Schwäbisch Hall, ehem Stadtpfarrhaus, Pfarrgasse 12
Inventarnummer: cbdd20207
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Für Prediger Beyschlag malte vermutlich Georg Michael Roscher um 1759 mit Blick auf St. Michael den von Frauen zum Götzendienst verleiteten König Salomo nach N. Vleughels, in einem kleineren Raum nach einer Vorlage von Roschers Augsburger Arbeitgeber Johann Georg Hertel eine Allegorie der Zeit.

Haus des Stadtpfarrers, der Archidiakone und Diakone

Baugeschichte
Das frei am Hang stehende dreigeschossige Fachwerkhaus konnte dendrochronologisch in die Jahre 1450/1460 datiert werden.[1] Seit dem 16. Jahrhundert beherbergte es den Stadtpfarrer und Prediger sowie den Archidiakon und die Diakone. Spätestens ab da war es im Besitz der Stadt.[2] Sein Unterhalt oblag dem Rat.[3]
Mögliche Auftraggeber der inneren Ausgestaltung im zweiten Obergeschoss
Da es sich bei der mit den Deckengemälden versehenen Wohnung im zweiten Obergeschoss um die mit dem schönsten Ausblick nicht nur auf die Stadt, sondern auch auf die Stadtpfarrkirche St. Michael handelt, dürfte die barocke Ausgestaltung für den damaligen Stadtpfarrer und Prediger ausgeführt worden sein. In Frage kommen sowohl der 1744 bis 1754 amtierende Stadtpfarrer, Prediger und Dekan Friedrich Peter Wibel (1691–1754)[4] als auch dessen Nachfolger Jacob Franz Beyschlag.[5]
In Ermangelung von Schriftquellen hat man derzeit den Stadtpfarrer und Prediger Jacob Franz Beyschlag als Auftraggeber anzunehmen, da der mutmaßliche Maler Georg Michael Roscher erst 1759 aus Fürth in seine Geburtsstadt Schwäbisch Hall zurückkehrte.[6] Für Georg Michael Roscher als Maler spricht der Umstand, dass das Deckengemälde im quadratischen Raum eine Allegorie der Zeit nach einer Vorlage von Jeremias Wachsmuth im Verlag Johann Georg Hertel in Augsburg darstellt[7] und Georg Michael Roscher nachweislich als Entwerfer und Stecher im Augsburger Verlag Hertel tätig war.[8]
„Obere Stube“ im zweiten Obergeschoss

Die in der Mitte des 18. Jahrhunderts mit einem Stuckplafond und Deckengemälden versehene „Obere Stube“ nimmt die gesamte nördliche Schmalseite des zweiten Obergeschosses ein. Der Raum erhält von drei Seiten Licht mit einem weiten Blick über die Stadt zum Kochertal, auf die Stadtpfarrkirche St. Michael und den Hang Richtung Osten. Die Wand der nördlichen Schmalseite misst 7,3 Meter.
Der über einer niedrigen Hohlkehle völlig plane Stuckplafond wurde nicht ornamentiert, sondern lediglich mit einem raffiniert geschwungenen Rahmen versehen, der das Mittelbild elegant in die längsrechteckige Grundfläche einpasst. Die Medaillons in den Ecken sind rund. Der Blickpunkt des großen Gemäldes ist mit dem Blick nach Norden zur Kirche. Die vier Medaillons hat man jeweils von der Raummitte aus zu betrachten.
Salomos Götzendienst, umgeben von den vier Jahreszeiten

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Zuschreibung an den Maler Georg Michael Roscher um 1759
Als Maler hat Ewald Jeutter Georg Michael Roscher (1724–1762) vorgeschlagen. Jeutters Zuschreibung ist beizupflichten, da sie sich sehr gut sowohl mit dem bisherigen Wissen über den Werdegang des jüngeren Roscher als auch dem Eindruck seiner Malerei vereinbaren lässt. Stilistisch passt die Malerei mit ihren kleinen Figuren und den bunten Gewändern gut zu den vermutlich 1747 entstandenen Gemälden im Haus Seiferheld-Döllin in der Marktstraße 4, die allerdings merkwürdigerweise Jeutter nicht Georg Michael Roscher, sondern dessen Vater Johann Michael Roscher zugeschrieben hat.[9]
Für Georg Michael Roscher, also den Sohn, spricht über die Stilistik hinaus die starke Orientierung an Augsburger Bildstichen. Im Haus Seiferheld-Döllin in der Marktstraße 4 dienten ihm zwei Tafelwerke von Johann Ulrich Kraus als Vorbild.[10] Das Deckengemälde mit der Allegorie der Zeit im quadratischen Raum an der Ostseite des Hauses geht auf einen bei Johann Georg Hertel (1700–1775) in Augsburg verlegten Stich zurück, was Ewald Jeutter aufzeigen konnte.[7] Da Georg Michael Roscher nachweislich für den Augsburger Verleger Hertel entwarf und stach,[8] waren ihm die dort verlegten Werke vermutlich besonders leicht zugänglich.
Die Darstellung der vier Jahreszeiten als pastoral und höfisch anmutende Figuren auf Terrassen vor Parklandschaften erinnert prinzipiell an die Medaillons der vier Jahreszeiten im Gasthaus Krone in Hessental. Da zudem das Motiv der Vase mit Agave sowohl im Stadtpfarrhaus als auch in Hessental vorkommt, die Deckengemälde im Gasthaus Krone jedoch stilistisch nicht von Georg Michael Roscher stammen, geht die Autorin davon aus, dass im Gasthaus Krone Johann Michael Roscher malte auf der Grundlage von Radierungen und Bildideen, die er durch seinen Sohn kennengelernt und nach dessen Übersiedelung nach Fürth im Jahre 1752 in Hessental ausgeführt hat.
Salomos Götzendienst
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Verführerische und zugleich verwerfliche Situation
Als alter Mann ließ sich König Salomo von seinen vielen, nicht zum Stamme Israel gehörenden Frauen zum Götzendienst verführen. Er opferte der Göttin Asthoreth, die als Fruchtbarkeitsgöttin in der neuzeitlichen Malerei meist als Venus dargestellt wurde.[11] Als Strafe verkündete Gott die bevorstehende Teilung seines Reichs. Das Thema zeigt die Gefahr, durch Maßlosigkeit, alles zu verlieren.[11]
In einer offenen Säulenhalle, deren angeschnittenen Säulen mit blauen Draperien behangen sind und die den Blick auf eine Gartenlandschaft freigibt, steht um mehrere Stufen erhöht am rechten Bildrand ein hohes Postament, auf dem die vergoldete Statue der Juno sitzt. Der blaue Pfau mit goldenen Flügeln neben ihr greift die Farbstimmung des Hintergrundes auf. Auf den Stufen naht in devot gebückter Haltung König Salomo als alter bärtiger Mann im goldenen Hermelinmantel und einer flachen dunkelblauen Mütze. Seine Krone und sein Zepter liegen in den Händen zweier der ihn zahlreich umgebenden Frauen.
Eine weitere Frau, die als Rückenfigur gegeben ist, öffnet eine Kiste mit wertvollen Fläschchen. Die anderen musizieren, tragen die Mantelschleppe Salomos oder tragen einen Leuchter herbei, dessen Kerze soeben entzündet wird. Die Stimmung des Raumes wirkt sehr fein und warm, einzig das Gesicht Salomos ist unschön wiedergegeben mit zahnlosem Mund, roter Nase und dicken Backen. Mit dieser Diskrepanz brachte der Maler das Verführerische und zugleich Verwerfliche der Situation zum Ausdruck.
Graphische Vorlage von Edme Jeaurat nach einem Gemälde von Nicolas Vleughels
Das Deckengemälde folgt bis ins Detail einem französischen Kupferstich von Edme Jeaurat (1688–1738) nach einem Gemälde von Nicolas Vleughels (1668–1737). Der Stich ist rechts unten datiert: „E. Jeaurat sculp. 1723“.[12] Er wurde von Edme Jeaurat in Paris publiziert.
Der französische Stich wurde in Schwäbisch Hall seitenrichtig rezipiert, scheint dem Künstler im Original vorgelegen zu haben, was einmal mehr für Georg Michael Roscher als Urheber des Gemäldes mit seinem gegenüber seinem Vater größeren Radius spricht. Allerdings hat er die Vorlage am linken Bildrand deutlich verkürzt. Im Original folgen hinter den links knienden Frauen noch weitere stehende und kniende Frauen. Den linken Bildrand bilden zwei Löwen von der Lehne des Thron Salomonis. Im Hintergrund tragen Dienerinnen Feldfrüche und Mahlzeiten herbei.
In Schwäbisch Hall wurde Figurengruppe der Vorlage reduziert, um in die Mitte einer Säulenarchitektur gestellt zu werden. Am rechten Bildrand fügte Georg Michael Roscher eine Wand hinzu, am linken Bildrand ersetzte er die Figuren der Vorlagen durch zwei Vasen auf einer Balustrade. Die linke Vase dient als Pflanzkübel für eine Agave. Das Motiv der Agavenpflanze in bauchiger Vase haben Georg Michael und – nach Ansicht der Autorin – auch Johann Michael Roscher mehrmals verwendet. Von Georg Michael findet es sich im Deckengemälde im Haus Am Markt 3 (Löwenapotheke). Von Johann Michael Roscher, dem die Autorin das Deckengemälde im Gasthaus Krone in Hessental in Abwesenheit des Sohnes zuschreibt, findet sich das Motiv dort ebenfalls.
Bemerkenswerterweise folgt ein Deckengemälde in Schloss Pfedelbach ebenfalls dem Stich von Edme Jeaurat nach Nicolas Vleughels, allerdings seitenverkehrt, sodass hier als Zwischenschritt ein Augsburger Nachstich zu vermuten ist, der jedoch noch ausfindig gemacht werden muss.[13] In Pfedelbach gibt es hinter der zentralen Figurengruppe um Salomo noch drei weitere Frauen mit Musikinstrumenten, die jedoch nicht den Frauen auf dem französischen Stich entsprechen.
Frühling
Der Frühling im runden Medaillon wird durch eine Dame im blauen, leger geschnittenen Gewand mit weißen Spitzen charakterisiert. Sie hält sowohl in der erhobenen linken als auch in der im Schoß liegenden rechten Hand einen kleinen Blumenstrauß. Links hinter ihr steht ein Korb mit Blumen auf einer Mauer. Rechts im Hintergrund erscheint die für Georg Michael Roscher typische Agave im bauchigen Gefäß.
Sommer
Der wie der Frühling weiblich personifizierte Sommer erscheint als Dame im dunkelblauen Gewand mit weißer Spitze und einem mittelblauen Sonnenschirm mit rot-weißen Federn als Bekrönung. In der linken Hand hält sie als Attribut eine Sichel. Im Hintergrund ist ein Bauernpaar beim Sensen überdimensional hohen Ähren zu erkennen.
Herbst
Für den Herbst sitzt eine Frau in einem ockerfarbenen Gewand mit großen blauen Schleifen auf dem Stecker vor einem Felsen. In der linken Hand hält sie fünf große verschiedenfarbige Trauben. Im Hintergrund sind zwei Wengeter bei der Arbeit zu erkennen.
Winter
Der ebenfalls weiblich personifizierte Winter begegnet in Gestalt einer Hofdame mit blauem, pelzverbrämten Justaucorps und weitem ockerfarbenen Rock. Sie hält ein Koppchen auf einer Kumme in der Hand. Vor ihr auf einem runden Tisch stehen weitere Gefäße, darunter zwei Kaffeekannen in Untersicht.
Weiterer Raum im zweiten Obergeschoss

An der Ostseite des zweiten Obergeschosses befindet sich als weiterer Raum mit Deckenmalerei ein quadratisches Zimmer zwei Fenstern nach Osten. Die ursprüngliche Nutzung ist nicht bekannt, doch liegt der Blickpunkt des Gemäldes mit dem Rücken zur Fensterwand.
Allegorie der Zeit

Beschreibung
Das Deckengemälde in der Technik Öl auf Leinwand ist in einen regelmäßigen Vierpass eingeschrieben. Vor einer angeschnittenen Säulenstellung tritt von links Saturn ins Bild. Er präsentiert sich als alter bärtiger Mann mit großen weißen Flügeln, heller Haut und einem Mantel angetan, dessen blaues Futter mit weißen Sternen dekoriert, die Außenseite jedoch golden ist. In der Rechten hält er eine leere Tafel, in der Linken den Schlangenring der Ewigkeit.
Vor ihm tummeln sich zwei Puttenpärchen, von denen sich eines mit einem Spiegel beschäftigt, das andere etwas mit einer Schreibfeder in ein dickes Buch notiert. Am unteren Bildrand liegen neben einem Gebälkfragment eine Waage und ein Reif, auf den Saturn mit einem Fuß zu treten scheint. Bei dem Reif handelt es sich um den Zodiakus, was jedoch nur der weiter unten als Vorlage angeführten Radierung aus dem Verlag von Johann Georg Hertel zu ersehen ist.
Am rechten Bildrand stehen ein Säulenstumpf und ein Laubbaum, von denen insbesondere der Säulenstumpf als Zeichen der Vergänglichkeit zu werten ist. Den Hintergrund nimmt eine große blaue Kugel ein, aus der ein Stück herausgebrochen zu sein scheint. Aus der gezackten Öffnung kommt Chronos mit Flügeln, Sense und einer Sanduhr auf dem Haupt stehend auf einer Barke heraus. Das Gemälde vereint mehrere Motive der Vergänglichkeit.
Vorlage aus dem Verlag Johann Georg Hertel
Ewald Jeutter konnte die Radierung des Verlegers Johann Georg Hertel ausfindig machen, auf der das Deckengemälde zur Gänze fußt.[14] Der Entwurf stammt von „Eichler del.“, was mit Gottfried Eichler dem Jüngeren (1715–1770) aufzulösen ist. Die Radierung besorgte Jeremias Wachsmuth (1711/12–1771). Es handelt sich um Tafel 11 der auf Deutsch übersetzten und illustrieren Ausgabe von Cesare Ripas Iconologia, die um 1760 datiert wird.[15] Da Georg Michael Roscher bei Hertel in Augsburg im Verlag tätig war, kann er einzelne Stiche als Vorab-Exemplare besessen haben, sodass dies der hier vorgeschlagenen Datierung um 1759 nicht entgegensteht.
Das phantastisch anmutende Motiv der aufgebrochenen Erdkugel, aus der Saturn auf der Barke mit Sense herausfährt, illustriert die Unterschrift: „Die Zeit. So streicht hindurch die Zeit der Welt, weil jedem ist daß Zihl bestelt.“
Bibliographie
- Bedal, Haller Häuserbuch, 2020 = Albrecht Bedal, Haller Häuserbuch, Schwäbisch Hall 2te und verbesserte Auflage 2020.
- Gebäudeverzeichnis – Stadt Schwäbisch Hall (NICHT in Zotero eingeben)
- Haug, Pfarrerschaft, 1974 = Otto Haug, Die evangelische Pfarrerschaft der Reichsstadt Schwäbisch Hall in Stadt und Land, in: Württembergisch Franken, 58 (1974), S. 359–373.
- Jeutter, Raumdekorationen, 1995 = Ewald Jeutter, Raumdekorationen aus dem zweiten Drittel des 18. Jahrhunderts in Bürgerhäusern der ehemals „Freyen Reichsstadt“ Hall. Ein Beitrag zu den Auftraggebern und den Dekorateuren, in: Württembergisch Franken, 79 (1995), S. 243–312.
- Seibold, Hausgeschichte, 2005 = Gerhard Seibold, Eine Hausgeschichte, in: Das Haus Obere Herrngasse 7 in Schwäbisch Hall. Mit Beiträgen von Albrecht und Inge Bedal, Gerhard Seibold, Andrea Surkus und Hansjörg Stein, Crailsheim 2005, S. 7–47.
Einzelnachweise
- ↑ Gebäudeverzeichnis – Stadt Schwäbisch Hall; Bedal, Haller Häuserbuch, 2020, S. 456.
- ↑ Gebäudeverzeichnis – Stadt Schwäbisch Hall
- ↑ Gebäudeverzeichnis – Stadt Schwäbisch Hall.
- ↑ Haug, Pfarrerschaft, 1974, S. 365. Zum Werdegang Wibels: Seibold, Hausgeschichte, 2005, S. 26–27.
- ↑ Haug, Pfarrerschaft, 1974, S. 366.
- ↑ Jeutter, Raumdekorationen, 1995, S. 275.
- ↑ 7,0 7,1 Jeutter, Raumdekorationen, 1995, S. 274–275.
- ↑ 8,0 8,1 roscher georg michael | Graphikportal
- ↑ Jeutter, Raumdekorationen, 1995, S. 269.
- ↑ Jeutter, Raumdekorationen, 1995, S. 269–270.
- ↑ 11,0 11,1 Poeschel, Handbuch, 2005, S. 88.
- ↑ http://kk.haum-bs.de/?id=jeaurat-e-ab2-0002
- ↑ Es handelt sich um das ovale Deckengemälde von Salomos Götzendienst. Siehe hierzu: Seeger, Ulrike: Pfedelbach, Schloss (cbdd10133), in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2020, URL: www.deckenmalerei.eu/e1629725-edb7-4c0e-a553-dd567dd41c88, letzter Zugriff: 2025-03-03
- ↑ Jeutter, Raumdekorationen, 1995, S. 274–275 mit Abb. 33.
- ↑ Jeutter, Raumdekorationen, 1995, S. 275: Cesare Ripa, Des berühmten italiänischen Ritters Cesaris Ripae allerley Künsten und Wissenschaften dienlichen Sinnbilder und Gedancken …“ 'Pars ... des berühmten Italiänischen Ritters Caesaris Ripae allerley Künsten, und Wissenschaften dienlicher Sinnbildern, und Gedancken', Bild 29 von 440 | MDZ