Willing, Pfarrkirche St. Jakobus der Ältere
Pfarrkirche (seit 1956), Stadt Bad Aibling, Erzdiözese München und Freising; z. Z. der Ausmalung Filiale der Pfarrei Aibling; Willing war zusammen mit Westerham zweite Kooperatur der Pfarrei und führte mit Westerham gemeinsam Rechnung. An der Kirche bestand eine Allerseelen-Bruderschaft, konfirmiert 1689. Der hl. Leonhard, Patron des rechten Seitenaltars, genoß örtliche Verehrung. Gericht Aibling
Patrozinium: St. Jakobus der Ältere
Zum Bauwerk: Konsens des Geistlichen Rats in Freising zum Neubau der baufälligen mittelalterlichen Kirche am 22.5 1687. Abbruch der alten Kirche und Rohbau der neuen noch vor der Zustimmung des Kurfürstlichen Geistlichen Rats am 19.12.1687 unter dem Aiblinger Pfarrer Ignaz Stube (1681-1710) durch Hanns Mayr, Maurermeister von der Hausstatt bei Feilnbach; Zimmermeister war Andreas Hauser von Aibling. Schon im November 1687 war die Kirche so weit fertig, »daß daran wenig mehr ermanglt«. Erlaubnis zur Benedizierung am 17.11.1687, Weihe am 16.8.1697 durch den Freisinger Fürstbischof Johann Franz Eckher von Kapfing. Die Altarausstattung stammt aus der Bauzeit; den Hochaltar stiften Wolf Eyrainer, Müller zu Gstatt. Barockisierung 1750: Der Stuck in sehr einfachen Rokokoformen könnte von dem Kistler und Stuckator Johann Schwarzenberger aus Aibling († 1752) stammen.
Saal zu vier Jochen mit Pilastergliederung vor flachen Wandpfeilern; Doppelempore im W; Belichtung durch drei Fenster von N und vier von S. Eingezogener AR zu zwei Jochen mit dreiseitigem Schluß; Belichtung durch ein Fenster von N, zwei von S und zwei in den Schlußschrägen.
Auftraggeber: Inschrift am Chorbogen: Anno 1688 erbauet / und a0: 1750. Durch Kosten / der Gmain also ausgeziehret worden. Die Allerseelenbruderschaft, auf die die Thematik der Kartuschenbilder 1-10 hinweist, trat laut ihrer in der fraglichen Zeit lückenlosen Rechnungen nicht als Geldgeber auf (StAM, Pfleggericht Aibling R 72), wohl aber ihre Mitglieder. Pfarrer der Pfarrei Aibling war zur Zeit der Ausmalung Joseph Eisenreich (1738-55), Kooperator für Willing und Westerham war Alexander Joseph Streiter.
Autor und Entstehungszeit: Autor unbekannt, 1750
Die Ausmalung von Willing ist das Werk eines lokalen Malers von eher geringem Können; da die Kirche zur Pfarrei Aibling gehörte, kommt eigentlich nur einer der beiden in Aibling ansässigen Maler in Betracht. Johann Georg Gaill, der 1751 die ebenfalls zur Pfarrei Aibling gehörige Kirche in Westerham (S 544) ausmalte, scheidet aus stilistischen Gründen aus; er ist als Freskant bedeutend besser. Die zweite Aiblinger Malergerechtigkeit hatte 1720-70 Johann Blasius Vicelli inne. Dieser ist als Freskant allerdings nirgends faßbar; es wäre auch denkbar, daß er zwar den Auftrag erhalten hatte, ihn aber durch einen Gesellen ausführen ließ, sowie es Joseph Tiefenbrunner in Niederaschau mit Balthasar Mang machte (S. 369 f.). 1748 hatte Balthasar Furtner die Taxakapelle in nahegelegenen Au ausgemalt. Aber mit dieser Ausmalung hat die von Willing stilistisch nichts gemein.

Befund
Träger der Deckenmalerei: LHs (A, B, C) und AR (D) Stichkappentonne
Rahmen: Stuckprofilrahmung. Die drei LHs-Fresken A, B und C hängen zusammen und sind nur durch Stuckleisten voneinander getrennt; D Stuckprofil, 1-10 Stuckornamentkartuschen
Technik: Fresko; polychrom
Maße: A, B, C Höhe 9,10 m; 10,00 × 3,60
D Höhe 8,90 m; 3,00 × 4,00
Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1884 wurde Geld für eine Restaurierung des Innenraums gestiftet: Die Kirche wurde ausgemalt und die Fresken mit neuen Ölbildern von Joseph Osendorfer, Bad Aibling, übermalt. »Die vier Plafondgemälde: Fischfang, Tod des hl. Jakobus, Tabor und Kompostella sind von Maler Osendorfer sen. Aibling« (Graf, S. 46). Die Kartuschenbilder wurden zugeweißt. 1942 Innenrestaurierung durch Georg Hilz, Aibling: Abnehmen der Raumfassung von 1884: dabei wurden die Kartuschenbilder entdeckt und freigelegt. Weißtünchen des Raums, Restaurierung des Stucks, Bemalen der Stichkappen mit Brokatmuster. Unter den Deckenbildern von 1884, »künstlerisch wertlose Arbeiten und in Ölfarben gehalten«, wurden die barocken Fresken aufgedeckt und von Sepp Hilz restauriert.
Letzte Restaurierung 1991/93 durch Fa. Alois Stein, Inzell. Der Raum war stark verrußt. Das Gewölbe zeigte Risse und mußte saniert werden. Nach der Befunduntersuchung entschloß man sich zur teilweisen Wiederherstellung der Raumfassung von 1750, die Brokatfelder von 1942 in den Stichkappen sollten aber belassen und die Deckenbilder, »die starke Ubermalungen aufweisen, (sollten) nicht auf einen Zustand des 18. Jahrhunderts zurückrestauriert«, sondern nur gereinigt werden.
Beschreibung und Ikonographie
Die drei LHs-Bildfelder A, B und C sind in ein großes Freskofeld zusammengefaßt und voneinander nur durch Stuck-Rahmenleisten getrennt, eine völlig ungewöhnliche Art der Fresken-Anordnung. B und C sind auf die Ansicht nach O ausgerichtet, A als einziges auf die Gegenansicht nach W. Aufnahmestandpunkt für alle drei Bilder unter dem O-Rand von C.
A ST. JAKOBUS ALS FÜRBITTER Jakobus erscheint im Himmel, von Wolken umgeben, das Haupt in einem Strahlenkranz. Er trägt den Pilgerkragen mit Muscheln und hat den Stab in der Linken. In der irdischen Zone drängen sich auf einer Rampe im Vordergrund Personen in zum Teil phantastischen Gewändern, die mit lebhaften Gesten bittend zum Heiligen aufblicken. In der sparsam angedeuteten Landschaftsszenerie sieht man links eine gemauerte Pyramide mit einem Totenkopf als Bekrönung. In den exotischen Trachten der Bittflehenden wird wohl auf das Patronat des Apostels über die Wallfahrer nach Santiago angespielt.
In A fallen die Veränderungen des 19. Jh. am stärksten auf: die Farbigkeit mit stumpfen Pastellfarben hat mit der ursprünglichen wenig zu tun. Unterschrift im Westen des Bildes, zur Hälfte zerstört: ... Turba quaerebant ... Luc: 6. V:19. Alle suchen Hilf (Lc 6. 19 f.: »et omnis turba quaerebant eum tan gere, quia virtus de illo exiebat et sanabat omnes«).
B PREDIGT DES APOSTELS JAKOBUS Schauplatz ist ein weiter Wiesengrund mit Felsen und Bäumen. Jakobus, in Pilgertracht, steht predigend in der Bildmitte; vor ihm lagert ein aufmerksamer Zuhörer, während andere aus dem Bildhintergrund herandrängen. Links ist im Hintergrund ein Schloß sichtbar, vor ihm ein Reiter. Dort findet – in ganz kleinen Figuren dargestellt – die Enthauptung des Apostels statt.
Das Bild zeigt keine bestimmte Szene, sondern bezieht sich auf die Zeit, als Jakobus, aus Spanien zurückgekehrt, in Judäa predigte und dort später auch enthauptet wurde (LA-Benz Bd 1 Sp. 637, 639). Der Apostel ist als Compostela-Pilger dargestellt, mit den Muscheln an Mantel und Hut, dem Pilgerstab und der Gurde (dem ausgehöhlten Kürbis als Wasserflasche am Gürtel). – Die Farben sind sehr hell, blaß und verschwommen. Kräftige Buntfarben fehlen ganz.
C MARIA DEL PILAR In einer weiten, flachen Landschaft, die links von zwei Bergen im Hintergrund und an beiden Seiten von Palmen und Strauchwerk begrenzt ist, sieht man links den Apostel in Pilgertracht stehen. Er blickt zu Maria auf, die ihm auf einer Säule erscheint. Im Mittelgrund des Bildes errichten fünf Männer aus Quadern eine Kirche mit Turm. – Nach der Legende erschien während seines Aufenthalts in Spanien dem Apostel die Jungfrau Maria bei Saragossa auf einer Säule, und zeigte ihm, wo er eine Kirche zu ihren Ehren bauen solle (Ribadeneira-Hornig, Bd 2, S. 94 f.).
D BERUFUNG DES JAKOBUS (Mt 4,21f.) Hinter einer schmalen Landschaftskulisse im Vordergrund tut sich eine weite Seelandschaft auf, mit einer Wasserburg und Schiffen, in der Ferne von Bergen umgeben (Landschaftsräume von dieser Tiefendehnung sind in dieser verhältnismäßig frühen Zeit - 1750 - in der Deckenmalerei ganz ungewöhnlich). Christus, von Jüngern gefolgt, steht im Vordergrund unter hochaufragenden, exotischen Bäumen und spricht zu drei Fischern, die sich in ihrem Boot dem Ufer nähern. Unterschrift in einer im O angrenzenden Kartusche: Secuti sunt eum. Matth. 4,20. Sie folgten Christo nach. – Als Christus am See Genesareth war, sah er zwei Fischer, Petrus und Andreas, und berief sie zu seinen Jüngern. »Und als er dann weiterging, sah er zwei andere Brüder, Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und Johannes, seinen Bruder, im Schiff mit ihrem Vater Zebedäus, daß sie ihre Netze flickten. Und er rief sie. Alsbald verließen sie das Schiff und ihren Vater und folgten ihm nach«.
Und als er dann weiterging, sah er zwei andere Brüder, Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und Johannes, seinen Bruder, im Schiff mit ihrem Vater Zebedäus, daß sie ihre Netze flickten. Und er rief sie. Alsbald verließen sie das Schiff und ihren Vater und folgten ihm nach.
1–10 AUF DIE ALLERSEELENBRUDERSCHAFT BEZOGENE DARSTELLUNGEN In den Gewölbezwickeln im AR (1-4) und LHs (5-10) befinden sich Kartuschenbilder mit auf die Bruderschaft bezogenen Bildern. Die Bilder im Chor haben jeweils eine Bibelstelle als Überschrift und einen deutschen Reim als Unterschrift; die Bilder im Langhaus haben sowohl die Bibelstelle als den Reim als Überschriften. Zählung paarweise von der NO-Ecke des Altarraumes aus.
I GLOCKENTURM Quaderbau, auf dem unter einem von Streben gehaltenen Dächlein eine große Glocke sichtbar ist. Periit memoria eorum cum sonitu./ Ps 9,7. Das [an] dencken werth nit Lang / gleich wie der gloggen Klang Die zitierte Stelle (Ps 9,7) bezieht sich auf die Gottlosen, deren Gedächtnis ausgelöscht werden wird. Der deutsche Vers dürfte eher darauf hinweisen, daß der Mensch im Gedächtnis der Menschen nicht lange fortlebt, und als Hinweis auf die
Bruderschaft zu verstehen sein, die das Totengedächtnis ihrer Mitglieder bewahrt.
2 TOTENGEBET Über lodernden Flammen ragen zwei Hände mit Gebetbuch und Rosenkranz aus den Wolken.
Salubris est cogitatio pro Defunctis orare. / 2. Machab. V:46:/ Beim Sterben. betten / Thuet vom Feur errethen. Die Stelle aus dem zweiten Makkabäerbuch (2 Mach 12,46) nennt es einen heiligen und heilsamen Gedanken, für die Toten zu beten und zu opfern, da dies Zeichen für den Glauben an die Unsterblichkeit ist. Der deutsche Vers bezieht sich sowohl auf das Gebet am Sterbebett als auch auf das Gedenken im Gebet, bei des Anliegen der Allerseelen-Bruderschaft.
Das Programm dieser zehn Kartuschenbilder läuft zweigleisig; in den lateinischen Inschriften wird eine theologische Untermauerung des Sinns und des Wirkens einer Allerseelenbruderschaft vorgenommen: zum Teil abgelegene Textstellen werden herangezogen, um Gebet und Opfer für die Verstorbenen - die wichtigsten Aufgaben der Bruderschaft – zu rechtfertigen (2, 4, 6, 8), die Existenz der Sündenstrafen nach dem Tod zu belegen (3, 5) und Gottes Macht, nach dem Tod zu strafen oder zu belohnen (2, 5, 7, 10). Die Inschrift in 9 dürfte dabei darauf anspielen, daß Gnade auch nach langer Zeit noch möglich ist. In den deutschen Versen der »Übersetzungen« dagegen wird die Gemeinde angesprochen, werden ihr die Sündenstrafen nach dem Tod eindringlich vorgehalten (2, 3, 5, 7). Sie wird aufgefordert, für die Erlösung der Toten zu beten (2) und Messen lesen zu lassen (6, 8). Die Vergänglichkeit des Irdischen wird vor Augen geführt (1, 9), und für zelnen die Eucharistie als Heilsmittel in der Todesstunde (4) gezeigt. Die Kraft der Bruderschaft, durch Gebet und Messen für den Verstorbenen die Erlangung des ewigen Heils zu beschleunigen (10), wird ausdrücklich betont.
[[File:Band12-2_chunk006_p001.jpg|thumb|Die Orgelempore mit einem Antonius-Zyklus (oben) und einem Leonhard-Zyklus (unten)]
CB VIERZEHN NOTHELFER Am Chorbogen sind rechts und links von der Inschriftkartusche die Vierzehn Nothelfer gemalt, jeweils mit Inschrift (Zählung von links nach rechts): S. Eustachius. S. Georgius. S. Pantaleon. S. Ciriacus. S. Erasmij. S. Vitus. S. Margaretha. S. Katharina. S. Barbara. S. Christoph: S. Dionysius. S. Achatius. S. Blasijus. S. Egidius (Abb. s. S. 556).
An beiden Emporenbrüstungen befinden sich Heiligen-Zyklen. Die untere Empore zeigt in neun Bildern einen Leonhards-Zyklus. Leonhard von Noblac war ursprünglich der Patron des südlichen Seitenaltars. Er wurde in Willing als Viehpatron verehrt (Inschrift im Bild ganz rechts: »Zu Willing ehrt iederman / S: Leonhart als Vieh Patron«). An der oberen Emporenbrüstung ist ein Antonius-Zyklus in sieben Bildern. Antonius von Padua war der nördliche Seitenaltar geweiht
Quellen und Literatur
StAM, Geistlicher Rat, Kirchen- und Stiftungsrechnungen, Kirchenrechnungen Gericht Aibling; Pfleggericht Aibling, Kirchenrechnungen.
StAM, LRA 119222: Baureparatur 1851; Restaurierung 1942. BSB, Kloeckeliana Bd 341, fol. 164ff.: Zum Kirchenbau. AEM, Pfarrakten Pfarrei Aibling, bes. 103 8532 01 (Bau); 103 8532 02 (Restaurierung 19. Jh.).
AEM, Nachlaß Peter von Bomhard, Nr. 160, Textentwurf für Willing.
BLfD, Akt Willing, Pfarrkirche St. Jakobus d.Ä.
Schmidtsche Matrikel, Bd 2, S. 10f.
Grassinger, Joseph, Geschichte der Pfarrei und des Marktes Aibling, in: OAVG 18, 1857, S. 168-73.
Mayer-Westermayer, Bd 1, S. 37.
KDB I OB (2), S. 1694 f
Graf, Matthias, Willing in Vergangenheit und Gegenwart (= Sonderheft zu den »Deutschen Gauen« 69), Kaufbeuren 1907. XI. Das St. Jakobsgotteshaus in Willing, S. 43–49.
Albrecht, Jakob, Die Jakobsverehrung in Altbayern, in: Heimat am Inn 1957, Nr. 4, S. 28.
Mayer, Rudolf, Willing – einst und jetzt, in: Der Mangfallgau 13, 1968, S. 291–314.
Dehio 1990, S. 1287 f
Mayr, Gottfried, Pfarrkirche St. Jakob Willing/Filialkirche St. Johannes Westerham (Kirchenführer, Hg. Pfarramt Willing), Saarbrücken 1997, S. 1–15.
Mayr, Gottfried, Die politische Geschichte ... von der ersten urkundlichen Erwähnung bis zum Ende des 18. Jh., in: Bad Aibling. Geschichte einer Stadt, Bd 1 (Hg. Gottfried Mayr im Auftrag der Stadt Bad Aibling), Bad Aibling 2006, S. 75–217. Willing S. 98f.