Zum Inhalt springen

Benediktbeuern, ehem. Benediktinerabtei, ehem. Gästezimmer

Aus Deckenmalerei-Lab


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 2: Die Landkreise Bad Tölz-Wolfratshausen, Garmisch-Partenkirchen, Miesbach. Hirmer, München 1981, ISBN 978-3-7991-5834-3, S. 111–115, geschrieben von Bachter, Falk, Bauer-Wild, Anna, Böhm, Cordula, Lüdicke, Lore und Sinkel, Kristin. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Vier ehem. Gästezimmer, jetzt Sakristeiräume

Zum Bauwerk: Die Gästezimmer liegen im ersten Geschoß des 1728–31 durch Joseph Hainz und Michael Otschmann erbauten Südtraktes. Es handelt sich um eine Enfilade von vier Räumen, die westlich an den Neuen Festsaal anschließen. Rechteckige Zimmer ohne architektonische Gliederung; Raum 1 (Fresko A) hat zwei Fensterachsen, Raum 2 (Fresken B1-2) drei, Raum 3 (C, C1-4, Ca-b) zwei und Raum 4 (D1-4, Da-b) drei Fenster nach S. Alle Räume haben untereinander sowie vom Gang im N aus Zugang. (Planskizze S. 103)

Auftraggeber: Abt Magnus Pachinger von Benediktbeuern (1707–42)

Autor und Entstehungszeit: Die Bilder sind wie die Stuckdekoration in den frühen 30er Jahren des 18. Jh. entstanden (vgl. Neuer Festsaal, ehem. Speisesaal, Treppenhaus, Sommerprälatur). Die Stuckdekoration ist Arbeit der Zimmermann-Werkstatt (Thon S. 118, 122). Die Deckenbilder weisen viele Ähnlichkeiten mit denen der Sommerprälatur auf; es handelt sich auch hier um Arbeiten der Werkstatt Johann Baptist Zimmermanns, möglicherweise seines Sohnes Johann Joseph Zimmermann (s. S. 100, 102–04).

Befund

Träger der Deckenmalerei: Flachdecken mit Hohlkehlen Rahmen: A Stuckprofil, im Achsenkreuz von Muscheln und Palmetten überspielt, B1-2 Ornamentkartuschen, C Stuckprofil, C1-4 Stuckmedaillons, am unteren Rand ornamental auslappend, Ca-b Stuckornamentrahmen, D1-4, Da-b Ornamentkartuschen

Technik: A Öl auf Putz, B1-2, C, C1-4, Ca-b, D1-4, Da-b Secco; alle Deckenbilder polychrom

A Phaetons Sturz

Maße: A Höhe 4,20 m; 1,40 × 0,85 B1-2 Höhe 4,20 m; 1,90 × 1,10 C Höhe 4,20 m; 1,75 × 1,00 C1-4 Höhe 4,20 m; 0,60 × 0,70 Ca-b Höhe 4,20 m; 1,35 × 1,50 D1-4 Höhe 4,20 m; 1,30 × 1,70

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Deckenbild A wies vor der Restaurierung durch Alban Wolf 1976/77 Fehlstellen auf, die ergänzt und eingestimmt wurden. Bis auf geringfügige Farbabschürfungen ist der Zustand jetzt gut.

Die drei übrigen Räume wurden laut Auskunft P. Leo Weber, Benediktbeuern, noch nicht restauriert. Sie weisen durchwegs Farbabschürfungen, Farbabblätterungen und kleine Risse auf und sind stark nachgedunkelt. Da-b ruinös (keine Abbildungen)

Beschreibung und Ikonographie

A PHAETONS STURZ (Raum 1) Aufnahmestandpunkt unter der Bildmitte; Blickrichtung nach N. – In einer Wolkenszenerie ist Phaeton dargestellt, wie er geblendet mit seinem Gespann in die Tiefe stürzt. Mit flatternden Mähnen drängen die Rosse auseinander. Von oben fallen Lichtstrahlen auf das Getümmel von Wagentrümmern und Pferdeleibern und auf die stürzende Menschengestalt, deren aufflatternde Gewänder das dramatische Pathos unterstützen. Hell-Dunkel-Kontraste schaffen zusätzliche pathetische Effekte, ebenso wie die düstere Farbigkeit mit den vorherrschenden Grauwerten.

Phaeton, Sohn des Helios, bat diesen, ihm für einen Tag den Sonnenwagen zu überlassen. Er vermochte es aber nicht, die Rosse zu bändigen, kam aus der Sonnenbahn und Steckte Himmel und Erde in Brand. Da tötete Jupiter den Phaeton durch einen Blitz und stürzte ihn in den Eridanos (Ovid, Metamorphosen 2). Phaetons Sturz ist Sinnbild für die göttliche Strafe, die der menschlichen Vermessenheit folgt.

B1-2 (Raum 2) In den beiden Ornamentkartuschen an der S- und N-Seite des Raumes sind jugendliche Göttinnen dargestellt, jeweils über einer mit Wiesenstück und Baum angedeuteten Landschaft auf Wolken schwebend. Genien mit Schmetterlingsflügeln begleiten sie.

B1 POMONA Die Gemahlin des Vertumnus, die römische Göttin des Obstsegens, hält ein Füllhorn mit Früchten und eine Traube. Die kleinen Genien im Baum und auf der Erde spielen mit Früchten und Fruchtkorb.

B2 FLORA Die Göttin ist mit Bändern und Blüten im Haar dargestellt. In Händen hält sie ein Blumengewinde. Zwei kleine Genien spielen mit Blüten. Als Göttin der Blumen und Blüten erinnert sie daran, zusammen mit Pomona, daß vor der S-Front des Gästebaues zur gleichen Zeit ein Rokokogarten mit Fontäne und kleinem Tempel angelegt worden war.

C, C1-4, Ca-b (Raum 3) C nimmt als Hauptbild die Mitte der Decke ein. C1-4 begleiten es in den Ecken in Medaillonform. Ca-b befinden sich in der Mitte der Längsseiten der Decke an der O- und W-Seite.

C PARNASS Einansichtige Darstellung; Aufnahmestandpunkt unter der Bildmitte; Blickrichtung nach N. – Im Zentrum des Bildes sieht man Apoll mit Lorbeerkranz und Leier, über ihm auf hochragendem Felsen Pegasus, zu dessen Füßen der kastalische Quell entspringt, der im Vordergrund als gewundener Bachlauf noch einmal zu sehen ist. Sechs weibliche allegorische Gestalten umgeben Apoll. Das Bild ist ohne alle illusionistischen Effekte wie ein Tafelbild angelegt. In der Farbigkeit dominiert das Rot im Gewand des Gottes, das durch das Blau und Gelb in den Kleidern der Allegorien zur Trias ergänzt wird.

Die Allegorien verkörpern Künste und Wissenschaften. Links unten sieht man Pictura an einer Staffelei mit Pinsel und Palette, darüber blickt Astronomia durch ein Fernrohr. Am linken Bildrand hält eine nur noch teilweise sichtbare weibliche Gestalt eine Tafel mit Zahlen. Es ist Arithmetica. Die Armillarsphäre dahinter bezieht sich auf Cosmographia (im Hintergrund). Am rechten Bildrand ist Sculptura, mit Hammer und Schlägel arbeitend, dargestellt. Die Allegorie neben Apoll hat ein Buch und ein Winkelmaß bei sich. Sie stellt Architectura dar.

Apoll verkörpert in diesem Kreise der Künste und Wissenschaften die Musik, die Hauptthema des Raumes ist. Das Schwergewicht bei den Künsten liegt bei Architektur, Skulptur und Malerei, ein Hinweis auf die Bautätigkeit in Benediktbeuern unter Abt Magnus Pachinger. Bei Darstellungen dieser Art liegt der Gedanke nahe, daß sich das Kloster damit als neuer Parnaß interpretieren wollte. Doch erscheint für diese Sinngebung das Bild an zu untergeordneter Stelle.

C1-4 PUTTI MIT MUSIKINSTRUMENTEN

C1-4 PUTTI MIT MUSIKINSTRUMENTEN C1 Putto mit Schalmei (keine Abbildung)

C Parnaß
B1 Pomona
Amphion
D2 Herkules und Alkestis – Feuer
D4 Galathea – Wasser

Ca ORPHEUS Orpheus sitzt musizierend in der Bildmitte unter einem Baum. Er trägt einen Lorbeerkranz. Rings um ihn sind lauschende Tiere dargestellt: auf dem Baum ein Vogel und ein Eichhörnchen, zu seinen Füßen Steinbock und Löwe, Hase, Affe, Hirsch und Esel, im Hintergrund ein springender Hirsch.

Orpheus, Sohn des Flußgottes Oiagros und der Muse Kalliope, hatte die Macht, durch seinen Gesang und sein Spiel auf der Kithara Pflanzen und Tiere zu bezaubern.

Cb AMPHION(?) In einer felsigen Landschaft ist unter einem Baum ein junger Mann dargestellt, der auf der Querflöte spielt. Im Vordergrund ist ein Pferd zu sehen, das stilliegt und lauscht, rechts im Bild eine Schafherde. Man kann in dem jungen Mann wohl sicher Amphion sehen, der zusammen mit seinem Zwillingsbruder Zethos (beide Söhne des Jupiter und der Antiope) von einem Hirten aufgezogen wurde. Amphion liebte seine Lyra (hier allerdings Flöte), die ihm Merkur geschenkt hatte.

Die Thematik der Deckenbilder weist auf die Bestimmung des Raumes als Musikzimmer hin.

D1-4, Da-b (Raum 4) Die vier Ornamentkartuschen D1-4 liegen in den Ecken der Decke. Sie zeigen figurenreiche mythologische Szenen. Da-b liegen an der N- und S-Seite in der Hohlkehle.

D1 HERKULES UND ANTÄUS In einer Landschaft, die durch einige Bäume am linken Bildrand angedeutet ist, ringt Herkules mit Antäus. Er ist eben im Begriff, den Riesen, der die Faust drohend geballt hat, in die Höhe zu heben. Den Kampf verfolgen drei junge Frauen.

Auf dem Weg zu den Hesperiden mußte Herkules mit dem Riesen Antäus kämpfen. Antäus, ein Sohn der Gaia, gewann seine Kraft durch die Berührung seiner Mutter, der Erde. Herkules hob ihn hoch und konnte ihn so bezwingen.

D2 HERKULES UND ALKESTIS Ein kräftiger, bärtiger Mann, der durch das Löwenfell um seine Lenden als Herkules gekennzeichnet ist, geleitet eine junge, nackte

Frau, die einen weiten Schleier um sich zieht, zu einem Boot, dessen Ruderer rechts im Bild zu sehen ist. Verhüllte Gestalten, von denen eine Krone trägt, bleiben im Hintergrund zurück. Durch einen Torbogen auf der rechten Bildseite ist ein Feuerschein zu sehen.

Alkestis, die Gemahlin des Admetos, des Königs von Thessalien (Pherai), opferte ihr Leben für das ihres Mannes. Herkules verfolgte den Thanatos in die Unterwelt und geleitete Alkestis wieder zurück ins Leben. Auf dem Bild lassen die beiden die Bewohner der Unterwelt zurück und besteigen Charons Nachen.

D3 WINDGÖTTER Vier Frauen sind hier in einer Landschaft dargestellt; sie werden von zwei geflügelten Windgöttern überrascht. Eine wendet sich erschrocken ab, eine zweite streckt die Hände nach den Windgöttern aus.

D4 GALATHEA Die schöne Nereide ist auf ihrem Muschelwagen dargestellt. Sie ist von Tritonen und Nereiden begleitet.

In den Bildern D1-4 werden durch die mythologischen Szenen die Vier Elemente dargestellt. Herkules und Antäus (D1) bedeuten die Erde, durch die Szene in der Unterwelt (D2 Herkules und Alkestis) wird das Feuer illustriert; hier bedeutet der Feuerschein im Hintergrund das Pyriphlegethon, den Feuerstrom, der um den Tartaros fließt. Die Szene mit den Windgöttern (D3) stellt die Luft und Galathea (D4) das Wasser dar (vgl. RDK, Bd 4, s. v. Elemente, Sp. 1274).

Da-b SONNE UND MOND Die Bilder sind fast zerstört, der Bildgegenstand kaum mehr zu erkennen. Sonne und Mond bedeuten hier wohl Tag und Nacht. (Keine Abbildungen)

Die Bildfolgen der vier Gästezimmer haben alle ein weltliches mythologisch-allegorisches Thema und verleihen der Zimmerflucht eine gemeinsame Grundstimmung von Muße, Bildung und Unterhaltung.

Literatur siehe S. 122 und 133