München, ehem. Jesuitenkolleg von St. Michael, Saal II
Saal II
Zum Bauwerk: Längsrechteckiger Raum, östlich an Saal I grenzend, sechs Fensterachsen nach N, die übrigen drei Seiten fensterlos. Die Blickrichtung von Texten und Bildfeldern nach O entspricht dem Haupteingang von der W-Seite, also von Saal I her. Eine zweite Tür ging nach O auf den Gang, der an die Kirche grenzte. Stuckierte Flachdecke, Rechteckfenster, vermutlich ähnlich Saal I. Die Stuckdekoration ist stilistisch etwas fortschrittlicher als die von Saal I und um 1700 zu datieren.
Autor und Entstehungszeit: Erste Ausstattung um 1700, Autor unbekannt
Die im Vergleich zu Saal I entwickeltere Stuckdekoration läßt darauf schließen, daß Saal II im Anschluß an Saal I ausgestattet wurde; nach Wening (S. 31, siehe S. 241) waren beide Räume 1701 vollendet. Für die Ausstattung um 1700 kommen die in die Decke eingesetzten Medaillons im Randbereich in Frage. Die erhaltenen Photographien lassen keinen Hinweis auf einen möglichen Autor zu, den literarischen Quellen nach waren in der fraglichen Zeit zahlreiche Münchner Maler für das Jesuitenkolleg tätig (vgl. S. 237). Ob die erste Ausstattung auch die Mittelbilder umfaßte, muß fraglich bleiben.
Zweite Ausstattung um 1730/40, Zuschreibung an Joseph Ignaz Schilling. Wie für Saal I (vgl. S. 241) ist auch für die Hauptbilder in Saal II aus stilistischen Gründen als Autor Joseph Ignaz Schilling (* 1702 Villingen † 1773 München) anzunehmen, vor allem in dem – auf der Photographie gut erkennbaren – Bildfeld C sind die Übereinstimmungen mit gesicherten Deckenbildern Schillings (Taufkirchen, St. Johann, S. 169) eindeutig.
Befund
Träger der Deckenmalerei: Flachdecke
Rahmen: A-C Die drei mittleren Bildfelder hatten eine innere, kreisrunde Stuckprofilrahmung und eine äußere in Form eines regelmäßigen Achtecks mit alternierend geraden und konvex geschwungenen Seiten, entsprechend den Bildfeldern in Saal I; der äußere Rahmen war aus profilierten Stuckleisten und Blattschnüren gebildet. Die Muschelbekrönungen der beiden Inschriftkartuschen übergriffen in der O-W-Achse den inneren Rahmen des Mittelbildes. a-d Ovalrahmen aus stuckierten Fruchtgirlanden, von einer Muschel bekrönt. 1-4 Ovale Stuckrahmungen aus Blattwerk, Eukalyptusfrüchten, Zedernzäpfchen u. a., von einer Inschriftkartusche bekrönt. I-II Stuckprofilleisten, von Blattwerk überspielt
Technik: A-C Fresko?, 1-4, a-d, I-II Öl auf Leinwand oder Holz; vermutlich alle Bilder polychrom
Verbleib: Die Deckenbilder sind nicht erhalten, sie wurden zusammen mit dem Klostergebäude im Zweiten Weltkrieg zerstört. Den Zustand vor der Zerstörung zeigen photographische Aufnahmen (Foto Marburg N1 120 136 j, p, r, t, v und z).
Rekonstruierende Beschreibung und Ikonographie
Die Decke läßt sich anhand der photographischen Aufnahmen weitgehend rekonstruieren, die Inschriften sind nur teilweise zu erkennen. Die Stuckdekoration gliederte wie bei Saal I die Decke in einen mittleren Bereich mit drei gleichgroßen hintereinanderliegenden runden Bildfeldern (A-C) und in einen Randbereich mit insgesamt zehn Ovalbildern (1-4, a-d, I-II). a und d bzw. b und c sind durch ein quer zur Raumrichtung verlaufendes Bandelement voneinander getrennt.
EHEM. JESUITENKOLLEG
tung verlaufendes, stuckiertes Band verbunden, das seitlich von Profilleisten eingefaßt ist und in dessen Mitte sich jeweils eine Textkartusche befindet; die Blickrichtung der Texte ist analog der Blickrichtung der Bilder A-C gegen O.
Inschriftkartusche zwischen B und C DOCETE OMNES GENTES (Mt 28, 19, Lehret alle Völker)
Zwischen a und b bzw. c und d waren zwei stuckierte Putten mit den Insignien geistlicher und weltlicher Macht (Bischofsmitra und -stab, Kreuz, Tiara und Kaiserkrone, zwei Bücher), die einen farbig gefaßten Globus hielten. Über ihnen ein stuckiertes Pergament, mit einer Schleife an der äußeren Rahmenleiste von B »befestigt«, Inschrift (zwischen c und d) LITTERA OCCIDIT (2 Cor 3, 6, littera enim occidit - [denn] der Buchstabe tötet). Die entsprechende Inschrift gegenüber ist auf der Abbildung nicht zu sehen, kann aber rekonstruiert werden aus der Fortsetzung der ersten als »Spiritus Vivicat« (2 Cor 3, 6, der Geist macht lebendig).
Ergänzungen zur Ikonographie: Die Ausstattung der ehem. Jesuitenbibliothek ist der des ehem. Studentensaales ikonographisch so verwandt, daß ihnen ein einheitlicher ikonologischer Entwurf zugrundeliegen muß. Diese Annahme wird bestätigt durch die einheitliche Raumkonzeption und Ausstattung.
Wie im Studentensaal sind die zentralen Themen Lehre und Gelehrtentum. Die Kardinäle (1-4), die alle in Rom als Lehrer wirkten, stehen für die Wissenschaft im Dienste der Erziehung und der Kirche. In dieser Bedeutung sind auch die vier Gelehrten (a-d) zu verstehen, die als Schriftsteller und als Unterrichtende für den Jesuitenorden tätig waren. Das Memento Mori (I, eine analoge Darstellung ist für II vorstellbar)
gemahnt an die Vergänglichkeit des Irdischen, das vom Geist überdauert wird: in diesem übergeordneten Sinnzusammenhang steht der Text LITTERA OCCIDIT - SPIRITUS VIVICAT. Ähnlich wie in Saal I wird die Gelehrtheit in ihren schriftlichen Erzeugnissen thematisiert. Die Bibliothek in C, die Kirchenväter in B, wahrscheinlich auch die Wissenschafts- Requisiten in A stehen ebenso wie die Gelehrtenporträts für diesen Komplex. Zugleich aber wird dieser Anspruch eingeschränkt (LITTERA OCCIDIT) bzw. untergeordnet durch die Zurückführung allen Wissens auf eine göttliche Quelle – an zentraler Stelle durch den Hl. Geist – Spiritus – repräsentiert. Von ihm bzw. von dem IHS-Monogramm, das auch das Zeichen der Gesellschaft Jesu ist, gehen die Strahlen auf die Bücher der Kirchenväter bzw. des Ordensgründers Ignatius (C) aus
Der Bestimmung des Rahmens entsprechend ist in der Jesuitenbibliothek das Thema des Lehrens stärker als im Studentensaal angesprochen DOCETE OMNES GENTES – EGO DOCEBO VOS – DOCENTES IN NOMINE IESU – IN DOCTRINIS GLORIFICATE DOMINUM. Auf diesem Gebiet nahmen die Jesuiten mit der Gründung von Schulen und Universitäten eine bedeutende Stellung ein. Nicht weniger bedeutend war für den Jesuitenorden der Missionsauftrag, die Verbreitung der christlichen Lehre, die in den obengenannten Texten alludiert und in den Vier Erdteilen bildlich dargestellt ist.
Die Stellung des Ordensgründers Ignatius von Loyola (C) verdeutlicht seine Mittlerposition: Er empfängt, wie die Kirchenväter, die göttliche Erleuchtung, die über ihn weitergegeben und in alle Erdteile verbreitet wird.
Ehem. Oratorium über der Sakristei
Rechteckiger, flachgedeckter Raum, im 1. Geschoß des Sakristeianbaues an der W-Seite der Kirche in Höhe des Chors gelegen; an der O- und W-Seite waren je zwei Rundbogenfenster, die östlichen auf die Michaelskirche gehend, an der S- und N-Seite je eine Tür. Erbaut um 1585. Totalzerstörung 1944; heute befindet sich an dieser Stelle ein moderner Raum. Das Oratorium ist nur noch durch eine Innenansicht im Bildband der KDB bekannt. Zur Ausstattung steht dazu in den KDB: »Neben der Thüren Ölgemälde auf Leinwand in einfachen Stuckrahmen, Darstellun gen aus der Passion, sehr gedunkelte Bilder aus der Erbauungszeit. « Diese
sind erkennbar als Kreuztragung (links der Tür) und als Ecce Homo Darstellung (rechts der Tür).
Oberhalb der Türen bzw. Fenster verlief »ein Fries mit Ornamenten und kleinen symbolischen Bildern, im 18. Jahrhundert ganz übermalt«.
Die Holzkassettendecke zeigte »Darstellungen aus dem alten Testamen aus dem 18. Jahrhundert«. Die Gemälde waren in Öl auf Leinwand ausgeführt, der überlieferten Innenansicht nach sind sie in das frühe 18. Jh., um 1700/10, zu datieren. Von den Darstellungen hat sich keine erhalten, die Bildinhalte sind nach der Abbildung nicht zu identifizieren KDB I OB (2), S. 1042; Bildband I, 2, Tafel 161.
Quellen und Literatur
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Halm, Bd 7
Hoermann, Johannes, Delineationes Variae / Epitaphiorum / aliarumque structurarum, quas manu sua altabre / descripsit clarissimus Frater Noster Johannes Hoermann, Bd 1, BSB, cod. germ. 2643.
Oefeleana, 5, V, fol. 39 und fol. 25
–, 5, VI, fol. 159
-, 78, 4, fol. 22.
-, 14, fol. 126 v.
Describering 1/50 Verzeichnie 1760
Quellen und Literatur
Wening 1701, S. 31. Westenrieder 1782, S. 17
Rittershausen 1787, S. 105–11
Burgholzer, Joseph, Stadtgeschichte von München als Wegweiser für Fremde und Reisende, Mit Beylagen und Zusätzen, 2 Bde., München 1796, Bd 1, S. 202/203, 231–53, Bd 2, S. 263f.
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Mayer-Westermayer, Bd 2, S. 214-34, S. 220-30.
Forster, S. 220 f.
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