Neukirchen am Simssee, Filial- und Wallfahrtskirche Johannes der Täufer
NEUKIRCHEN AM SIMSSEE
Filial- und Wallfahrtskirche, Pfarrei und Gemeinde Riedering, Erzdiözese München und Freising; z.Z. der Ausmalung Erzbistum Salzburg, Archidiakonat und Bistum Chiemsee. Die Pfarrei Riedering war dem Augustiner-Chorherrenstift Herrenchiemsee inkorporiert (seit 1490) und wurde von Konventualen versehen. Seit der Übertragung eines Marienbildes einer Nachbildung des Gnadenbildes Maria Stern von Taxa aus der Pfarrkirche Riedering am 1.2.1710 besteht in Neukirchen eine Marienwallfahrt, die nie bedeutend war, aber noch besteht. Das Gnadenbild steht am Hochaltar. Gericht Rosenneim
Patrozinium: Johannes der Täufer
Zum Bauwerk: Neubau im 15. Jh. anstelle einer älteren Kirche. Anbau einer geräumigen West-Vorhalle 1716 im Zusammenhang mit dem Aufblühen der Wallfahrt unter dem Riederinger Pfarrvikar P. Bernhard Pacher (1703–26), der die Wallfahrt nicht nur durch die Übertragung des Bildes begründete, sondern auch durch Ausstattung der Kirche förderte »Eam in finem ... sacram Aedem in Neu-Kirchen novo nor solum decore illustrem, sed etiam Mariano cultu ad ea usque tempora ibi prorsus insolito celebrem reddidit« (Rotel). 1750 durchgreifender Umbau durch den Rosenheimer Gerichtsmaurermeister Andreas Vordermayer aus Rohrdorf und Hanns Graf, Zimmermeister aus Esbaum: Einbeziehen der Vorhalle in das Langhaus, Wölbung des bis dahin flachgedeckten Langhauses, Neuwölbung des Altarraums mit Abrundung des Chorschlusses sowie Veränderung der Fenster und Bau eines geschweiften Chorbogens. Die Stuckierung besorgte ebenfalls Andreas Vordermayer. Hochaltar 1756 (Fassung 1757 durch den Rosenheimer Maler Joseph Anton Höttinger) mit dem Gnadenbild Maria Stern aus dem 17. Jh., das 1844 durch Sebastian Rechenauer d. J. neu gemalt wurde. Es zeigt in Halbfigur Maria in Mantel und Schleier, die das stehende Kind vor sich hält. Die Altarfiguren sind vom alten Hochaltar (1672), Werke des Rosenheimer Bildhauers Blasius Maß. Die alten Seitenaltäre wurden 1947 durch neue ersetzt, von denen nur der linke erhalten ist.
Langgestreckter, verhältnismäßig niedrig wirkender Saal zu fünf Jochen, Pilastergliederung, Empore im W; gute Belichtung von N und S durch hohe Rundbogenfenster und kleine Fenster im Emporenbereich. Geschweifter Chorbogen, leicht eingezogener AR zu zwei Jochen mit halbrundem (von außen dreiseitigem) Schluß; Belichtung durch vier Fenster.
Auftraggeber: Propst Floridus Rappel von Herrenchiemsee (1736–59). Pfarrvikar in Riedering war P. Petrus Voith.
Autor und Entstehungszeit: Joseph Adam Mölk (* 1714 Rodaun bei Wien † 1796 Wien) 1750. Signatur in A unter den Stufen der Hauptszene I. Adam Mölk Pinxit. 1750. Seit 1742 war Mölk in Walchsee bei Kufstein ansässig. Die Ausmalung von Neukirchen zählt zu der Gruppe von frühen Werken in Pfarreien, die zum Stift Herrenchiemsee gehörten, wie auch Antwort 1747 (S. 56) und Umrathshausen 1749 (S. 499). Die Fresken sind »sicher und großzügig komponiert und von frischer, kühler Farbigkeit, im einzelnen jedoch flüchtig und von einer gewissen Derbheit. Mölck war ein ausgesprochener >Schnellmaler(« (Bombard S 245)
Befund
Träger der Deckenmalerei: LHs (A, 1-2 und 7-8) Flachtonne mit Stichkappen, AR (B, 3-6) Tonne, nach O abgemuldet. Rahmen: A und B stark gekurvtes Stuckprofil, von Bandwerk begleitet.


Technik: Fresko; polychrom Maße: A Höhe 6,50m; 12,50×5,90
B Höhe 6,10m: 4,37×4,6
Erhaltungszustand und Restaurierungen: Neufassung der Altäre 1844 mit Neumalen des Gnadenbildes. 1888 wurde die Kirche vom Grafinger Maler Peter Neumaier neu ausgemalt, die Deckenbilder teilweise übermalt (Inschrift Renov. 1888 Neumair). Huber 1910 nennt diese Ausmalung »überladen moderne Dekorationsmalerei«. Den ursprünglichen Zustand versuchte 1946/47 der Münchner Restaurator Hans Pfohmann unter Leitung von Rudolf Esterer wiederherzustellen, wobei die Fresken im Chor weniger beeinträchtigt gewesen zu sein scheinen als die im Langhaus. Neutönung des Raums. Die Seitenaltäre wurden in Rokokoformen nach Entwurf Esterers neu gemacht. Vor der letzten Restaurierung 1977/78 durch die Fa. Gebrüder Lauber, Bad Endorf, zeigte sich folgender Befund: »Die Fresken befinden sich in einem guten Zustand Sie sind nur verschmutzt und weisen außer einigen kleinerer Rissen keine weiteren Schäden auf ... bei früheren Restaurierungen wurden einige geringfügige Retuschen an den Bilderr durchgeführt« (BLfD). Die Fresken wurden gereinigt, kleine Risse gekittet und eingestimmt, der Stuck restauriert, Stuck und Wandflächen neu gefaßt auf der Basis der ursprünglichen Farbigkeit; Restaurierung der Brokatmalerei. Der linke Seitenaltar wurde beibehalten, anstelle des rechten wurde ein Taufstein mit einer Kanzel kombiniert.
Beschreibung und Ikonographie
Die Langhauswölbung wird fast ganz vom großen Fresko eingenommen. Stuckiert sind nur die Stichkappen und die Gewölbezwickel, in die sich aber teilweise auch das Bildfeld hinein erstreckt. Der gute Raumeindruck wird nicht zuletzt vom geschweiften Chorbogen bestimmt. Der hübsche Stuck zeigt neben Bandwerk und Brokatfeldern auch gegenständliche Motive wie Putten und Rosenranken, aber auch einfache Rocaille-Motive. Am Chorgewölbe ist der Stuckleistenrahmen des Bildes von einem lambrequin-artig geschweiften Rahmenbereich begleitet. »In der Erfindung ist die Stukkatur zierlich und reizvoll, in der Ausführung jedoch von handwerklicher Steife« (Bomhard, S. 245).
A JOHANN-NEPOMUK-SZENEN Das Deckenbild zieht sich über den größten Teil des Gewölbes im langgestreckten und verhältnismäßig niedrigen Langhaus. Es ist in Form einer umlaufenden Szenerie gebildet, besteht aber aus vier Einzelszenen, die übergangslos aneinandergereiht sind. Die Fluchtlinien vor allem in den Architekturen führen ins Zentrum des Bildes. Die Architekturmotive engen den zentralen








Bereich des Bildes so ein, daß für eine Glorie kein Platz mehr ist. Figuren und Figurengruppen sind der illusionistischen Komposition weit weniger unterworfen als die Architektur. Die Bildfolge zeigt Szenen aus dem Leben des hl. Johann Nepomuk, Kanoniker bei St. Veit in Prag und Generalvikar der Erzdiözese Prag, * um 1350 in Nepomuk in Böhmen, 1393 auf Befehl König Wenzels IV. gefoltert und ermordet, nach der Legende wegen der Wahrung des Beichtgeheimnisses. An drei Bildseiten wird in Neukirchen die Vorgeschichte des Martyriums und das Martyrium selbst gezeigt. Johann Nepomuk war Beichtvater der Königin Sophie von Böhmen, einer Prinzessin aus dem Hause Wittelsbach. Als König Wenzel IV. (1361- 1419) einst die Beichtgeheimnisse seiner Gemahlin wissen wollte, weigerte sich Johann Nepomuk, das Beichtgeheimnis zu brechen. Der König versprach ihm für den Verrat bedeutende Vergünstigungen und geistliche Würden in Böhmen, vor allem die des Propstes des Kollegiatsstiftes Wyschehrad, außerdem Geld, und drohte ihm, als er ihn nicht umstimmen konnte, mit der Folter, doch der Heilige blieb standhaft. Daraufhin wurde er mit Fackeln gefoltert und in der Nacht vom 20./21.3.1393 in Prag von der Steinernen Brücke in die Moldau gestürzt, wo er ertrank. Sein Leichnam wurde im Veitsdom bestattet, wo sein Grab seit etwa 1600 Verehrung fand. 1719 wurde nach verschiedenen Wundern an seinem Grab die unverweste Zunge des Heiligen aufgefunden, Sinnbild seines Schweigens. 1721 wurde er seliggesprochen, Kanonisation 1729.
In der Hauptansicht nach Osten ist in Neukirchen eine seltener dargestellte Szene aus dem Leben Johann Nepomuks gezeigt, seine Wallfahrt nach Altbunzlau (Stará Boleslav) in der Nähe Prags. Die Wallfahrt zum Gnadenbild Maria Stern in Altbunzlau gehörte zu den wichtigsten Wallfahrten Böhmens. Nach der Überlieferung besuchte Johann Nepomuk vor seinem Martyrium die Gottesmutter von Altbunzlau, »eine Szene, die in der Kunst des 18. Jh. nicht selten in eine Marienvision umgedeutet wurde« (Marienlexikon Bd 3, S. 410). Das Fresko zeigt den Heiligen in einer säulenbesetzten Portalarchitektur mit geschwungenem Giebel, die einen kleinen Raum bildet, der von einer Stoffdrapierung hinterfangen ist. Er kniet vor einem Altar, auf dem das Gnadenbild Maria Stern steht, die Muttergottes mit dem Jesuskind. Es ist flankiert von Putten, die brennende Kerzen halten. Johann Nepomuk ist als Kanoniker gekleidet; bei ihm liegen Birett und Buch. Daß diese weniger bekannte Szene hier in Neukirchen für die Hauptansicht – also als wichtigste Szene – gewählt wurde, bedeutet, daß sich Neukirchen mit seinem Gnadenbild Maria Stern dem berühmten Altbunzlau an die Seite stellen wollte. In einer Kartusche am Portalbogen steht ITE IN DOMINO / GLORIA DEI IN / OMNIBUS.
An der Nordseite sieht man die Beichte der Königin. Der Beichtstuhl steht dabei im Freien auf der Bodenzone des Vordergrunds. Die Königin kniet vor dem vergitterten Fensterchen und bekennt ihre Sünden, Johann Nepomuk sitzt auf der anderen Seite, die Hand segnend erhoben als Zeichen der Lossprechung (»Ego te absolvo a peccatis tuis«).
An der Südseite ist Johann Nepomuk vor dem König dargestellt. An die Portalarchitektur der Ostszene schließt nur durch einen ganz schmalen Landschaftsausblick getrennt eine weiterer Bau an, der pilastergeschmückte Königspalast mit dem böhmischen Wappen in einer Kartusche am Gesims. Hier steht im Zentrum der Szene Johann Nepomuk. König Wenzel, mit Krone, Zepter und Hermelinmantel sitzt an einem Tisch, auf dem zwei Mitren und ein Bischofsstab zu sehen sind, sowie zwei Säckchen und eine Schüssel mit Goldmünzen: Anspielung auf die geistlichen Würden und irdischen Reichtümer, mit denen Johann Nepomuk belohnt werden sollte, wenn er dem König zu Willen wäre. Andernfalls drohten ihm Gefängnis und Strafe, im Bild dargestellt durch Ketten mit Handschellen zu Füßen des Königs, auf die dieser weist, während er Johann Nepomuk ernst anblickt. Der Heilige legt den Finger an die Lippen zum Zeichen seiner Verschwiegenheit und weist nach oben, um an das kirchliche Gebot zu erinnern. Rechts im Durchblick des Gebäudes sind drei kleine Gestalten zu sehen, bewaffnete Schergen, die Johann Nepomuk gefangennehmen werden. Ein Baumstrunk schließt die Szene rechts abrupt zum Moldau-Schauplatz ab.
An der Westseite ist der Brückensturz zu sehen. Über dem Wasser der Moldau, das sich dem Rahmen folgend um die Westhälfte des Bildes zieht, erhebt sich eine Brückenarchitektur aus schweren Quadern mit zwei Brückenbogen und seit-

NEUKIRCHEN
lich flankierenden Bauten. Henkersknechte drängen auf die Brücke, mit Fackeln und Lanzen. Einer hat den lichtumstrahlten Heiligen gepackt und ist im Begriff, ihn ins Wasser zu werfen. Johann Nepomuk hat die Arme ausgebreitet und blickt zum Himmel, wo Engel und Putten erscheinen; sie halten Kranz und Palmzweig als Siegeszeichen des Märtyrers. Das rechte Gebäude trägt wieder das böhmische Wappen. Hier schaut der König aus einem Fensterchen der Szene zu.
An der Nordseite, hinter der Szene mit der Beichte, ragt eine große Kirche mit zwei Türmen auf. Ein Trauerzug von vielen kleinen Figürchen, Volk und Geistlichkeit tragen und begleiten die Bahre mit der Leiche Johann Nepomuks.
Das Fresko wird bestimmt von einer frischen, fast kühlen Farbigkeit, besonders durch große Flächen von hellem Grauweiß am Kirchengebäude der Beichtszene, am Architekturbaldachin der Wallfahrtsszene und an der Wasserpartie der Brückenszene. Auch die Kleidung des Kanonikers ist auf hellen Werten von Grau und Beige mit reinem Weiß aufgebaut. Zu den braun/ockerfarbigen Tönen der Erdschollen und der Quader der Brückengebäude, die in den Architekturversatzstücken zu hellerem Ocker geführt sind, tritt das Purpur- bis Rotbraun der Gewänder, das an marmorierten Säulen und Pilastern zu zartem Rotlila aufgehellt wird, an kleineren Wolkenpartien erscheint es als zartes Rosa. Kontrastierend zu diesen wärmeren Tönen stehen ein kaltes Graugrün, ein kühles Kobalt und ein stark mit Weiß gemischtes Himmelblau.
B PREDIGT JOHANNES DES TÄUFERS Das Chorfresko beschäftigt sich mit dem Kirchenpatron Johannes dem Täufer. Hinter einer dunklen, felsigen Vordergrundszone sieht man die Landschaft am Jordan, mit Baum und Baumstrunk dem Fluß und einer idyllischen baumbestandenen Landschaft am jenseitigen Ufer. Darüber wölbt sich der Himmel mit gelblich/rosigen Wolken, wo außer einem Gnadenstrahl und zwei Puttenköpfchen mit Lorbeerkranz keine himmlische Erscheinung zu sehen ist. Johannes steht predigend auf einer Felsscholle, die in den Fluß ragt, im härenen Gewand, die Rechte erhoben, in der Linken den Kreuzstab mit dem Schriftband ECCE AGNUS DEI; neben ihm steht als sein Attribut das Lamm. Jenseits des Flusslaufes thront Herodes im königlichen Ornat, begleitet von zwei Soldaten, deren einer das römische Banner mit dem Schriftzug SPQR trägt. Ein Page hinter dem Thron hält einen Schirm über den König.
Die Predigt Johannes des Täufers am Jordan ist hier in enge Beziehung gesetzt zur Bußpredigt des Johannes, der Herodes Antipas zur Umkehr aufrief, weil dieser mit Herodias, der Frau seines Bruders Philippus sündigte (Mc 6,18 »es ist dir nicht erlaubt, die Frau deines Bruders zu haben«; vgl. Kleinholzhausen S. 332, wo diese Predigt ebenfalls an den Jordan verlegt wurde). Die Haltung des Herodes in der Wendung zum Krieger rechts neben sich ist als der Befehl zu deuten, den Täufer gefangenzunehmen. Damit ist eine Parallele zwischen Johannes dem Täufer und Johann Nepomuk hergestellt, die beide das Martyrium erlitten, weil sie sich dem Willen des Königs in Hinblick auf dessen Ehe nicht beugten.
Quellen und Literatur
BHStA, KL Herrenchiemsee Nr. 63: Rotulae ex Chiemsee. AEM, Pfarrakten Riedering, Filiale Neukirchen 1569–1921. AEM, Fischeriana: Beitrag zur Geschichte der Pfarrgemeinde Riedering, verfaßt von Felix Fischer, Pfarrer in Riedering 1916–1919, Ms, 10 Bde, Bd 2, S. 285–318. AEM, Kunsttopographie des Erzbistums, Dekanat 39/Inntal, Pfarrei Riedering, Filial- und Wallfahrtskirche Neukirchen (Peter von Bomhard und Georg Brenninger). BLfD, Akt Neukirchen, Filialkirche St. Johann Baptist
Mayer-Westermayer, Bd 2, S. 784–87. KDB I OB (2), S. 1634. Bomhard Bd 1, S. 242–45, 416 f., 457. Huber, Lorenz, Die Wallfahrtskirche in Neukirchen. Gedenkschrift zum 200jährigen Wallfahrtsjubiläum am 1. Februar 1910 (= Die Kirchen der Gegend um Rosenheim Heft 4), Rosenheim 1910. Detterbeck, Karl und Konrad Breitrainer, Riederinger Heimatbuch, Riedering 1988, S. 308–20. Dehio 1990, S. 869. A. B./K. S
NIEDERASCHAU
Gemeinde Aschau im Chiemgau, Pfarrei Aschau Erzdiözese München und Freising. Ehem. Erzdiözese Salzburg, Archidiakonat und Bistum Chiemsee. Herrschaftsgericht Hohenaschau
Pfarrkirche Kreuzkapelle S. 380