München, Residenz, Speisesaal
Speisesaal östlich der Grünen Galerie; Raum und Deckenbilder durch Umbau 1896 zerstört
Zum Bauwerk: Anstelle eines Treppenhauses, das im O an die Grüne Galerie (S. 343), anschloß, wurde 1764 im Hauptgeschoß durch François Cuvilliés d. Ä. ein großer Speisesaal mit im S anschließenden Küchenräumen erbaut. Er war ein annähernd quadratischer Raum mit drei Fenstern nach O zum Küchenhof und zwei nach N. Man betrat ihn durch zwei Türen im Mittelteil der Grünen Galerie. Er hatte eine weiße Stuckmarmor-Verkleidung und war von zwanzig weißen kannelierten Stuckmarmorsäulen gegliedert, mit korinthischen Kapitellen und vergoldeten Lorbeerranken als Verzierung. An jeder der vier Wände standen auf vergoldeten Konsolen Büsten von Charles de Grof, jeweils ein Paar repräsentierte einen der Vier Weltteile (Europa – Kaiser und Kaiserin; Asien – Türke und Türkin; Afrika – Mohr und Mohrin; Amerika – Indianer und Indianerin). In der Mitte der N- und S-Wand befanden sich große Öfen mit figuralem Schmuck in vergoldeten Nischen (s. Verschaffelt-Plan S. 28; Haeutle, S. 130–32).
Auftraggeber: Kurfürst Max III. Joseph von Bayern (1745–77)
Autor und Entstehungszeit: Als Autor der Deckenbilder ist von Faßmann 1771 der Hofmaler Balthasar Augustin Albrecht (* 1687 Berg am Starnberger See, † 1765 München) überliefert. Als Datum der Entstehung ist die Zeit unmittelbar nach dem Bau, also 1764/65 anzunehmen.
Zu dem verlorenen Hauptbild existiert eine Zeichnung, Feder in Braun über Bleistift, grau laviert, 36,1 × 45,7 cm, SGS Mü, Inv. Nr. 30342/ Halm-Maffei, IV, 75), die der Beschreibung Faßmanns bis auf Details entspricht.
Verbleib: Das Deckenbild ging 1896 beim Bau einer neuen Schatzkammer an dieser Stelle verloren; es dürfte sich um ein Fresko gehandelt haben.
Rekonstruierende Beschreibung und Ikonographie
Die Decke war nach Faßmann in ein zentrales Hauptbild und vier Eckbilder gegliedert.
DIVINA PROVIDENTIA GEWÄHRT DEM BAYERISCHEN KURHAUS EWIGE DAUER Faßmanns Beschreibung lautet: »In die ober decke ist das triumphierende Baiern gemahlet, wie es in gestalt einer schör gekleideten Dame auf einem Wagen sitzet, der mit vier Löwen bespanne ist welche, von dem genius der Eintracht geleitet: sowohl die Zeit, als der Neid zu Boden tretten. Hinter den Wagen ist Mars als ein beschützer mi entblösten Schwerde befindlich, die drey Parcen zurückhaltend, welche drey in denen Lüften schwebende genii ihren Spinngezeüg des Endes willen abnemen, damit sie den Lebensfaden des durchleichtigsten Churhauses Baiern niemahls abzuschneiden im Stande seyn mögen. Ob dem Triumph Wagen sind ferner die göttinen des Friedens und der Fruchtbarkeit, als zwey getreue Begleiterinen auf den Wolken sitzend zubemerken, da jene ihren Ölzweig: letztere aber das Horn des überflusses an Baiern verehret. Welches endlich auf anordnung der ganz oben in denen Wolken sitzenden göttlichen Vorsichtigkeit, durch ihren herabgesändeten genium mit Sternen gekrönet wird.«
Die Zeichnung zeigt in Wolken den mit vier Löwen bespannten Wagen der Bavaria, die von einem fliegenden Genius mit dem Sternenkranz gekrönt wird. Sie weicht nur in einem Detail der Beschreibung ab: nicht ein Genius, sondern Putti lenken das Löwengespann. Unter den Löwen sieht man, niedergetreten und stürzend, Chronos, geflügelt und die Sense in der Hand, und Invidia, die Schlangen in der Rechten hält. Pax und Abundantia – etwas im Hintergrund – weisen Ölzweig und Füllhorn vor.
Über der Gruppe thront Divina Providentia über einem Globus; über ihrem strahlenumgebenen Haupt schwebt das Auge Gottes, in der Hand hält sie ein Zepter. Putti tragen das bayerische Wappen mit dem Kurhut und der Kette des St.-Georgs-Ritterordens.
Hinter dem Wagen geht Iustitia (bei Faßmann fälschlich Mars) mit Helm, Rüstung und Schwert, ein Putto hält die Waage. Drei weibliche Gestalten, zwei davon mit gekreuzten (untätigen) Händen, folgen ihr. Durch die drei fliegenden Putti, die über der Gruppe Spinnrocken und Spindel halten, sind die drei Figuren als die Parzen bezeichnet.
Drei Bildmotive zielen auf Ewigkeit und Dauer ab: Chronos, die Zeit, wird von den ruhmvollen Löwen – Bayerns Wappentier – besiegt. Die Parzen, die von Iustitia zurückgedrängt werden, sind mit dem Spinnwerkzeug ihrer Möglichkeit beraubt, den Faden abzuschneiden und einen Verlauf zu beenden. Bavaria wird mit dem Sternenkranz, der Attribut der Ewigkeit ist (Cochin s. v. éternité), gekrönt.
Bavaria wird sinngemäß gleichgesetzt mit dem Haus Wittelsbach, und zwar der altbayerischen Linie, deren Wappen und Insignien über der Szene erscheinen. Der Sinn des Bildes ist, daß die Göttliche Vorsehung dem Hause Bayern ewige Dauer verleiht, zum Segen für das Land (Pax und Abundantia wie auch die gestürzte Invidia). Anlaß zu einer solchen
Beschwörung des Eingreifens der göttlichen Vorsehung im Hinblick auf die Dauer des Kurhauses war die kinderlose Ehe des Kurfürsten Max III. Joseph, der, 1727 geboren, zur Zeit der Entstehung des Bildes 37 Jahre alt und seit 17 Jahren mit Anna Sophie von Sachsen verheiratet war. In zahlreichen Wallfahrten und mit vielen Gelübden flehte das Paar um einen Kurprinzen, der ihm versagt blieb. Max III. Joseph starb 1777, ihm folgte der Wittelsbacher Karl Theodor von Pfalz-Zweibrücken. Als Verdienste, die die Bitte um Fortbestand legitimieren sollen, werden der Frieden, die Wohlfahrt und die Gerechtigkeit angeführt, die unter Max III. Joseph im Lande herrschten.
Die vier Eckbilder zeigten Herrschertugenden, laut Faßmann
»Ein liegender Löw, zum Zeichen der Großmut.
Ein Einhorn, zu einem Merkmaale des Religions Eyfers.
Eine Bärin, zum zeichen der Liebe in Auferziehung der Kinder, und gestaltung der Underthanen.
Ein Greif zu einen Sinnbild der Wachsamkeit und für die Religion, als für die gerechtigkeit, und für die gesätze«.
Von den vier heraldischen Tieren verkörpern drei geläufige Fürstentugenden: Magnanimitas, Pietas und Vigilantia; das vierte in dem alter emblematischen Bild der Bärin, die ihre Jungen erst in Form lecken muß, symbolisiert die aufklärerische Tugend der Bemühung des Fürsten um die Bildung seiner Untertanen (s. Henkel-Schöne, Sp. 441 f.; Picinelli, Lib V, Nr. 663 ff., s. v. ursus). Mit diesen Tugenden Max III. Joseph wird die Berechtigung seiner Hoffnung auf himmlische Hilfe in der Frage der Fortdauer des Kurhauses weiter untermauert.
Quellen und Literatur
BHStA I, HR I, 25/89, Brief Cuvilliés’ vom 4. April 1764 über »Abtragung ler Stiege und Bau eines Tafelzimmers und Kuchenbaus«.
Faßmann 1770, S. 283 ff.
Nicolai 1781, S. 523.
Haeutle 1883, S. 131 f.
Thoma/Kreisel 1937, S. 27.
Bachter, Falk, Balthasar Augustin Albrecht 1687–1765, Mittenwald 1981, S. 86–89.