Schleusingen, Residenzschloss Bertholdsburg
Inventarnummer: cbdd10062
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In einem Raum von Schloss Berholdsburg in Schleusingen haben sich Reste eines bemerkenswerten Herkuleszyklus aus der Zeit von 1563 bis 1583 erhalten. Er geht auf eine Kupferstichfolge von Cornelis Cort aus dem Jahre 1563 zurück, die damals sehr populär war.

Schloss Bertholdsburg
Baubeschreibung
Schloss Bertholdsburg[1] ist aus verschiedenen Bauteilen im Laufe der Jahrhunderte zu einem zusammenhängenden Gebäudekomplex zusammengewachsen. Die Anlage erhebt sich im Westen der Altstadt von Schleusingen in leicht erhöhter Spornlage. Seit Ende des 16. Jahrhunderts präsentiert es sich als eine unregelmäßige Vierflügelanlage aus verschiedenen Baukörpern mit einem annährend rechteckigen Innenhof. Es gibt keine zusammenfassenden oder übergreifenden Gliederungselemente. Auch die Fenster unterscheiden sich von Bauteil zu Bauteil.
Der im Süden gelegene herrschaftliche Wohnflügel nahm bis in das 18. Jahrhundert die landesherrlichen Gemächer auf. Er wird an der Außenseite von Ecktürmen flankiert. Ihre spitzen Dächer stammen von 1848. Vorher hatten sie Schweifkuppeln. Die Westseite des Schlosses ist besonders heterogen. Der vorspringende Bau im Norden geht auf einen alten Wohnturm zurück. In der Mitte des Westflügels befindet sich ein Durchgang. Er stellt vermutlich die ehemals einzige Zufahrt zum Schloss dar, bevor der Zugang von Osten zur Stadt hin geschaffen wurde. Anstelle der hier heute vorhandenen Treppe gab es eine Auffahrt. Seit 1563/65 gibt es vor dem Westflügel einen Schlossgarten. Der Ostflügel zur Stadt hin ist im 19. Jahrhundert tiefgreifend renoviert worden. In den drei Ecken des Schlosshofs stehen Treppentürme. Ehemals befand sich auch in der vierten Ecke ein Treppenturm. Es ist unbekannt, wann er abgetragen und durch das heute bestehende Treppenhaus mit gradläufigen Treppen ersetzt wurde. Besonders die zweigeschossige Loggia am Südflügel, die vermutlich vom Dresdner Schloss inspiriert wurde und noch vor der sogenannten Altane der Ehrenburg in Coburg entstanden ist, zeugt von einem hohen künstlerischen Anspruch und zeichnet den Wohnbau vor allen anderen Flügeln aus. Der danebengelegene Treppenturm ist reicher als die anderen gestaltet. Den Nordflügel zeichnet ein Standerker zum Hof hin aus.
Forschungsstand
Schloss Bertholdsburg ist bislang nicht monografisch untersucht worden, es gibt lediglich mehrere zusammenfassende Darstellungen, die ihren Schwerpunkt auf der Baugeschichte haben.
Besitzergeschichte
Vermutlich ist Schleusingen[2] um 1230 ein Ort mit Residenzfunktion geworden. Eine Burg der Henneberger bestand hier bereits im 12. Jahrhundert. 1268 erfolgte die Nennung der neuen Burg auch in einer Urkunde: „castrum cum civitate“. Nach einer Erbteilung der Henneberger wurde Schleusingen 1274 Residenz und blieb dies bis zum Aussterben der Henneberger 1583.[3] Deie Schleusinger Teillinie hatte den Fürstenrang inne. Nach dem Aussterben der Henneberger 1583 übernahmen ihre Erben – die Wettiner – die gefürstete Grafschaft Henneberg ungeteilt und verwalteten sie von Meiningen aus – nicht von Schleusingen. Erst 1660 teilten sie ihr Erbe auf und Schleusingen fiel an die Herzöge von Sachsen-Zeitz, 1718 kam Schleusingen im Erbgang an die im fernen Dresden residierenden Kurfürsten von Sachsen. 1815 fiel Schleusingen an Preußen und wurde Kreissitz. 1945 gelangte Schleusingen zu Thüringen.
Baugeschichte
Die mittelalterliche Burg wurde beständig erweitert und ausgebaut. Im 16. Jahrhundert ließen die Henneberger ihre Residenz umfassend modernisieren. Graf Wilhelm IV. (1478-1559) begann 1525 mit einem aufwendigen Umbau des Schlosses, den erst sein Sohn Georg Ernst (1511–1583) vollendete. Georg Ernst war ein erfolgreicher Militär und diente im Reichsheer unter Karl V. Er kannte die moderne Fürstenarchitektur aus eigener Anschauung. Die vorhandenen meist dreigeschossigen Gebäude wurden mit Fachwerkobergeschossen aufgestockt und die neuen Türme des Schlosses erhöht. Ferner entstand ein neuer Zugang zur Oberstadt im Osten des Schlosses, der heutige Hauptzugang. Die Baumaßnahmen kamen fast einem Neubau gleich. In die Ecken des Hofes kamen die vier Treppentürme, an seine Nordseite ein Standerker, an seine Südseite vor die landesherrlichen Gemächer ein zweigeschossiger Altan. Ganz offenbar orientierten sich die Henneberger mit Treppentürmen und Altan an der kurfürstlichen Residenz in Dresden. Die Bezugnahme auf eine kurfürstliche Architektur verwundert nicht, hatte Graf Wilhelm IV. doch 1500 Anastasia geheiratet, die Tochter des Kurfürsten von Brandenburg.
Die Baumaßnahmen an der Bertholdsburg im 16. Jahrhundert erfolgten in Zeiten großer wirtschaftlicher Nöte. Die gefürstete Grafschaft Henneberg war komplett überschuldet und 1554 musste man im Vertrag zu Kahla den Ernestinern gegen Übernahme der Schulden die Anwartschaft auf Henneberg für den Fall des absehbaren Aussterbens einräumen. Dieser Umstand könnte auf die Baumaßnahmen Einfluss genommen haben. Da diese aber nach dem Aussterben der Henneberger 1583 nicht abbrachen – im Baubefund ist keine Zäsur auszumachen – ist eine Zuschreibung der Maßnahmen im letzten Viertel des 16. Jahrhunderts an die Henneberger oder Wettiner und eine von den damaligen Umständen abhängige Interpretation in Bezug auf einen Auftraggeber nicht möglich.
Die Herzöge von Sachsen-Zeitz nutzten Schloss Bertholdsburg von 1681 bis 1684 und 1718 bis 1739 als Witwensitz. 1815 fiel Schloss Bertholdsburg zusammen mit dem Amt Schleusingen an Preußen. Die Bertholdsburg wurde Verwaltungssitz des begründeten Kreises Schleusingen bis 1929. Seit 1934 werden immer mehr Bereiche des Schlosses museal genutzt.
Erhaltene Wandmalerei
Bis in das 18. Jahrhundert befanden sich die landesherrlichen Wohnräume im Südflügel. Von der ehemaligen Ausstattung des Schlosses hat sich kaum etwas erhalten. Geringste Malereireste haben sich in einem Raum des ersten Obergeschosses im Südflügel erhalten. Lediglich im ersten Obergeschoss des Nordflügels gibt es noch einen Saal mit floral stuckierter Decke aus dem 17. Jahrhunderts sowie einen gewölbten Raum mit gelben und schwarzen Fresco-Seccomalereien in gemalten Rahmen aus dem letzten Viertel des 16. Jahrhunderts. In sechs großformatigen Szenen werden einige der Taten des Herkules gezeigt. Die Darstellungen in gemalten Rahmen haben erklärende lateinische Bildunterschriften. Es handelt sich um einen der größten profanen Bilderzyklen der Renaissance in Mitteldeutschland. Im Südflügel haben sich geringe Reste weiterer Wandmalereien erhalten. Es steht zu vermuten, dass zahlreiche Räume ehemals eine Ausmalung hatten und möglicherweise werden in den kommen Jahren weitere Malereireste gefunden.[4]
Der Herkulessaal
Beschreibung
Im ersten Obergeschoss des Nordflügels von Schloss Bertholdsburg liegt der sogenannte Herkulessaal. Er misst ungefähr 8 x 6 Meter und ist bis zu 3,4 Meter hoch.[5] Er hat ein zweijochiges Kreuzgratgewölbe, das auf einem zentralen Pfeiler ruht. In den Schmalseiten im Süden und Norden ruht das Gewölbe auf pilasterartigen Wandvorlagen, an den Längsseiten direkt auf der Wand. An der Nordseite befinden sich zwei Fenster. An die übrigen Wände ist in jeder Achse unterhalb des Schildbogens je ein Wandgemälde aufgebracht. Die Wandmalereien messen ungefähr 3 x 3,4 Meter. Die sechs Gemälde zeigen Darstellungen mit den Taten des Herkules und haben dem Raum seinen Namen gegeben. Der Raum wird von Westen betreten. Ein weiterer Zugang an der Südseite wurde später durchbrochen. An der Nordseite der Westwand befindet sich ein nachträglich eingebauter Wandschrank (Tresor).[5]
Der Herkulessaal befindet sich in einem ehemals freistehenden Wohnturm, der Ende des Mittelalters baulich im Nordflügel aufgegangen ist. Die historische Funktion des Raumes ist unbekannt. Er gehörte nicht zu den landesherrlichen Gemächern, die im Südflügel lagen. Es dürfte sich aber um den Bestandteil einer repräsentativen Raumfolge gehandelt haben, deren letzter Raum der Herkulessaal war. Der Raum vor dem Saal ist mit einem Erker zum Hof ausgezeichnet. Der Herkulessaal wurde später unterschiedlich genutzt und diente zuletzt als Archiv. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts standen hier Regale.[6]
Die Gemälde sind wie Gobelins dargestellt, die an der Wand befestigt wurden und haben eine ornamentale Rahmung in der jeweiligen Farbe des Bildes in Grau bzw. Ocker. Die Rahmungen zeigen Schweifwerk, Ranken und Voluten. Hinzu kommen vereinzelt Fruchtbündel, Grotesken sowie ein oder zwei bekrönende Puttenköpfe, die jedoch nicht mehr überall erhalten sind. Unter den Bildern mitsamt der Rahmung finden sich gemalte Sockel, auf denen die Malerei quasi ruht. Im oberen Sockelabschluss befindet sich eine Schriftleiste mit einem lateinischen Distichon, bestehend aus Hexameter und Pentameter, die die jeweils dargestellte Szene bestimmen. Insgesamt wird ein bildhauerischer Rahmen imitiert.[7]
Bestand, Technik und Restaurierungen
Die Malereien sind monochrom in Grisaille oder Ocker ausgeführt. Dabei nimmt jede Wand ein grau- und ein ockerfarbenes Bild auf. Zum Fenster sind an Ost- und Westwand die ockerfarbenen Gemälde zu sehen, an der dunkleren Südseite die grauen. An der Südwand selbst ist das östliche Wandbild grau und das westliche in Ocker gemalt. Die übrigen Wandbereiche sind gegenwärtig weiß getüncht. Die Wandgemälde sind in Mischtechnik (Fresko-Secco) geschaffen. Die Figurenumrisse wurden mittels einer Schablone übertragen und die Figuren mit einer freskierten Untermalung in Grau bzw. Ocker monochrom angelegt. Die Figuren selbst sowie die umgebende Landschaft etc. sind secco auf eine Kalkgrundierung aufgetragen. Es gibt keine Nachweise für Ritzungen, Lochpausen, Gitternetze etc. Die Wand selbst wurde mit einem bis zu vier Zentimeter starken geglätteten Wandputz vorbereitet.[8]
Die Malereien sind heute weitgehend überfasst und teilweise zerstört. Zu einem unbekannten Zeitpunkt wurde an der Südseite des Raumes eine weitere Tür eingebrochen, die eines der Gemälde stark zerstörte. Der Einbau eines Wandschranks (Tresors) an der Westwand führt annähernd zum Totalverlust einer weiteren Wandmalerei. Erst Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Gemälde wieder entdeckt und freigelegt. Mitte der fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts erfolgte eine unsachgemäße Restaurierung. Im Zuge dieser Maßnahmen fertigte der Maler Joachim Hellgrewe großflächige Übermalungen und freie Ergänzungen an. Diese Maßnahmen sind ebenso wenig dokumentiert wie spätere Restaurierungen, die wohl vor allem in den 1980er Jahren stattfanden. 2014 erfolgte eine grundlegende Untersuchung und Bestimmung der Wandmalereien im Rahmen einer Masterarbeit durch Lisa Schroer an der FH Erfurt.[9]
Die sechs Malereifelder sind gegenwärtig (2016) aufgrund der Maßnahmen der 1950er Jahre weitreichend übermalt, nicht immer korrekt ergänzt und zudem von zahlreichen Schadbildern gezeichnet, die die Wahrnehmbarkeit des Kunstwerkes als solches stark beeinträchtigen. Das Original ist teilweise nur noch zu erahnen, die Farbigkeit verfälscht und die Bildaussage kann dann nur anhand der grafischen Vorlage bestimmt werden. Die Übermalungen Hellgrewes erfolgten in kühlen, gebrochenen Farben. Die Originaldarstellung ist oft bei Weitem detaillierter und hat leuchtende Farben. Die Rekonstruktionen Hellgrewes sind zudem ohne Kenntnis dieser grafischen Vorlagen erfolgt und haben die Bildinhalte partiell verändert. Ergänzungen erfolgten in freier Vermutung. Die Schriftzüge unter den Gemälden sind zum Teil schabloniert ergänzt, die umrahmenden Groteskenornamente oft rekonstruiert. Flächen, die man nicht rekonstruierte, wurden eingetönt. Im Sockelbereich ist der originale Bestand teilweise überputzt. Der ursprüngliche Raumeindruck ist aufgrund der veränderten Farbigkeit sowie dem in manchen Bereichen katastrophalen Erhaltungszustand nicht mehr erlebbar.[10]
Forschungsstand zur Wandmalerei und ihr vermutlicher Auftraggeber
Der Herkulessaal war bislang kein Gegenstand kunsthistorischer Untersuchungen. Grundlage für alle weitere Forschung ist eine Masterarbeit in Konservierung und Restaurierung von Lisa Schroer aus dem Jahre 2014.[11] Nach Schroer zeigen die sechs wandfüllenden Darstellungen Taten des Herkules aus dem Dodekathlos. Sie sind vermutlich unter Fürst Georg Ernst von Henneberg (1511-1683) im letzten Viertel des 16. Jahrhunderts entstanden. Entstehungsdatum, ausführender Künstler und Auftraggeber sind jedoch unbekannt. Da die Darstellungen aber einer erst 1563 publizierten Stichserie folgen und die Henneberger 1583 ausstarben, muss der Gemäldezyklus im ehemaligen Residenzschloss der Henneberger zwischen 1563 und 1583 entstanden sein. Die Wettiner, die die Henneberger beerbten, scheiden als Auftraggeber nach 1583 aus, da sie dem Schloss keine hohe Stellung beimaßen und es für sie keine repräsentativen Funktionen mehr erfüllte.[12] Auftraggeber war also vermutlich Graf Georg Ernst von Henneberg-Schleusingen.[12]
Der Herzkuleszyklus und seine Vorlagen
Nicht alle Taten des Dodekathlos sind im Herkulessaal dargestellt. Im nördlichen Feld an der Ostwand, die dem Eingang gegenüberliegt, ist Herkules in ockerfarbener Malerei im Kampf mit dem dreileibigen Geryon zu sehen. Im Hintergrund erkennt man den Fang des erymanthischen Ebers.[13] Im südlichen Feld der Ostwand wird Herkules in Grisaille im Kampf mit der Hydra von Lerna gezeigt.[14] Im östlichen Feld der Südwand sind geringe Reste einer Grisaillemalerei zu sehen, die Herkules und die Rosse des Diomedes zeigte. Im Bildhintergrund war ehemals Herkules im Kampf mit Cacus und die Rinder des Geryon dargestellt. Die Malerei ist aufgrund des nachträglichen Einbaus einer Tür großflächig zerstört.[15] Im westlichen Feld der Südwand wird Herkules im Kampf mit Antaeus gezeigt. Es handelt sich um keine eigentliche Tat des Dodekathlos, die Handlung findet auf dem Weg zum Garten der Hesperiden statt.[16] Es folgt das südliche Wandfeld der Westwand neben dem Eingang. Thema der Grisaillemalerei ist der Raub der Äpfel der Hesperiden durch Atlas und der Kampf des Herkules mit dem Drachen Ladon.[17] Das letzte Gemälde zeigte in Ocker Herkules bei der Bändigung des Höllenhundes Zerberus. Es ist fast komplett verloren.[18]
Alle Darstellungen folgen eng einer Kupferstichserie von Cornelis Cort aus dem Jahre 1563, der ein fast komplett verlorener zehnteiliger Gemäldezyklus von Frans Floris aus den Jahren 1554 bis 55 zugrunde liegt.[19] Dieser Zyklus schmückte eine Herkuleskammer des Kaufmanns Nicolaas Jongelinck in Antwerpen, die bereits im 16. Jahrhundert zerstört wurde und nur über die Stiche Corts bildlich überliefert ist. Die Schleusinger Szenen insgesamt, ihr Aufbau, das Personal sowie narrative Details und Bildunterschriften folgen den Kupferstichen. Diese haben jedoch ein leichtes Querformat, während die Wandgemälde leicht hochformatig sind. In einzelnen Details sind gegenüber den Kupferstichen auch Vereinfachungen auszumachen, was u.a. in der anderen Technik begründet ist. Vor allem im Hintergrund sind die Wandmalereien plakativer und großflächiger gehalten als die Stichvorlagen.
Bedeutung des Schleusinger Herkuleszyklus
Die Thematik des Herkulessaals ist für ein Residenzschloss Ende des 16. Jahrhunderts als zeittypisch anzusehen. Nach italienischem Vorbild entstanden in ganz Europa Herkulessäle. Und nachdem Herkules um 1500 von den Landesherren zur Selbstdarstellung entdeckt worden war, blieb der Heros ein beliebtes Thema zur Ausstattung landesherrlicher Schlösser.[20] Es lassen sich zahlreiche Beispiele finden, und zwar nicht nur in der Wand- und Deckenmalerei, sondern auch im Relief oder Bildteppich. Sie müssen hier nicht im Einzelnen beschrieben werden.[21] Genannt seien zwei Bauten der Bayerischen Wittelsbacher. Dieselben Vorlagen, die für den Herkulessaal von Schloss Bertholdsburg genutzt wurden, dienten auch als Vorlage für eine Serie von 13 Bildteppichen, die Herzog Albrecht V. von Bayern 1565 für den Hauptsaal seines Schlosses in Dachau erwarb.[22] Sie waren ähnlich wie Grisaillen gestaltet und könnten tatsächlich Vorbild für Schleusingen gewesen sein. Die Teppiche waren spätestens 1638 in der Münchner Residenz nachweisbar. Hier gab es einen weiteren Saal mit Herkulesdarstellungen. Es handelte sich um den sogenannten Herkulessaal, mit dem sich der Bayerische Herzog bzw. Kurfürst Maximilian I. in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts einen ungemein größeren und repräsentativeren Raum als jenen in Schleusingen schuf. Die Präsentation der Taten des Herkules ist im Zusammenhang mit der 1623 erfolgten Erhebung in den Kurfürstenstand zu sehen. Der Saal selbst ging auf das 16. Jahrhundert und seine Gestaltung unter Herzog Albrecht V. zurück. Er hat sich ebenso wenig erhalten wie die Herkulesdarstellungen, jedoch gibt eine grafische Ansicht zusammen mit Beschreibungen eine Vorstellung des Bildprogramms. Die Wände bedeckten zu zwei Dritteln Bildteppiche mit Darstellungen der Taten des Herkules, die 1608 in Antwerpen erworben worden waren.[23]
Im Kontext der Landesherrschaft ist der Herkuleszyklus im ehemaligen Residenzschloss Schleusingen unter dem Gesichtspunkt der Herrschertugend zu interpretieren.[24] Da die ursprüngliche Funktion des Herkulessaals unbekannt ist, zugleich aber ausgeschlossen werden kann, dass es sich um den Bestandteil eines landesherrlichen Gemachs handelte, ist eine konkrete Interpretation unmöglich. Prinzipiell ist Herkules in der Frühen Neuzeit als Tugendheld zu verstehen. Seine Ambivalenz, die ihn dazu verleitet, Frau und Kinder umzubringen, steht nicht im Fokus. Dabei sind gerade die Taten des Dodekatlos eine auferlegte Sühne, die Herkules für den Mord an seiner Frau und ihren gemeinsamen Kindern im Dienst des Königs Eurystheus leisten muss. Vielmehr wird in Herkules der Sohn Jupiters gesehen, der von der Gemahlin Jupiters – Juno – verfolgt wurde. Herkules entschied sich für ein Leben in Tugend und nicht für einen bequemen Lebensweg. Im Dienst der Menschheit vollbrachte er selbstlos zahlreiche Taten und war zivilisatorisch tätig. Er überwand seine Affekte und Laster. Zuletzt wurde seine Leistung anerkannt und er fand vergöttlicht Aufnahme in den Olymp. So wurde Herkules zur Summe aller Tugenden. Auch war er ein großer Krieger. Diese Eigenschaften nahmen auch Landesherren für sich in Anspruch. Ein tugendhaftes Leben im Dienst der Menschheit vermeinte auch ein Landesherr zu führen. Der ethische Aspekt stand im Vordergrund.
Warum der Schleusinger Herkuleszyklus konkret geschaffen wurde, ist unbekannt. Da wir weder die historische Raumfunktion, noch den Auftraggeber und Künstler kennen, ist eine Einordnung in die konkreten Umstände der Beauftragung und Nutzung unmöglich. In der Zeit zwischen 1563 und 1583, in der die Gemälde geschaffen wurden, war der Henneberger Hof hochverschuldet. Die fürstliche Hofhaltung ruinierte die gefürsteten Grafen und führte Mitte der fünfziger Jahre nahezu zum Bankrott.[25] Da der letzte Henneberger Graf keine erbberechtigten Nachkommen hatte, erfolgte 1554 im Vertrag von Kahla eine Übernahme der Schulden durch die Wettiner und damit verbunden ihre Anwartschaft auf die Grafschaft. Der Gemäldezyklus entstand also zu einer Zeit, als der Bauherr wusste, dass er keine Erben haben und seine Herrschaft an die Wettiner fallen würde. Ob in diesem Zusammenhang in Gemächern, die eventuell für Gäste zur Verfügung stehen sollten, bewusst auf einen Tugendhelden angespielt werden sollte, ist bloße Spekulation. Da nicht die Vergöttlichung des Herkules gezeigt wird, kann man nicht davon ausgehen, dass die Henneberger mit dem Zyklus um Anerkennung nachsuchten, etwa die ihres Fürstenranges durch andere Fürsten des Reiches.
Herkules im Kampf mit Geryon
An der Fensterseite der Ostwand des Herkulessaals zeigt eine Wandmalerei in Ockertönen, die den Kampf des Herkules mit dem dreileibigen Geryon zum Inhalt hat. Die Tat ist Bestandteil des Dodekathlos. Im Bildhintergrund erkennt man eine weitere Erzählung aus dem Dodekathlos: Den Fang des erymanthischen Ebers durch Herkules.[13] Die Darstellung orientiert sich an einem Kupferstich von Cornelis Cort aus dem Jahre 1563.[26]
Herkules erhielt von König Eurystheus den Auftrag, die Stierherde des Geryon zu rauben. Dieser besaß drei an den Hüften zusammengewachsene Leiber. Seine Herde wurde vom Hirten Eurytion und dem zweiköpfigen Hund Orthos bewacht. Herkules erschlug Orthos und Eurytion und führte die Herde hinweg. Als Geryon davon berichtet wurde, stellte er Herkules zum Kampf und unterlag. Herkules tötete ihn mit einem Pfeil. Sogar Juno, die Geryon unterstützen wollte, wurde von Herkules verwundet und in die Flucht geschlagen.
Der erymanthische Eber war der Jagdgöttin Diana geweiht und durfte daher nicht getötet werden, wollte Herkules nicht den tödlichen Zorn der Göttin auf sich ziehen. Herkules fing ihn im Auftrag von König Eurystheus lebendig ein, indem er ihn aus dem Wald in ein Schneefeld jagte, wo das Tier ermattete. Anschließend brachte er ihn lebend nach Mykene zum König.
Das Wandbild[27] folgt in seinen zweiteiligen Aufbau diesen beiden Erzählungen. Im Bildvordergrund in der linken Bildhälfte findet der Kampf zwischen Herkules und Geryon statt. Er ist das Hauptthema der Darstellung und wird großformatig gezeigt. In der Mitte des Gemäldes ist Geryon gezeigt, der vor den Keulenschlägen des nackten Herkules zurückweicht, denn entgegen der Erzählung benutzt Herkules nicht Pfeil und Bogen. Auch scheint er Unterstützung zu erhalten, denn zwei weitere Männer greifen in das Kampfgeschehen ein. Einer ist Herkules zum Verwechseln ähnlich, der andere aber ist bekleidet und schwingt drohend einen Tonkrug. Auch die Gestalt des Geryon weicht von literarischen Vorlagen ab, hat er doch nicht drei Leiber, sondern lediglich drei Köpfe. Zu Füßen der Kämpfenden liegt der sterbende Orthos.
Rechts im Bildmittelgrund erblickt man eine Landschaft und im Bildhintergrund einer Stadt an einem Fluss vor einem Gebirge. Hier sieht man Herkules gleich zweimal mit dem Eber. Der Beginn der Jagd findet im Bildmittelgrund statt, wo Herkules den Eber mit seiner Keule bedroht. Weiter in der Ferne sieht man, wie er das erschöpfte Tier auf seinen Schultern zur Stadt trägt.
Im oberen Abschluss eines gemalten Sockels unter dem Bild befindet sich eine Schriftleiste mit erklärendem Text, der vom Kupferstich übernommen wurde.[28] Er lautet: „Sternitur Arcas aper procul armento que opulento caeditur abducto Geryon ore Triplex“.
Große Teile der originalen Malerei sind verloren oder liegen unter Übermalungen, Tünchen oder Putzergänzungen. 2014 hat Lisa Schroer hier im Rahmen einer Masterarbeit eine Probeachse über Herkules von oben bis unten angelegt. Die Überputzung am Sockel wurde entfernt sowie die Übermalung von 1954. Kleine Fehstellen schloss sie als Totalretusche in Aquarell, im szenischen Bereich in Trattegio-Technik in Aquarell. Die originale leuchtende Farbigkeit ist hier wieder zu sehen, ebenso die feinere Linienführung. Auch ist der Kopf Orthos wieder als solcher zu erkennen.[29]
Herkules und Hydra von Lerna
An der Südseite der Ostwand des Herkulessaals von Schloss Bertholdsburg in Schleusingen zeigt eine Wandmalerei in Grisailletechnik den Kampf des Herkules mit der Hydra.[30]
Herkules erhielt von König Eurystheus den Auftrag, die Hydra von Lerna zu töten. Diese neunköpfige Schlange galt als unbezwingbar, da ihr bei jedem Versuch, einen ihrer Köpfe abzuschlagen, zwei neue nachwuchsen. Ihr mittlerer Kopf war zudem unsterblich. Daher hatte Herkules auch anfänglich Schwierigkeiten, das Untier zu besiegen, als er mit seiner Keule auf die Köpfe einschlug. Erst, als er seinen Neffen Iolaos die abgeschlagenen Hälse sofort mir einer Fackel ausbrennen ließ, woraufhin keine neuen Köpfe mehr nachwachsen konnten, konnte er die Hydra bezwingen und zuletzt ihren Rumpf spalten. Die Göttin Juno versuchte die Hydra gegen Herkules zu unterstützen und schickte den Riesenkrebs Karkinos. Dieser griff Herkules am Fuß an, der den Krebs jedoch einfach zerquetschte.
Das Wandbild[31] folgt in seinem zweiteiligen Aufbau diesen beiden Erzählungen. Im Bildvordergrund in der linken Bildhälfte findet der Kampf zwischen Herkules und der Hydra statt. Er ist das Hauptthema der Darstellung und wird großformatig gezeigt. Herkules steht hoch aufgerichtet rechts der Mittelachse und holt mit der Keule zu einem gewaltigen Schlag gegen die Hydra aus. Er ist mit seinem Löwenfell bekleidet Das Untier befindet sich links und schlängelt ihre Köpfe drohend gegen den Heroen. Links hinter ihr gewahrte man ehemals Iolaos mit einer brennenden Fackel, wie er gerade einen ihrer Hälse ausbrennt. Diese Bereiche sind verloren – teilweise wurde dort der Putz ergänzt.
Vom ehemals vorhandenen kleinteiligen Bildhintergrund ist kaum etwas erhalten. So ist eine ehemalige Stadtansicht nahezu vollständig verloren. Man erkennt lediglich einen Brückenbogen sowie den Teil einer Stadtmauer mit Turm. Mit seinem linken Fuß zertritt Herkules den Riesenkrebs. Zahlreiche weitere Krustentiere, die sich von der Stadt her näherten, sind heute nicht mehr auszumachen. Die Plastizität der Figuren ist zurückhaltend, die Anatomie des Herkules nicht ganz korrekt. Die Konturen der Figuren sind betont. Dieser gegenwärtige Zustand entspricht jedoch nicht der ursprünglichen Fassung, sondern ist Ergebnis von Übermalungen und Restaurierungen.
Im oberen Abschluss des gemalten Sockels unter dem Bild befindet sich eine Schriftleiste mit erläuterndem Text, der von der grafischen Vorlage übernommen wurde:[28] „Indefessa gerens redivivis colla colubris argolis ad lernae tunditur hydra vadum“.
Herkules und die Rosse des Diomedes
An der linken Seite der Südwand des Herkulessaals von Schloss Bertholdsburg sind Reste eine Wandmalerei in Grisaillemalerei erhalten, die zeigte, wie Herkules Diomedes seinen Rossen zum Fraß vorwirft sowie Cacus, der Rinder in seine Höhle entführt.[15]
König Eurystheus befahl Herkules die Zähmung der menschenfressenden Rosse des Diomedes, um sie anschließend zu ihm zu bringen. Herkules erschlug Diomedes und warf ihn seinen Pferden zum Fraß vor. Nachdem sie ihren ehemaligen Herren gefressen hatten, konnte Herakles sie hinwegführen.
Cacus wurde von Herkules erschlagen, weil er einige der Rinder geraubt hatte, die Herkules Geryon gestohlen hatte. Cacus lebte in einer Höhle. Als Herkules mit der Rinderherde eine Rast einlegte, nutzte Cacus dies, um einige Rinder zu entwenden. Er zog sie rückwärts in seine Höhle. Als Herkules den Verlust bemerkte, konnte er die Rinder nicht finden, da keine Spur fortführte. Er wollte die Gegend bereits verlassen, als seine Herde nach den zurückgebliebenen Mitgliedern rief und diese antworteten. Nun eilte Herkules zur Höhle und tötete den Cacus im Kampf.
Das Wandbild[32] folgte in seinen zweiteiligen Aufbau diesen beiden Erzählungen, ist aber heute durch den nachträglichen Einbau einer Tür weitgehend zerstört. Im Bildvordergrund in der linken Bildhälfte sah man Herkules, der den Rossen den toten Diomedes zum Fraß vorgeworfen hatte. Herkules steht in der Bildmitte und blickte auf den toten Diomedes. Dort, wo heute die Tür ist, lag dieser zu seinen Füßen. Von links kamen zwei Rosse in das Bild, die sich zu Diomedes herunterbeugten – eines begann gerade, seinen Arm anzufressen. Im Bildhintergrund links über den Pferden sah man, wie Cacus ein Rind rückwärts von der Weide zog, während Herkules am Waldrand rechts der Weide schlief. Nur ein Rinderkopf ist noch zu sehen. Im Bildhintergrund rechts zog Cacus ein Rind rückwärts am Schwanz in seine Höhle. Am Bildrand näherte sich Herkules mit erhobener Keule, den Dieb zu erschlagen. Zu sehen sind heute nur das Rind und die kopflosen Köper von Cacus und Herkules. Links im Bildhintergrund sah man die weidende Rinderherde.
Im oberen Abschluss des Sockels unter dem Bild befindet sich eine Schriftleiste, die ehemals einen erklärenden Text aufnahm, der vom Kupferstich übernommen worden war:[28] „Raptore truncat cacon ipsum que tyranum hospitibus pastis dat diomeden equis.“
Die Plastizität der Figuren ist zurückhaltend, die Anatomie nicht ganz korrekt. Die Konturen der Figuren sind betont. Dieser gegenwärtige Zustand entspricht jedoch nicht der ursprünglichen Fassung. Weite Bereiche der Malerei sind seit 1954 zudem unter einer Restaurierung von Joachim Hellgrewe verborgen, die in Unkenntnis der Stichvorlagen in freier Vermutung rekonstruierte. So wurde aus einem der Pferderücken eine Hügellandschaft. Links neben der Tür hat Hellgrewe seine sonst nicht dokumentierte Arbeit mit einem Schriftzug bezeugt: „Renovatum A.D. 1954 Joachim Hellgrewe Berlin- Langensalza“.[33]
Herkules im Kampf mit Antaeus
An der rechten Seite der Südwand des Herkulessaals von Schloss Bertholdsburg zeigt in ockerfarbener Wandmalerei den Kampf des Herkules mit dem Riesen Antaeus. Diese Erzählung ist im Vergleich zu den anderen Szenen im Raum nicht Bestandteil des Dodekathlos.[16]
Der dargestellte Kampf erfolgte auf dem Weg des Herkules zum Garten der Hesperiden. Antaeus war ein Riese und Sohn der Gaia sowie des Neptun. Er zwang allen vorbeikommenden Reisenden einen Kampf auf, den er stets gewann. Kaum berührt er die Erde, erhielt er nämlich von seiner Mutter (Gaia = Erde) neue Kraft. Erst als Herkules dies erkannte, konnte er gewinnen: Er hielt Antaeus in die Luft, bis diesem die Kräfte ausgingen, da er keinen Kontakt mehr zur Erde hatte und erwürgte ihn.
Das Wandbild[34] zeigt in der Mitte den mit seinem Löwenfell bekleideten Herkules, wie er Antaeus in der Luft hält. Dieser wird bereits schwächer und vermag sich nicht mehr zu befreien. Links ragt ein Baum in das Bild. An ihn ist eine alte Frau – ermattet am Boden zu Füßen des Kämpfenden liegend – gelehnt. Vermutlich handelt es sich um Gaia, die Herkules mit seinem rechten Fuß von Antaeus fortdrückt. Im Bildhintergrund fällt der Blick auf eine hügelige Landschaft mit Vieh auf einer Weide sowie rechts einem Fluss mit Brücke sowie Bergen im Hintergrund. Das obere Bilddrittel zeigt den Himmel.
Im gemalten Sockel steht eine erklärende lateinische Inschrift, die der grafischen Vorlage folgt:[35] „Deficit hix pugnax Antaeus in aere victus nullaque sublato terra ferebat opem.“
Herkules tötet Ladon
Das Gemälde im südlichen Wandfeld der Westwand im Herkulessaal zeigt Herkules im Kampf mit dem niemals schlafenden Drachen Ladon vor dem Garten der Hesperiden, während Atlas (oder Herkules selbst) im Garten die goldenen Äpfel der Hesperiden pflückt.[17]
Als König Eurystheus von Herkules verlangte, ihm drei der goldenen Äpfel aus dem Garten der Hesperiden zu holen, verlangte er eigentlich etwas Unmögliches. Nur ein Gott konnte nämlich die Äpfel pflücken. Daher bewog Herkules den Atlas (den Vater der Hesperiden) durch eine List, ihm die Äpfel zu pflücken. Der Baum mit den goldenen Äpfeln war ein Geschenk gewesen, das Gaia der Juno zur Hochzeit mit Jupiter wachsen ließ. Die Äpfel verliehen ewige Jugend und der Baum wurde von den Hesperiden in ihrem Garten verwahrt, wo sie auch wohnten. Zusätzlich hatte Juno vor den Garten den mehrköpfigen Drachen Ladon zur Wache bestellt. Atlas raubte die Äpfel und Herkules erschlug Ladon.
Das Wandbild[27] folgt in seinen zweiteiligen Aufbau diesen beiden Erzählungen. Im Bildvordergrund, vor dem Gartentor, bekämpft Herkules Ladon. Er steht links der Bildmitte und wendet dem Betrachter seinen Rücken zu. Mit seiner Keule holt er weit aus, um den Drachen, der die rechte Bildhälfte einnimmt, zu erschlagen. Seinen rechten Fuß hat er auf den Schwanz des Drachen gestellt, der seinerseits mit seinem rechten Hinterlauf versuchte, das Bein des Herkules fortzudrücken. Im Bildhintergrund links kann man in den Garten der Hesperiden blicken. In seiner Mitte wächst ein Baum, von dem Atals gerade die Äpfel pflückt.
Unter dem Bild befindet sich ein erläuternder Schriftzug, der vom Kupferstich übernommen wurde:[28] „Trucidatum Hesperides etiam flevere draconam rapta quod ex hortis aurea poma forent.“ Im Gegensatz zu den anderen Wandmalereien im Herkulessaal hat sich dieses Gemälde relativ gut erhalten. Nur kleine Bereiche wurden 1954 bei der Restaurierung Joachim Hellgrewes farblich behandelt. Das Original ist großflächig zu sehen.[33]
Herkules bändigt Zerberus
Das Gemälde an der Fensterseite der Westwand im Herkulessaal ist fast komplett verloren bzw. überdeckt. Ehemals zeigte es in Ockerfarben die Bändigung des Höllenhundes Zerberus durch Herkules sowie vermutlich die Befreiung des Theseus und der Alkestis aus der Unterwelt.[18]
Die Aufgabe des Königs Eurystheus, den Zerberus zu ihm zu bringen, konnte Herkules nur lösen, da Pluto ihm erlaubte, den Zerberus zeitweise aus der Unterwelt zu entfernen, wenn es ihm gelänge, ihn ohne Waffen zu bezwingen. Herkules rang den Hund nieder, fesselte ihn, brachte ihn zu Eurystheus und anschließend wieder zurück. Alkestis, die sich unschuldig für ihren Gatten Admetos geopfert hatte, wurde von Herkules befreit und Admetos zurückgebracht.
Das gesamte Bild ist durch den Einbau eines Wandschranks in seiner Mitte stark zerstört. Auch die übrigen Bereiche sind weitgehend vernichtet oder mit einer Kalktünche überdecket. Einzelne Sichtfenster zeigen Teile der Rahmung des Hauptbildes und damit einen erläuternden Text auf einem gemalten Sockel unter dem Gemälde. Aufgrund dieses Texte lässt sich anhand der grafischen Vorlage für die Wandmalerei das ehemalige Bildthema bestimmen: Die Bändigung des Zerberus. Gemäß der Grafik war in der Mitte Herkules zu sehen, der den bereits in Ketten gelegten Zerberus von rechts in das Bild zog. Ein Teil der Mähne des Zerberus mit der Kette des Herkules ist rechts unten im ehemaligen Bildvordergrund freigelegt. Im Bildhintergrund sah man, wie zwei Menschen die Unterwelt verlassen.
Unter dem Bild befand sich ein erklärender Text, der in Resten erhalten ist und der Kupferstichvorlage entnommen ist:[28] „Fata Pheraecladae miserans uxore redemeta abstulit Alcesten cerbere saeve tibi.“
Im Gegensatz zu den anderen Gemälden im Herkulessaal ist diese Wandmalerei 1954 nicht freigelegt, rekonstruiert oder übermalt worden, sondern blieb unter der vorhandenen Kalktünche. Der großformatige Verlust an Malerei aufgrund des in die Wandmitte eingebauten Tresors ist vermutlich dafür verantwortlich. Freilegungsfenster aus späterer Zeit zeigen die leuchtende Farbigkeit des Originals.[36]
Raum im Südflügel mit Malereiresten
Im ersten Obergeschoss des Südflügels von Schloss Bertholdsburg befanden sich in der Frühen Neuzeit die landesherrlichen Gemächer. Zu diesen gehörte auch ein Raum mit geringen Resten einer Wandmalerei aus dem 17. oder 18. Jahrhundert. In einer Nische an der Nordwand erkennt man über einem grauen Sockel bis 1,20 Meter Höhe mit weißen Spiegeln gegenständliche Malerei. Ein Architekturrahmen umschließt eine Baumlandschaft. Zwei seitliche, ebenfalls gemalte Pfeiler mit Kapitellen tragen einen gemalten volutenartigen Bogen, der den Rahmen überspannt. Über dem Bogen sind die Umrisse von zwei Tieren auszumachen, die wohl aufeinander zuspringen. Es könnte sich um Hunde handeln. Unter der Malerei befinden sich zwei ältere polychrome Wandfassungen, über deren Gestaltung keine Erkenntnisse vorliegen. Von einer möglichen ehemaligen Deckenmalerei ist nichts bekannt, da die gesamte Decke im 20. Jahrhundert erneuert wurde.[37]
Bibliographie
- Literatur:
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- Berger, Herkules, 2010. – Berger, Joachim: Herkules – Held zwischen Tugend und Hybris. Ein europäischer Erinnerungsort der Frühen Neuzeit. In: Dingel, Irene/Schnettger, Matthias (Hrsg.): Auf dem Weg nach Europa. Deutungen, Visionen, Wirklichkeiten (Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz. Abteilung für Abendländische Religionsgeschichte. Abteilung Universalgeschichte. Beiheft 82). Göttingen 2010, S. 79-106.
- Bergner, Ziegenrück und Schleusingen, 1901. – Bergner, Heinrich: Bau- und Kunstdenkmäler des Kreises Schleusingen (Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler der Kreise Ziegenrück und Schleusingen). Halle a.d.S. 1901.
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- Irle, Herkules, 1997. – Irle, Klaus: Herkules im Spiegel der Herrscher. In: Lukatis, Christiane/Ottomeyer, Hans (Hrsg.): Herkules. Tugendheld und Herrscherideal. Das Herkules-Monument in Kassel-Wilhelmshöhe. Kassel/Eurasburg 1997, S. 61-77.
- Langenbrinck, drei Jahrhunderte, 1996. – Langenbrinck, Max: Über drei Jahrhunderte Residenz der Henneberger...Zur Baugegeschichte der Bertholdsburg in Schleusingen. In: Schneider, Hannelore (Red.): Wissenschaftliche Festschrift zum Jubiläum “900 Jahre Henneberger Land 1096-1996” (Jahrbuch 1996 des Hennebergisch-Fränkischen Geschichtsvereins). Meiningen u.a. 1996, S. 169-192.
- Laß, Bertholdsburg, 2007. – Laß, Heiko: Schloss Bertholdsburg in Schleusingen. In: Paulus, Helmut-Eberhard (Hrsg.): Höfische Kostbarkeiten in Thüringen. Historische Anlagen der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten (Große Kunstführer der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten, 3). Regensburg 2007, S. 184-189.
- Laß, Fürsten, 2016. – Laß, Heiko: Fürsten und ihre Residenzen in Thüringen (Große Kunstführer der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten, 5). Regensburg 2016.
- Patze/Aufgebauer, Thüringen, 1989. – Patze, Hans/Aufgebauer, Peter: Thüringen (Handbuch der historischen Stätten Deutschlands, 9). Stuttgart 1989.
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- Schroer, Herkulessaal, 2014. – Schroer, Lisa: Die Renaissance-Malereien des Herkulessaals im Schloss Bertholdsburg zu Schleusingen (Südthüringen) - Bestands- und Zustandserfassung sowie Erstellung einer Maßnahmenkonzeption zur Konservierung und Restaurierung mit exemplarischer Umsetzung an einer Referenzfläche. Master Thesis an der FH Erfurt, FR Konservierung und Restaurierung. 2014.
- Van de Velde, Frans Floris, 1975. – Van de Velde, Carl: Frans Floris (1519/20-1570). Leven en Werken (Verhandlingen van de Koninklijke Academie voor Wetenschappen, Letteren en schone Kunsten van Belgie. Klasse der schonen Kunsten. Jahrgang XXXVII, Nr. 30). 2 Bde. Brüssel 1975.
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- Wimböck, Wartenberg, 2007. – Wimböck, Gabriele: Vorbild, Abbild, Herrscherbild. Franz Wilhelm von Wartenberg und die Wittelsbacherresidenz in München. In: Tauss, Susanne (Hrsg.): Der Rittersaal der Iburg. Zur fürstbischöflichen Residenz Franz Wilhelms von Wartenberg. Göttingen 2007, S. 229-248.
- Zahlten, Hercules, 1981. – Zahlten, Joachim: Hercules Wirttembergicus. Überlegungen zur barocken Herrscherikonographie. In: Jahrbuch der staatlichen Kunstsammlungen Baden-Württemberg 18 (1981), S. 7-46.
- Archivalien:
- Metzner, Gydha: Dokumentation zur Untersuchung der historischen Raumfassungen und Putze. 1997, S. 17-19. In: Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Bau- und Kunstdenkmalpflege, Schleusingen, Schloss Bertholdsburg [69.104-0025].
Einzelnachweise
- ↑ Zur Bertholdsburg vgl. Bergner, Ziegenrück und Schleusingen, 1901, 201-205; Langenbrink, drei Jahrhunderte, 1996; Hoffmann, Bertholdsburg, 1998; Czech, Legitimation, 2003, S. 74-75; Laß, Bertholdsburg, 2007.
- ↑ Patze/Aufgebauer, Thüringen, 1989, S. 382-385, Dehio, Thüringen, 1998, S. 1084-1085.
- ↑ Ich folge weitgehend Laß, Fürsten, 2016, S. 102-104.
- ↑ Schroer, Herkulessaal, 2014. Vgl. auch: Gydha Metzner: Dokumentation zur Untersuchung der historischen Raumfassungen und Putze. 1997, S. 17-19. In: Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Bau- und Kunstdenkmalpflege, Schleusingen, Schloss Bertholdsburg [69.104-0025].
- ↑ 5,0 5,1 Schroer, Herkulessaal, 2014, S. 10-11.
- ↑ Schroer, Herkulessaal, 2014, S. 9-31, 210-211.
- ↑ Bergner, Ziegenrück und Schleusingen, 1901, S.204; Schroer, Herkulessaal, 2014, S. 12.
- ↑ Schroer, Herkulessaal, 2014, S. 36, 37, 38, 40, 67-68. Anhang III, vor allem S. 127-129.
- ↑ Schroer, Herkulessaal, 2014, S. 10-11, 29-31.
- ↑ Schroer, Herkulessaal, 2014, S. 30-31, 43-44, 67-68. Anhang III, vor allem S. 127-129.
- ↑ Schroer, Herkulessaal, 2014.
- ↑ 12,0 12,1 Schroer, Herkulessaal, 2014, S. 29-30.
- ↑ 13,0 13,1 Schroer, Herkulessaal, 2014, S. 20-21.
- ↑ Schroer, Herkulessaal, 2014, S. 15.
- ↑ 15,0 15,1 Schroer, Herkulessaal, 2014, S. 16.
- ↑ 16,0 16,1 Schroer, Herkulessaal, 2014, S. 17.
- ↑ 17,0 17,1 Schroer, Herkulessaal, 2014, S. 18.
- ↑ 18,0 18,1 Schroer, Herkulessaal, 2014, S. 19.
- ↑ Schroer, Herkulessaal, 2014, S. 24-26. Vgl. Van de Velde, Frans Floris, 1975, S. 218-227, 407. Cort hatte allerdings den Zyklus gar nicht selbst gesehen, sondern sich an Zeichnungen von Simon Jansz. Kies orientiert.
- ↑ Schmidt, Herakles, 2008, S. 296; Berger, Herkules, 2010, S. 89-90.
- ↑ Vgl. etwa Zahlten, Hercules, 1981; Bulst, Italienische Saal, 1975.
- ↑ Becker, Ausstattungsprogramm, 1982, S. 396-397; Schmid/Götz, Dachau, 1979.
- ↑ Wimböck, Wartenberg, 2007, S. 237; Volk-Knüttel, Residenz, 1967, 197; Hager, Herkulesfolge, 1960.
- ↑ Zahlten, Hercules, 1981, S. 18, 20; Irle, Herkules, 1997, S. 61; Schmidt, Herakles, 2008, S. 295-316; Berger, Herkules, 2010.
- ↑ Ausfeld, Hof- und Haushaltung, 1901.
- ↑ Schroer, Herkulessaal, 2014, S. 24-26; Van de Velde, Frans Floris, 1975, S. 218-227, 407.
- ↑ 27,0 27,1 Schroer, Herkulessaal, 2014, S. 13, 17-18, 20-21.
- ↑ 28,0 28,1 28,2 28,3 28,4 Bergner, Ziegenrück und Schleusingen, 1901, S. 204; Schroer, Herkulessaal, 2014, S. 12.
- ↑ Schroer, Herkulessaal, 2014, S. 62-66.
- ↑ Schroer, Herkulessaal, 2014, S. 13, 15.
- ↑ Schroer, Herkulessaal, 2014, S. 13, 15, 20-21.
- ↑ Schroer, Herkulessaal, 2014, S. 13, 16.
- ↑ 33,0 33,1 Schroer, Herkulessaal, 2014, S. 30, 42-43.
- ↑ Schroer, Herkulessaal, 2014, S. 13, 17-18.
- ↑ Bergner, Ziegenrück und Schleusingen, 1901, S. 204; Schroer, Herkulessaal, 2014, S. 12, 17.
- ↑ Schroer, Herkulessaal, 2014, S. 30, 42.
- ↑ Gydha Metzner: Dokumentation zur Untersuchung der historischen Raumfassungen und Putze. 1997, S. 17-19. In: Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Bau- und Kunstdenkmalpflege, Schleusingen, Schloss Bertholdsburg [69.104-0025].