Schwäbisch Hall, Am Markt 3, Löwenapotheke

Seeger, Ulrike:Schwäbisch Hall, Am Markt 3, Löwenapotheke, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2025, URL: www.deckenmalerei.eu/f90b74bb-80e8-4176-b1ac-c6544c4de5b2

Inventarnummer: cbdd20211

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Vermittelt über Johann Ulrich Kraus, fußt das Mittelbild mit einer Geburt Christi mit Engeln auf einem Stich von Pierre Daret nach Simon Vouet, umgeben von biblischen Szenen und einem biblischen Emblem. Die Malereien entstanden um 1745 vermutlich in der Werkstatt oder von Johann Michael Roscher.

Haus des Apothekers Johann Peter Sandel senior

 
Schwäbisch Hall, Am Markt 3

Das Hauptgebäude des Anwesens Am Markt 3 erhebt sich am marktseitigen Ausgangspunkt der beiden vornehmen Schwäbisch Haller Straßenzüge Untere Herrngasse und Obere Herrngasse. Das aus Fachwerk errichtete, zum Marktplatz giebelständige Haus überbrückt mit einem sehr hohen Steinsockel den hohen Geländesprung zum Straßenniveau der Unteren Herrngasse, deren Zubringergasse Schuhbäckgässle später in der Haalstraße aufgegangen ist.[1] Nach Osten entlang der Oberen Herrngasse weist das Gebäude ein normal hohes Sockelgeschoss und zwei Fachwerkgeschosse auf. Nach Westen stehen ebenfalls zwei Fachwerkgeschosse über der erwähnten sehr hohen, das Gelände abstützenden Mauer.

1743 erwarb der Apotheker Johann Peter Sandel senior (1716–1762) das Hauptgebäude, das spätestens von da an bis heute eine Apotheke beherbergt.[2] Peter Sandel senior, den seine Wanderjahre nach Basel und Straßburg führten, gilt als Auftraggeber des Deckengemäldes im ersten Obergeschoss.[3] Anfang des 19. Jahrhunderts wurde der Grund Richtung Markt mit einem dreigeschossigen Vorbau aus Werksteinen bebaut.[4]

Stube im ersten Obergeschoss

 

Der durch das Deckengemälde ausgezeichnete Raum befindet sich im ersten Obergeschoss an der Westseite des Hauses, wo er mit drei Fenstern den Blick auf die untere Stadt Richtung Kochertal freigibt. Die Stuckdecke setzt über einer schmucklosen Hohlkehle an. Ihre ungewöhnlich kräftig durch Pilaster markierten Längs- und Querachse könnte sich sowohl auf die Konstruktion der über dem Stuckplafond liegenden Holzdecke beziehen als auch das christliche Kreuz symbolisieren, das die biblischen Deckengemälde angemessen rahmte.

An den Langseiten werden diese stuckierten Pilaster von Büsten flankiert, die die vier Erdteile zu symbolisieren scheinen. Weitere Charakteristika der Stuckdecke sind der stark verkröpfte Rahmen des Mittelbildes und die in die Medaillons hineinreichenden Blattranken.

Christi Geburt mit Engeln, umgeben von vier biblischen Szenen

 

Schwierige Zuschreibung

Ewald Jeutter hat die Deckengemälde Johann Michael Roscher zugeschrieben, obwohl dieser im Haus der Löwenapotheke dann sehr kleinfigurig gemalt hätte.[5] Die Kleinfigurigkeit und die Verwendung von Vorlagen von Johann Ulrich Kraus, auf die Ewald Jeutter verdienstvollerweise hingewiesen hat, erinnern allerdings an die Johann Georg zuzuweisenden Gemälde im Haus Seiferheld-Döllin in der Marktstraße 4, wenngleich die Malerei Am Markt 3 nicht die gleiche Feinheit wie die Gemälde für Seiferheld-Döllin besitzt. Da zudem die Malweise im Haus Am Markt 3 nicht mit der von Johann Michael Roscher in der Spitalkirche und im Haus Sandel in der Marktstraße 9 übereinstimmt, gestaltet sich eine Zuschreibung schwierig.

Hermann Miltenberger hat Livio Retti vorgeschlagen,[6] den sowohl Ewald Jeutter als auch die Autorin als Maler ausscheiden. Obwohl sich die Zuschreibung schwierig gestaltet, scheint es sich auf jeden Fall um die Werkstatt von Johann Michel und Johann Georg Roscher gehandelt zu haben. Es wird deshalb – mit Vorbehalt – Johann Michael Roscher als Maler angegeben.

Betrachterstandpunkte

Das Hauptgemälde ist mit dem Rücken zur Fensterwand zu betrachten. Die Medaillons sind von der Raummitte aus reihum am besten zu sehen.

Christi Geburt mit Engeln
 

Filiationsgeschichte der Vorlage

Als Vorlage konnte Jeutter die entsprechende Szene im biblischen Engel- und Kunstwerk von Johann Ulrich Kraus, in der Vignette auf Tafel 2 benennen.[7] Da der Schwäbisch Haller Maler die Szene seitenverkehrt übernahm und Johann Ulrich Kraus seine Tafelwerke aus graphischen Vorlagen kompilierte,[8] ist ein gemeinsames, zum Haller Deckengemälde seitenrichtiges Vorbild zu vermuten. Dort würde Maria zur Rechten des Christuskindes knien, was den liturgisch-zeremoniellen Gepflogenheiten entspricht.

Die mutmaßliche Vorlage für Johann Ulrich Kraus war ein Stich des Verlegers und Kupferstechers Pierre Daret (1605–1678) von 1639 nach einem Altargemälde von Simon Vouet (1590–1649).[9] Die Legende: „Simon Voüet hanc Tabulam in Æde urbania Soror. Carmelit. Paris. Pinxit.“ lässt sich dank Erwähnungen bei André Félibien und Dézallier d’Argenville auf die Kirche des 1617 als zweite Niederlassung der Karmeliterinnen in der rue Chapon, im heutigen Marais gegründeten Konvent beziehen.[10] Das Gemälde ging in der Französischen Revolution verloren.[11]

Allein von der Ausrichtung her könnte man den Stich von Daret auch als Vorlage für den Haller Maler vermuten, doch sind die Abweichungen im Ausdruck der Figuren in Hall zu groß. Es ist nicht davon auszugehen, dass ihm der französische Originalstich nach Vouet zur Verfügung stand, sondern eher ein holländischer(?) Nachstich, der auch Kraus als Vorlage gedient hätte. Der Vollständigkeit halber sei angemerkt, dass Dézallier d’Argenville einen zweiten Sich nach Vouets Altarbild von Dorigny erwähnt, der allerdings verschollen ist.[11]

Beschreibung

Vor einer atmosphärisch gemalten, ruinösen Säulenarchitektur betet in der linken Bildhälfte die kniende Maria ihr göttliches Kind an, während sich in der rechten Bildhälfte zwei Engel mit großen Flügeln und Kinder über das Neugeborene beugen. Ein weiterer Engel wendet sich Josef zu, der am linken Bildrand neben einem hohen Säulenpostament steht. Er blickt mit leicht abwehrenden Armen zum Himmel, von wo ein Engel auf ihn zufliegt.

Das Kind liegt auf einem weißen, das Stroh nur knapp bedeckenden Tuch. Sein helles Inkarnat und ein gelber Heiligenschein bilden das liebliche Zentrum. Der vom Himmel Richtung Josef herabstoßende Engel bringt in einer goldenen Schale ein Rosenbouquet. Zwei ebenfalls herabfliegende Putten bringen zumindest auf der Vorlage von Vouet Ölzweige.

Vertreibung aus dem Paradies

Adam und Eva verlassen als Rückenfiguren, mit einem um die Hüfte gelegten Blattkranz den Bildraum nach links. Eva wendet sich mit bittend zusammengelegten Händen zum Engel, der mit seinem flammenden Schwert die Vertreibung ausspricht. Unterhalb des Engels windet sich gefährlich die Schlange. Zwischen Adem und Eva auf der einen, dem Engel und der Schlange auf der anderen Seite steht der Baum der Erkenntnis mit orange leuchtenden Früchten.

Drei Engel bei Abraham

Abraham mit Turban ist vor sein Holzhaus getreten, um die drei an einem runden Tisch stehenden großgewachsenen Engel zu bewirten. Hinter der Tür erkennt man Sara, die über die Weissagung, im hohen Alter noch ein Kind bekommen zu sollen, lacht.

Arche Noah(?)

Wie in der Decke der Stube im Haus Sandel in der Marktstraße 9 ist eine der vier Nebenszenen in der Art eines Emblems aufgefasst und stellt vermutlich, ebenfalls wie im Haus Sandel in der Marktstraße 9, die Arche Noah dar. Sollte es sich um die Arche Noah handeln, würde sie von zwei Engeln getragen werden.

Verkündigung Mariens

Als Bindeglied zwischen den alttestamentlichen Szenen der Medaillons und dem neutestamentlichen Hauptgemälde dient das Medaillon mit der Verkündigung Mariens. Maria saß am Lesepult auf einem Rückenlehnstuhl, als der Erzengel als Lichterscheinung in den Raum schwebte und ihr das Heilsgeschehen verkündete. Sie ist erschrocken herumgefahren, Stuhl und Pult scheinen gefährlich zu kippen. Im Hintergrund erscheint ein Obelisk, bei dem es sich aber auch um ein Teil des Bettes handeln könnte.

Bibliographie

  • Bedal, Haller Häuserbuch, 2020 = Albrecht Bedal, Haller Häuserbuch, Schwäbisch Hall 2te und verbesserte Auflage 2020.
  • Crelly, Vouet, 1962 = William R. Crelly, The Painting of Simon Vouet (Yale Publications in the History of Art, 14), New Haven/London 1962.
  • Gebäudeverzeichnis – Stadt Schwäbisch Hall
  • Jeutter, Raumdekorationen, 1995 = Ewald Jeutter, Raumdekorationen aus dem zweiten Drittel des 18. Jahrhunderts in Bürgerhäusern der ehemals „Freyen Reichsstadt“ Hall. Ein Beitrag zu den Auftraggebern und den Dekorateuren, in: Württembergisch Franken, 79 (1995), S. 243–312.
  • Mildenberger, Musik, 1980 = Hermann Mildenberger, Allegorie der Musik und der Fünf Sinne. Deckenfresken von Livio A. Retti (1692/93 bis 1751) im Musiksaal der Keckenburg in Schwäbisch Hall, in: Württembergisch Franken, 64 (1980), S. 161–178.
  • Seeger, Kraus, 2021 = Ulrike Seeger, Johann Ulrich Kraus. Vermittler der Hofkunst des französischen Sonnenkönigs nach Mitteleuropa, in: Frühneuzeitinfo, 32 (2021), S. 120–135.

Einzelnachweise

  1. Zum Gebäude: Bedal, Haller Häuserbuch, 2020, S. 246–253.
  2. Bedal, Haller Häuserbuch, 2020, S. 250. Die Lebensdaten nach Jeutter, Raumdekorationen, 1995, S. 265, der sich auf Quellen aus dem Stadtarchiv Schwäbisch Hall berufen kann.
  3. Jeutter, Raumdekorationen, 1995, S. 265, vgl. dagegen Bedal, Haller Häuserbuch, 2020, S. 251, der von zwei möglichen Eigentümern spricht, ohne den zweiten beim Namen zu nennen.
  4. Bedal, Haller Häuserbuch, 2020, S. 246 und 248.
  5. Jeutter, Raumdekorationen, 1995, S. 266.
  6. Mildenberger, Musik, 1980, S. 163 (vgl. Jeutter, Raumdekorationen, 1995, S. 266).
  7. Jeutter, Raumdekorationen, 1995, S. 266 mit Abb. 21.
  8. Zur Frankreichrezeption bei Kraus mit weiterer Literatur: Seeger, Kraus, 2021.
  9. http://kk.haum-bs.de/?id=daret-p-ab2-0020
  10. Crelly, Vouet, 1962, Kat.-Nr. 158, S. 230–231. Die erste Niederlassung war die in der rue Saint-Jacques, gegenüber von Val-de-Grâce.
  11. 11,0 11,1 Crelly, Vouet, 1962, Kat.-Nr. 158, S. 230–231.