Neustadt an der Orla, so genanntes Lutherhaus

Laß, Heiko:Neustadt an der Orla, so genanntes Lutherhaus, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2024, URL: www.deckenmalerei.eu/9811ab60-1a7e-4334-bd6b-40087a830a31

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Im sog. Lutherhaus hat sich eine ausgemalte Stube mit Malereiresten eines Bildprogramms zwischen Reformation und Konfessionalisierung von 1576 erhalten, das Kurfürst August I. von Sachsen als Garant des Wegs zur Erlösung darstellt.

Der arme Lazarus und der reiche Prasser
Der arme Lazarus und der reiche Prasser

Das sog. Lutherhaus in Neustadt an der Orla

 

Kurzbeschreibung und Lage

Das so genannte Lutherhaus[1] – im 19. Jahrhundert Schweitzersches Haus genannt – steht mit Blick auf den Marktplatz im Stadtzentrum von Neustadt an der Orla. Es war repräsentatives Wohnhaus und Werkstatt in einem.

Bau- Ausstattungs- und Nutzungsgeschichte

Das Gebäude ist Ende des 15. Jahrhunderts (1490) als Fachwerkbau über gewölbtem Erdgeschoss errichtet worden. Dabei wurden Teile eines Vorgängers übernommen. 1574 wurde das Haus umgebaut und hat seitdem sein Aussehen im Wesentlichen beibehalten. Damals wurden das erste Obergeschoss komplett und das zweite Obergeschoss an drei Seiten massiv erneuert. Vor das zweite und das dritte Obergeschoss kam ein steinerner Erker. Zwei Holzstuben im ersten und zweiten Obergeschoss wurden beibehalten, wobei jene im ersten noch vom Vorgängerbau (1452) stammt. Im 18. und 19. Jahrhundert wurde das Haus sowie letztmalig Anfang des 21. Jahrhunderts bis 2016 renoviert.

Auftraggeber

Das Gebäude befand sich zur Zeit des Umbaus 1574 im Besitz des Gerbers Hans Scheller. Dieser war 1582/84 Bürgermeister in Neustadt.[2]

Beschreibung

Der dreigeschossige Bau mit Fachwerkgiebel ist vier Achsen breit und weitgehend symmetrisch gestaltet. Rechts befindet sich eine Hofdurchfahrt. In der Fassadenmitte befindet sich vor dem zweiten Obergeschoss sowie dem unteren Giebelgeschoss ein zentraler steinerner Erker.

Ein Großteil des Erdgeschosses diente als Werkstatt, die Wohnräume befanden sich im ersten und zweiten Obergeschoss. Im ersten Obergeschoss ist an der Nordwestecke eine Holzstube gelegen. Eine weitere befindet sich mittig im zweiten Obergeschoss hinter dem Erker.

Forschungsstand

Der Forschungsstand zum Lutherhaus und den erhaltenen Wandfassungen ist vergleichsweise gut. Eine bauhistorische Dokumentation von 2013[3] sowie eine Analyse der Wandmalereien in der Stube des zweiten Obergeschosses von 2018 durch Tim Erthel und Martin Sladeczek[4] haben soweit wie möglich alle Unklarheiten beseitigt. Leider wurden diese wichtigen Erkenntnisse nicht publiziert.

Die Obere Stube im 2. Obergeschoss

Bau- und Ausstattungsgeschichte

Die Stube ist eine Stabbohlenstube und beim Bau des Hauses 1490 entstanden. Um 1575 wurde sie nach Errichtung der neuen Westwand mit Erker 1574 grundlegend umgestaltet. Aus dieser Zeit datiert auch die in Resten erhaltene Bemalung, die ein unbekannter Maler mit der Jahreszahl 1576 und dem Monogramm ND signierte. Später wurde die Stube umgestaltet und die Malerei überfasst.[5]

Beschreibung

Der längsrechteckige Raum nimmt die Mitte der Westfront ein. Während die massive Westfront von 1574 stammt, wurden die anderen drei Wände der Bohlenstube übernommen. Nur die nördliche ist erhalten. Der Raum wird von Osten aus betreten. Türen erschließen die angrenzenden Kammern im Norden und Süden. In der Nordostecke stand ein von außen beheizbarer Ofen. Die Westwand nimmt einen zentralen Erker auf, der rechts und links von je einem Fenster mit Sitznischen flankiert wird.

Die Decke der Stube

Befund – Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Die Ausmalung der Stube erfolgte 1576 durch einen unbekannten Monogrammisten ND. Zuvor war die Decke mit Kassettenfeldern versehen worden.

Beschreibung und Ikonographie

Jedes Kassettenfeld nimmt eine große, weitgehend abstrahierend gestaltete Blume oder gleichartiges Blattwerk auf. In der westlichen Kassettenreihe befinden sich ferner eine Nereide und ein Triton, die einen roten Wappenschild halten.[6]

Inschriften

Hinzu kommt eine umlaufende in den Rähmen der Nord-, Ost- und Südseite befindliche Inschrift. In weißen Großbuchstaben steht dort zu lesen: „ALSO HATT GODT DI WELDT GELIBET DAS ER SEINEN EINGEN SON GAB […] AVFF […] NICHT VERLOREN WERDEN, SONDERN DAS EWIGE LEWEN HAWEN“. Ein Teil des Rähms auf der Ostseite fehlt, die Schrift kann aber um ihren fehlenden Teil ergänzt werden. Es handelt sich um ein Bibelzitat aus dem Johannesevangelium, Kapitel 3, Vers 16 und lautet „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ Es ist eine Kernaussage der lutherischen Erlösungstheologie. Jesus ist der einzige Weg zum ewigen Leben, dessen der Gläubige aber sicher sein kann, da Gott bereits für die Menschen gestorben ist und den Tod überwunden hat.[7]

Programm

Man kann die Blumen im Zusammenhang mit der Inschrift, der Wandgestaltung sowie der christlichen Thematik der Westwand als einen Hinweis auf das Paradies verstehen. Zahlreiche ornamental-floral gestaltete Wände und Decken verwiesen in jener Zeit auf das Paradies und damit die Erlösung und das Ewige Leben. Gemalte Blüten stehen formelhaft für Gärten und damit für Gottes Schöpfung. Die Hintergrundfarben können als Symbolfarben verstanden werden. Das Rot oder Blau des Fonds zeigen beispielsweise den (göttlichen) Himmel oder Weiß sein Licht.[8] Die Meerwesen stehen dieser Interpretation allerdings entgegen.

Die Malerei an der Nordwand

Befund – Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Die Ausmalung der Stube erfolgte 1576 durch einen unbekannten Monogrammisten ND. Zuvor war die Wand mit Kassettenfeldern versehen worden. Die Malerei ist signiert und datiert mit „15 DN 76“ an der rechten Kassette über der Tür in der Nordwand.[9]

Beschreibung und Ikonographie

Die Nordwand ist in einzelne Kassettenfelder unterteilt. Diese nimmt florale Rankenmalereien auf.[10]

Inschriften

Auf den oberen Rahmungen der Kassetten befinden sich Reste einer Inschrift, ehemals in je zwei Zeilen übereinander. Von links nach rechts ist zu lesen: „KLEIN“, „RELIGION“, „WA[…]N KAN“, „VNGESTALTT“, „SCHABAB“. „HVN-DERT IAR FVLLET“, „AVS DAS GRAB“. Erthel/Sladeczek haben diese Inschrift 2018 rekonstruiert. Hier stand ursprünglich eine Redensart, die sich auf die Lebensalter der Frau bezog. Sie lautete vollständig: „10 Jahr kindisch und klein. 20 Jahr ein Jungkfrewlein. 30 Jahr ein Fraw. 40 Jahr Regiret schon. 50 Jahr voller Relligion. 60 Jahr ir wol außwarten kann. 70 Jahr allt ungestallt. 80 Jahr heßlicher denn vor. 90 Jahr der Welt schabab. 100 Jahr füllt das Grab.“[11] Die Autoren nehmen an, dass sich an der Südwand ein Pendant befunden habe, dass die Lebensalter des Mannes beschrieben habe: „10 Jahr ein Kind. 20 Jahr ein Jüngling. 30 Jahr ein Mann. 40 Jahr Wohlgethan. 50 Jahr Stillstahn. 60 Jahr gehets allter an. 70 Jahr ein Greiß. 80 Jahr nimmer Weiß. 90 Jahr der Kinder spott. 100 Jahr genad die Gott.“[12]

Programm

Man kann die Ranken wie die Blumen an der Decke als einen Verweis auf das Paradies verstehen.[8] Der Text passt sich in diese Interpretation ein. Ranken und Text können zudem auch auf den an der Decke umlaufenden Spruch des Johannesevangeliums bezogen werden. So endet das Leben des Menschen zwar mit dem Tod, der Glaube an Jesus Christus öffnet aber den Weg zum ewigen Leben – dem Paradies.[13]

Die Westwand und ihre Malerei

Befund – Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Die Ausmalung der kompletten Stube erfolgte 1576 durch einen unbekannten Monogrammisten ND. Zuvor ist die Westwand massiv neu aufgeführt worden.[14]

Beschreibung und Ikonographie

Die Westwand wird oben von einem Bildfries in schwarzem Rahmen mit Szenen aus der Bibel eingenommen. Im Rahmen wurden diese Szenen ursprünglich durch Texte bestimmt, die aber nur in Resten erhalten sind. Links ist eine Darstellung des Gleichnisses vom armen Lazarus und dem reichen Prasser zu sehen. Der Reiche sitzt am Tisch und tafelt, während der Arme und Aussätzige davor am Boden liegt. Hunde lecken seine Geschwüre und er erbittet etwas vom Tisch des Reichen. Weiter rechts folgt ein Bildteil mit einer jüngeren Überfassung, sodass man den Inhalt der Darstellung nicht mehr bestimmen kann. Ganz rechts sind jedenfalls in einem Wolkendurchbruch zwei Gestalten auszumachen. Hier ist das Ende des Gleichnisses zu erkennen: Der arme Lazarus im Himmel in Abrahams Schoß. So geht es auch aus der Beschriftung am Rahmen oben hervor ([…] RAHAM […] O […]). Links wäre dann der Prasser in der Hölle zu sehen gewesen.[15]

Es folgt ein zentrales Medaillon über dem Erker, das eine Frau zeigt. Sie ist zeitgenössisch gewandet. Es dürfte sich um eine Allegorie bzw. Personifikation handeln. Leider ist die Malerei so weit zerstört, dass Attribute nicht zu erkennen bzw. nicht eindeutig zu bestimmen sind. Bei dem Gegenstand in der linken Hand der Frau könnte es sich um einen Abendmahlskelch handeln – dann wäre sie eine Allegorie des Glaubens.[16]

Die Malerei über dem rechten Fenster ist so weit zerstört, dass man über ihren Inhalt nur spekulieren kann. Es sind mehrere Personen vor einer Architektur auszumachen. Die Mitte ist kaum mehr zu erkennen.[17]

Besser zu deuten sind die beiden Darstellungen zwischen den Fenstern und dem Erker. Links ist vermutlich die Verkündigung zu sehen und rechts die Christgeburt oder eine Anbetung des Neugeborenen. Leider können die roten Farbreste um den Kopf Marias bei der Verkündigung nicht wirklich erklärt werden.[18]

Die Malerei in den Fensterlaibungen ist weitgehend zerstört. Es handelte sich um figürliche Darstellungen, die aber nicht bestimmt werden können. Es steht zu vermuten, dass es sich um christlich-biblische Darstellungen handelte, da die gesamte Wand dieser Thematik verpflichtet ist. Über jedem Fenster befindet sich eine große Blume. Sie ähneln jenen an der Decke.[19]

Die übrige Wand ist mit aufgemalter Scheinarchitektur wie etwa Pilastern gegliedert.

Der Erker in der Westwand

 

Befund – Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Der Erker wurde gemäß der Inschrift 1574 vollendet.[20]

Beschreibung und Ikonographie

Er öffnet sich mit zwei kleinen Fenstern nach Norden und Süden sowie mit zwei Fenstern nach Westen. Durch einen Bogen mit floraler Malerei ist der Erker mit der eigentlichen Stube verbunden. Auch hier ist die Malerei stark beschädigt. Die Decke im Erker zeigt ein Rippengewölbe, wie es in jener Zeit vor allem bei Protestanten für sakrale Räume üblich ist und als „kirchisch“ verstanden wird.[21] Die Rippen steigen aus Wappenschilden auf, die Kurschwerter bzw. Blumen zieren. Der Schlussstein zeigt das Monogramm des Auftraggebers Hans Scheller „HS“ und die Jahreszahl [15]74 in Kombination mit Scherdegen und Gerberhaken und benennt damit den Auftraggeber und zumindest das Jahr der Errichtung des Erkers.[22]

Die Wandmalerei im Erker

 

Befund – Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Die Malerei ist auch im Erker stark beschädigt und die Darstellungen können nur teilweise identifiziert werden. Die Malerei an seiner Westwand zwischen und vor allem oberhalb des Fensters ist komplett verloren.

Beschreibung und Ikonographie

An der Nord- und Südwand ist die Malerei über den Fenstern ebenfalls verloren. Östlich der beiden Fenster ist sie aber teilweise erhalten. Jeweils oberhalb einer gemalten Balustrade, zwischen deren Balustern grüne Tücher hängen, ist eine Person auszumachen – im Süden ein Mann und im Norden eine Frau. Oberhalb der beiden sind kaum mehr kenntliche Wappen zu erkennen.

Der Mann ist mit Rumpf und Kopf zu sehen. Mit Wams sowie Spitzenkragen und einem kurzen schwarzen Mantel oder Umhang mit Stehkragen ist er zudem modisch gekleidet. Eventuell trug er einen Bart. Ein grüner Vorhang links verdeckt ihn ein wenig. Das Wappen dürfte der sächsische Rautenschild sein, auch wenn weder ein Rautenkranz noch die übliche Neunteilung auszumachen sind. Bestandeile weiterer Wappen sind erkennbar, wie etwa eine rote Rose, drei rote Kreise mit weißer Füllung sowie eine Diagonale. Die Rose steht für die Burggrafschaft Altenburg, die Kreise für die Grafschaft Brehna und die Diagonale ist ein Rest der Kurschwerter. Es sind also Wappen des Kurfürsten von Sachsen, des Landesherrn. Eine Ähnlichkeit der Personendarstellung mit Lucas Cranachs Porträt von Kurfürst August I. ist entfernt vorhanden, sodass es sich um diesen gehandelt haben wird.[23]

Die Frau an der Südseite des Erkers wäre dementsprechend als seine Frau Anna von Dänemark zu identifizieren. Es sind nur ein Teil ihres roten Gewandes, ein schwarzer schlanker Ärmel sowie ein weißer Kragen erhalten. Über dem Kopf sind Reste von mindestens drei Wappen auszumachen. Man kann einen schwarzen steigenden Löwen auf rotem Grund, ein geflügeltes Wesen (einen Adler?) auf ebenfalls rotem Grund und in der Mitte eine rote Figur auf weißem Grund erfassen. Es handelt sich definitiv nicht um die Wappen Annas. Die Wappen wurden bisher nicht bestimmt und werden es beim fragmentarischen Erhaltungszustand vermutlich auch zukünftig nicht.[24] Ganz oben an der Nordwand sind Reste eines vermutlich menschlichen Kopfes zu sehen.[25]

Die Deckenmalerei im Erker

 
Das Gewölbe des Erkers

Befund – Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Die 1576 entstandene Malerei in den Gewölbefeldern ist nur in geringen Fragmenten erhalten und kaum zu bestimmen.

Beschreibung und Ikonographie

Sehr wahrscheinlich wurden in den vier inneren Feldern Darstellungen der vier Evangelisten präsentiert. Man kann zumindest in einem Fall eine sitzende Person mit einem Buch in den Händen ausmachen. Neben ihr könnte ein Stier gezeigt sein. In drei der vier äußeren dreieckigen Feldern sind noch heute Cherubimköpfe zu sehen.[26]

Deckenmalerei und Wandmalerei: Synthese

Programm und Bedeutung

Betrachtet man die Malerei des Raumes und seine Inschriften zusammen mit der Malerei an der Westwand und dem Erker, entfaltet sich das Programm lutherischer Erlösungstheologie. Kernaussage ist dabei, dass man das Wort Gottes hören und ihm folgen muss. Die Geschichte vom armen Lazarus und dem reichen Prasser endet damit, dass der reiche Prasser aus der Hölle den armen Lazarus in Abrahams Schoß erblickt und darum bittet, dass Abraham eine Person aus dem Jenseits schicken möge, seinen Verwandten vor dem Schicksal zu warnen, das sie ereilen könnte. Die Antwort Abrahams lautet: „Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht.“ Wer nicht hören will bzw. dem Wort nicht folgt, kommt in die Hölle. Doch Erlösung ist möglich: „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“ steht an der Decke geschrieben, zusammen mit einer Darstellung des Paradieses. Der Sinnspruch zu den Lebensaltern verweist dabei auf die Endlichkeit irdischen Daseins.

Das Wort Gottes ist für den Lutheraner in der Bibel überliefert. Für diese stehen die vier Evangelisten im Gewölbe des Erkers. Dass es um die Vermittlung des Wortes Gottes geht, verdeutlichen die Cherubimköpfe. In der lutherischen Theologie stellen Engel die direkte Verbindung zwischen den Gläubigen und Gott her. Sie sind als Geschöpfe Gottes die Verkünder der göttlichen Botschaft. Sie helfen den Menschen im Laufe ihres Lebens von der Taufe bis in den Tod, und sie geleiten den Verstorbenen in das Jenseits. Sie sind Gottes Gehilfen, gewähren den Menschen Schutz und machen Gott für den Menschen erfahrbar. Gott bewirkt gemäß Luther durch die Engel die guten Gedanken der Menschen.[27]

Dafür, dass man das rechte Wort Gottes hörte, stand bei den Lutheranern der Landesherr in seiner Funktion als Summus Episcopus. Er hatte eine Fürsorgepflicht und Vorbildfunktion. Dabei ging es nicht nur um sein persönliches Seelenheil, sondern auch um das seiner Untertanen. Denn nur über ihn war deren Erlösung möglich, denn er musste die Reinheit des Evangeliums bewahren.[28] Und dieser Aufgabe kam Kurfürst August aktiv nach. Er einte die seit 1546 zunehmend gespaltenen Lutheraner und initiierte die so genannte Konkordienformel, die er 1577 auch unterschrieb. Bereits 1574 kam es zu einer schwäbisch-sächsischen Konkordie, ein Jahr später wurden in Kursachsen die Philippisten – die Anhänger Melanchthons – gestürzt. 1576 erfolgte in Torgau eine Verständigung mit weiteren lutherischen Reichsständen. Diese mündete dann 1577 in der Konkordienformel. Und genau in dieser Zeit entstand die Ausmalung des Erkers.[2]

Wir haben im Erker also die Grundlagen der Erlösung eines gläubigen Lutheraners in Kursachsen vereint vor uns. Der Landesherr gewährleistet die Reinheit des Evangeliums, das von Gott gegeben ist. Kurschwerter, Porträts bzw. Wappen, Evangelisten und Engel stehen dafür. Das alles findet in einem mit Rippengewölbe als kirchische Zone ausgezeichneten Raumteil statt, der durch das einfallende Licht seiner Fenster an drei Seiten sozusagen göttlich erleuchtet wird.

Der Raum und besonders der Erker stellen also ein Bekenntnis des Bauherrn zur lutherischen Konfession dar, wie sie in Sachsen praktiziert wurde. Eine derartige Darstellung in der Wand- und Deckenmalerei ist nach derzeitigen Stand einzigartig. Die Thematik an sich ist es aber nicht: Derartige Programme fanden sich zahlreich an so genannten Reformationsöfen des 16. Jahrhunderts.

Bibliographie

  • Literatur:
  • Cuveland, Taufengel, 1991. – Cuveland, Helga de: Der Taufengel. ein protestantisches Taufgerät des 18. Jahrhunderts. Entstehung und Bedeutung. Mit einem Katalog nordelbischer Taufengel. Hamburg 1991.
  • Dehio, Thüringen, 2003. – Dehio, Georg: Thüringen (Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler). Bearbeitet von Stephanie Eißing und Franz Jäger. 2. Aufl. München/Berlin 2003.
  • Gramatzki, Paradiesgärtlein, 1993. – Gramatzki, Rolf: Dornse, Diele und Paradiesgärtlein. Malerei in bürgerlichen Wohnhäusern Lübecks des 16. bis 18. Jahrhunderts, in: Eickhölter, Manfred / Hammel-Kiesow, Rudolf (Hrsg.): Ausstattungen Lübecker Wohnhäuser. Raumnutzungen, Malereien und Bücher im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit (Häuser und Höfe in Lübeck. Historische, archäologische und baugeschichtliche Beiträge zur Geschichte der Hansestadt im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit, 4). Neumünster 1993, S. 153-268.
  • Hipp, Nachgotik, 2008. – Hipp, Hermann: Die „Nachgotik“ in Deutschland – kein Stil ohne Stil, in: Hoppe, Stephan/Müller, Matthias/Nußbaum, Norbert (Hrsg.): Stil als Bedeutung in der nordalpinen Renaissance. Wiederentdeckung einer methodischen Nachbarschaft. Regensburg 2008, S. 14-46.
  • Laß, Schlosskapelle, 2012. – Laß, Heiko: Die Celler Schlosskapelle in der Geschichte als Monument landesherrlicher Selbstdarstellung, in: Schmieglitz-Otten, Juliane (Bearb.): Die Celler Schlosskapelle. Kunstwelten, Politikwelten, Glaubenswelten. München 2012, S. 15-43.
  • Laß, Pfarrkirchen, 2021. – Laß, Heiko: „eyn Chrstlich werck“. Die Ausstattung lutherischer Pfarrkirchen in Thüringen und an der Niederelbe im 17. und 18. Jahrhundert, in: Karner, Herbert/ Mádl, Martin (Hrsg.): Pfarrkirchen. Katholische und lutherische Sakralräume und ihre barocke Ausstattung. Prag 2021, S. 214-283.
  • Lehfeldt, KDM Neustadt, 1897. – Lehfeldt, Paul: Die Bau- und Kunst-Denkmäler Thüringens. Grossherzogthum Sachsen-Weimar-Eisenach, Bd. 5, Verwaltungsbezirk Neustadt. Amtsgerichtsbezirke Neustadt a. Orla, Auma und Weida. Jena 1897.
  • Müller, Neustadt, 2019. – Müller, Rainer: Neustadt an der Orla – ein Stadtdenkmal des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit. Anmerkungen zum Profanbau der Stadt, in: Böning, Holger u.a. (Hrsg.): Medien – Kommunikation – Öffentlichkeit. Vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart. Festschrift für Werner Greiling zum 65. Geburtstag (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Thüringen. Kleine Reihe, 58). Wien, Köln, Weimar 2019, S. 383-410.
  • Poscharsky, Taufengel, 2009. – Poscharsky, Peter: Der Taufengel – ein Zeugnis lutherischer Frömmigkeit im Zeitalter des Barock, in: Seyderhelm, Bettina (Hrsg.): Taufengel in Mitteldeutschland. Geflügelte Taufgeräte zwischen Salzwedel und Suhl. Regensburg 2009, S. 11-32.
  • Schwalbe/Söntgen, Lutherhaus, 2017. – Schwalbe, Ronny/Söntgen, Rainer (Hrsg.): Das Lutherhaus in Neustadt an der Orla. Ein Haus, eine Stadt, die Geschichte(n) und ihre Präsentation. Neustadt an der Orla 2017.
  • Archivalien:
  • Erthel/Sladeczek, Lutherhaus, 2018. – Erthel, Tim/Sladeczek, Martin: Analyse der Wandmalereien in der Stube im 2. OG des sog. Lutherhauses. Neustadt a. d. Orla. Erfurt 2018.
  • Scherf, Lutz/Bolze, Peter/Ludwig, Thomas, Lutherhaus, 2013. – Büro für Bauforschung Scherf.Bolze.Ludwig: Bauhistorische Dokumentation Lutherhaus Neustadt. Silbitz 2013.

Einzelnachweise

  1. Müller, Neustadt, 2019, S. 406-408; Schwalbe/Söntgen, Lutherhaus, 2017, S. 26-35; Dehio, Thüringen, 2003, S. 884; Lehfeldt, KDM Neustadt, 1897, S. 119-121. Erthel/Sladeczek, Lutherhaus, 2018; Scherf, Lutz/Bolze, Peter/Ludwig, Thomas, Lutherhaus, 2013.
  2. 2,0 2,1 Erthel/Sladeczek, Lutherhaus, 2018, S. 41.
  3. Scherf, Lutz/Bolze, Peter/Ludwig, Thomas, Lutherhaus, 2013.
  4. Erthel/Sladeczek, Lutherhaus, 2018.
  5. Müller, Neustadt, 2019, S. 406-408; Schwalbe/Söntgen, Lutherhaus, 2017, S. 30-36. Erthel/Sladeczek, Lutherhaus, 2018, S. 3-4.
  6. Müller, Neustadt, 2019, S. 408. Erthel/Sladeczek, Lutherhaus, 2018, S. 4.
  7. Erthel/Sladeczek, Lutherhaus, 2018, S. 31-33.
  8. 8,0 8,1 Gramatzki, Paradiesgärtlein, 1993, S. 161, 164, 189.
  9. Müller, Neustadt, 2019, S. 408-409. Erthel/Sladeczek, Lutherhaus, 2018, S. 4, 35.
  10. Erthel/Sladeczek, Lutherhaus, 2018, S. 31.
  11. Erthel/Sladeczek, Lutherhaus, 2018, S. 34-35.
  12. Erthel/Sladeczek, Lutherhaus, 2018, S. 35.
  13. Erthel/Sladeczek, Lutherhaus, 2018, S. 35-36.
  14. Müller, Neustadt, 2019, S. 408-409; Schwalbe/Söntgen, Lutherhaus, 2017, S. 34-35. Erthel/Sladeczek, Lutherhaus, 2018, S. 4, 21, 28, 35.
  15. Müller, Neustadt, 2019, S. 408. Erthel/Sladeczek, Lutherhaus, 2018, S. 23-24, 29.
  16. Erthel/Sladeczek, Lutherhaus, 2018, S. 24, 30.
  17. Erthel/Sladeczek, Lutherhaus, 2018, S. 25, 30.
  18. Müller, Neustadt, 2019, S. 409. Erthel/Sladeczek, Lutherhaus, 2018, S. 21-22, 28.
  19. Erthel/Sladeczek, Lutherhaus, 2018, S. 26-27, 30.
  20. Müller, Neustadt, 2019, S. 409. Erthel/Sladeczek, Lutherhaus, 2018, S. 14.
  21. Hipp, Nachgotik, 2008, S. 27-28.
  22. Erthel/Sladeczek, Lutherhaus, 2018, S. 10, 14, 18.
  23. Müller, Neustadt, 2019, S. 409. Erthel/Sladeczek, Lutherhaus, 2018, S. 7, 16.
  24. Müller, Neustadt, 2019, S. 409. Erthel/Sladeczek, Lutherhaus, 2018, S. 9, 18.
  25. Erthel/Sladeczek, Lutherhaus, 2018, S. 9, 19.
  26. Erthel/Sladeczek, Lutherhaus, 2018, S. 11-12, 18.
  27. Laß, Pfarrkirchen, 2021, S. 268-269; Poscharsky, Taufengel, 2009, S. 12, 14-15; Cuveland, Taufengel, 1991, S. 30-42.
  28. Laß, Schlosskapelle, 2012, S. 30-31.