Almau, Filialkirche St. Leonhard
Filialkirche der Pfarrei Übersee (seit 1819), Gemeinde Übersee, Erzdiözese München und Freising; ehemals Erzdiözese Salzburg, Bistum und Archidiakonat Chiemsee. Zur Zeit der Ausmalung gehörte Almau zur Kuratie Übersee der Pfarrei Grassau; der Kurat war Benefiziat eines 1496 gestifteten Benefiziums. Die Wallfahrt zum hl. Leonhard als Viehpatron ist alt, noch heute besteht ein Leonhardiritt. Gericht Marquartstein
Patrozinium: St. Leonhard
Zum Bauwerk: Erste Erwähnung einer Kirche in Almau im 10. Jh. Die LHs-Mauern stammen aus dem 12./13. Jh., die des Chors sind spätgotisch. Ab 1738 Plan zur Erneuerung des baufälligen Kirchleins, die aber zunächst nicht zustande kam. 1755 Ratifikation über 802 fl. »wegen fast völliger Neuerbauung«, im gleichen Jahr Beischaffung der Baumaterialien. Nach einer Pause fand 1759/60 die durchgreifende Baureparatur und Barockisierung der Kirche statt, mit Erhöhung der Außenmauern, neuem Westtürmchen, Neuwölbung des Chors, einer flachen Weißdecke im LHs, einfachem Stuck, neuem Ziegelpflaster, Kirchenstühlen und Hochaltar. Maurermeister war Christian Hainz von Staudach, Zimmermeister Michael Angerer aus der Vogllug. Neuer Seitenaltar 1868 von Paul Horchler Bildhauer in Burghausen, neuer Hochaltar 1879 nach einem Entwurf von Joseph Marggraf.
Kleiner einschiffiger Bau, Langhaus zu drei Achsen mit Flachdecke über Hohlkehle, Gliederung hier und im Chor durch sehr seichte Pilaster. Tiefe Empore im W, darunter Eingang (in diesem Bereich finden sich sechzehn alte Votivbilder, davon sieben aus dem 18. Jh.). An der Decke Felderstuck aus dünnen Profilleisten. Belichtung von N und S durch je zwei Rundbogenfenster in den westlichen Jochen. Kräftiger Chorbogen als Übergang zum gleich breiten, gewölbten Chor, der dreiseitig geschlossen und durch drei Fenster im S und in den Schlußschrägen belichtet ist. Das Fresko befindet sich im Chor der Kirche.
Auftraggeber: Pfarrer von Grassau z.Z. der Barockisierung war Balthasar Winterholler (1756–80), Benefiziat in Übersee Thomas Sebastian Bernhaubt (1745–69).
Das Deckenbild ist in der Kirchenrechnung nicht abgerechnet, wurde also von einem privaten Spender bezahlt. Wagner 1872 berichtet: »Joseph Estarter Wirth in Feldwies ließ sie (die Kirche) 1764 erneuern« (S. 322). Diese Nachricht, obgleich ungenau (Datum), basiert bei der zeitlichen Nähe des Chronisten am Geschehen wohl auf wahren Begebenheiten, so daß der genannte Estarter (richtig Ehgartner) vermutlich die neuerbaute Kirche ab 1760 ausstatten ließ (was auch Bomhard annimmt). Joseph Ehgartner, Schuhmacherssohn aus Tirol und später Feldwebel im Prinz Hildburghausener Regiment, heiratete am 20.6.1746 in Übersee Anna Maria, die Tochter der Wirtsleute Matthias und Eva Leopoldinger in der Feldwies. Er tat sich später als vermögender Wirt mehrfach durch Spenden an die Kirche hervor (Stiftung von zwölf Monatsmessen in Almau um 400 fl.) und wird im Sterbeeintrag vom 19. 10. 1769 »benefactor« genannt. Was Ehgartner im Rahmen der »Erneuerung« im Einzelnen machen ließ, ist nicht bekannt. Die Ausmalung dürfte dazu gehören. Vielleicht stellt das Paar im Bild rechts ihn und seine Ehefrau dar.
Autor und Entstehungszeit: Zuweisung an Johann Georg Stimpfl (* 1709 Marquartstein † 1773 Marquartstein, s. S. 383) 1760.
Am Ende der Bauabrechnung 1760 (StAM, Kirchenrechnung) heißt es: »Lestlich wurde dem Maller Georg Stimpfl vor Abmahlung der Apostl Leichter und Maur Creuz bezalt 4f.«. In der Regel durften die für den Bau ratifizierten Gelder für die Ausmalung nicht in Anspruch genommen werden; nur das Malen der Apostelleuchter mußte davon bezahlt werden. Deshalb ist meist der Maler der Fresken mit dem Maler, der für die Apostelkreuze bezahlt wurde, identisch. Das Fresko in Almau zeigt Verwandtschaft mit den Arbeiten des Priener Malers Franz Xaver Tiefenbrunner, bei dem Stimpfl wahrscheinlich um 1725 gelernt hat. Das Fresko außen an der Nordwand der Kirche ist in sehr schlechtem Zustand und, soweit man noch beurteilen kann, von schwächerer Qualität als das Deckenbild.
Befund
Träger der Deckenmalerei: Tonnengewölbe mit Stichkappen, im O abgemuldet
Rahmen: Stuckprofil
Technik: Fresko, polychrom
Maße: Höhe 5,55 m; 2,30×2,30
Erhaltungszustand und Restaurierungen: Auf Arbeiten im Innern weist eine Inschrift auf der Deckplatte der Pilasterkapitelle in der SO-Ecke hin: 1814 FS. IG. MW. Baureparaturen und Innenrestaurierung 1879/80 unter der Leitung von Joseph Marggraf, der berichtete: »Die Kirche war Rokokobemalt. Seit unvordenklichen Zeiten (ist) das Innere der Kirche nicht mehr geweißt worden und zeigt die höchst störende Malerei sowohl am Plavon als an den Seiten von der Unkenntnis eines elendigen Malers«. Die Ausmalung des 18. Jh. wurde übertüncht (das Außenfresko nicht), die Stuckatur teilweise abgeschlagen und die Kirche neu eingerichtet (AEM, Nachlaß Bomhard Nr. 191). 1968/69 wurden das Dach und Wasserschäden am Gewölbe repariert, der Bau saniert und die Veränderungen von 1879/80 im Kirchenraum weitgehend rückgängig gemacht. 1971 wurde die Bemalung des 18. Jh. im Chor durch die Fa. Willibald und Alois Stein, Inzell, wieder aufgedeckt. Das Deckenbild und die Dekorationsmalerei waren nach Auskunft der Restauratoren unter den Tünchschichten sehr gut erhalten (BLfD). Außenrestaurierung 1993. Der Zustand des Außenfreskos ist schlecht, es ist sehr verblichen, zeigt Abriebe und Abblätterungen.

Beschreibung und Ikonographie
Am Chorgewölbe wurde die von Joseph Marggraf (s.o.) erwähnte Rokokobemalung aufgedeckt. Es handelt sich neben dem Deckenbild um zwei Ziervasen mit Blumen unten in den Ansätzen der Gewölbezwickel, um Rocaillemotive und Brokatmuster in den Stichkappen.
ST. LEONHARD ALS PATRON Über einer Landschaft mit der kleinen Kirche von Almau erscheint der hl. Leonhard von Noblac im Benediktinerhabit, von Engeln begleitet, die ihm als Zeichen seiner Abtswürde Pedum, Mitra und Buch halten. Unten rechts kniet im Vordergrund ein eher bürgerlich gekleidetes Paar, wohl die Stifter, die Wirtsleute Joseph und Anna Maria Ehgartner aus Feldwies; hinter ihnen sind eine ältere Frau und drei junge Frauen in einfacher Tracht zu sehen. Zwei Pferde schließen sich an die Gruppe der Bittflehenden an. Auch links sind Pferde dargestellt, dazu zwei Kühe. Sie erinnern an das Viehpatronat Leonhards.
Fresko an der Außenwand
LEONHARD ALS FÜRBITTER An der Nordseite der Kirche befindet sich ein Fresko, das auf Wolken kniend den hl. Leonhard darstellt; ein Putto hält ihm Mitra und Stab. Über ihm erscheint Maria mit dem Kind in Wolken, begleitet von Puttenköpfchen. Leonhard präsentiert Maria und dem Kind die Kette, die auf sein Martyrium hinweist und ihn damit als machtvollen Fürbitter legitimiert. Unten rechts im Fresko ist, schon sehr verwittert, eine Landschaft zu sehen, in ihr das Almauer Kirchlein und drei Pferde.
Quellen und Literatur
StAM, Geistlicher Rat, Kirchenrechnungen Marquartstein St. Leonhard Almau, 1755 und 1760.
StAM, GL 2553 Nr. 57: Bauvorbereitungen 1738 und 1755. StAM, Landbauämter 1725: Seitenaltar 1868 und Hochaltar 1879.
AEM, Pfarrakten Übersee: Pfarrbeschreibung; Filiale Almau 1700–1867; Bauten II: Restaurierung 1879.
AEM, Nachlaß Peter von Bomhard Nr. 191, Kirchen des Achentals (1951): Almau; Nr. 193, Textentwürfe zu den (geplanten) Kunstdenkmalen des Landkreises Traunstein: Almau. AEM, Kunsttopographie des Erzbistums München und Freising, Dekanat 44/Traunstein, Pfarrei Übersee (Stefan Nadler). AEM, Matrikeln Übersee: Joseph Ehgartner. BLfD, Akt Almau, Filialkirche St. Leonhard
Wagner, Johann Joseph, Geschichte des Landgerichts Traunstein, IV. Geschichte des Decanats Haslach, V. Übersee, in: OAVG 28, 1868/69, S. 318–25. Almau S. 321 f.
Mayer-Westermayer Bd 1, S. 574
KDB I OB (2), S. 1729
Brunner, Max und Adelheid, Übersee am Chiemsee. Seine Geschichte, Bd 2, Übersee 1964, S. 219-25.
Dehio 1990, S. 12.
Metz, Joseph, Übersee am Chiemsee. Dorfgeschichte im Bild, Übersee 1990, S. 196.