München, Stadtpfarrkirche zu Unserer Lieben Frau, sog. Frauenkirche
Stadtpfarrkirche zu Unserer Lieben Frau, Frauenplatz 1, seit 1817 Metropolitankirche der Erzdiözese München und Freising. Ehemalige barocke Einbauten: Im Chor der Bennobogen und zwei Kapellen, über denen sich auf der S-Seite die Sängertribüne und auf der N-Seite die Fürstenloge befanden, ferner über dem Eingangsportal der Kirche im W der Vorbau der Orgelempore; alle Einbauten 1858 abgebrochen, Deckenbilder teils erhalten, teils durch Photos überliefert, teils durch Beschreibungen und durch Innenansichten der Kirche dokumentiert.
Zum Bauwerk: 1576 erwarb Herzog Albrecht V. die Reliquien des hl. Bischofs Benno von Meißen († 1106). Sie wurden anfänglich in der Neuveste aufbewahrt. 1580 übertrug man sie in die Frauenkirche, nachdem Albrecht testamentarisch verfügt hatte, daß die Gebeine in der Nähe der Wittelsbacher Familiengruft aufbewahrt werden sollten und im Zusammenhang damit ein Epitaph für ihn und seinen Vater Wilhelm IV. zu errichten sei. 1604 wurde der Heilige zum Münchener Stadtpatron erhoben. Gleichzeitig begann Wilhelm V. in der Kirche den Bau des sog. Bennobogens, um einen würdigen Ort für die Verehrung zu schaffen. Diese Anlage umfaßte zunächst eine sich in der Hauptachse öffnende Triumphbogenarchitektur, deren großes Tonnengewölbe auf dem ummantelten 5. und 6. Pfeilerpaar von O ruhte. Kleinere Tonnen in der Querrichtung zwischen diesen Pfeilern und unterhalb des Ansatzes der großen Tonne wiesen gegen die beiden Kirchenportale im NO und SO. Nach Vollendung dieses monumentalen lettnerartigen Einbaus wurde anschließend auch das Chorgestühl ummantelt und mit einem Umgang versehen. Innerhalb des Binnenchors und des Bennobogens kamen außer dem Hochaltar sieben Altäre zur Aufstellung. Über den zwischen dem 2. und 3. Pfeilerpaar von O eingebauten beiden Kapellen, die jeweils in die Seitenschiffe hineinragten, errichtete man im N eine Fürstenloge und im S eine Sängertribüne. Gleichzeitig wurde die Orgelempore über dem W-Eingang der Kirche durch einen in das Mittelschiff hineinragenden Vorbau erweitert (Karnehm, S. 117). Unter Herzog Maximilian I. wurden die barocken Einbauten vollendet durch den Hochaltar von Peter Candio 1617–20 und das Epitaph für die Herzöge Albrecht V. und Wilhelm IV., das die gotische Grabtumba Kaiser Ludwigs des Bayern einschließt 1619–22.
Deckenmalereien können nachgewiesen werden 1. auf der Stuckdecke der großen Tonne des Bennobogens, 2. auf den Flachdecken der östlicheren beiden Chorkapellen unter den Oratorien und 3. auf der Flachdecke unter dem Vorbau der Orgelempore.

Auftraggeber: Herzog Wilhelm V. (1579–97)
Autor und Entstehungszeit: Gesamtentwurf und Leitung der Ausführung der barocken Einbauten Hans Krumper unter Beteiligung von Hans Werl und anderen, 1604/09. Die vom BNM ersteigerten Bilder wurden in den Führern des Museums und bei Rée Peter Candid zugeschrieben. Sie stammen jedoch von einem unbekannten Maler, der eher von Sustris als von Candid beeinflußt ist.
Befund der Bilder des BNM
Technik: Tempera auf Holz; polychrom
Erhaltungszustand und Verbleib: Der Bennobogen und die gesamte Barockausstattung wurden 1858 anläßlich der Regotisierung der Kirche entfernt und die Gemälde und das Mobiliar z.T. zum Materialwert verkauft.
Die teils erhaltenen, teils in Photos bekannten Darstellungen gehören wahrscheinlich zu den zwanzig auf Holz gemalten Bildern, die für das spätere BNM am 10. Oktober 1859 mit anderen Objekten aus dem Dom ersteigert wurden (Berg, Urkunden 88 und 89). Im ersten Gebäude des Nationalmuseums (heute Völkerkundemuseum) waren sie bereits 1867 im Saal X im 2. Stock in die Decke eingesetzt. Die Bilder wurden wieder verwendet für die Decke von Saal 59, später 58, des Seidlschen Museumsneubaus (1898–1900) in der Prinzregentenstraße. Von den Bildern waren mehrere, wahrscheinlich sieben Darstellungen, nach dem Abbruch und wohl anläßlich des Einbaus im ersten Museumsgebäude zu einer großen Holztafel von 3,50 × 2,12 m zusammengefügt worden. Die hierin enthaltenen zwei großen Engel befanden sich wohl ursprünglich auf rechteckigen Tafeln mit eingezogenen Halbkreisschlüssen oben und unten, die geflügelten Engelsköpfe auf Trapezen. Das ursprüngliche Bildformat der musizierenden Engel ist unklar. Von den nicht in die große Tafel integrierten sechs Einzeldarstellungen, vier musizierenden Engeln und zwei geflügelten Engelsköpfen, liegen keine Maße vor.
Die Decke wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Erhalten hat sich nur die große Mitteltafel, die ausgelagert war (Alte Inv. Nr. des BNM: R 2804) heute im Depot der Alten Pinakothek, Hinterstellungs-Nr. 642). Die sechs zerstörten Einzeldarstellungen sind in photographischen Aufnahmen dokumentiert.
Rekonstruierende Beschreibung und Ikonographie (vgl. vor allem Berg und Karnehm)
1 Bennobogen
Die einzige Quelle für die dargestellten Themen an der Stuckdecke der großen Tonne ist eine Beschreibung von Johann Mayer, Compendium das ist: Endtlicher bericht aller denckwirdigen Sachen vnd Tugenten S. Bennonis... München 1604. Demnach handelte es sich um Mariendarstellungen, umgeben von marianischen Symbolen entsprechend der Lauretanischen Litanei, wohl in einzelnen kleinen Bildfeldern.
Auch seindt an disem Gwelb zuschawen / Die Tittel vnser lieben Frawen / Da sicht man die Engel von Fern / Wie sie führen Sonn / Mon vnd Stern / Auch sicht man den Zederbaum stehn / als dann den Zipreßbaum gar schoen / Den Palmbaum sicht man / darzu Die Rossen in voelliger blu / Auch ein springenden Brunnen schnel / Vnd darzu auch ein Wasser quel. Die Statt Gottes / das Heilig ort Darneben die verschloßne Port / Ein Spiegel / vnd auch Davids Thurn / Sicht man gmahlt mit schöne Figurn. Hoch vnter dem Gwelb sicht man schweben / Die Jungkfraw Maria g eben / Wol auff dem Mon vnd Firmament / Vnd thut ausstrecken ihre Händt / Damit wil sie gleich auß begir Thun sagen / kommet her zu mir / . 1 100: 1 / En 1 1:4: Langin Colon elletyndt Wer meiner hülft jetztundt / Für den blit ich mein sohn austundt. Das Haupt bedecken ihr auch gantz / zwölff Sternen mit sehr heller glantz. Von Atlaß roth ihr Leibrock ist / Von Taffet blaw ihr Mantel wist / ... (Mayer, o. S., im Auszug bei Berg, S. 114).
2 Chorkapellen
Die Aufteilung der Flachdecken der Chorkapellen ist summarisch angegeben auf einer um 1850 entstandenen Lithographie von P. Benoist nach Chapuy (Berg, Abb. 40) mit einer von O genommenen Ansicht des Bennobogens. Hier sieht man in den Kapellen eine Kassettendecke mit verschieden großen rechteckigen Feldern. Die Felderteilung ist undeutlich auch zu erkennen auf einer vor 1858 entstandenen Zeichnung eines unbekannten Künstlers, auf der die im N des Binnenchors gelegene Dreifaltigkeitskapelle zu sehen ist (Berg, Abb. 47) und auf einer Olskizze von Ferdinand Petzl im Diözesanmuseum Freising (Pfister-Ramisch, Abb. 155d). Für die Plafonds gibt Gsell (1839, S. 21) an, daß auf ihnen die »himmlische Musik« abgebildet sei. Hiervon ausgehend vermutet Karin Berg (S. 147 f.), daß Gemälde, die ehemals in der Dekoration von Saal 59, später 58, des BNM eingebaut waren, von den Decken dieser Kapellen stammen. Es handelt sich um drei Kinderengel mit Musikinstrumenten, um geflügelte Engelsköpfe sowie um zwei große Engel, einen, der ein Weihrauchgefäß hält und den Erzengel Michael mit Waage und Schwert. Sie sind ausgeschnitten und zu einer großen Holztafel zusammengefügt (s. o.), die die Mitte der Decke im BNM einnahm. Vier weitere musizierende Engel waren als Einzelbilder in den vier Ecken und zwei geflügelte Engelsköpfe jeweils in der Mitte der rahmenden Kassette als Einzelbilder um den Mittelspiegel angebracht (die gemalten Köpfe in den Ecken der äußeren Kassette waren wohl Zutat aus der Zeit um 1900).

FRAUENKIRCHE



3 Orgelempore
Die Decke unter dem Vorbau der Orgelempore ist gut zu erkennen auf einer Zeichnung von Ludwig Huber nach L.X. Nachtmann von ca. 1830 im Stadtmuseum München (Karnehm, S. 12) mit einer vom W-Eingang genommenen Ansicht in das Mittelschiff. Man sieht eine flache Kassetterdecke mit geschnitzten Zieraten, zum Mittelschiff hin sechs Kassetten mit aufgesetzten, geflügelten Engelsköpfen, zur Eingangshalle hin ist etwas vertieft ein querrechteckiges Gemälde eingelassen mit einer Darstellung der Maria mit Kind, die in einer Gloriole steht. Oben schweben rechts und links zwei große Engel, die flatternde Spruchbänder halten, links am Rand sieht man einen Baum, davor einen nicht mehr zu identifizierenden Heiligen, unten vom Maueranker überschnitten.
Die Kassettendecke entspricht im Stil den Choreinbauten von 1604/09 und dürfte gleichzeitig entstanden sein. Das Gemälde weicht davon ab und ist auch in sich stilistisch uneinheitlich. Die Engel mit den flatternden Spruchbändern wirken gotisch oder gotisierend, die Mariendarstellung könnte ein Gnadenbild wiedergeben. Möglicherweise handelt es sich bei den Deckenbild um eine Zweitverwendung.
Die im Radspielerhaus, Hackenstraße 7, in einem Raum des Erdgeschosses an der Decke eingelassenen Holztafeln, bemalt mit musizierenden Engeln (zusammengefügt zu einem Rundbild, Ø 2,30 m und zwei Seitenbildern von je 0,60 × 2,35 m), die nach der Familientradition Radspieler-von Seidlein aus der »Orgelstube« der Frauenkirche kommen sollen, stammen nicht aus dem ersten Jahrzehnt des 17. Jh. Möglicherweise sind sie im Zusammenhang mit der Renovierung der Orgel der Kirche 1629–31 entstanden; ob sie als Deckenbilder verwendet wurden, ist ungewiß (frdl. Mitteilung von R. von Seidlein und Dr. Christl Karnehm; keine Abbildung).


nicht aus dem ersten Jahrzehnt des 17. Jh. Möglicherweise sind sie im Zusammenhang mit der Renovierung der Orgel der Kirche 1629–31 entstanden; ob sie als Deckenbilder verwendet wurden, ist ungewiß (frdl. Mitteilung von R. von Seidlein und Dr. Christl Karnehm; keine Abbildung).
Quellen und Literatur
Mayer, Johann, Compendium das ist: Endtlicher bericht aller denckwirdigen Sachen vnd Tugenten S. Bennonis, etwo Bischoven zu Meissen, In welchem vil schöne Figuren vnd Historien auß dem alten vnd newen Testament, erklärt werden. Sampt kurzer erzehlung deß vberauß köstlichen Gebäws vnd Altars, darin S. Benonis Haylthumb ehrwirdigklich auffbehalten wird... München (Niclas Heinrich) 1604 (ohne Seitenzählung)
Gsell, H., Die Metropolitan- und Stadtpfarrkirche zu U. L. Frau in München, München 1839, S. 21.
Rée, Paul Johannes, Peter Candid, sein Leben und seine Werke, Leipzig 1885, S. 136.
Das bayerische Nationalmuseum (o. V.), München 1868, S. 262.
Führer durch das königliche bayerische Nationalmuseum in München, München 1887, S. 121, 122.
Führer durch das Bayrische Nationalmuseum, München 1901, S. 113, 118
Berg, Karin, Der »Bennobogen« der Münchner Frauenkirche Geschichte, Rekonstruktion und Analyse der frühbarocken Binnenchoranlage, (tuduv-Studien. Kunstgeschichte Bd 1), München 1979, vor allen S. 84, 85, 144 f., 147, 148.
Der ehemalige »Bennobogen« der Münchner Frauenkirche, in: Katalog Wittelsbach II/1 S 916
Pfister, Peter und Hans Ramisch, Die Frauenkirche in München Geschichte, Baugeschichte und Ausstattung, München 1983, S. 73 ff. Karnehm, Christl, Die Münchner Frauenkirche. Erstausstattung und barocke Umgestaltung (Miscellanea Bavarica Monacensia, Heft 113)
B.V.-K.
