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Perchting, Pfarrkirche Mariä Heimsuchung

Aus Deckenmalerei-Lab


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 1: Die Landkreise Landsberg am Lech, Starnberg, Weilheim-Schongau. Hirmer, München 1976, ISBN 978-3-7991-5737-7, S. 338–340, geschrieben von Bauer-Wild, Anna, Böhm, Cordula, Lüdicke, Lore und Werner-Clementschitsch, Heide. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

PERCHTING

Pfarrkirche Kalvarienberg S. 341

Pfarrkirche, Diözese Augsburg; z. Z. der Ausmalung hatte Kloster Polling das Präsentationsrecht, Herrschaft Seefeld (seit 1765)

Patrozinium: Mariä Heimsuchung

Zum Bauwerk: 1768 war die zwei Jahre vorher neuerbaute Kirche völlig abgebrannt. Beginn des Wiederaufbaus um 1770 durch Balthasar Trischberger unter Pfarrer Andreas Peirlacher aus Eglfing (1730–72). Die Chronogrammkartusche am S-Rand von B: AnDreas pelrlaCher/kaMerer, elfrlger seel/sorger, vvohLthaeter hlesIgen / GotteshaVses, die irrtümlicherweise das Jahr 1661 angibt, muß später entstanden oder verändert worden sein (eine entsprechende Inschrift in der nördlichen Kartusche ergibt 1866, das Datum der Restaurierung). Die Wappen der Grafen Törring-Seefeld und des Klosters Polling am Chorbogen links und rechts der Uhr weisen auf Propst Franz Töpsl von Polling (1744–96) und Anton Clemens Graf Törring-Seefeld (* 1725 † 1812) als Auftraggeber der Kirche hin; für das Fresko kommt als Auftraggeber jedoch eher Propst Franz Töpsl in Frage, der besondere Mäzen Johann Baptist Baaders.

Längsrechteckiger Saal mit abgeschrägten östlichen Ecken eingezogener AR; im W Doppelempore

Autor und Entstehungszeit: B ist in der NO-Ecke am Boden signiert: Ioan BabtIst BaaDer LeChMVLLanVs pInXIt. (= Johann Baptist Baader aus Lechmühl, 1774)

Befund

Träger der Deckenmalerei: FHs Flachkuppel mit Stichkappen über Längsrechteck; AR Stichkappentonne Rahmen: A und B Stuckprofil, von Rocailleornamenten überspielt

Technik: Fresko; polychrom Maße: A Höhe 9,65 m; 10,00 × 8,20 B Höhe 7,95 m; 5,35 × 4,10

Martyrium des hl. Sebastian

Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1865/66, s. o. letzte Restaurierung 1960 (Inschrift innen am Chorbogen). Farbsubstanz im wesentlichen gut erhalten; in A geringfügige Risse

Beschreibung

A MARTYRIUM DES HL. SEBASTIAN Länglich Kuppelanlage mit umlaufendem irdischem Schauplatz Betrachterstandort unterhalb der Bildmitte. Untersichten und Verkürzungen besonders an den Architekturen und der zentralen Dreifaltigkeitsgruppe. Die einzelnen Szenen sind erzählend aneinandergereiht.

Eine runde Wolkenbank umzieht die Himmelsglorie, in der die Taube des Hl. Geistes sichtbar wird. Auf den Wolken thronen Gottvater mit der Weltkugel und Christus mit dem Kreuz, begleitet von Engeln und Putti. An der O-Seite, der Hauptansichtsseite, ragt die mit Stuckrocailen geschmückte Uhr weit über den Bildrand ins Freskofeld, so daß der nach der Himmelsglorie wichtigste Ort des Deckenbildes, der Platz unter der Dreifaltigkeit, frei bleibt: hier umrahmen nur Zweige und Büsche die Ornamente um die Uhr. An einen Baum seitlich von diesem Gebüsch ist Sebastian gebunden. Auf ihn schießt ein Trupp Soldaten mit Pfeil und Bogen unter dem Befehl eines Hauptmanns zu Pferd.

Rechts von der Uhr, der Marterszene entsprechend, wird Sebastian vom Baum losgebunden und von zwei Frauen gepflegt. Putti spielen mit Helm und Rüstung. In einer weiteren Szene auf der S-Seite sind ein Götzenbild und ein heidnischer Priester dargestellt. Von links kommt Sebastian mit einem Kreuz, auf ihn eilt ein Hauptmann zu und in dessen Gefolge Soldaten und Folterknechte.

Die W-Seite wird von einer großen balustradebekrönten dreijochigen Säulenhalle eingenommen, in welcher sich einige der Opfer- und Marterszene zugewandte Zuschauer befinden. Links steht ein Greis, die Hände in einer Gebärde des Entsetzens ausgestreckt; rechts weist ein Soldat eine ängstlich schauende Dame auf das Geschehen hin. - Die seitlich mit Voluten abschließende Brüstung der Loggienhalle ist als eine Art Scheinarchitektur über der Rahmenzone aufgebaut.

Die einzelnen Szenen sind durch die umgebende Landschaft und die Hintergrundsarchitekturen kompositionell zusammengeschlossen. Während bei Baader sonst oft volkstümliche Elemente in ihrer besonderen Realistik und Farbigkeit die Einheit des Deckenbildes zu sprengen drohen, finden wir hier eine malerische Gesamtstimmung als verbindendes Element der einzelnen Szenen. Diese Gesamtstimmung beruht nicht zuletzt auf den tonigen und unbun ten Farben. Dazu kommen gewisse Klassizismen, wie stimmungsvolle Weiträumigkeit der Landschaft, bildhafte Distanzierung der antikischen Architekturen und ein Verlust von zusammenhängenden Bewegungsmotiven zugunsten einer spürbaren Statuarik der Einzelfigur.

MARIÄ HEIMSÜCHUNG (Lc 1,42)

Die einansich tige Darstellung zeigt eine historische Szene ohne Himmelsglorie. Über einem schmalen Grasstreifen als Basis erhebt sich eine palastartige Architektur mit einem von Säulen getragenen Altan und einer Freitreppe. Im Hintergrund bildet eine pilastergegliederte Tormauer den Abschluß des Schauplatzes. Über die Treppe hinauf schreitet Maria, hinter ihr zwei Reisebegleiter. Sie wird von Elisabeth und Zacharias empfangen. Vom Himmel fallen Lichtstrahlen auf Maria. In den Wolken Putti und ein Engel mit einem Spruchband: Benedicta tu in mulieribus. (Lc 1,42).

Der ganze Schauplatz, Architektur und Wolken, ist in einem gleichmäßig gelbgrauen Ton gehalten; davor erscheinen als gedämpfte Buntfarben – in der Skala von Rot zu Blau – nur die Gewänder der Personen.

Ikonographie Im großen Hauptfresko ist die Martyriums-Geschichte des hl. Sebastian dargestellt (AASS, Jan. Tomus 2, 20.1., S. 265 ff.). Sebastian, ein edler Jüngling aus Mailand, ausgezeichnet durch Frömmigkeit und kriegerischen Mut, war in der Zeit der Christenverfolgung unter Diokletian und Maximian Hauptmann der Leibwache. Als er seinen christlichen Glauben öffentlich bekannte, wurde er durch Diokletian verurteilt, an einen Baum gebunden und mit Pfeilen beschossen (Szene auf der NO-Seite). Zwei Frauen und ein Mann unter einem Baum verfolgen von ferne das Geschehen: Es sind Irene, die Witwe des Martyrers Castulus, und ihre Bediensteten. – Szene in der SO-Ecke: Irene hat mit Hilfe ihrer Magd den totgeglaubten Sebastian vom Baum losgebunden, entfernt die Pfeile und pflegt ihn. – Szene auf der SW-Seite: Wie der genesen, hat Sebastian sein Versteck verlassen und macht dem Kaiser Vorwürfe wegen der Christenverfolgung – daraufhin wird er mit Knüppeln erschlagen. Eine Rotte mit Knüppeln bewaffneter Schergen zieht heran, angeführt vom Hauptmann. Sebastian tritt ihnen entgegen.

Das Fresko im Altarraum ist dem Patrozinium der Kirche gewidmet.

Golgotha

Quellen und Literatur

Braun-Augsburg, Bd 1, S. 376 f. KDB I OB (1), S. 897

Eismann, Josef, Die Rokokokirche Unserer Lieben Frau von Perchting, in: 80 Jahre Land- und Seebote, Heimatzeitung für den Landkreis Starnberg und das Vier-Seen-Gebiet 80, 1955, Nr. 78 (Jubiläumsausgabe).

Fuchs, Adolf, Johann Baptist Baader, der Lechhansl. Kaufbeuren 1959, S. 36.

Simon, Adelheid, Die Fresken des Johann Baptist Baader mit einem kritischen Katalog des Gesamtwerkes, ungedruckte Diss. München 1972.