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Wessobrunn, ehem. Benediktinerabtei Klostergebäude, Benediktussaal im Gästetrakt

Aus Deckenmalerei-Lab


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 1: Die Landkreise Landsberg am Lech, Starnberg, Weilheim-Schongau. Hirmer, München 1976, ISBN 978-3-7991-5737-7, S. 567–569, geschrieben von Bauer-Wild, Anna, Böhm, Cordula, Lüdicke, Lore und Werner-Clementschitsch, Heide. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Benediktussaal im ehemaligen Gästetrakt, z. Z. Zweigniederlassung der Missionsbenediktinerinnen von Tutzing

Zum Bauwerk: Der Benediktussaal liegt im oberen Geschoß des Gästetrakts. Dieser wurde unter Abt Leonhard Weiß nach Plänen Johann Schmuzers von 1673 ab 1680 errichtet und noch in der Regierungszeit des genannten Abtes ausgestattet (Stuckierung unter Leitung Johann Schmuzers). Der Wessobrunner Chronist C. Leutner bezeichnet den Saal »S. Benedicti coenaculum« (Historia monasterii Wessofontani, S. 466). – Einfacher rechteckiger Saal (11,20 × 7,35 m), Fenster nach Süden

Auftraggeber: Abt Leonhard Weiß von Wessobrunn (1671–96), dessen Wappen sich an der Decke über der Fensterwand, gegenüber vom Klosterwappen, befindet

Autor und Entstehungszeit: Die historischen Daten und der stilistische Befund führen zu der Annahme, daß die Ölbilder an der Decke im letzten Jahrzehnt des 17. Jh. entstanden sind (vgl. die Ausführungen auf S. 570).

Befund

Träger der Deckenmalerei: Flachdecke Rahmen: A stuckierter Blumen- und Blattkranz, B–G Stuckgirlande aus Lorbeerblättern Technik: Öl auf Leinwand; polychrom Maße: A Höhe 4,25 m; 4,50 × 3,10 B–G Höhe 4,25 m; 2,00 × 1,00

Erhaltungszustand: Sämtliche Bilder sind äußerst schlecht erhalten, die Farbe ist stellenweise abgeblättert, starke Nachdunklungen und Verschmutzungen. Die ursprüngliche Farbigkeit ist stark nachgedunkelt; die Bildgegenstände sind im einzelnen schwer zu erkennen. Keine Abbildung von A, B, D, E und F.

Beschreibung und Ikonographie

Die sechs rechteckig gerahmten Gemälde B–G sind um das querovale Mittelfeld so angeordnet, daß sie einheitlich für den Blick von N nach S, von der Längswand zur Fensterseite, überschaubar sind, sie haben also alle ihre Basis im Süden. Während die beiden mittleren Gemälde D und G im O und W hochformatig angelegt sind, schließen im N zwei querformatige Deckenbilder E und F das Klosterwappen ein; im S sind zwei querformatige Bilder B und C zu seiten des Abtswappens angebracht. Je zwei der sechs gleichformatigen Bildfelder, B und F, C und E, D und G, entsprechen einander genau in der figuralen Komposition und weitgehend auch in der Szenerie. Bei der perspektivischen Anlage der Bilder ist die Anordnung an der Decke berücksichtigt. Alle Figuren zeigen Untersichten, die querformatigen Bilder weisen besonders ausgeprägte Verkürzungen auf.

A HL. BENEDIKT (keine Abbildung) Vor einem nächtlich dunklen, von fedrig zarten Wolken überzogenen Himmel steht der hl. Benedikt. Als Ordensstifter in schwarzem Habit hält er das Regelbuch aufgeschlagen in der Rechten, der Blick ist nach oben gewandt zu der Taube des Hl. Geistes, die zu seinen Häupten schwebt. Eine Sternenglorie umgibt sein Haupt. Mit der Linken stützt er seinen Abtstab auf die Erdkugel, die durchsichtig vor seinen Füßen kaum erkennbar wiedergegeben ist. Von den hl. Gestalten strahlt Licht aus, das die gleich einer Mandorla geformten Wolken erhellt. Zur Rechten und zur Linken werden zwischen den Wolken die Gestirne Sonne und Mond sichtbar.

Benedikt ist als Heiliger in der Glorie wiedergegeben, darauf weisen Sternennimbus, Mandorla und Himmelssphäre. Er ist der Patriarch des Mönchtums im Abendland und dessen Lehrer – der Abtstab auf der Weltkugel, das Regelbuch. Zugleich sind erzählerische Züge aus seiner Vita in diese Darstellung Benedikts aufgenommen: Die Geist-Taube inspiriert den Ordensgründer zu seiner Mönchsregel – vom Hl. Geist erleuchtet, erschaut Benedikt die Welt in einer kosmischen Lichtvision. Die Darstellung folgt nicht wortgetreu dem Visionsbericht (Gregor d. Gr., Dialogi Caput 6; in: AASS Martii, Tomus 3, 21. 3., S. 287), vielmehr sind am nächtlichen Himmel (soweit der ruinöse Erhaltungszustand nicht trügt) Sonne und Mond als Lichtgestirne, die Erde dunkelfarbig, durchscheinend zu Füßen des Heiligen gezeigt, in einer Dreieckfiguration um seine Gestalt geordnet.

B HL. AUGUSTINUS (keine Abbildung) Mit einem Pluviale bekleidet, sitzt ein bärtiger Gelehrter in seiner Studierstube – links im Bild sind Bücher, rechts ein Tischchen und ein Gefäß mit Schreibfedern zu sehen. Beim Schreiben innehaltend, hat der Heilige sein Haupt nach oben gewandt zu einem strahlenden Licht hin, das ihm erscheint.

Hier ist im Typus des schreibenden, inspirierten Kirchenlehrers sicher Augustinus dargestellt, und zwar soweit der schlechte Erhaltungszustand des Bildes erkennen läßt, ohne individuelle Attribute. Ikonologisch gesehen gehört er als Regelstifter in diesen Zusammenhang.

C ELIAS Mit ausgebreiteten Armen kniet ein bärtiger Mönch in der braun-weißen Tracht der Karmeliter. Im Gebet verzückt, ist das Haupt zum Himmel gewandt. Im Hintergrund links ein Berg, auf dessen Gipfel eine Kirche zu erkennen ist.

Es handelt sich hier wahrscheinlich um die Darstellung des alttestamentlichen Propheten Elias, der mit seinen Schülern auf dem Berge Karmel gelebt hat (4 Reg 2). Er wird als Vorläufer des christlichen Mönchtums und der Askese angesehen und als Heiliger verehrt. Für die Karmeliterorden ist er »Führer und Vater«, darum ist er hier in der Karmelitertracht wiedergegeben. Der kirchenbekrönte Berg weist auf den Karmel als den heiligen Ort des Propheten und der späteren christlichen Einsiedler und Mönche hin.

D HL. BERNHARD VON CLAIRVAUX (keine Abbildung) Auf Stufen, die rampenartig in den Vordergrund des Bildes ragen, kniet der hl. Bernhard mit ausgebreiteten Armen betend vor einem Altar. Ihm erscheint in Wolken die Madonna mit dem Kind; aus ihrer Brust fällt ein feiner Strahl Milch auf die Lippen des Heiligen. Dieses legendäre Wunder, die »Lactatio Bernardi«, wird in den Viten des Heiligen verschiedentlich berichtet (vgl. dazu Hans Aurenhammer, Lexikon der christlichen Ikonographie, Bd 1, Wien 1967, S. 338 f. und LCI, Bd 5, Sp. 377–79). Bernhard ist als Gründer des Zisterzienserordens in weißer Kukulle, mit dem Abtstab zu seinen Füßen wiedergegeben. Das Lactatio-Wunder hebt ihn als Verehrer Mariens hervor. - Im Hintergrund des Bildes ist rechts eine Statuette auf einer dünnen Säule sichtbar. Es ist eine goldfarbene, weibliche Gewandfigur im Gestus einer Victoria. Sie hält einen Stab mit einem Kranz an der Spitze, darauf ein Vogel. Dieser Stab erinnert an römisch-imperiale Machtzeichen, etwa ein Labarum. Der Sinn dieser allegorischen Figur ist nicht bekannt. Eine Deutung in Zusammenhang mit der politischen Wirksamkeit Bernhards ist denkbar.

E HL. FRANZISKUS (keine Abbildung) In einer wegen des ruinösen Zustandes des Bildes nicht näher bestimmbaren Landschaft kniet mit ausgebreiteten Armen der hl. Franziskus und wendet den Blick zu einer Lichterscheinung am Himmel. Zur Seite kauert ein Franziskanerbruder, über ein Buch gebeugt. Das Bild ähnelt kompositionell sehr der Darstellung des Elias in C. Franziskus, wiedergegeben in der braunen Kutte, ist der Begründer dreier Orden. Wahrscheinlich ist die Stigmatisation des Heiligen auf dem Berg Alverno dargestellt, wie sie Bonaventura berichtet (Kap. 13 der Vita, in: AASS Octobris, Tomus 2, 4.10., S. 777–80): Die Hände lassen die Stigmata erkennen und ebenso zeigt die Kutte eine Öffnung an der Brust. Der begleitende Bruder hatte Franziskus dem Bericht nach aus der Passionsgeschichte vorgelesen. Allein die Erscheinung des gekreuzigten Seraphim fehlt. Soweit der Erhaltungszustand richtig erkennen läßt, ist nur eine Lichterscheinung wiedergegeben.

F HL. DOMINIKUS In der Mitte eines nicht mehr kenntlichen Bildraumes kniet der Heilige in der weiß-schwarzen Ordenstracht. Er empfängt von der ihm erscheinenden Muttergottes einen Rosenkranz (keine Abbildung). Dominikus ist der Begründer des nach ihm benannten Ordens. Spätere Jahrhunderte feierten ihn als Stifter des Rosenkranzes und berichteten von der wunderbaren Übergabe desselben durch Maria (vgl. Heribert Holzapfel, St. Dominikus und der Rosenkranz, Veröffentlichungen aus dem Kirchenhistorischen Seminar München, Nr. 12, München 1903).

G HL. NORBERT Das hochformatige Bild entspricht kompositionell weitgehend dem gleichformatigen Bild D: Wie dort kniet der Heilige, zur Seite gewendet, auf einigen Stufen im Bildvordergrund und es erscheint ihm ebenso über dem Altar Maria. Hier jedoch überreicht sie dem Heiligen das weiße Ordensskapulier.

Der Gründer des Prämonstratenserordens ist in der Chortracht der Prälaten (Mozzetta) wiedergegeben. Das Pallium bezeichnet ihn als Erzbischof von Magdeburg. Nach einer bei Johann Chrisostomus Van der Sterre (Vita Sancti Norberti, canonicorum Praemonstratensium patriarchae, Magdeburgensium archiepiscopi ..., Antwerpen 1656; Quellenangabe in AASS Junii, Tom. 1, 6. 6., S. 837; vgl. P. Lefèvre, L’épisode de la conversion de St. Norbert et la tradition hagiographique du Vita Norberti, in: Revue d’Histoire ecclésiastique, Bd 56, 1961, S. 813–826) berichteten Vision hat Norbert aus der Hand Mariens das weiße Skapulier empfangen.

Ikonologie

Benedikt, dem Ordensheiligen von Wessobrunn, ist das zentrale Bildfeld gewidmet. In den sechs Feldern darum haben Ordensväter und Ordensstifter, zugleich Repräsentanten der wichtigsten alten, in Deutschland verbreiteten Orden ihren Platz. Die Auswahl erfaßt zwei Ordensväter, die weit älter als Benedikt selbst sind: Den Propheten Elias, als biblisches Vorbild – auffälligerweise in der Ordenstracht der Karmeliter wiedergegeben, wodurch die Verehrung des Propheten durch den Karmeliterorden der eines Ordensheiligen gleichgesetzt wird. (Der Orden der Brüder unserer Lieben Frau vom Berge Karmel geht als Bettelorden auf den hl. Simon Stock zurück.) – Den bedeutendsten lateinischen Kirchenvater Augustinus als Stifter einer Regel, der sich viele Orden verpflichtet haben, u. a. die Prämonstratenser und die Dominikaner. Als Ordensheiliger repräsentiert Augustinus hier wohl die nach ihm benannten Augustiner-Chorherren, er trägt allerdings keine Zeichen dieses Ordens.

Regulierte Chorherren nach der Augustinerregel sind direkt durch den vom hl. Norbert gegründeten Prämonstratenserorden vertreten. Auch Norbert ist nicht in Ordenstracht wiedergegeben, jedoch in der Szene der Ordensskapulier-Übergabe. - Bernhard von Clairvaux, der Erneuerer – Neugründer – des Benediktinerreformklosters Citeaux steht für den wichtigen Benediktiner-Zweigorden der Zisterzienser. Die Ordensstifter Franziskus und Dominikus schließlich vertreten die großen Bettel- und Predigerorden. Die Ordensväter und Stifter sind alle in außerordentlichen religiösen Situationen dargestellt: Inspiration, Ekstase und visionäre Schau. Das trifft auch für den in die Himmelsglorie entrückten Benedikt zu. In diesem Zusammenhang bedeutet die göttliche Auszeichnung eine Legitimation der Orden und der Mönchsideale.

Innerhalb des Ordensstifter-Programms ist die Marienverehrung durch drei mystisch-visionäre Marienszenen betont, wohl ein Hinweis auf die auch in Wessobrunn sehr gepflegte Marienverehrung – unter Abt Gering (1655–66) war dort eine Rosenkranzbruderschaft eingeführt worden. Es fehlt die sonst sehr beliebte Szene der Skapulierübergabe an Simon Stock – hier hat der biblische Vater des christlichen Ordens den Vorzug.

Literatur siehe S. 599