Laß, Heiko:Tüttendorf, Gut Wulfshagen, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2022, URL: www.deckenmalerei.eu/6724622f-eadb-475b-92f9-2d1c8bdb8b6f

Inventarnummer: cbdd10419

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Auf Gut Wulfshagen befindet sich das besterhaltendste Beispiel einer blauen Stube im Norden Deutschlands. Die Malerei stammt von 1730/50 und thematisiert den Weg einer jungen Dame in die Ehe bis hin zur Geburt des ersten Kindes.

Gut Wulfshagen

Kurzbeschreibung und Lage

Das Herrenhaus von Gut Wulfshagen[1] ist Bestandteil eines umfangreichen Gebäudekomplexes. Dem Hauptgebäude im Osten sind seitlich zwei Kavaliershäuser vorgelagert, sodass eine Art Ehrenhof entsteht. Weiter im Westen befindet sich der Wirtschaftshof mit zwei großen Scheunen an den Seiten. Zwischen zwei Fachwerkbauten hindurch werden er und das Hauptgebäude von Westen her erreicht. Hinter dem Gutshaus im Osten erstreckt sich ein Park.

Bau- und Ausstattungs- und Nutzungsgeschichte

Gut Wulfshagen wurde erst im 17. Jahrhundert begründet und ist damit ein vergleichsweise junges Gut. Das Gutshaus ist 1699 für Freiherr Andreas Pauli von Liliencron erbaut worden. Liliencrons Nachkommen besaßen das Gut bis 1786, als es an die Familie von Qualen kam. 1903 gelangte es im Erbgang an Ludwig Graf zu Reventlow.

Auftraggeber

Freiherr Andreas Pauli von Liliencron war ein geadelter Aufsteiger, der im diplomatischen Dienst vor allem für die dänische Krone Karriere machte. 1630 geboren, wurde er bereits 1654 in den Adelsstand erhoben. 1662 wurde er dänischer Ministerresident am Kaiserhof in Wien. Kaiser Leopold erhob ihn 1673 in den Reichfreiherrenstand. Er ging zurück nach Schleswig-Holstein und erwarb nach seiner Hochzeit 1680 nacheinander mehrere Güter, so auch Wulfshagen 1694. Da er bereits 1699 verstorben ist, hat er wahrscheinlich nie in Wulfshagen gelebt.

Beschreibung

Das zweigeschossige Gebäude von neun Achsen Breite unter einem Walmdach erhebt sich über einem Sockelgeschoss und ist weitgehend schmucklos. Lediglich über dem Eingang befindet sich das Wappen derer von Qualen. Eckrustizierungen geben dem Backsteinbau optisch Festigkeit. Man betritt eine große Eingangshalle, der ein etwas kleinerer Saal an der Gartenseite entspricht. Links führt ein Treppenhaus in das Obergeschoss.

Forschungsstand

Wie bei allen Guts- und Herrenhäusern in Schleswig-Holstein ist der Forschungsstand dank der Arbeiten von Hirschfeld (1953), Seebach (1985), Rumohr (1987) und Lafrenz (2015) vergleichsweise gut.[2] Der Wandmalerei widmete sich 2016 Reitinger.[3]

Das so genannte "Blaue Kabinett"

 

Bau- und Ausstattungsgeschichte

Das so genannte Blaue Kabinett[4] stammt von 1699. Zu einem späteren Zeitpunkt (ca. 1730/50) wurde es mit den heute noch vorhandenen Wandbespannungen ausgestattet. Ältere Autoren vermuten, dass sie sekundär in den Raum gebracht wurde.

Beschreibung

Das Blaue Kabinett ist in der nördlichen Hälfte des Hauses auf der Ostseite gelegen. Es wird von Westen aus durch eine zentrale Tür betreten und öffnet sich mit zwei Fenstern zum Garten. Eine weitere Tür ist im Süden gelegen. An der Nordwand verbirgt sich eine Tapetentür. In der Nordwestecke steht ein so genannter Beileger (Ofen).

Die Wandmalerei im Blauen Kabinett

Befund – Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Die Wandmalerei[5] wurde in Öl auf Leinwand geschaffen und bedeckt die Wände über einem Sockelpaneel komplett. Lediglich die Fensterseite präsentiert keine Malerei. Sie wird im Allgemeinen auf ca. 1730 datiert. Die gemalten Rahmen der einzelnen Wandbilder zeigen miteinander kombinierte Régence- und Rokokoformen und sind gänzlich symmetrisch gestaltet. Reitinger spricht sich für eine spätere Datierung aus. Dafür spricht die Verwendung der Rocaille, die um 1730 in der Region sehr früh wäre, vor allem aber die Darstellungen der Gemälde. Die Malerei wurde 1985/86 restauriert.

Beschreibung

Der farbliche Gesamteindruck des Raums wird von den blauen Fayencetönen der acht Wandgemälde bestimmt. Hinzu kommen Rot, Ocker und Weiß. Die Kassetten des hölzernen Sockelpaneels sind wie die beiden Türen mit einer bunten gemalten Marmorierung versehen. Die Wände darüber sind in jeweils drei Felder aufgeteilt. Das Feld hinter dem Ofen an der Westwand zeigt keine Malerei. In der Mitte der West- und der Südwand befindet sich jeweils eine Tür, sodass für die Malerei nur der Platz über der Tür bleibt. Die einzelnen Wandfelder trennen gedrehte Säulen, die mit Blumen umwunden sind. Die Flächen dazwischen werden von großen Blau in Blau gehaltenen galanten Szenen bestimmt. Darunter befindet sich jeweils eine Landschaftsdarstellung in Rottönen, darüber Ornamente mit Gitterwerk, Muscheln und Akanthus. Die Szenen werden von dünnen, weißen Rahmen eingefasst. Teilweise zeigen sie Akanthus. Die Landschaften werden zusätzlich von Muscheln und Rocaillen gefasst.

Vorlagen und Vergleiche

Reitinger hat für die galanten Szenen als Vorlagengeber Johannes Esaias Nilson benannt.[6] Die Malerei ähnelt dem so genannten Teufelszimmer in Gaarz oder auch einer Bohlenkammer aus dem Haus Höper in Blieschendorf. Jedoch ist die Qualität in Tüttendorf besser und das Blaue Kabinett gemäß Reitinger das besterhaltendste Beispiel einer blauen Stube im Norden Deutschlands. Die gedrehten Säulen finden sich ganz ähnlich im Tapetenzimmer auf Gut Roest, ebenso das Prinzip unter einem großen figürlichen Gemälde eine kleine Landschaft zu zeigen.

Programm und Ikonographie

Die galanten Szenen zeigen den Weg einer jungen Dame in die Ehe bis hin zur Geburt des ersten Kindes. Die Gemälde sind in einer chronologischen Reihenfolge von der Nordwand rechts bis zur Südwand links zu betrachten. An der Nordwand sind Szenen gezeigt, in der sich die junge Dame vergnügt und verschiedene Männer um sie werben. An der Westwand erblickt man die Bemühungen des erfolgreichen Bewerbers und an der Nordwand das sich einig gewordene Paar.

Junge Dame mit Harfen- und Flötenspieler

Das erste Gemälde zeigt eine junge Dame, die sich im Freien niedergelassen hat und ein Notenbuch in der Hand hält. Sie singt, während zwei Männer sie auf Flöte und Harfe begleiten.[7]

Die Landschaft zeigt ein Paar vor einer Ruine am Fluss.

Vergebliche Werbung eines alten Mannes

Das nächste Bild zeigt die Dame in einem Innenraum. Im Hintergrund fällt der Blick in einen Garten. Die Dame sitzt an einem Tisch und blickt auf ein Kästchen mit Schmuck. Rechts hinter ihr steht ein älterer Mann, während ein so genannte „Mohr“ – offenbar der Diener des Alten – flehend zu ihr aufschaut. Offenbar wirbt der Mann um die Dame und versucht, sie mit seinem Reichtum zu beeindrucken.[7]

Die Landschaft mit Fluss und Felsen zeigt im Vordergrund einen toten Baum.

Junge Dame von jungem Kavalier umworben

Das dritte Bild an der Nordwand zeigt die junge Dame im Freien zusammen mit einem ebenfalls jungen Kavalier, der ihr Wein einschenkt. Ein Musiker begleitet die beiden auf der Flöte. Die Malerei kaschiert eine Tapetentür.[7]

Die Landschaft zeigt einen Reiter mit Gefolge, die sich einer Burgruine nähern.

Junge Dame bekommt einen Brief zugesteckt

An der Westwand über der Tür zeigt das unten abgeschnittene Bild die jungen Dame mit einem Kavalier vor einer Landschaft. Sie werden von einer Gouvernanten begleitet, die der jungen Dame einen Brief gibt.[8]

Der erste gemeinsame Spaziergang

Das zweite Bild an der Westwand zeigt den Spaziergang der jungen Dame mit einem Kavalier. Sie werden von der Gouvernanten begleitet. Der Mann hat die Hand auf sein Herz gelegt und wirbt offenbar um die Dame.[8]

Die Landschaft zeigt einen befestigten Steg entlang eines Gewässers.

Das verlobte Paar

Das erste Bild an der Südwand zeigt das verliebte Paar auf zwei Stühlen sitzend. Sie haben ihre Köpfe aneinander gelegt. Zu ihren Füßen windet ein Mädchen mit Blumen einen Kranz – den Hochzeitskranz?[8]

Die Landschaft präsentiert über einen toten Baum hinweg den Blick auf einen Fluss. Rechts befindet sich ein Wald, der gerade von zwei Menschen betreten wird, von denen einer eine beladene Schubkarre schiebt.

Das junge Ehepaar

Das mittlere Bild an der Südwand ist unten von einer Tür abgeschnitten. Man erkennt, wie die junge Dame ihrem Mann seine Pfeife anzündet. Links neben ihm erkennt man einen Knaben oder jungen Diener.[8]

Die junge Familie

Das letzte Bild an der Südwand zeigt die junge Familie. Die Eltern sitzen einander zugewandt auf zwei Stühlen. Links vor ihnen sitzt ihre Tochter und spielt mit einer Katze, die wiederum von einem Hund angebellt wird.[8]

Die Landschaft zeigt eine Burg mit Wächter im Torbogen, die an einem Fluss liegt.

Bibliographie

  • Literatur:
  • Hirschfeld, Herrenhäuser, 1953. – Hirschfeld, Peter: Herrenhäuser und Schlösser in Schleswig-Holstein. München 1953.
  • Lafrenz, Herrenhäuser, 2015. – Lafrenz, Deert: Gutshöfe und Herrenhäuser in Schleswig-Holstein. Petersberg 2015.
  • Oberdieck, KDM Eckernförde, 1950. – Oberdieck, Gustav u.a. (Bearb.): Die Kunstdenkmäler des Kreises Eckenförde. München/Berlin 1950.
  • Reitinger, Epoche, 2016. –Reitinger, Franz: Die blaue Epoche. Reduktive Farbigkeit im Rokoko. Berlin 2016.
  • Rumohr, Herrenhäuser, 1987. – Rumohr, Henning von: Schlösser und Herrenhäuser im Herzogtum Schleswig. 3. Aufl. Würzburg 1987.
  • Rumohr/Neuschäffer, Schlösser, 1983. – Rumohr, Henning von/Neuschäffer, Hubertus: Schlösser und Herrenhäuser in Schleswig-Holstein. Frankfurt 1983.
  • Seebach, Herrenhäuser, 1985. – Seebach, Carl-Heinrich: 800 Jahre Burgen, Schlösser und Herrenhäuser in Schleswig-Holstein. Neumünster1985.
  • Stilling, Herregårde, 2021. – Stilling, Niels Peter: Danmarks Herregårde. Slesvig og Holsten. Kopenhagen 2021.

Einzelnachweise

  1. Stilling, Herregårde, 2021, S. 95-97; Lafrenz, Herrenhäuser, 2015, S. 637-639; Rumohr, Herrenhäuser, 1987, S. 357- 370; Seebach, Herrenhäuser, 1985, S. 38-39; Rumohr/Neuschäffer, Schlösser, 1983, S. 96-101; Hirschfeld, Herrenhäuser, 1953, S. 103; Oberdieck, KDM Eckernförde, 1950, S. 343-348.
  2. Lafrenz, Herrenhäuser, 2015; Rumohr, Herrenhäuser, 1987; Seebach, Herrenhäuser, 1985; Hirschfeld, Herrenhäuser, 1953.
  3. Reitinger, Epoche, 2016, S. 195-196.
  4. Lafrenz, Herrenhäuser, 2015, S. 638; Seebach, Herrenhäuser, 1985, S. 142; Rumohr/Neuschäffer, Schlösser, 1983, S. 98; Rumohr, Schleswig, 1987, S. 361; Oberdieck, KDM Eckernförde, 1950, S. 346-347.
  5. Reitinger, Epoche, 2016, S. 195-196; Lafrenz, Herrenhäuser, 2015, S. 638; Rumohr, Herrenhäuser, 1987, S. 361; Rumohr/Neuschäffer, Schlösser, 1983, S. 98; Seebach, Herrenhäuser, 1985, S. 142; Oberdieck, KDM Eckernförde, 1950, S. 146-147.
  6. Reitinger, Epoche, 2016, S. 195.
  7. 7,0 7,1 7,2 Reitinger, Epoche, 2016, S. 196; Oberdieck, KDM Eckernförde, 1950, S. 146.
  8. 8,0 8,1 8,2 8,3 8,4 Reitinger, Epoche, 2016, S. 196; Oberdieck, KDM Eckernförde, 1950, S. 147.