Unterdießen, Pfarrkirche St. Nikolaus


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 1: Die Landkreise Landsberg am Lech, Starnberg, Weilheim-Schongau. Hirmer, München 1976, ISBN 978-3-7991-5737-7, S. 241–246, geschrieben von Bauer-Wild, Anna, Böhm, Cordula, Lüdicke, Lore und Werner-Clementschitsch, Heide. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Pfarrkirche, Diözese Augsburg; z. Z. der Ausmalung Herrschaft Unterdießen, die zwischen 1664 und 1779 die Grafen Thurn und Taxis innehatten

Patrozinium: St. Nikolai

Zum Bauwerk: Nach einem Brand der spätgotischen Kirche Wiederaufbau und Neugestaltung unter Verwendung der verschonten Bauteile (Turm, Reste des Langhauses) 1773/74 unter Pfarrer Franz Anton Schott (1758–98). – Langhaus zu vier Fensterachsen, einfache Pilastergliederung. Eingezogener Chor von annähernd quadratischer Form und wieder eingezogener, sehr seichter, segmentförmiger Chorschluß; Doppelempore im Westen

Auftraggeber: Wohl Maximilian Carl von Thurn, Valsassina und Taxis und dessen Mutter, deren 3 Wappen sich am Chorbogen befinden (das vierte und fünfte Wappen außen wurden vermutlich von späteren Besitzern der Herrschaft Unterdießen hinzugefügt).

Autor und Entstehungszeit: Signatur in B, am untersten Felsen rechts: JAH (ligiert) über Pinxit. Das Entstehungsdatum gibt das Chronogramm: VoX / sangVInIs AC / soDaLItas / EMANCIPANT (= 1774). Johann Joseph Anton Hueber, der spätere Akademiedirektor in Augsburg, freskierte an der Straße von Landsberg nach Schongau noch die Kirchen von Denklingen und Schwabbruck (s. LKr. Weilheim-Schongau).

Befund

Träger der Deckenmalerei: LHs Flachtonne mit Stichkappen, AR annähernd rundes Muldengewölbe mit Spiegel

Rahmen: A, B, C Stuckprofil, von reicher Rocaille-Rahmung umgeben, D Stuckprofil, 1–4, a–d und D1–4 Stuckprofile mit begleitender Rocailleornamentik

Technik: Fresko; A, B, C, D, EB1–4 polychrom, a–d karmin-gelbe, 1–4 gelb-grün-rote, D1–4 karmin-gelbe Camaiumalerei

Maße: A Höhe 8{,}20 m; 2{,}50 × 3{,}50

B Höhe 8{,}20 m; 8{,}40 × 5{,}00

C Höhe 8{,}20 m; 2{,}50 × 3{,}50

D Höhe 8{,}00 m; 4{,}90 × 4{,}20

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Letzte Restaurierung 1916. Zahlreiche verkittete Risse, Wasserschaden in D und in einigen Zwickelbildern. Querrisse in B. Verschmutzungen. Die Fresken im LHs sind besser erhalten als die des Chores.

Beschreibung

A ST. NIKOLAUS HELFER DER BEDRÄNGTEN Auf einer seichten, felsig zerklüfteten Landschaftsbühne steht im Zentrum des Bildes die Gestalt des hl. Nikolaus. Um ihn herum, vor niedrigem Buschwerk, kauern fünf Gestalten, die – außer dem Linken mit dem Glöckchen der Aussätzigen – mehr von Typ und Haltung her als wegen bestimmter Attribute als Bittflehende und Kranke anzusehen sind.

Farblich ist dieses Bild von den drei Langhausbildern bei weitem das lebendigste und reizvollste und gibt als einziges eine Ahnung von der zurückhaltenden und gedämpften, dabei kühlen und süßen Farbgebung des Malers, die hier besonders zum Ausdruck kommt: etwa in der Kombination von Blau, Lila und Gold im Gewand des Heiligen und zartem, kühlem Grün mit rötlichem Inkarnat in der Gestalt des Liegenden rechts.

B ERLÖSUNG DER ARMEN SEELEN DURCH CHRISTI BLUT Ein eigenartiger Aufbau aus Felsern und Quadern füllt mehr als das untere Bilddrittel des langgestreckten Hauptfeldes. Der halb-architektonische Schauplatz baut sich in zwei Bögen übereinander auf; sie verlaufen bildparallel und sind von hinten durchlichtet: sie ruhen auf beiden Seiten auf mächtigen Felstreppen, die wie Kulissen dem Rahmen folgend ins Bild gesetzt sind. Über dem oberen Bogen ragt, das ganze Bild beherrschend, das überaus große Kreuz mit dem Gekreuzigten auf. – Aus den fünf Wunden Christi ergießt sich das Blut in langen Bächen in einen Kelch, den Ecclesia, und in eine Schale, welche ein Engel hält. Von diesen Gefäßen fließt das Blut weiter in die Tiefe, wo in der oberen Bogenöffnung die Armen Seelen erscheinen.

 
A Fünf Wunden Jesu mit A1 Antonius von Padua und A2 Katharina von Alexandrian
 
A St. Nikolaus Helfer der Bedrängte

Die Komposition ist völlig achsensymmetrisch, sowohl im Aufbau des Schauplatzes als auch in den Figuren: Ecclesia und der Engel stehen sich gegenüber, ebenso zwei Puttopaare hinter ihnen auf den obersten seitlichen Felsenerhebungen, links mit Papstkreuz und Rundtempelchen, rechts mit den Arma Christi, wobei sich das hohe Papstkreuz und die Geißelsäule wiederum bis zum gleichen Neigungswinkel entsprechen. Ebenso entsprechen sich die Wolken mit den darauf erscheinenden Engelpaaren.

Selbst die Farbigkeit ist in etwa nach diesem Prinzip durchgeführt: Vor einer spannungslosen und eintönigen Hintergrundsfarbe auf der Skala von hellstem Braungelb zu dunklem Braunrot steht als eigentliche Buntfarbe nur Blau im Kontrast zu Weiß, und dieses wiederum steht sich achsensymmetrisch gegenüber in den Gewändern von Ecclesia und dem Engel.

Wie schon in Denklingen zeigt sich auch hier wieder die Schwierigkeit Huebers, erstens mit hohen Bildformaten und zweitens mit irrealen Schauplätzen fertig zu werden, die er meist schematisch konstruiert, während er keine Mühe hat, einen »natürlichen« Schauplatz mit Stimmung und Atmosphäre zu erfüllen.

C NIKOLAUS ERLÖSER DER ARMEN SEELEN

Das östliche Bildfeld der Langhausdecke zeigt eine düstere Szenerie nackter Felsen, zwischen denen Flammen hochschlagen. In diesen erscheinen die Armen Seelen, nackte Gestalten mit bittend emporgehobenen Armen. Sie flehen den hl. Nikolaus um Hilfe an, der, in reicher bischöflicher Gewandung, auf einer Wolke stehend zwischen ihnen erscheint und sich hilfreich zu ihnen herabbeugt. Die Darstellung enthält eine gewisse Tiefenwirkung durch eine langgestreckte Repoussoirkulisse niedriger Felsen im Vordergrund; ein Relikt illusionistischer Malerei wie auch die Bogenarchitektur in B.

Die Farbigkeit ist eher zart und durchscheinend, ohne anschauliche Charakterisierung von Feuer, Hitze und Rauch: Sehr lichtes Ocker bis Karminrosa. Daneben erscheint als Buntfarbe lediglich im Mantel des Heiligen ein blasses Blau.

a–d EMBLEME

Landschaften emblematischen Inhalts mit lateinischen Bibelzitaten anstelle der typischen Emblemlemmata und deutschen Versen als Epigrammen.

a An einem Baum in einer Landschaft hängt ein Vogelbauer. Die Tür ist geöffnet, und ein Vogel fliegt zum Himmel empor.

Eripuit / me. / eccl. 17. V. 11 (Quellenangabe falsch, Act 12,11 oder wohl Ps 17,1)

Durch freye Luft mit Freyd der Vogl dringet / Zu Gott die frohe Seel sich so erschwinget.

b In einer Höhle liegt ein Klumpen Gold im Feuer.

Per igne[m] / probatur / Petr 1 / V. 7 (1 Petr 1, 7, das gleiche Lemma findet sich in Hurlach.)

Das Gold wird durch das Feuer von seinem Unrath rein, auch so geläutert gehet die Seel in Himl ein.

c In einer Landschaft springt ein Hirsch zur Quelle.

Ad fontem / Aquarum / Psl. 41 / V. 2

Wie den verwundten Hirschen nur frische Quellen heilen, / So diese Wunden nur der Seele Hilff ertheilen.

d Regen fällt auf eine Gartenlandschaft.

Imber / serotinus. / Prov. 16 / V. 5 (= Prov 16, 15)

Erquickung die sich läst bey frischem Regen märcken, / Empfindt die arme Seel durch Übung guter Wercken.

1–4 NIKOLAUSSZENEN

1 Nikolaus steht segnend vor drei Knaben, die einem Holzfaß entsteigen. – Nach der sog. Schülerlegende wurden drei Schüler von einem habgierigen Wirt getötet und in einem Faß eingepökelt. Der Heilige, der das Verbrechen durch einen Engel erfuhr, stellte den Wirt zur Rede und rief die Knaben ins Leben zurück (Karl Meisen, Nikolauskult und Nikolausbrauch im Abendlande, Düsseldorf, o. J. S. 289 ff., 531 f.).

 
Erlösung der Armen Seelen durch Christi Blut
 
 
 
 
 

4 Nikolaus vor einem Stall, aus dem ein schwarzer und ein weißer Esel kommen, denen die Köpfe vertauscht worden sind. (Eine entsprechende Eselslegende ist uns für Nikolaus nicht bekannt.)

    • D PATRON ST. NIKOLAUS** In einer weiträumigen Wolkenszenerie schwebt auf fedrig gegliederten Wolken vor dem hellen Himmelsgrund der Heilige mit ausgebreiteten Armen zwischen Engeln. Er blickt nach unten auf die in der Kirche zu denkende Gemeinde von Unterdießen, deren Patron er ist. — Die Engel sind große, schwungvoll komponierte Gestalten mit bauschigen Gewanddrapierungen und weitgespannten Flügeln; der Engel zur Linken des Heiligen hält dessen Attribute, Buch und drei Kugeln.

Das Bild schließt mit einer Fläche diffuser Helligkeit ab: es existiert keine Himmelsöffnung, keine Illusion von Höhe und Raumtiefe, nicht einmal ein überirdischer Strahleneinfall. Die barocke Himmelsillusion wird hier, am Ende einer langen Tradition, zu einem reinen Heiligenbild, dessen Schauplatz wie zufällig Wolken sind.

 
D Patron St. Nikolaus
 
 
Nikolausszene
 
 
    • D1-4 PATRONATSSZENEN** Landschaften, über denen St. Nikolaus auf Wolken in Bischofskleidung und von Strahlen umgeben als Patron und Helfer erscheint: in D über einem Schiff auf wildbewegtem Meer, in D2 über einem brennenden Haus, in D3 über einer sich aufrichtenden Frau (Toten) in einem Sarkophag, in D4 über einer Kirche im Bau, von deren Gerüst ein Mann fällt.
    • EB1-4 BIBLISCHE SZENEN** An den Emporenbrüstungen sind vier Darstellungen gemalt (EB1 obere, EB2-4 untere Brüstung)

- **EB1** David psallens - **EB2** Der barmherzige Samariter (Lc 10, 30–37) - **EB3** Tempelreinigung (Jo 2, 13–17 u. Par.) - **EB4** Der Pharisäer und der Zöllner (Lc 18 9–14)

Ergänzungen zur Ikonographie: Das Patrozinium des hl. Nikolaus und die Armeseelenbruderschaft von Unterdießen bestimmen die Themenwahl der Deckenbilder. Auf die Vita des hl. Bischofs von Myra sind die vier Begleitfresken 1–4 bezogen. Die Fresken A, C, D und D1–4 zeigen den Patron von Unterdießen, als Helfer der Lebenden in allen Nöten – bei leiblichen Gebrechen (A), bei Bedrohung durch Wasser (D1), Feuer (D2) und Unfall (D4) – sowie als Patron der Verstorbenen – Auferweckung eines Toten (D3) und Erlösung Armer Seelen (C). Das Patronat der Schiffer und Flößer (D1) ist in Bayern verbreitet; die durch die weiteren Bilder gekennzeichneten Patronate weisen auf einen besonderen lokalen Nikolauskult hin. Die Szenen D1–4 beziehen sich vielleicht auf wunderbare lokale Ereignisse. Das Patronat der Armeseelenbruderschaft kommt

 
 
 
 
traditionell dem hl. Augustinereremit Nikolaus von Tolentino zu; es ist hier in einer Vermengung der beiden Unterdießener Kulte anscheinend auf den Bischof von Myra übertragen.

In Fresko B kommt die Glaubenslehre von der Erlösungsgnade Gottes durch eine symbolische Darstellung des Gekreuzigten im Typus eines Hl.-Blut-Bildes zur Anschauung (vgl. LCI, Bd 1, Sp. 309–12, s. v. Blut, Heiliges). Das Thema ist auf das Anliegen der Bruderschaft, die Erlösung der Seelen der Verstorbenen von der Strafe, bezogen (vgl. LCI, Bd 2, Sp. 16–20, s. v. Fegfeuer). Kelch und Schale deuten auf das Sakrament der Eucharistie, die im Meßopfer der Kirche vollzogene Wiederholung des Kreuzesopfers. Die Personifikation Ecclesia bezeichnet die Kirche als die Vermittlerin des Heils.

In den Emblemen a–d wird das Thema fortgeführt. Sie zeigen die Errettung des Menschen aus der sündigen Welt (a), seine Läuterung (b) und Stärkung (c, d) durch Gott.

Bildmotive und Epigramme spielen auf die vier Elemente an, ein kosmologisches Sinnbild der Welt (a Luft, b Feuer, c Wasser, d Erde).

Quellen und Literatur

Braun-Augsburg, Bd 1, S. 163f

Fürst, Conrad, Das Fuchstal, Kaufbeuren 1880, S. 105–23 Hopp, Jakob, Pfründe-Statistik der Diözese Augsburg Augsburg 1893, Bd 1, S. 211 f.

Doering, Oskar, Die Wiederherstellung der Kirche in Unterdießen, in: Christliche Kunst 17, 1920/21, Beilage S. 57.

Breuer, Tilman, Stadt- und Landkreis Kaufbeuren (= Kurzinventar der Bayerischen Kunstdenkmale), München 1960, S. 189 f.

Fried, Pankraz und Sebastian Hiereth, Landgerichte Landsberg und Schongau (= Historischer Atlas von Bayern, Bd 22/23), München 1971, S. 268.

 
 
EB2 Der barmherzige Samariter
 
EB1 David psall
 
EB4 Der Pharisäer und der Zöllner

UNTERFINNING