Osterwarngau, Frauenkirche Mariä Opferung
Frauenkirche, Gemeinde Warngau, Pfarrei Oberwarngau, Erzdiözese München und Freising; z. Z. der Ausmalung war die Frauenkirche Filiale der Pfarrei St. Georg in Osterwarngau, die seit 1596 dem Augustinerchorherrenstift Weyarn inkorporiert war, Gericht Aibling
Patrozinium: Mariä Opferung
Zum Bauwerk: Tuffquaderbau des 16. Jh.; Neuausstattung mit Stuck und Fresken 1782.
Saal zu vier Jochen mit Wandpfeilergliederung, im W Doppelempore; eingezogener AR zu zwei Jochen mit Pilastergliederung und dreiseitigem Schluß
Auftraggeber: Propst Rupert Sigl von Weyarn (1765- 1803), dessen Wappen sich zusammen mit dem Klosterwappen am Chorbogen befindet; Inschrift SIC Me PraesVL, atqVe OsterWarngaVIenses DeCorarVnt (= 1782).
Autor und Entstehungszeit: Signatur am östlichen Rand von B F: Xaveri Lamp/ Pinxit 1782. Franz Xaver Lamp (* Rottweil † ?) war Schüler des Hofmalers Franz Ignaz Oefele an der 1770 gegründeten Zeichnungsschule in München.
Befund
Träger der Deckenmalerei: LHs (A, 1–6) und AR (B, B1–2) Tonne mit Stichkappen (nachdem vom ursprünglichen Kreuzrippengewölbe die Rippen abgeschlagen wurden) Rahmen: A und B ornamentierter Stuckrahmen mit Akanthusgirlande, 1–6, B1-2 gemalte Rahmung (von 1879) Technik: Fresko; polychrom
Maße: A Höhe 9,50 m; 9,40 × 4,40 R Höhe 9,20 m; 6,80 × 4,70
Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1879 fand eine Restaurierung statt, bei der die dekorative Malerei am Gewölbe und die Kartuschrahmung entstanden. Veränderungen in der Farbigkeit der Fresken. A Längsriß im Scheitel, im westlichen Viertel starker Querriß; kleine Abblätterungen. B Längsriß im Scheitel, stark verschmutzt, Wasserflecken. Die Bildfelder in den Gewölbezwickeln wurden bei der Restaurierung von 1879 nicht verändert; ein Teil der ursprünglichen Ausmalung findet sich noch am Chorbogen.
Beschreibung und Ikonographie
A HIMMELFAHRT MARIÄ Das einansichtige Fresko erstreckt sich in seinem sehr schmalen Hochformat über drei LHs-Joche; Aufnahmestandpunkt unter dem westlichen Bilddrittel. Die irdische Szenerie nimmt kaum ein Viertel der gesamten Bildfläche ein. Hier ist auf einem seichten Wiesenplatz vor einer Grabhöhle der leere Sarkophag Mariens dargestellt. Die Apostel umgeben ihn und blicken mit erregten Gesten teils in den Sarkophag, teils zum Himmel, wo Maria, von Engeln und Wolken getragen in einer bewegten Gruppe auffährt, Christus entgegen, der von Engeln getragen über ihr schwebt, um sie zu empfangen. Das oberste Bilddrittel nimmt die Darstellung Gottvaters ein, der auf geballten Wolken thront; auch um ihn sind zahlreiche Engel versammelt. Zuoberst erscheint in einer hellen Strahlenglorie die Taube des Hl. Geistes, der einer breiten Gnadenstrahl auf die Gestalt Mariens aussendet. Die gesamte himmlische Szenerie liegt in vorderer Bildebene. Die Figuren sind ohne Verkürzungen und Untersicht gegeben, jedoch sind durch Aufhellung der Farbwerte die Schar musizierender Engel am südlichen Bildrand und die Glorie in eine entferntere Ebene gerückt. Die irdische
Zone weist durch die in die Bildtiefe führende Reihe von Bäumen Tiefenräumlichkeit auf. Die beiden divergierenden Perspektiven versucht Lamp durch die Verteilung der kompositionellen und der Farbgewichte zu verknüpfen: In einer doppelten S-Linie verläuft von der Apostelgruppe links über die Mariengruppe, Christus und Gottvater bis hin zur Glorie eine Bewegung durch das hohe Bildformat, betont durch den Einsatz kräftiger Blau-Rot-Werte. Sonst herrschen Ockerfarben vor, zu denen wenig Weiß, ein mattes Graugrün und fahles Graugelb treten.
Von den Aposteln sind nur elf dargestellt. Thomas fehlte bei der eigentlichen Himmelfahrt – er kam zu spät (LA-Benz, S. 636). Besonderer Wert ist auf die Darstellung der huldigenden Engel gelegt, die Maria im Himmel empfangen (vgl. Ribadeneira-Hornig, Bd 2, 15, 8, S. 220).
A1-6 AT-VORBILDER MARIENS Das Hauptbild ist in den sechs mittleren Gewölbezwickeln von Darstellungen aus dem AT in Kartuschenform begleitet.
A1 Hagar und Ismael in der Wüste Der Engel zeigt Hagar eine Wasserquelle (Gen 21, 15–19)
A2 Judith mit dem Haupt des Holofernes vor dem Zelt des erschlagenen Feldherrn (Judith 13, 10–11)
A3 Die Königin von Saba vor Salomo? (vgl. 2 Par, 9, 1–9) Die Szene ist nicht genauer bezeichnet (es fehlen die Gaben der Königin und die Kennzeichnung des Throns)
A4 Assuerus erhebt Esther zur Königin? (vgl. Esth 2, 15–17) Der orientalische Kopfputz gibt einen Hinweis auf Assuerus
A5 Die Tochter Pharaos findet das Kind Moses in einem Körbchen am Ufer des Flusses (Ex 2, 5)
A6 Elias erweckt den Sohn der Witwe von Sarepta (3 Re 17, 19)
Die sechs alttestamentarischen Frauengestalten sind traditionelle Antetypen Mariens.
B MARIA TEMPELGANG (apokryph) Von einem schmalen Bodenstreifen aus, auf dem zwei Trommeln einer kannelierten Säule als antikisches Versatzstück liegen, führt eine breite Treppenanlage zu einem lichten, überwölbten Tempelraum empor. Dieser Schauplatz ist durch ein architektonisches Repoussoir (aufragende Säulen auf mächtigen Sockeln, von einer schweren Draperie dekoriert) nach dem linken Bildrand hin begrenzt; davor führen drei Repoussoirfiguren zur bildlichen Darstellung hin. Das Mädchen Maria, dessen Haupt von einer Sternengloriole umgeben ist, naht sich in Begleitung seiner Eltern Anna und Joachim über die Treppen dem Tempelraum und wird vom Hohenpriester und seinem Gefolge in Empfang genommen.
Von einer Himmelsglorie am westlichen Bildrand gehen Strahlen aus, von denen einer auf das Mädchen Maria fällt; zwei Putti bringen einen Kranz aus Rosen.
Die Farben Grau, Ocker und Braunrot beherrschen den Bildschauplatz; in den Gewändern der Personen kommen kaum Buntfarben vor. Der Eindruck des Stumpfen und Unlebendigen wird durch die Dekorationsmalerei des 19. Jh. am Gewölbe, die in den Farben Grau und Ocker gehalten ist, noch verstärkt.
Lamp bringt zu diesem verhältnismäßig späten Zeitpunkt und obwohl er selbst noch jung ist (er lernte nach 1770 in München) noch das traditionelle Bildschema, das im 2.
Viertel des 18. Jh. ausgebildet worden ist: die Gestaltung des architektonischen Schauplatzes aus Einzelmotiven (Säule, Vase, Brüstung, Bogen), ohne räumlich logische Konstruktion, und die Einführung in diesen Schauplatz durch versetzte Treppen, denen eine kleine Graszone vorgelagert ist.
Die Darstellung bezieht sich auf das Patrozinium Mariä Opferung (= Tempelgang, Praesentatio B.M.V.; vgl. Ribadeneira-Hornig, Bd 2, 21.11., S. 839–42).
B1-2 AT-Opferszenen Die Darstellung von Maria Opferung ist von zwei Kartuschen flankiert. Auch diese beiden Opferszenen sind antetypisch zu verstehen.
B1 Aaron opfert ein Lamm Bisher galt dieses Bild als Opfer Abels (Seidl, S. 61), was aber wegen der Tracht und des Gesichtstypus des Opfernden unwahrscheinlich ist. Pilgerkleidung und Stab weisen vielmehr auf Aaron hin, der auf dem Zug durch die Wüste Opfer dargebracht hat (Lev 9)
B2 Opferung Isaaks (Gen 22, 9–13)
Quellen und Literatur
Mayer-Westermayer, Bd 3, S. 309 f. KDB I OB (2), S. 1476 f.
Seidl, Oskar, Die Kirchen und Kapellen des Dekanates Tegernsee, München 1913, S. 60 f.
Thieme-Becker, Bd 22[1928], S. 270.
Hartig, Michael, Die oberbayerischen Stifte, Bd 1, München 1935, S. 221.
Dehio-Gall OB, S. 243
Mayer, Matthias, Die Seelsorge der Weyarner Chorherrn im ausgehenden 18. Jh. nach den Tagebüchern des Chorherrn L.J. Ott, in: Beiträge zur altbayerischen Kirchengeschichte, Bd 30, 1976, S. 118 u. 183.