Bad Wildungen, Schloss Friedrichstein
Inventarnummer: cbdd10280
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Auf Schloss Friedrichstein, das von den Grafen von Waldeck ab 1663 zu einem Barockschloss ausgebaut wurde, haben sich zwei großformatige Deckenfresken mit mythologisch-allegorischen Motiven von Carlo Ludovico Castelli aus den 1720er Jahren erhalten.

Schloss Friedrichstein in Bad Wildungen
Forschungsstand
Grundlegend zum Schloss Friedrichstein ist Frank Pütz‘ Monographie „Die Perle des Waldecker Landes“ – Schloss Friedrichstein in Bad Wildungen, das Entwurfszeichnungen, barocke Schlossinventare und vertiefende Ausführungen zur Bau- und Nutzungsgeschichte des Schlosses bis ins 21. Jahrhundert zusammenführt.
Lage, Bau- und Nutzungsgeschichte
Das Schloss Friedrichstein liegt auf einer Bergkuppe zwischen den früheren Ortskernen von Niederwildungen und Altwildungen, die heute zur Stadt Bad Wildungen zusammengeschlossen sind, ca. 30 Kilometer südwestlichen von Kassel.
Spätestens seit dem 12. Jahrhundert war der Standort mit einer Burg bebaut, die 1294 in den Besitz der Grafen von Waldeck (der früheren Grafen Schwalenberg) kam.[1] Die Burg diente daraufhin als Residenz mehrerer Generationen von Grafen von Waldeck-Wildungen, wobei sich die Familie in mehrere Linien aufspaltete und die Herrschaft entsprechend aufgeteilt wurde.[2] Der Um- und Neubau als Residenzschloss im 17. Jahrhundert geht ebenfalls zurück auf eine Herrschaftsteilung: Nachdem Graf Philipp VII. 1660 von seinen Söhnen Christian Ludwig und Josias beerbt wurde, ließ sich Christian Ludwig eine Residenz, Schloss Christiansburg in Kleinern, errichten. Josias, der als jüngerer Bruder „Amt und Schloss Wildungen als Paragium“ erhielt, verblieb auf der Burg und startete dort ein ambitioniertes Projekt für den Bau eines neuen Residenzschlosses.[3]
Josias sah den Bau eines „großen dreieckigen Gebäudekomplexes mit zwei langen spitz aufeinander zulaufenden Flügeln und einem kleineren Verbindungsflügel“ vor.“[4]Die Ecken sollten jeweils durch Rundtürme markiert werden. Dabei wurde jener Turm einbezogen, den bereits Philipp IV. um 1550 an der nordöstlichen Ecke des Schlosses hatte errichten lassen.[5] Von diesem Plan wurde nur der Westflügel, der die repräsentativen Appartements der Herrschaft beherbergt, umgesetzt. Die weitere Ausführung dieser Pläne wurde durch den Tod des Grafen in der Belagerung von Candia 1669 verhindert.
Nach dem Tod Josias‘ ließ 1672-74 seine Witwe Wilhelmine Christine von Nassau-Siegen (1629-1707) den Westflügel und bis 1678 den Nordflügel fertigstellen.[3]
Den Bau vollendete schließlich Friedrich Anton Ulrich (1676-1728). Der Sohn von Graf Christian Ludwig regierte ab 1706 von Arolsen aus, wo bereits sein Vater 1695 Residenz genommen hatte. 1712 wurde er von Karl IV. in den Fürstenstand erhoben. Das Schloss in Wildungen ließ er sich vom Baumeister Herrmann Korb 1707-1714 als Lustschloss ausbauen.[6]Auch die Innenausstattung der Räume mit Stuckaturen von Andrea Gallasini und die Deckengemälde im Gemach der Gräfin und im großen Saal von Carlo Ludovico Castelli stammen aus der Herrschaftszeit des ersten Fürsten von Waldeck und Pyrmont.
Nach Friedrich Anton Ulrichs Tod 1728 bewohnte seine Witwe, die Pfalzgräfin Luise von Zweibrücken-Birkenfeld (1678-1753) Schloss Friedrichstein. Ihr Sohn, Carl August Friedrich (1704-1763) ließ ab 1751 die Farbfassung (der Wände) des Großen Saals und einige weitere Teile der Inneneinrichtung erneuern. Nach dessen Tod nutzte wiederum seine Witwe Christiane Henriette (1725-1816), die bis 1766 anstelle des unmündigen Sohnes Friedrich Carl August regierte, Friedrichstein als Lustschloss.[7]
Aus der Regentschaft Friedrich Carl Augusts sind Pläne überliefert, den Großen Saal in Richtung der Terrasse zu erweitern, die allerdings nicht umgesetzt wurden.[8]
Mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts verlor sich in der Grafendynastie von Waldeck-Pyrmont offenbar das Interesse an Schloss Friedrichstein. 1862 brannten große Teile der alten Vorburg des Schlosses nieder. Erst zum Ende des Jahrhunderts wurde es wieder als Sommerschloss genutzt. Pütz führt aus, dass erst die Würdigung Wildungens als hochwertiges Heilbad (ab 1906 Bad Wildungen genannt) den Ausschlag gab, das Schloss umfangreich instand zu setzen und bis 1918 regelmäßig zu bewohnen.[9]
Nach dem Ende des Kaiserreiches fiel das Schloss laut einem Abfindungsvertrag mit den Grafen dem neuen Freistaat Waldeck-Pyrmont zu und diente fortan als Ausflugsziel mit Restaurant, aber auch für Wohnungen. 1938 wurde Friedrichstein allerdings von der Wehrmacht beschlagnahmt. Bis zum Kriegsende 1945 diente das Schloss dann als Lazarett.[10]
Nach dem Zweiten Weltkrieg war der Zustand des Schlosses schlecht und machte nach der Übertragung an das Land Hessen 1950 aufwändige Sanierungsarbeiten notwendig. Diese zogen sich jedoch über Jahrzehnte hin, da lange kein Nutzungskonzept feststand. In den 1970er Jahren, als die Idee der Einrichtung eines Militärhistorischen Museums im Schloss immer deutlicher als zukunftsfähiges Konzept hervortrat, wurde das Schloss schließlich umfangreich erneuert und teilweise für die neue Nutzung umgebaut. 1980 eröffnete das Museum. Seit 2006 wird Schloss Friedrichstein inzwischen von der Museumslandschaft Hessen Kassel verwaltet.[11]
Baubeschreibung
Schloss Friedrichstein ist als Dreifllügelanlage aufgeführt. Es ist über eine steinerne Brücke zu erreichen, die aus Richtung Altwildungen im Norden durch ein großes Segmentbogenportal in den Innenhof des Schlosses führt. Der Westflügel dient als Corps de Logis und ist aufgebaut aus zwei Vollgeschossen und einem mit großen Gauben durchfensterten Dachgeschoss. In der Mitte der sieben Fensterachsen breiten Innenhoffassade befindet sich das Hauptportal mit einem gesprengten Rundgiebel und dem Allianzwappen von Josias von Waldeck-Wildungen und Wilhelmine Christine von Nassau-Siegen. Der prägnante Rundturm in der nordwestlichen Ecke wurde aus dem Vorgängerbau integriert. Dies lässt sich über das Doppelwappen von Philipp IV. von Waldeck und Margarete von Ostfriesland an der Nordseite des Turmzylinders ablesen, das die Datierung 1550 ausweist.[12]
Im Norden und Süden stoßen niedrigere Seitenflügel an, deren Dachtraufen etwa auf halber Höhe des ersten Obergeschosses des Hauptflügels liegen. Die Seitenflügel sind sehr in etwa spiegelgleich angelegt. Sie bestehen aus einem niedrigen Sockelgeschoss, auf dem ein Hauptgeschoss und ein am Fuß geknicktes Walmdach aufsitzen. Hinter dem Südflügel, der den großen Saal des Schlosses beherbergt, liegt eine Terrasse mit weiter Aussicht über den alten Stadtteil Niederwildungen. Im Nordflügel befinden sich dagegen Wohngemächer. Ursprünglich waren beide Seitenflügel von den Gemächern im Corps de Logis aus erreichbar, bei der Sanierung des Schlosses im 20. Jahrhundert wurde die entsprechende Verbindungstreppe vom West- in den Südflügel aber abgerissen.[13]
Nach Osten ist der Innenhof durch eine niedrige Mauer begrenzt, über die sich die Aussicht in die Umgebung öffnet.
Der Westflügel

Das Appartement der Fürstin

Das Appartement der Fürstin nimmt die Hälfte des Corps de Logis südlich des Haupttreppenhauses ein. Ursprünglich war es spiegelgleich zum Appartement des Fürsten (vormals des Grafen) auf der Nordseite angelegt, mit Ausnahme des großen Kabinetts im Turm, das auf der Südseite eine Entsprechung in einem kleineren, nicht aus dem Baukörper hervortretenden Eckkabinett fand. Um- und Einbauten verändern den Raumeindruck heute jedoch in beiden Appartements.
Vom Treppenhaus kommend betritt man heute einen schmalen Flur, über den man ins Vorzimmer und die ehemalige Garderobe der Fürstin gelangt. Diese Unterteilung erfolgte jedoch erst im 19. Jahrhundert;[14] ursprünglich trat man direkt ins Antichambre, das die gesamte Breite des Westflügels einnahm. In der Südwand befand ich neben dem Zugang zum Treppenhaus eine Scheintür, hinter der sich ein Wandschrank verbarg.[15]Gegenüberliegenden Nordwand lagen die Zugänge zum Schlafzimmer der Fürstin, sowie zu ihrer Garderobe und zur Treppe in den Südflügel. An das Schlafzimmer schließt nach Süden ein Kabinett an.
Das Vorzimmer
Für das Vorzimmer der Fürstin, das als repräsentatives Antichambre, aber auch als Gesellschaftszimmer genutzt wurde, sind vier Supraporten von Johann Valentin Tischbein belegt, die jedoch während oder nach dem Zweiten Weltkrieg verlustig gegangen sind. Drei davon sind in Schwarzweiß-Fotografien überliefert.
Ansonsten ist für das Vorzimmer keine malerische Ausstattung bekannt; an der Decke befindet sich ein schlichter, leicht geschwungener Stuckrahmen, für den jedoch keine Ausmalung bekannt ist.
Supraporten mit mythologischen Jagdszenen
Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte
Bei den vier Supraporten handelte es sich um Grisaille-Gemälde auf Leinwand. Sie wurden um oder nach 1764 von Johann Valentin Tischbein im Auftrag der damals anstelle ihres minderjährigen Sohnes regierenden Fürstin Christiane Henriette angefertigt.[14]
Die drei überlieferten Supraporten zeigten Jagdszenen, es darf angenommen werden, dass dies auch auf die vierte zutraf.
Beschreibung
Es ist denkbar, dass es sich bei allen Bildern um Jagdthemen mit mythologischen Hintergründen handelte, das genaue Geschehen ist jedoch nicht immer einzuordnen. Am eindeutigsten erscheint das Bild eines jungen Mannes in Begleitung zweier Hunde, der sich um eine zu Boden gestürzte Frau kümmert, in deren Oberkörper ein Pfeil steckt. Dass der Mann einen gefüllten Köcher bei sich führt, ist ein Hinweis darauf, dass er es auch war, der die Frau niederschoss. Es handelt sich hierbei sehr wahrscheinlich um die Darstellung der sterbenden Procris, die von ihrem Gemahl versehentlich bei der Jagd erschossen wurde.[16]
Bei den anderen zwei Bildern handelt es sich um Wildschwein-Jagden, möglicherweise Szenen um die Jagden auf den Kalydonischen und den Erymanthischen Eber. Auf einem der Gemälde baut sich ein nackter Jäger mit einer hoch erhobenen Keule vor dem flüchtenden Tier auf, den man als Herkules deuten könnte – das würde für eine Jagd auf den Erymanthischen Eber sprechen. Da diese Supraporte mit etwas mehr Wandausschnitt fotografiert wurde, lässt sich erkennen, dass sie an der Südwand in dem im 19. Jahrhundert abgetrennten Flur über der Tür zur Treppe im Südflügel gehangen haben muss. Ob dies jedoch der ursprünglichen Hängung im 18. Jahrhundert entsprach, ist nicht zu sagen.
Das Gemach der Fürstin
Das Schlafgemach der Fürstin ist ein rechteckiger Raum mit einem großen Deckengemälde von Carlo Ludovico Castelli in einem geschweiften Stuckrahmen. Die Ausstattung des Raumes inklusive Parkettfußboden und einem roten Marmorkamin wird auf die Zeit um 1715 datiert.[14] Das Inventar von 1763 verzeichnet für den Raum außerdem „2 ovale Sus des portes“, ovale Supraporten, deren Herkunft, Inhalt und Verbleib jedoch ungeklärt sind.[17]
Das Deckenbild: Weisheit und Zeit enthüllen die Wahrheit
Beschreibung und Ikonografie
Das Deckengemälde stellt die Enthüllung der Wahrheit in Person einer jungen Frau vor, die, zuvor von den weißen Tüchern ihres Gewandes bedeckt, buchstäblich entblößt wird von der Personifikation der Zeit, dargestellt als Greis mit einer Sense, der Teile ihres Gewandes wegzieht. Mit ausgebreiteten Armen steigt die enthüllte auf zu Minerva, die links auf den Wolken thront, eindeutig zu erkennen am prächtigen Helm mit rotem Busch und dem Aegis-schild, der hinter ihrem Rücken hervorschaut. Die Göttin schiebt mit einer Hand die Wolken über sich beiseite und offenbart ein strahlendes Antlitz, dessen Licht nun auf die Wahrheit niederstrahlt, deren Kopf noch halb unter dem Tuch verborgen ist. Von dieser Erleuchtung in Gestalt der Sonne werden die Wolken wie beim Sonnenaufgang rosa und orange getüncht. Minerva, die aus dem Bild auf den Betrachter hinabblickt, präsentiert mit der anderen Hand die Figur der Wahrheit und suggeriert damit, dass neben der Zeit auch die Weisheit vonnöten ist, die es vermag, den Blick auf das Verborgene freizugeben.
Zu Füßen dieser auf einem Wolkenbett ins Überirdische gehobenen Enthüllung liegen auf einem Felsen zwei weitere Figuren nebeneinander. Im Vordergrund liegt eine Gestalt, die sich trotz ihrer durch eine Augenbinde angedeuteten Blindheit vom Boden abstützt und sich umwendet, um auf das überweltliche Geschehen zu blicken. Sie hält eine mit einem Seil umwundenen Stock in der Hand. Halb verdeckt liegt hinter ihr eine hingestürzte Gestalt mit Eselsohren, die als Allegorie für Unverstand oder Dummheit gedeutet werden kann.
Vorlage
Als Vorlage lässt sich ein Blatt des französischen Hofmalers Antoine Coypel ausmachen, das 1715 von Louis Desplaces als Kupferstich veröffentlicht wurde (s. Abbildung).[18] Der obere Bildteil mit der Figurengruppe von Minerva und den Personifikationen von Zeit und Wahrheit entspricht detailgenau dieser Vorlage. Den unteren Teil mit „errore & ignorantia“, wie die Bildunterschrift die blinde und die eselsohrige Person bezeichnet, hat Carlo Ludovico Castelli in Bad Wildungen vermutlich zugunsten des gleichseitigen Formats des Deckengemäldes zu einer gedrängt am Boden liegenden Gruppe variiert.
Wie diese Vorlage oder die Kenntnis von Coypels Zeichnung in Paris nach Bad Wildungen gelangt ist, ist nicht bekannt. Diese Zeichnung aus dem Spätwerk des französischen Hofmalers Coypel bzw. der Nachstich von Desplaces, der 1715 erschien, ist zum Zeitpunkt der Einrichtung des Fürstinnengemachs jedoch sehr aktuell. Seine Rezeption ist ein Ausweis der Strahlkraft der zeitgenössischen französischen Hofkunst an andere Höfe. In Bad Wildungen wirkt er als Ausdruck von Modernität und Kunstgeschmack des gerade 1712 gefürsteten Auftraggebers Friedrich Anton Ulrich.
Pütz mutmaßt, dass es auch im Gemach des Fürsten ein ähnliches Deckenbild gegeben haben kann, über dessen Aussehen aber nichts bekannt ist. Seiner Annahme nach musste es bereits im späten 18. Jahrhundert dem Einbau des Alkovens im Fürstengemach weichen.[19]
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Der Südflügel
Der Südflügel besteht aus einem niedrigen Sockelgeschoss, dem ein sieben Fensterachsen breites Hauptgeschoss und ein leicht geknicktes Walmdach aufsitzt. Die Ausdehnung des enthaltenen Großen Saals ist auch von außen abzulesen: symmetrisch zum Nordflügel, wo die Kutscheneinfahrt in gleicher Weise abgesetzt ist, trennt eine Quaderkante die zwei ersten Fensterachsen des Südflügels optisch ab. Die fünf folgenden Achsen beschreiben die Länge des Saals. In der Mittelachse befindet sich ein Portal mit Dreiecksgiebel, das durch eine darüberliegende Dachgaube noch betont wird. Der eigentlichen Fassade des Saal-Teils ist im Erdgeschoss zudem eine gedrungene Loggia mit massiven Pfeilern vorgelegt. Über eine Außentreppe kann man darüber das Portal zum Saal sowie die Terrasse auf der Südseite erreichen.
Der Südflügel ist über Felsen errichtet, das untere Geschoss ist deshalb nur zur Hofseite hin ausgeführt.[20] Die Terrasse an der Südseite wird von einer massiven Stützmauer unterfüttert, hinter der der Berghang steil abfällt.
Der Saal
Der Saal ist längsrechteckig und nimmt die gesamte Breite des Südflügels ein. Nach Osten und Westen hat er jeweils zwei Türen. Von der Westseite her erfolgt der Zugang vom Erdgeschoss (und ursprünglich auch vom ersten Geschoss des Hauptflügels aus) zum Saal; hinter den Türen im Osten schließen sich kleine Kabinette an. Zwischen den Türen befanden sich früher Nischen mit großen Öfen, die vom Treppenhaus bzw. der Terrasse aus befeuert werden konnten. Heute sind die Wandöffnungen mit Spiegeln verkleidet. Über den Türen sind elaborierte Kartuschen mit dem Doppelwappen des Fürstenpaares Friedrich Anton Ulrich von Waldeck und Pyrmont und Luide von Zweibrücken-Birkenfeld angebracht, jeweils bekrönt von einem Fürstenhut.
Die Wände sind durch dezente Pilaster gegliedert. Darauf liegt ein Stuckgesims mir Konsolen und einem weiteren Gesims. Darauf „ruht“ optisch die Spiegeldecke. Aus den Ecken der Decke wachsen Stuckornamente mit Blüten, Bändern und Muscheln in Richtung des rechteckigen, an den Ecken ein wenig gezackten Rahmens, der das großformatige Deckenbild einfasst. Der Deckenstuck stammt von Andrea Gallasini, während wenigstens der Entwurf für die Pilastergliederung der Wände auf Herrmann Korb zurückgehen könnte.[21]
Das Deckenbild: Der Ruhm des Hauses Waldeck
Entstehung
Das Deckenfresko wurde um 1720 von Carlo Ludovico Castelli ausgeführt.
Beschreibung und Ikonografie
Im Zentrum des Deckenbildes sitzt auf einem Wolkenberg Minerva mit den Attributen der Künste zu ihren Füßen. Sie bekrönt einen Putto mit purpurnen Schulterumhang, der das Wappen des Hauses Waldeck - ein schwarzer Stern auf goldenem Grund - trägt, mit einem Lorbeerkranz. Darüber fliegt eine Genie mit Libellenflügeln und streut Blumen aus einem goldenen Gefäß. Links neben der Minerva lagert Apoll mit strahlenumwirktem Haupt und dramatisch wallenden Gewand, die Spitzen seiner Leier ragen hinter ihm auf.
Hinter ihm tritt, scheinbar aus dem Wolkenhintergrund, Pluto hervor. Deutlich verschattet im Kontrast zum Sonnengott Apoll, weisen ihn Zweizack und Krone als Herrscher der Unterwelt aus. Nur die linke Hand des Gottes steht im Licht, ihre Geste wird dadurch besonders betont: Während er selbst nach oben schaut, weist er mit einem Fingerzeig auf die Figurengruppe hin, die sich unter ihm befindet. Drei männliche Figuren tragen dort Reichtümer an die Szene um Minerva und Apoll heran. Die oberen beiden offerieren einen Pott und eine Truhe, die überquellen mit Gold und Perlenketten. Unter ihnen neigt sich eine weitere Person aus der Wolkenmasse heraus; sie hält weiteren Goldschmuck in der Hand und scheint ihr Gesicht zu beschirmen vor dem Licht, das von Apoll ausgeht.
Rechts davon, in der unteren Bildmitte, lagert ein weiteres Paar von Allegorien des Überflusses und der Großzüggkeit. Die von einer Ährenkrone bekränzte Abundantia sitzt mit ihrem Füllhorn, aus dem exotische Früchte und Blätter Quellen, neben der Liberalitas mit einer goldenen Krone, die mit weit ausgestrecktem Arm Gold und Perlen darbietet. Die Liberalitas blickt hinab aus dem Bild, während sich Abundantia nach oben zur Hauptszene um das Wappen des Hauses Waldeck wendet und mit einer Geste auf die Welt unterhalb des Wolkenberges hinweist. Hinter den beiden Frauengestalten, scharen sich drei Amoretten. Einer reicht hinauf zum Gott Apollon, um ihm etwas zu reichen oder von ihm entgegenzunehmen (leider hängt die Halterung des Leuchters direkt über Apolls Hand und verdeckt dieses Detail). Auch eine weitere Schatzkiste steht dort in den Wolken, erneut mit Perlen und Goldketten, und mit einem roten Tuch abgedeckt.
Rechts der Liberalitas und Abundantia befindet sich schließlich die letzte Figurengruppe. Hier sitzt eine geflügelte Gestalt auf einer Wolke, sie blickt zur Krönung Waldecks auf und ist im Begriff, mit einer Feder etwas auf einen leeren Schild zu schreiben. Die Hand, die den Schild stützt, hält außerdem einen Palmwedel. Neben den Beinen der Frau ragen ein Köcher mit Pfeilen und mehrere Sperre hervor, zwei sind mit hellen Bannern versehen. Sie lässt sich als Clio deuten, die Muse der Geschichtsschreibung, die sich anschickt, den Ruhm und die Geschichte des Hauses Waldeck auf ihrem Schild zu verewigen. Auch sie wird begleitet von einem Schwarm Amoretten. Einer lugt hinter ihr hervor und weist aus dem Bild hinaus – in Richtung des Schlosshaupttraktes mit den Fürstengemächern; drei weitere sitzen über ihr. Ein fünfter kommt gerade mit blumenkränzen in den Händen herabgeflogen. Es entsteht eine komische Situation zwischen ihm und einer der unteren Amoretten, der die beim Versuch, eine der Blumenkronen von ihm anzunehmen, fast von seiner Wolke fällt.
Über der Clio erhebt sich eine weitere Allegorie mit goldenen Flügeln und einem antikisierenden Helm in der Hand. Auch sie weißt nach rechts aus dem Bild zur Tür in Richtung der Fürstenappartements. Über der Szene auf der rechten Seite des Wolkenberges schweben außerdem ein Amorettenpaar, das eher komödiantisch anmutet, denn der rechte Putto scheint geblendet von der Szenerie zu sein und auch sein Begleiter wendet sich ab und versucht, das Licht mit der ausgestreckten Hand fernzuhalten. Über der linken Bildhälfte fliegt dagegen Fama mit zwei Trompeten.
Das Deckengemälde ist zu verstehen als Glorifizierung der tugend- und segensreichen Herrschaft derer von Waldeck, dargestellt in Gestalt des Puttos mit dem Wappenschild, die Frieden, Wohlstand und Überfluss garantiert. Gemeinsam mit den vier stuckierten Wappen über den Türen, die mit dem Fürstenhut bekrönt sind, ist das Bild des neuen Selbstbewusstseins und Repräsentationsbedürfnisses des Hauses Waldeck und Pyrmont als erbliches Fürstentum.
Bibliographie
- Dehio, Georg (Verf.): Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler: Hessen I, München 2008.
- Pütz, Frank: Schloss Friedrichstein in Bad Wildungen : die Perle des Waldecker Landes, hrsg. von der Museumslandschaft Hessen Kassel, Kromsdorf/Weimar 2017.
Einzelnachweise
- ↑ Pütz, Schloss Friedrichstein, S. 14-15.
- ↑ Pütz, Schloss Friedrichstein, S. 15-18. Nachweisbare Baumaßnahmen an der Burganlage s. S. 19-21.
- ↑ 3,0 3,1 Pütz, Schloss Friedrichstein, S. 21.
- ↑ Dehio, Hessen I, S. 78.
- ↑ S. Pütz, Schloss Friedrichstein, S. Plan siehe https://www.bildindex.de/document/obj20910009?part=1. Der Turm von Philipp IV. ist hier unten rechts.
- ↑ Pütz, Schloss Friedrichstein, S. 22. die Ausstattung dauerte bis in die 1720er Jahre.
- ↑ Pütz, Schloss Friedrichstein, S. 43-44.
- ↑ Pütz, Schloss Friedrichstein, S. 44, Entwurf s. Abb. 42.
- ↑ Pütz, Schloss Friedrichstein, S. 46
- ↑ Pütz, Schloss Friedrichstein, S. 48.
- ↑ Pütz, Schloss Friedrichstein, S. 50-52
- ↑ Margarete starb bereits 1537, s. https://explore.gnd.network/gnd/1034676954. Die Erbauung des Turmes lag zwischen der zweiten und dritten Ehe des Grafen. Da seine gesamte Nachkommenschaft inklusive mehrerer Söhne zu diesem Zeitpunkt aber aus der Ehe mit Margarete hervorgegangen war, waren wohl dynastische Gründe ausschlaggebend für die Verwendung ihres Wappens.
- ↑ Um den Betrieb des Museums von der Nutzung des Südflügels als Restaurant / Eventlocation abzutrennen. S. Pütz, Schloss Friedrichstein, S. 52.
- ↑ 14,0 14,1 14,2 Pütz, Schloss Friedrichstein, S. 84.
- ↑ Heute sind in den Räumen der Fürstin Ausstellungsstücke der Waffensammlung präsentiert, auch in der Nische des Wandschranks.
- ↑ Gemäß der mythischen Erzählung wird Procris zwar von einem Speer getroffen (Ovid, Metamorphosen VII, 794-865), ihr Tod durch einen Pfeil ist jedoch seit dem 16. Jahrhundert in der Druckgraphik ebenso verbreitet.
- ↑ S. Pütz, Schloss Friedrichstein, S. 129.
- ↑ Die Veröffentlichung war dem Geistlichen und Intellektuellen Jean-Paul Bignon (1662-1743), „dem Abt von Saint-Quentin, Dekan der Kirche von Saint-Germain l‘Auxerrois, Mitglied des Konsistoriums, Präsident der Königlichen Akademie der Inschriften und Wissenschaften“ gewidmet, s. Bildunterschrift.
- ↑ Pütz, Schloss Friedrichstein, S. 86.
- ↑ Siehe Pütz, Schloss Friedrichstein, Abb. 66 (S. 62) und Abb. 126 (S. 98, Schnitt durch den Südflügel um 1751/1765)
- ↑ Pütz, Schloss Friedrichstein, S. 99.