Reichertsheim, Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt
REICHERTSHEIM
Pfarrkirche (Pfarrverband Kirchdorf bei Haag), Gemeinde Reichertsheim, Erzdiözese München und Freising; z. Z. der Ausmalung war die Pfarrei dem Augustiner-Chorherrnstift Au am Inn inkorporiert, Erzbistum Salzburg. Salzburgisches Vogtgericht Mühldorf, Gericht Neumarkt.
Patrozinium: Mariä Himmelfahrt
Zum Bauwerk: Der spätgotische Bau wurde 1718 durch Urban Steinmayr von Ramering verändert: Ausbrechen von drei Fenstern und Aufführen von drei großen neuen Pfeilern. Beginn der Barockisierung 1763. Die gotischen Rippen wurden abgeschlagen, der Chorbogen ausgeziert, drei weitere Fenster ausgebrochen, die obere Sakristei neuerbaut und gedeckt. Baumeister war Johann Georg Hechel von Neumarkt, Zimmermeister Andreas Closner. Als Faßmaler arbeitete Franz Matthias Dax aus Ampfing. Der reiche und phantasievolle Stuck kann Johann Philipp Wagner aus Kraiburg zugeschrieben werden, der in den folgenden Jahren auch die Kirchen von Rattenkirchen, Riedbach, Thambach und Hofgiebing stuckiert hat. 1789/92 erhielt die Kirche eine neue Ausstattung durch Johann Philipp Wagner und seinen Bruder Johann Michael Wagner aus Vilsbiburg: Hochaltar, Überarbeitung der Seitenaltäre (Altarblätter 1795/96 von Johann Nepomuk della Croce aus Burghausen) und Kanzel.
Saalbau (13,55×7,75 m) zu drei Jochen, gleich breiter AR (8,45 × 7,75 m) zu zwei Jochen, dreiseitig geschlossen. Gliederung durch geschweifte Pilaster mit Rocaillekapitellen. Belichtung durch Fenster in den beiden östlichen Jochen des LH und des Chors, ein Oculusfenster hinter dem Altar. Empore im Westen.
Auftraggeber: Franz III. Berchtold, Propst von Au am Inn (1761–85), dessen Wappen sich zusammen mit dem Stiftswappen über der Sakristeitür befindet (zwei steigende Löwen zuseiten des Schrägbalkens, mit der Inschrift VIGILANTE LEONE). Pfarrvikar war P. Albert Penner, Konventuale von Au (1763–68), der als Bausachverständiger vom Stift für die Barockisierungen der Kirchen eingesetzt wurde (s. S. 222).
Autor und Entstehungszeit: Zuschreibung an Balthasar Mang (* 1720 Arget † 1803 Buchbach) 1764.
Balthasar Mang war seit 1754 Bürger und Maler in Buchbach. Zwischen 1765 und 1768 freskierte er die benachbarten Kirchen in Rattenkirchen, Buchbach, Oberornau und Wörth. Stilistisch zeigen die Gemälde eindeutig die Handschrift Mangs, Maria und die Apostel in Fresko A sind seine Figurentypen.
Befund
Träger der Deckenmalerei: AR und LHs Stichkappentonne Rahmen: A Stuckprofil, B Stuckprofil mit umlaufenden Lambrequins, an den eingezogenen Stellen des Vierpasses Putten auf Wolken
Technik: Fresko; A, B, A1-4, B1-6 polychrom, Aa-b monochrom ocker
Maße: A Höhe 8,20 m; 7,45 × 3,40 B Höhe 8,00 m: 3,80 × 2,80
Erhaltungszustand und Restaurierungen: Restaurierung des Innern 1892. Übermalung der Chorfresken 1904. Seit 1914 Erweiterungspläne des Architekten Friedrich Haindl in Gestalt zweier niedriger Seitenschiffe, nicht realisiert. 1947 Innenrestaurierung mit Neufassung der Raumschale durch Kirchenmaler Georg Gschwendtner, Karlstein. Freilegungsproben im Chor ergaben, daß von der Substanz der barocken Fresken nur noch wenig erhalten war. B1-6 zeigen jetzt überwiegend den Stil Gschwendners, der Bildgegenstand stimmt jedoch mit der Beschreibung in den KDB überein (nur Sebastian ist dort nicht erwähnt); B zeigt noch die Übermalung von 1892. Die vier Emporenbilder malte Georg Gschwendtner 1956. Bei der letzten Renovierung 1982 durch Karl Holzner, Ampfing, wurden die (nicht übermalten) LHs-Fresken von Stockflecken gereinigt und Fehlstellen retuschiert. Die Kartuschenfresken A1–4 wurden von groben Übermalungen an den Bildrändern in 10–15 cm Breite befreit. Im Chorfresko B wurden Risse im Gewölbe geschlossen und bei der Innenrestaurierung 1947 entstand durch einen Bombenabwurf Schäden im Gewölbe.
die Malschicht gefestigt. Im wesentlichen blieb die Raumfassung von 1947 erhalten.
Beschreibung und Ikonographie
Der Stuck Johann Philipp Wagners ist reich mit Lambrequins, Putten und Blumenranken, die in kleiner werdenden Monden verebben, auf dem Gewölbe verteilt. Die Vorhangdraperie am Chorbogen wird von lebensgroßen Engeln gehalten, und hier wie auch im Chor löst sich der Stuck von der Fläche und hängt freiplastisch in den Raum.
A HIMMELFAHRT MARIENS Einansichtige sehr lang gestreckte Bildanlage, bei der die Himmelsszenerie den überwiegenden Anteil hat. Die Gruppe der zwölf Apostel umgibt den leeren Sarkophag, eine Schar bewegter Gestalten in wallenden Gewändern. Links schließt eine Pyramide, rechts eine Zypresse den Schauplatz ab. Die seichte Erdrampe, auf der der Sarkophag steht, fällt nach hinten ab. In der Mittelachse fliegen Engel auf und nieder. Im westlichen Bilddrittel schwebt Maria auf Wolken, umgeben mit den Symbolen der Immaculata, Sternenkranz, Mondsichel und Lilie. Sie erscheint in einer gloriennähnlichen, von Wolken eingefaßten Himmelszone.
Die Farbkomposition ist in sehr aufgehellten Werten von Blau, Grau, Grün, Karminrot gehalten.
A1-4 EVANGELISTEN In den Kartuschen der Gewölbzwickel im LHs sind die Vier Evangelisten jeweils in Ganzfigur auf einer Wolke vor gelblichrosa eingetöntem Grund dargestellt.
A1 MATTHÄUS blickt in das vor ihm aufgeschlagene Buch. Der inspirierende Engel legt ihm eine Hand auf die Schulter.
A2 LUKAS ist als Maler dargestellt, mit Bildtafel, Stift und Palette, seitlich lagert der Stier. Der Kopf ist im Gegensatz zu den anderen Evangelisten porträthaft mit individuellen Zügen und zeitgenössischer Haartracht ausgebildet: mit großer Wahrscheinlichkeit haben wir hier ein Selbstbildnis des 44jährigen Balthasar Mang vor uns.
A3 JOHANNES hat den Blick erhoben, auf den Knien liegt eine Schriftrolle. Der Adler, sein Attribut, hält im Schnabel das Tintenfaß.
A4 MARKUS ist als Greis mit weißem Bart dargestellt, das geöffnete Buch vor sich, die Linke mit ausgestrecktem Finger zur Stirn gehoben. Neben ihm der Löwe.
Aa-b EMBLEME Zwei querovale Medaillons in der Mittelachse des LHs begleiten das Hauptfresko, das Lemma steht jeweils auf dem Schriftband am oberen Bildrand.
Aa SIC VIVERE PRAESTAT (So zu leben ist besser). Phönix, der aus dem brennenden Nest auffliegt. Eine der Hauptbedeutungen des Phönix in der Emblematik ist die Auferstehung und das neugewonnene Leben nach dem Tod, hier auf die Himmelfahrt Mariens bezogen (Abbildung S. 249 und 253).
Ab SEMPER AD ISTVM (Immer zu ihr). Sonnenblume neigt sich zur Sonne (das Bild ist von der Orgel verdeckt, keine Abb.). Dieses Emblem bedeutet die Hinwendung zu Gott, hier als Eigenschaft Mariens, auch als Allusion auf die Himmelfahrt.
B DREIFALTIGKEIT (1904) Gottvater, Christus und die Geisttaube in Wolken (Abbildung S. 249).
B1-6 HEILIGE (1947) In den Kartuschen der Stichkappen im Chor sind in Wolken Heilige dargestellt.
B1 Petrus B2 Paulus B3 Isidor B4 Notburga B5 Jakobus d.Ä. B6 Sebastian
Quellen und Literatur
StAL, Pfleggericht Neumarkt, K I-K 83 Kirchenrechnungen. BLfD, Akt Reichertsheim, Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt.
Mayer-Westermayer, Bd 2, S. 169–73.
KDB I OB (2), S. 2027.
Stadt- und Landkreis Wasserburg, Heimatbuch (Hg. Sigfrid Hofmann), Wasserburg 1962, S. 156f.
Historischer Atlas Bd 36, Mühldorf (Helmuth Stahleder), München 1976, S. 244.
788–1988, 1200 Jahre Reichertsheim, Festschrift und Chronik der Gemeinde Reichertsheim, 1989, S. 25–48.
Dehio 1990, S. 1012
C. B.