norbert, Stiftskirche Berchtesgaden (= KKF Nr. 551), München 1951, S. 8.

Albrecht, Dieter, Historischer Atlas I, Bd 7, Fürstpropstei Berchtesgaden (Dieter Albrecht), München 1954.

Ambronn, Karl-Otto, Berchtesgadener Land. Geschichte und Kunst (= GKF Nr. 92), München und Zürich 1983.

Dopsch, Heinz und Hans Spatzenegger, Geschichte Salzburgs. Stadt und Land, Bd I/2, Salzburg 1983, S. 1045.

Kunst und Kultur der Fürstpropstei Berchtesgaden, Ausstellung Pfarrkirche St. Andreas Berchtesgaden 1988 (= Kataloge und Schriften des Diözesanmuseums für christliche Kunst des Erzbistums München und Freising Bd 8), Berchtesgaden 1988, S. 12–17 (Walter Brugger).

Dehio 1990, S. 112 (nur untere Sakristei)

Weinfurter, Stefan, Zur Gründung des Augustiner-Chorherrenstiftes, in: Brugger/Dopsch/Kramml, Bd I, S. 229–64. Brugger, Walter, Stiftskirche Berchtesgaden (= KKF Nr. 551), München und Zürich 1995, S. 21 f.

Wagner, Franz, Malerei, Plastik und Kunsthandwerk, in: Brugger/Dopsch/Kramml, Bd II/2, Berchtesgaden 1995, S. 1281–1330. Sakristei S. 1296 f. mit Abb.

Albrecht, Dieter, Die Fürstpropstei Berchtesgaden, in: Handbuch der bayerischen Geschichte III, 3, 1995, S. 286–301. Joachim Wild, Geschichte der Fürstpropstei Berchtesgaden im Überblick, S. 30–71.