Dreyer, Angelika:Osterzell, Schloss, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2021, URL: www.deckenmalerei.eu/48bd101c-8cc3-4586-98da-79e387b0d5f0

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Die kleine Gemeinde Osterzell mit ihren 714 Einwohnern besitzt in den baulichen Resten des ehemaligen Schlosses ein kunst- und kulturgeschichtliches Kleinod, das sowohl über reichsritterschaftliche wie auch religionspolitische Verhältnisse Auskunft gibt.

Osterzell, ehem. Schloss (Pfarrhof)
Osterzell, ehem. Schloss (Pfarrhof)

Das Bauwerk

Das historische Osterzell: die östliche Zelle von Kempten und reichsritterliche Herrschaft

„Osterzell war die ,östliche‘ Zelle des Klosters Kempten, daher der Name.“[1] Ab dem „13. Jahrhundert befand sich der Hauptanteil im Besitz der Herrschaft Kemnat.“[1] „Infolge Verschuldung verkaufte Simprecht von Benzenau auf Schloss Kemnat mit Genehmigung des Abtes Wolfgang von Kempten am 4. Oktober 1535 die Dörfer Osterzell mit dem Weiler Oberzell, Ödwang mit dem Weiler Tremmelschwang, Hirschzell und die Einöden Stocken, Salabeuren, Empisried und Hergertshofen.“[2] „Daraus bildete er die Herrschaft Osterzell.“[3]

Diese aufgeführten Besitzungen gingen für „20 150 Gulden an Jakob von Kaltental, der [...] königliche[r] Rat des berühmten römisch-deutschen Kaisers Karl V. war.“[2]

Die Herrschaft der Kaltentaler endete nach nicht einmal 200 Jahren, als der dem Prunk und Lebensgenuss[2] zugeneigte „wilde[...] Junker Jörg“[2], Georg Christoph von Kaltental, „am 21. Juli 1699 die freiadelige unmittelbare Reichsritterschaft Osterzell um 112 000 Gulden an das Augustiner- und Chorherrenstift Rottenbuch [...]“[2] verkaufte, bzw. verkaufen musste.

Auf diese Weise rückte das Kloster Rottenbuch, obwohl selbst nicht reichsunmittelbar, über diese und weitere Besitzungen in Schwaben in den Rang einer Reichsritterschaft auf. Als schwäbische Reichsritter waren sie damit Interessensvertreter im Schwäbischen Reichskreis und übten die Hochgerichtsbarkeit aus.[4]

„Bei der Säkularisation im Jahr 1803 ging der Besitz der Abtei Rottenbuch an den [bayerischen] Staat.“[2]

Osterzell: Bau- und Funktionsgeschichte

Die Bau- und Funktionsgeschichte von Schloss Osterzell stellt sich im Detail als sehr heterogen, weil unerforscht dar. Grundsätzliche Übereinkunft besteht darin, dass

1. im 16. Jahrhundert, unter der Regentschaft von Burkhard II. von Kaltental, eine nicht näher bestimmbare erste Schlossanlage entstand.[2]

2. Diese Anlage, wohl ein Bausolitär, unter der Herrschaft des letzten Kaltentalers, Georg Christoph, zwei Seitenflügel erhielt[2], die

3. nach der Übernahme durch das Kloster Rottenbuch eine entscheidende Veränderung erfuhr, indem man, „unter Verwendung älterer Teile“[5], den neu erworbenen Besitz und neuen sozialen Rang in Form einer repräsentativen Schlossarchitektur zeigen wollte. Die freskale Ausstattung des Treppenhauses im zentralen Mittelbau aus der Zeit um 1720/1730 gehört in diese Phase der Sichtbarmachung von Pracht, verbunden mit erkaufter Macht.

Die heutige kunsthistorische Evaluierung leidet unter anderem sehr stark darunter, weil man den Abbruch der beiden Seitenflügel konstatieren muss, des nördlichen Teiles 1859/1860 und des südlichen Teiles 1898.[5] Auf diese Weise ist man der Gesamtwirkung des Schlösschens beraubt, das in der landschaftlich ansprechenden Senke des Kaltentales ehemals einen großen Anziehungspunkt gebildet haben dürfte.

An dieser landschaftlichen Situation fanden sicher auch die Pröpste des Klosters Rottenbuch ihren Gefallen. Dem zeitbedingten Sozialdruck gehorchend, bot ihnen das Schlösschen Osterzell eine raumnahe Gelegenheit, sich von den alltäglichen Anforderungen einer Klostervorstandschaft zu erholen und in Osterzell Körper und Geist der Muße hinzugeben. Diesem Rekreationsangebot, das, kulturgeschichtlich gesehen, ihre Rechtfertigung aus Ciceros Tusculum-Vorstellungen bezog,[6] konnten sich die Rottenbucher Pröpste, neu ausgestattet als schwäbische Reichsritter, bestimmt nicht entziehen.

Unter dieser Prämisse bleibt es wenig verständlich, aber auch nicht gänzlich ausgeschlossen, das umgebaute Schlösschen allein als den Aufenthaltsort eines Pfarrers und eines Ordensbruders zu verstehen.[7]

Auf alle Fälle muss man neu in Betracht ziehen, die Anlage von Osterzell auch als Sommer-Residenz der Pröpste zu beurteilen. In diesem Kontext sind die überlieferten Sterbeorte mindestens zweier Pröpste vielleicht nicht mehr allein als bloßer Zufall, sondern als Ausdruck eines temporären Rückzugsortes zu werten.[8]

Eine wie auch immer geartete Nutzung in diese Richtung ist bisher nicht einmal angedacht. Die historischen und kulturhistorischen Umstände von Osterzell legen allerdings eine entsprechende Vermutung nahe, deren Spur noch zu verfolgen sein wird.[9] In einen regionalen, bewusst sehr kleinen, deshalb vergleichbaren Bezugsrahmen gesetzt, sind z. B. ähnliche Vorstellungen im schwäbischen Mergenthau, dem Tusculum der Augsburger Jesuiten, zu beobachten.

Der heilige Augustinus und der Triumph des katholischen Glaubens

Die freskale Anwesenheit von Augustinus: Er ist nicht nur der Rottenbucher Ordensheilige

Vermutlich um 1720 ließ der Propst Patritius Oswald (reg. 1700–1740)[10] den bereits bestehenden Baubestand von Osterzell umbauen und neu ausstatten. In diese Phase fällt auch die Freskierung des Treppenhauses des „dreigeschossigen Mittelbau[es] mit Walmdach“.[5] Diese wird „um 1733“[5] datiert und „Franz Anton Erler zugeschrieben“[5].

Auf dem Fresko dargestellt ist die „Verklärung des Augustinus“[5] oder anders ausgedrückt: die „Glorie des hl. Augustinus“[11]. Beide ikonographischen Bestimmungen halten jedoch einer anschaulichen Analyse des Freskos nicht stand.

Gezeigt wird weder eine wie auch immer geartete Glorie bzw. Verklärung von Augustinus, des Ordensheiligen der Rottenbucher Besitzer, sondern eine im Fresko veranschaulichte und versinnbildlichte Gottesschau, die sich als Triumph des katholischen Glaubens versteht. Diese Aussage wird durch das in das Fresko mit integrierte Nebenthema mit dem Sturz von Häretikern verstärkt, womit ihr ein anderer, bisher unberücksichtigter Bedeutungsgrad zuwächst.

Auf den ersten Blick ist der mit weißem Haar und Bart als älterer Mann charakterisierte Augustinus an dem brennenden Herzen erkennbar. Er hält es in seiner rechten Hand und reckt es himmelwärts, um auf diese Weise seine Liebe zu Gott auszudrücken. Die bildliche Darstellung des brennenden Herzens präzisiert diese Liebe noch dahingehend, dass es ein aus Liebe zu Gott verwundetes Herz zeigt, das die gegenseitige mystische Liebe zwischen Augustinus und Gott ausdrücken soll.

Literarische Grundlage dieser göttlichen Amour ist eine Kompilation verschiedener Aussagen, die Augustinus in den ,Confessiones‘, seinem persönlichen Bekenntnisbericht, schriftlich fixierte.[12]

Aus einem relativ breiten Angebot denkbarer Augustinus-Verbildlichungen hat man sich in Osterzell dafür entschieden, Augustinus sowohl als Gottesseher wie auch als Mann mit Amt und in Würden darzustellen. Im Fresko wird er von einem hochdekorativen Pluviale umfangen und in seinem Rücken weisen zwei Engelchen Mitra und Stab vor, die ihn als Bischof von Hippo kennzeichnen. Vor ihm sind zwei weitere Engelchen zu sehen, von denen der Größere von beiden zu Augustinus aufblickt und gleichzeitig das Modell eines überkuppelten Zentralbaues mit Portikus herbeiträgt. Dies ist als symbolischer Verweis auf die Ecclesia, die Kirche als Instituition, zu verstehen[13], zu deren Etablierung Augustinus mit seinen Schriften wesentliche Beiträge lieferte.

Neben seinen bedeutenden Funktionen als Bischof und Kirchenlehrer ist im Osterzeller Fresko eine weitere Komponente anschaulich gemacht, die Augustinus auch als Verteidiger des Glaubens zeigt. Bei der Auswahl dieser Darstellung dürften biographische Erlebnisse von Augustinus, wie er sie in seinen Confessiones ausführt, eine entscheidende Rolle gespielt haben.

Persönlich und institutionell: Der Kampf gegen die Manichaer als Deutungs-Modell oder: welchen Umgang pflegt man mit Häretikern?

Eine der prägenden und die Glaubens-Entwicklung von Augustinus wesentlich beeinflussenden Erfahrungen waren seine geistige Nähe zu den Manichaern, die sich „als Vollendung, nicht Konkurrenz zu den vorhandenen Religionen“[14] verstanden. Nachdem sich Augustinus „vom moralischen Pathos Ciceros“[15] abgewandt hatte, fühlte er sich von dem dualistischen Welterklärungsmodell der Manichaer so angezogen, dass er neun Jahre seines Lebens in und mit dieser Gruppierung verbrachte.[16]

In dieser Lebensphase lernte Augustinus das intensive Studium der Bücher wie auch die argumentierende Verwendung des Wortes in einem Disput, da der „Manichäismus [...] ein Christentum sein [wollte], das sich an die Denkenden wendet.“[17]

Von diesen Vorstellungen entfernte er sich, als er in Mailand unter dem Eindruck der Predigten von Ambrosius und neuen Leseerfahrungen den manichäischen Dualismus überwand und „die Einsicht in die Immaterialität des geistig Seienden“[18] gewann. Dieser neuen Ausrichtung seines Glaubens widmete er unzählige Schriften, unter denen sich auch Abhandlungen gegen die Manichaer finden. „Noch zwei Jahre vor seinem Tod verfasste er [...] ein Handbuch der Häresien, De haeresibus, in dem er nicht weniger als 88 verschiedene Irrlehren beschrieb und beurteilte.“[18]

In die allegorische Bildwelt des 18. Jahrhunderts übersetzt, scheint sich der Grundkonflikt des Glaubens, den Augustinus selbst erlebte, im Fresko von Osterzell wiederzufinden.[19]

Im unteren Bilddrittel des Deckengemäldes sind drei Häretiker zu erkennen, die in der Art ihrer speziellen Darstellung verschiedene Ebenen des Glaubensabfalles zeigen. Während der bartlose Jüngling mit Lockenkopf seine Schrift im Herabstürzen bereits von sich geworfen hat und, vergeblich Halt suchend, kopfüber fällt, befinden sich die beiden Bärtigen in einem anderen Sinneszustand. Der Bärtige im linken äußeren Bildfeld blickt erschrocken zum Häretiker und signalisiert eine Geistes-Verwandlung, die der Bärtige mit Gugel bereits vollzogen hat. Dieser deutet in seiner ganzen Körper-, Arm- und Handhaltung eine innere Umkehr an, die das spontane Erkennen des richtigen Glaubens versinnbildlicht.

Sein körperliche Wendung, die gleichzeitig sein spirituelle Hinwendung zum Gottglauben verdeutlicht, wird gestalterisch durch den in Gegenrichtung stürzenden jungen Häretiker verstärkt.

Augustinus und die unteren Figuren sind jedoch nicht streng voneinander getrennt, obwohl dies auf den ersten Blick so scheint. Der Bärtige mit Kopftuch ist auf zweierlei Art mit der Szenerie über ihm verbunden: Zum einen weist er entschieden mit seinem rechten Arm und Zeigefinger nach oben zu Augustinus, so als ob er seine eigene Glaubensrichtung spontan als falsch und den wahren Glauben in der Ausprägung des Augustinus erkannt hätte. Möglicherweise ist der motivische Gegensatz aus den geöffneten Büchern der Buch-Gelehrten unten und dem geschlossenen Buch des Augustinus ein zusätzlicher Kommentar. Während die vernünftigen Bibelwisser noch auf das Wort in den Schriften angewiesen sind, hat Augustinus sein Schreiben abgeschlossen, die Worte sind nicht mehr nötig zum Glauben. Es zählt allein das Gefühl, das, in Herzform symbolisiert, zu seinem Gott entflammt ist.

Zum anderen ist eine deutliche Bezugnahme des erkennenden Bärtigen zu dem zweiten Engelchen unterhalb des Kirchenmodells zu bemerken. Dieser hat Blickkontakt nach unten aufgenommen und deutet zugleich mit dem Zeigefinger seiner linken Hand auf den Ecclesia-Engel. Damit zeigt er dem bärtigen Häretiker an, dass der Glauben des Augustinus nicht nur allein als persönliches Einzelerlebnis zu verstehen ist, angezeigt wird dadurch auch die kirchliche Institutionalisierung und damit die lehrhaft gewordene Rechtmäßigkeit der Glaubensform des Kirchenvaters.[20]

Häresie I: Rolle und Nutzen der Häresie in Bildtradition und Osterzell

„In der Ikonographie der Augustiner-Chorherren-Kirchen spielt, vom Ordensgründer Augustinus ausgehend, der Kampf gegen Häresien eine große Rolle.“[21]

Bevorzugte Bildmotive hierbei sind nach unten stürzende Vertreter von Irrlehren, die entweder rückwärts oder vorwärts in die Tiefe stürzen oder gerade in die Tiefe gestoßen werden. Ihre sie kennzeichnende Kleidung ist sehr oft eine Halskrause, gelegentlich auch ein Samtbarett. Die Bücher der falschen Glaubenslehren werden dabei meistens verbrannt oder sie sind flatternde Begleitmotive der Herabstürzenden; manchmal können sie auch ganz fehlen.[22]

Insgesamt kann konstatiert werden, dass, speziell bezogen auf die Ausstattung von Augustiner-Kirchen, „im 18. Jahrhundert [...] offensichtlich ein bestimmter Darstellungs-Kanon entstanden“[23] war. Innerhalb dieser Bildkonventionen stellte die relativ drastische Darbietung des Sturzes der Irrgläubigen für die Christgläubigen ein besonders abschreckendes Bildbeispiel dar, da hierbei die Konsequenzen ,falscher‘ Gläubigkeit direkt wahrnehmbar sind.

Diese überdeutliche Inszenierung der Häresie als Warnung vor anderen Glaubensrichtungen, war bei den freskalen Ausstattungen von Augustinerklöstern die weit verbreitetste Grundposition. Sie appelliert dabei mehr an das Gefühl und den Instinkt der Gläubigen und vertraut allein auf seine anschauliche Überzeugungskraft.

Hinter dieser Darstellungsform von Häretikern verbirgt sich die Frage nach der Rolle und dem Nutzen der Häretiker, die man in der christlichen Lehre kontrovers diskutierte.[24] Die griffigen Schlagwörter dieses Disputes sind Toleranz und Intoleranz, wobei die späteren Auslegungen der Schriften von Augustinus zu den Häretikern eine wesentliche Diskussionsgrundlage bildeten.

Beim ,historischen‘ Augustinus scheinen gewisse Verhaltens- und Vorgehensweisen dominant gewesen zu sein, deren prinzipielles Verständnis auch im Fresko von Osterzell zu sehen ist. Augustinus, der Toleranz als die Duldung Andersgläubiger verstand und sogar „den Charakter einer sozialen Grundtugend annimmt“[25], schlug vor, Häretiker mit dem Wort, „den [Glaubens-]Irrtum auf dem Wege der Disputation [zu] bekämpfen und durch Einsicht [zu] besiegen.“[26] Ein gewaltsamer Umgang mit den Glaubensgegnern ist bei dieser Methode nicht das vorrangige Ziel. „Fest steht für Augustinus, dass Zwang nur die ultima ratio sein darf und Belehrung weiterhin stattfinden muss. Grundsätzlich vertritt Augustin eine gemäßigte Position im Vergleich zu seinen Mitbischöfen und dem zu seiner Zeit üblichen Gewaltmaß.“[27]

Im Osterzeller Fresko verließ man sich im 18. Jahrhundert eher auf die drastische und dennoch differenzierende Überzeugungskraft des bildlichen Ausdrucks. In der Darstellung der drei Häretiker möchte man fast einen erkenntnisbringenden Dreischritt sehen: dem totalen Absturz vom Glauben folgt das erschrockene Beobachten und einsetzende Nachdenken, das in die Glaubens-Erkenntnis mündet.

Exemplarisch dafür steht der Bärtige mit der Gugel. Er hat aufgehört, sich in den Inhalt und Sinn des Buches zu vertiefen und hat spontan erkannt, dass es allein die Liebe Gottes[20] ist, „die den Menschen ergreift und ihn zur Liebe und Hingabe an Gott befähigt“.[12] Anschauliches und bestes Beispiel dafür ist Augustinus, auf den er mit seinem Fingerzeig hinlenkt.

Häresie II: Osterzell und Kloster Rottenbuch: ein regionaler Vorposten im Kampf um den rechten Glauben

Die Darstellung des gottesliebenden Augustinus als Bischof und Kirchenlehrer zeigt biographische und kirchenpolitische Anklänge, die einerseits verallgemeinerbar sind. Andererseits weisen sie auf eine ganz spezielle lokalhistorische Situation hin, in welcher die Frage nach der Behandlung von Andersgläubigen einen ganz konkreten Bezug annahm.

In einer Mischung aus drei verschiedenen, aber ineinandergreifenden Umständen, waren die Pröpste vom Kloster Rottenbuch als Besitzer der Herrschaft Osterzell gefordert, ihren augustinisch geprägten Glauben im Fresko als exemplarisch darzustellen und praktisch durchzusetzen.

Mit dem Ankauf der Herrschaft Osterzell 1699 stiegen die Rottenbucher Pröpste nicht nur in den Rang der Reichsritterschaft auf, was allein schon Grund genug war, das Landschlösschen etwas später um- und auszubauen. Damit verbunden war von Anfang an auch ein potentieller Religionskonflikt, denn die Herrschaft Osterzell mit ihren diversen Dörfern und Ortschaften war knapp 200 Jahre lang in der Hand der protestantischen Kaltentaler. „Zum Kauf von Osterzell entschloss sich Rottenbuch mit schweren Bedenken nur aus dem Grund, weil von befreundeter Seite gedrängt wurde, dass dieser bisher in protestantischen Händen befindliche und sehr heruntergekommene Besitz in kirchliches Eigentum gelange. Deshalb sollte Rottenbuch auch die Pfarrei Osterzell übernehmen [...]“.[28] Diese mit eingekaufte Missionierung, die protestantisch geprägte Landbevölkerung der augustinischen Glaubensform zuzuführen, war neben den Pflichten als Grund- und Gerichtsherr eine Geduld erfordernde Aufgabe, der sich die Rottenbucher Pröpste zu stellen hatten.

Erschwerend hinzu kam die räumliche Nähe der paritätisch ausgerichteten Stadt Kaufbeuren, deren Gesellschaft sich ebenfalls aus Mitgliedern unterschiedlichen Glaubens zusammensetzte und deren religiös bedingte Konflikte im sozialen Neben- und Miteinander im nahen Umland (Osterzell ist zehn Kilometer entfernt) nicht unbemerkt blieben.[29]

Gleichzeitig konnten und mussten diese widrigen religionspolitischen Umstände angegangen und bewältigt werden, denn das Kloster Rottenbuch war nicht allein als Herrschaftseigner für den wahren Glauben zuständig. Ein zusätzlicher Ansporn, sich in diesen Glaubensfragen noch etwas engagierter zu geben, erwuchs mit Sicherheit auch aus der Tatsache, dass sie als Mutterkloster der Augustiner in Altbayern in Glaubensfragen führend waren.

Das Menschenbild des Augustinus: Die Liebe überwindet den Gegensatz von Vernunft und Glauben oder: Der augustinische Glaube als Triumph von Wille und Gnade

Welche Form der Glaubensausübung ist die richtige und welche die falsche? Verlässt man sich auf die vernünftigen Argumente des Bücherwissens, wie dies unter anderem die Manichaer propagierten, oder vertraut man allein auf die Gefühlskraft des Herzens, der sich Augustinus hingibt.

Beide Positionen scheinen im Osterzeller Fresko über die Anordnung im Bild und die Größenverhältnisse geklärt und können als Ausdruck der erfolgreichen Abwehr einer häretischen Irrlehre betrachtet werden.

Motivische Besonderheiten, die sich von der üblichen Darstellungs-Praxis in Augustiner-Klöstern erheblich unterscheiden, evozieren allerdings eine weitere Deutungsebene, in der sich Vernunft und Glauben nicht mehr in einem häretisch-kämpferischen Sinn antithetisch gegenüberstehen, sondern Bestandteile des inneren Bezugssystems der menschlichen Seele sind.

Gedankliche Orientierungshilfe hierbei bietet die spezifische Anthropologie des Augustinus, die von der „Gebrochenheit der menschlichen Seele“[30] ausgeht und die er in seinen verschiedenen Schriften entwickelte und differenzierte. Ausgangspunkt und Grundlage der Bestimmung der menschlichen Konstitution „waren [hierbei] seine eigenen seelischen Qualen und Schmerzen, die er auf fast exhibitionistische, leidenschaftliche Weise in seinen ,Bekenntnissen‘ ausführlich beschreibt.“[30]

Für unser Verständnis des Osterzeller Freskos reicht die Kenntnis der Grundkonzeption des augustinischen Menschenbildes aus. Einerseits geht es um die beiden wesentlichen Seelenanteile des Menschen, den zweigeteilten Willen und die Vernunft, welche der ranghöhere Anteil von beiden ist. Andererseits geht es um die Existenz und Fähigkeiten der Liebe, in welcher das Verhältnis zu Gott sich ausdrückt, denn, nach Augustinus, wird der „Mensch [...] nicht einfach was er ist; er wird zu dem, was er liebt.“[31]

Hiermit wird auf den zweigeteilten Willen im menschlichen Seelenhaushalt und vor allem auf die menschliche Willensfreiheit verwiesen, die Augustinus als „eine Bewegung der Seele [beschreibt], die sich ohne jeden Zwang auf einen Gegenstand richtet, den sie entweder nicht verlieren oder aber gewinnen will (De duabus animabus 10, 14). Jedoch ist diese Freiheit nichts als die Freiheit, ohne göttliche Hilfe [...]. Der Mensch ist dagegen nicht frei als ganzer gut zu werden. Erst die göttliche Gnade eröffnet die Möglichkeit, von einem bestimmten Zeitpunkt seines Lebens an nur noch Gutes zu tun.“[32]

An diesem seelischen Wendepunkt scheint sich auch der bärtige Häretiker zu befinden. In seiner nach oben gewendeten Körper-, Arm- und Handhaltung offenbart sich sein grundsätzlich guter Wille, der von Gott abstammt[32] und es zeigt nicht den bösen Willen, denn sonst „handel[t]e es sich um den menschlichen Willen (pecc.mer. II 18, 30).“[32]

In der Darstellung des Bärtigen wird dessen innere, positiv ausgerichtete Gestimmtheit noch dadurch verstärkt, dass sein menschliches Handeln auf spontane Weise sich äußert, was als Ausdruck des freien Willens gilt[33] und „eine Handlungsentscheidung [mit beinhaltet], einschließlich der Entscheidung für oder wider die Vernunft“[33], die symbolisch in Gestalt der Bücher anwesend ist.

In der Glaubenskonstruktion des Augustinus wird diese menschliche Handlung des Bärtigen, die seiner seelischen Haltung entspricht, als „explizite Begründung“ von Liebe verwendet, denn genau dieser „Wille ist dasjenige Moment des Geistigen, das diesen einigt [...].“[34] „Für diese einheitsstiftende Funktion des als Liebe interpretierten Willens lassen sich mehrere Texte anführen. So erscheinen gelegentlich die Schwerkraft der Körper und die der Seele in einer direkten Antithese: das pondus der Körper, gleichsam ihre ,Liebe‘, tendiert nach unten, das pondus der Seele, ihre Liebe zu Gott, richtet sich ,nach oben‘ (ciu. XI 28).“[35]

Versucht man diese theoretischen augustinischen Vorstellungen von Vernunft, menschlichem Willen und von Liebe in die Darstellung des Osterzeller Freskos zu übersetzen, hatte der Rottenbucher Propst Patritius Oswald ein Bild in Auftrag gegeben, das den ortsansässigen Pfarrer und die temporär anwesenden Klostervorsteher einerseits ständig an die Bedeutung der Liebe erinnerte. In Kenntnis der Schriften von Augustinus wussten sie, „[w]enn alles auf die Liebe ankommt, verliert die Erkenntnis [wodurch immer sie auch gewonnen wird] die zentrale Rolle [...]“[36], der Glaube triumphiert über die Buch-Vernunft.

Andererseits wussten sie von den wechselvollen Qualitäten der menschlichen Seele und dem ihr innewohnenden Willenscharakter, der immerhin die Möglichkeit besitzt, sich, mit Gottes helfender Gnade, für den richtigen Glauben, der allein auf Liebe gründet, zu entscheiden.

Mit diesen gedanklichen Konstruktionen vertraut, schienen die Osterzeller Geistlichen im Zuge der bevorstehenden Umerziehung der hinzu gekauften Protestanten der ehemaligen Herrschaft Kaltental, den menschlich-gemäßigten Umgang bevorzugen zu wollen.

Wie ihnen das Fresko im Treppenhaus tagtäglich vor Augen führte, sollten bei der aus ihrer Sicht notwendigen Missionierung nicht allein Zwang und Gewalt ihr Vorgehen bestimmen. Die Geistlichen in Osterzell setzten, in Analogie zu den biographischen Erfahrungen ihres Ordensgründers, mehr auf die menschlichen Chraraktereigenschaften der Kaltentaler und hofften, dass deren liebende Seelen auf Gott ausgerichtet waren. So wäre auf Dauer auch ein angenehmeres Miteinander mit den Untergebenen gewährleistet.

Bibliographie

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  • https://de.wikipedia.org/wiki/Patritius_Oswald — Patritius Oswald, in: Wikipedia, 2020.
  • https://de.wikipedia.org/wiki/Osterzell — Osterzell, in: Wikipedia, 2021.
  • https://de.wikipedia.org/wiki/Schw%C3%A4bischer_Ritterkreis — Schwäbischer Ritterkreis, in: Wikipedia, 2020.

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 https://de.wikipedia.org/wiki/Osterzell
  2. 2,0 2,1 2,2 2,3 2,4 2,5 2,6 2,7 http://www.osterzell.de/gemeinde/ortsteile/osterzell/
  3. https://de.wikipedia.org/wiki/Kaltental_(Adelsgeschlecht)
  4. https://de.wikipedia.org/wiki/Schw%C3%A4bischer_Ritterkreis
  5. 5,0 5,1 5,2 5,3 5,4 5,5 Dehio, Handbuch, 2008, S. 861.
  6. http://www.deckenmalerei.eu/910b5a2c-3bf6-4043-80e4-97691e8d330a
  7. http://www.osterzell.de/gemeinde/ortsteile/osterzell/: „Es [das Schloss] war nun Pfarrhaus geworden.“
  8. Pörnbacher, Rottenbuch, 1980, S. 46, 51, 53.
  9. In diesem (zeitlich eng begrenzten) Rahmen war eine intensivere Nachforschung nicht möglich.
  10. Pörnbacher, Rottenbuch, 1980, S. 46–57 und Abb. 23; https://de.wikipedia.org/wiki/Patritius_Oswald
  11. Stoll, Osterzell, 2012, S. 4 und Anmerkung 14.
  12. 12,0 12,1 Bauer-Wild/Mülbe, Corpus 1, 1976, S. 492.
  13. Bauer-Wild/Bunz, Corpus 5, 1996, S. 105.
  14. Flasch, Augustin, 2013, S. 29.
  15. Flasch, Augustin, 2013, S. 27.
  16. Flasch, Augustin, 2013, S. 27–35.
  17. Flasch, Augustin, 2013, S. 30.
  18. 18,0 18,1 https://www.augustinus.de/einfuehrung/gestalt-und-werk
  19. Die Grundaussagen zu den diversen häretischen Strömungen (Pelegianismus, Donatismus etc.) zur Zeit von Augustinus ähneln sich und sind, ikonographisch gesehen, zu verallgemeinern.
  20. 20,0 20,1 Flasch, Augustin, 2013, S. 134–139.
  21. Böhm, Corpus 8, 2002, S. 105.
  22. Der motivische Abgleich konzentrierte sich auf die Augustiner-Klöster von Baumburg, Dietramszell, Gars am Inn, Indersdorf und Rottenbuch.
  23. Bauer-Wild/Bunz, Corpus 5, 1996, S. 134.
  24. Felber, Gewaltgeschichte, 2009, S. 123–132.
  25. Felber, Gewaltgeschichte, 2009, S. 124.
  26. Felber, Gewaltgeschichte, 2009, S. 127.
  27. Felber, Gewaltgeschichte, 2009, S. 132.
  28. Pörnbacher, Rottenbuch, 1980, S. 46.
  29. Vergleichbar ist die Grundsituation in der paritätischen Stadt Augsburg: François, Grenze, 1991.
  30. 30,0 30,1 http://www.deckenmalerei.eu/d6649a99-46e9-47d7-90da-e2936415620f
  31. Flasch, Augustin, 2013, S. 139.
  32. 32,0 32,1 32,2 Horn, Augustinus, 2014, S. 136.
  33. 33,0 33,1 Horn, Augustinus, 2014, S. 132.
  34. Horn, Augustinus, 2014, S. 137–138.
  35. Horn, Augustinus, 2014, S. 138.
  36. Flasch, Augustin, 2013, S. 138.