Altötting, Ehem. Jesuitenkolleg, Kirche St. Magdalena
ALTOTTING
Stadt seit 1898. Seit 1822 Bistum Passau. Z.Z. der Ausmalung Erzbistum Salzburg, Archidiakonat Gars, Kurf. Propsteigericht Altötting. Gericht Neuötting
Ehem. Jesuitenkolleg, Kirche St. Magdalena Kongregationssaal S. 22
Institut der Englischen Fräulein Institutskirche Mariä Vermählung S. 23
Zur Geschichte: Altötting war sicher schon im 8. Jh. Herzogsbzw. Königspfalz, nach der Legende soll hier Bischof Rupert von Salzburg Herzog Theodo getauft und damit die Christianisierung Bayerns eingeleitet haben. Ab 877 Abtei, Mitte 11. Jh. Kollegiatstift (bis 1803). Die um 1490 einsetzende Marienwallfahrt entwickelte sich zur bedeutendsten in Bayern. Die Gnadenkapelle mit dem Gnadenbild der Schwarzen Madonna< war von Maximilian I. bis Ludwig III. Beisetzungsort der Herzen der bayerischen Herrscher. Der barocke Plan Kurfürst Ferdinand Marias, das Oktogon der alten Kapelle mit einem mächtigen Zentralbau zu überkuppeln und den Kapellplatz in Form eines Oktogons zu gestalten, geriet nur bis zur Grundsteinlegung 1672 durch Enrico Zuccalli. 1591 ließen sich die Jesuiten, 1653 die Franziskaner, 1721 die Englischen Fräulein nieder. 1908 entstand als geräumigster Kirchenbau die neubarocke St.-Anna-Basilika der Kapuziner. Der heutige Kapellplatz mit der Gnadenkapelle, eingeschlossen von gotischer Stiftspfarrkirche, barocker Magdalenenkirche, Kongregationssaal, ehem. Hoftaverne (Gasthaus zur Post), neubarockem Rathaus und zwei Chorherrenstöcken (Pfarrhaus und Wallfahrtsmuseum, Dekanatshaus und Münchner Hofe) sowie dem alten Chorherrenstock aus dem 17. Jh. und dem zweischaligen Marienbrunnen erhielt seine Gestalt um 1680, dann 1908 und eine letzte grundlegende Umgestaltung 1983/84.
Ehemalige Jesuitenkirche mit Kolleg Kapellplatz 7–9
Das Kolleg wurde nach Aufhebung der Jesuiten 1773 von weltlichen Wallfahrtspriestern versehen, war 1781–1808 Kommende des Malterserordens, dann staatliches Forstamt 1841–74, Kloster der Redemptoristen, seit 1874 zweite Niederlassung der Kapuziner in Altötting, seit 1925 im Besitz des Provinzialats der Bayerischen Kapuziner. An die Klosterkirche grenzt südlich die Josephskapelle und nördlich der Kongregationssaal; der Gebäudekomplex markiert die Ostseite des Kapellplatzes. An der Kirche bestanden vier Bruderschaften: Maria Verkündigung, St. Joseph, St. Isidor, St. Sebastian.
Patrozinium: St. Magdalena, Nebenpatrone Ignatius von Loyola und Franz Xaver
Zum Bauwerk: Herzog Wilhelm V. erkannte 1580 bei einem Besuch in Altötting die Notwendigkeit, den Seelsorgebetrieb bei dem anwachsenden Wallfahrerstrom durch die Entsendung der Jesuiten zu unterstützen. Schon Jahre zuvor hatte der Jesuit Petrus Canisius in Altötting gewirkt. 1591 Niederlassung von zwei Jesuitenpatres im Leviten- oder Kapellhaus östlich der Gnadenkapelle, 1595 Grundsteinlegung zu einem eigenen Kloster- und Kirchenbau durch Meister Ruprecht Kuchlmeister aus Neuötting nach Plänen von Maler Anthon aus Altötting. Weihe 10.10.1596. 1674 wurde an der S-Seite dieser Kirche die Josephskapelle angebaut. 1696 wurde an der N-Seite der Kongregationssaal errichtet.
Zur Jahrhundertfeier der Kirchweihe war 1696 ein größerer Bau fällig, da die kleine Hauskirche für die Seelsorge nicht mehr ausreichte (als die Jesuiten nach Altötting kamen, wurden jährlich 400 Kommunikanten gezählt, 1605 waren es 16000, Ende des 17. Jahrhunderts 121000). 1696 Abbruch der alten Kirche, Grundsteinlegung zum Neubau am 1.4.1697, Eröffnung am 28.10.1698, Weihe am 10.10.1700 durch Sigismund Carl Graf von Castelbarco, Bischof von Chiemsee. Baumeister war der Jesuiten-Laienbruder Thomas Troyer aus Mit-


Tersill im Salzburger Land, ein gelernter Schreiner, der sich als Baumeister auch mit dem Kolleg-Gebäude in Neuburg an der Donau und der (nicht erhaltenen) Jesuitenkirche in Rottenburg am Neckar einen Namen machte († 1718 in Rottenburg). Der Hochaltar wurde 1711 aufgesetzt (nicht erhalten), der Kurfürst hatte 600 fl. und das Altarbild von Christoph Schwarz mit der Darstellung der Kirchenpatronin Maria Magdalena geschenkt. Zwei neue Seitenaltäre aus Marmor 1713 waren Stiftungen der Freiherrn von Löwenstein, die Altargemälde der beiden Nebenpatrone Ignatius von Loyola und Franz Xaver von Johann Caspar Sing aus Braunau am Inn (schon 1710 erworben). Aus der Zeit der Malteser stammt der klassizistische Hochaltar von 1795 von Joseph Doppler, Wink ist auch das ehemalige Altargemälde „Hl. Franziskus“ in der Franziskanerkirche, jetzt an der Langhauswand, sign. und datiert 1781). Kanzel und Gestühl sind noch aus der Bauzeit 1699, wohl von Troyer. Die 1699 im Hinblick auf die Pilgerseelsorge aufgestellten zwölf Beichtstühle in den Nischen des LHs wurden 1896 durch neubarocke ersetzt.
Verhältnismäßig kurze hohe Saalanlage (20,00×12,80 m) in Art einer Wandpfeilerkirche zu vier Jochen. Das westliche Joch ist zu einem Vorjoch mit Empore ausgebildet (Länge 2,80 m). Zwei weitere Joche mit halbkuppelförmigen Wandpfeilernischen bilden den Gemeinderaum mit dem Deckenbild am Gewölbe; das westliche führt südlich zur Josephskapelle. Das vorderste Joch ist zu einer Art Querschiff (Breite 20,00 m) erweitert durch ausschwingende Halbkuppelräume. Tief eingezogener AR (6,00×8,00 m) mit geschweiftem Schluß. Über dem AR sitzt der – im Innenraum nicht sichtbare – achteckige Turm mit Kuppel. Dreiachsige Fassade zum Kapellplatz mit Volutengiebel, Nischen und Figuren. Belichtung durch je zwei Fensterreihen im LHs, im AR durch Fenster in den Stichkappen; die Fenster der AR-Wand führen zu Oratorien. Starkplastische Gewölbestuckaturen mit mächtigen Muschelformen in den Konchen, die mit den Stuckaturen in Reischach zusammenhängen, für die der Wessobrunner Thomas Pader nachgewiesen werden konnte (frdl. Mitt. Alois Stockner, Perach).
Auftraggeber: Rektor der Jesuiten war P. Jacobus Prugger (1698/1701). Wening rühmt, mit welcher Geschwindigkeit der Neubau aufgerichtet wurde »durch viler gutwilligen Freyge bigkeit / und Beytragung vieler tausent Gulden« (S. 31).
Autor und Entstehungszeit: Zuschreibung an Franz Joseph Lederer (* 1676 Altötting † 1733 Freising) 1698
Die Datierung ergibt sich aus der Baugeschichte: bei der Eröffnung am 28. 10. 1698 waren mit Sicherheit die Gerüste aus der Kirche entfernt und damit die Deckenbilder fertig.
Die Fresken zeigen so große stilistische Nähe zu den mit F. I. signierten und 1706 datierten Fresken in der Frauenkapelle neben der Kirche St. Martin in Landshut, daß man sie für Franz Joseph Lederer in Anspruch nehmen kann. Sowohl in der Komposition als auch in der Farbigkeit, aber auch in Details zeigen beide Arbeiten überzeugende Ähnlichkeiten. Erwähnt sei die große Übereinstimmung der Knabenfigur in Landshut mit dem Weihrauchfaß-schwingenden Engel in Altötting; nicht nur die Haltung, sondern auch der charakteristische Kopf mit starkem Kinn, dessen Übergang in den Hals wie gemeißelt wirkt, und die Gestaltung des Gesichts sind gleich. Übereinstimmende Merkmale finden sich bei den Flügeln: große fedrige Engelsschwingen, über die eine Stoffbahn geworfen ist, bzw. fächerartige Puttenflügelchen. Stilistische Anklänge an die Münchner Schule um 1700 (Johann Anton Gumpp, Johann Degler) sind offensichtlich.
Wening beschreibt die Kirche und das Fresko (S. 31): der Bau sei »so wegen seiner Höhe schön anzusehen... (er habe) Größe und Weite halber / wie nicht müder wegen der guten Architectur und Außtheilung nit weniger Lobsprecher als Zuseher / als welche durch dreissig grosse Fenster auff allen Seyten das Liecht einlasset. Das Kirchen-Gewölb stellet die heilige Magdalena als Kirchen-Patronin / wie selbige glorwürdig gen Himmel erhebt / andächtig vor.« In den Annalen der Jesuiten werden Stuck und Fresko nicht erwähnt, ausführlich dagegen Altäre oder Beichtstühle (BHStA Jesuitica).
Befund
Träger der Deckenmalerei: Tonne mit Stichkappen Rahmen: reiche Stuckgirlanden in mehreren Reihen, um den die stuckierte Gewölbedekoration angeordnet ist Technik: Fresko; polychrom Maße: Höhe 12,00 m; 5,50×4,00 Erhaltungszustand und Restaurierungen: Restaurierungen fanden 1795/96 und 1892 statt (KDB). 1892 war das Deckenbild mit einem Christusmonogramm übermalt. 1911/12 Innenrenovierung durch die Fa. Vitzthum und den Kunstmaler Alois Schlee, Altötting. Im Gutachten Haggenmillers vom 23.7.1911 (BLfD) wurde festgestellt, daß unter der »dicken fleckiggrauen Übertünchung« der Stuck wie in der Theatinerkirche ursprünglich naturfarben war. Das Monogramm Christi im Strahlenkranz im Mittelfeld wurde damals mit Gold in der gleichen Form wiederaufgemalt, ebenso die spätere Vergoldung an der großen Muschel über dem Hochaltar wiederholt sowie die Goldschriften in den Kartuschen, letztere aber mehr »im Stilcharakter«. Die Wand- und Pfeilersockel hatten einen grauen Olanstrich.

Auf eine Entstaubung im Jahr 1927 folgte 1946 eine Innenrestaurierung und im ersten Halbjahr 1966 eine gründliche Renovierung, durchgeführt beidemale von der Fa. Schlee. Nach dem Gutachten Schuberths vom 23.2. 1966 wurde das Deckengemälde erst jetzt freigelegt; desgleichen die originale naturfarbene Tönung des Stucks, der »in dünnen Kalklasuren in zweierlei Weiß abgesetzt« getönt wurde. Das Deckengemälde restaurierte Sebastian Brandstetter, Altötting. Die rechte Hälfte des Freskos wirkt original und gibt einen besseren Eindruck vom Stil des Malers; die linke Hälfte ist überarbeitet, zeigt nachgezogene Konturen und eingestimmte Farbflächen. Das Fresko ist übersät mit Netzrissen und gleichmäßig verstaubt. 2002/03 umfassende Restaurierung unter Leitung des Architekturbüros Emanuela von Branca und Restaurator Reinhard Binapfl, Friedberg, mit einer Wiederherstellung nach den originalen Befunden.
Beschreibung und Ikonographie
GLORIE DER HL. MAGDALENA Das Fresko nimmt die Mittelachse des mittleren Jochs ein und wirkt geradezu bescheiden inmitten einer überquellenden, vollplastischer Stuckdekoration. Ein breiter Stuckrahmen aus einer Traubengirlande, gesäumt von zwei Akanthuswülsten, faßt das ovale Fresko ein. Vier überlebensgroße Engel stützen den Rahmen: durch ihre Hände gleitet in losen Schwüngen eine Stoffdraperie mit Blumen- und Früchtegebinden. Im westlichen Joch über der Orgelempore ist ein leeres rechteckiges Bildfeld zu sehen, ein kleineres Pendant dazu im Ostjoch (spätere Zutat: schwarzes Schild mit goldenen Lettern MAGDALENA).
Das Fresko wirkt in dieser üppigen plastischen Umrahmung flach und leicht. Vor steingrauem Hintergrund ist eine in Halbkreis geballte Ansammlung von größeren Engeln und vielen kleinen Putten und Puttenköpfchen zu sehen, die auf einer rötlichen Wolke die hl. Magdalena himmelwärts geleiten. Die weißgekleidete Figur der Heiligen mit langem blonden offenen Haar ist umgeben von gleichmäßigem gelbem Licht, das aus einer hellblauen Kugel mit eingeschriebenem Trinitätssymbol strahlt. Mit gefalteten Händen blickt Magdalena nach oben. Verschiedene Engel halten ihre Attribute: der rechte obere Engel – es ist der gelungenste und am besten erhaltene unter ihnen – schwingt das Weihrauchfaß, ein zweiter weiter unten hält Buch und Salbgefäß, ein dritter den Totenkopf. Auf der linken Seite trägt ein Engel die Büßerattribute: das härene Gewand, den Strick, mit dem es gegürtet wird, und ein Kreuz. Putten auf der linken Seite halten einen Ölzweig bzw. eine Schale mit Herzen. Drei andere drehen ein Füllhorn um, aus dem zahlreiche Blüten direkt in den Kirchenraum zu fallen scheinen und die Illusion erwecken, als würden sie über die Gläubigen ausgestreut.
In der Figur der Maria Magdalena vereinigen sich drei Frauen aus dem Neuen Testament, die von Christus geheilte Maria Magdalena (Lc 8,2 und Mc 16,3), die Sünderin, die Jesus die Füße salbt (Lc 7,37-50), und Maria von Bethanien, die Schwester des Lazarus (Jo 12,1-8). Im Mittelalter wurde ihre Legende auch noch mit der der Eremitin Maria Ägyptiaca vermischt. Daraus erklären sich die vielen Attribute der Heiligen: Salbgefäß und Weihrauchfaß weisen auf die Salbung Jesu und den Gang zum Grab hin, Büßergewand und Strick auf das asketische Leben, Buch und Totenkopf auf die Überwindung der Vanitas und die Vita contemplativa, Ölzweig auf den himmlischen Lohn (LCI Bd 7, Sp. 516–524). Schließlich gehört auch die himmlische Vision zu ihrer Legende. Die brennenden Herzen dagegen bedeuten Andacht und Hingabe der Gläubigen, die aus dem Füllhorn mit himmlischen Gnaden belohnt werden.
Das Kirchenpatrozinium St. Maria Magdalena geht nach Stadler auf einen besonderen Wunsch Herzog Wilhelms V. zurück, der nicht nur zwei Töchter dieses Namens hatte (Eleonora Magdalena *7.10.1578 in München †18.4.1579 in Landshut, und Magdalene *4.7.1587 in München, 1613 Ehe mit Wolfgang Wilhelm von Pfalz-Neuburg † 25.9. 1628 in Neuburg a.d. Donau), sondern auch eine Nichte, die er laut Stadler (S. 12) besonders liebte (Marie Magdalena * 1589 als Tochter Erzherzog Karls II. von Innerösterreich und Marias von Bayern, der Schwester Wilhelms, spätere Gemahlin Großherzog Cosimos III. von Toskana). Die Verehrung der hl. Magdalena durch Herzog Wilhelm (ihr war ein Seitenaltar in der Michaelskirche geweiht) hing mit zwei Reliquien der Heiligen zusammen, die ihm sein Bruder, der Kölner Erzbischof Ernst von Bayern, 1585/86 schenkte. Die Verehrung der heiligen Sünderin und Büßerin entsprach den frommen und asketischen Neigungen Wilhelms, der 1597 abdankte, um bis zu seinem Tod 1628 wie ein Eremit in Schleißheim zu leben. Auch die Jesuiten förderten ihre Verehrung als »advocata omnium peccatorum et peccatricum« (Rom in Bayern. Kunst und Spiritualität der ersten Jesuiten. Kat. München 1997, S. 469 f.).