Mölln, Amtssitz Stadthauptmannshof
Inventarnummer: cbdd10270
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Im so genannten Stadthauptmannshof haben sich Reste einer Deckenmalerei von ca. 1620 erhalten. Sie zeigt Szenen aus den Metamorphosen des Ovid nach Vigil Solis.

Der Stadthauptmannshof in Mölln
Kurzbeschreibung und Lage
Der so genannte Stadthauptmannshof[1] steht im Norden der Möllner Altstadt, dicht hinter dem ehemaligen Tor am Weg zu Kirche und Marktplatz. Der Komplex setzt sich aus mehreren Bauten zusammen von denen das in der Südwestecke an der Hauptstraße neben dem Eingang gelegene Stadthauptmannhaus sowie das an der Nordostecke gegen den Schulsee gelegene Herrenhaus die ältesten Gebäude sind.
Bau-, Ausstattungs- und Nutzungsgeschichte
Aufgrund des Fälljahres 1413 wird der Stadthauptmannshof auf 1414 datiert. Er wurde im Auftrag der Stadt Lübeck erbaut. Lübeck hatte von 1359 bis 1683 – mit einer kurzen Unterbrechung nach 1401 – die Pfandherrschaft über Mölln von den Herzögen von Lauenburg inne. Der Bau diente dem Vertreter der Lübecker Herrschaft als Wohn- und Amtssitz. Der Vogt wurde seit dem 16. Jahrhundert Hauptmann genannt und hat dem Gebäude sowie dem Komplex seinen Namen gegeben. Der Stadthauptmann unterstand direkt dem Lübecker Rat und war nicht nur Inhaber der militärischen Gewalt, sondern übte auch die polizeiliche und richterliche Hoheit aus. Der Neubau war vermutlich notwendig geworden, weil ein großer Stadtbrand Mölln 1409 heimgesucht hatte. Zuvor stand hier ein befestigter Hof des Lauenburger Herzogs. Der Stadthauptmannshof wurde im Laufe der Jahrhunderte mehrfach umgebaut und der Komplex beständig erweitert. 1550 kam das ebenfalls noch erhaltene Herrenhaus als Absteige für die Landesherrschaft – die Lübecker Ratsherren – hinzu. 1574 wurde der Stadthauptmannshof umgebaut und erweitert. Zwischen 1618 und 1640 kam es zu weiteren Umgestaltungen. Die mittelalterlichen Wirtschaftsbauten fielen zu Beginn des 19. Jahrhunderts Neubauten zum Opfer, nachdem die Stadt Mölln das Areal erworben hatte, um hier die städtische Schule einzurichten. 1859/60 kam ein neues Schulgebäude hinzu. Das Stadthauptmannhaus diente spätestens seit 1744 als Zollgebäude, von 1870 bis 1934 als Amtsgericht. Zuletzt nutzte das städtische Bauamt das Haus. 1982-89 wurde das Stadthauptmannhaus grundlegend saniert und seither dient der Stadthauptmannshof der Stiftung Herzogtum Lauenburg als Verwaltungssitz und für Veranstaltungen.[2]
Architekten, Künstler
Entwurf und Ausführung des Hauses von 1414 stammen vermutlich von Peter Dartzouwe, dem damaligen Lübecker Stadtbaumeister.[3] Der Künstler der Deckenmalerei des 17. Jahrhunderts könnte Peter Basse sein, denn es wurde eine Signatur P.B. gefunden.[4]
Beschreibung
Das Hauptmannshaus steht auf L-förmigem Grundriss an der Südwestecke des Komplexes. Während der Backsteinbau zur Hauptstraße eingeschossig erscheint, präsentiert er sich zur tiefer gelegenen Hofseite mit drei Geschossen. Der nördliche Bereich zeichnet sich zur Straße im Westen sowie zum Hof nach Osten durch je ein großes Fenster aus, hinter denen sich ein Saal befindet.[5]
Forschungsstand zur Baugeschichte
Im Rahmen der Sanierung ab 1982 hat vor allem Jens Christian Holst umfassend zu den laufenden Arbeiten und den Ergebnissen der Bauforschung publiziert.[6] Er konnte auf den restauratorischen Voruntersuchungen von Michael Doose aufbauen.[4] Die Deckenmalerei wurde bislang nicht genauer betrachtet.
Der Saal
Bau- und Ausstattungsgeschichte
Der Raum geht prinzipiell auf das 16. Jahrhundert zurück, wurde aber 1618/20 aus zwei einzelnen Zimmern zusammengelegt bzw. umgebaut und neu gestaltet, sodass ein die ganze Tiefe des Gebäudes durchmessender Saal entstand. Er erhielt im Westen und Osten je ein neues großes Fenster sowie eine ornamentale Ausmalung von Wänden und Decke. Im 18. Jahrhundert wurde der Raum unterteilt und erst im Rahmen der Restaurierungen Ende des 20. Jahrhunderts wiederhergestellt. Während sich die Deckenmalerei teilweise erhalten hat, ist die ehemalige Wandmalerei verloren.[7]
Beschreibung
Der Raum durchmisst die ganze Tiefe des Flügels. Er wird von einer Tür im Osten der Südwand erschlossen. Die Ost- und Westwand nehmen zwei fast die gesamte Raumbreite beanspruchende bis unter die Decke reichende Fenster ein. Die heute weißen Wände zierte ehemals eine Wandmalerei. Sie zeigte im oberen Bereich auf hellem Fond farbiges Knorpel- und Schweifwerk in der Art niederländischer Groteskenvorlagen und war damit ähnlich der Decke gestaltet. Der untere Bereich war mit einer gemalten Kassettierung versehen.[8]
Die Decke und ihre Malerei
Befund – Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte
Die Decke wurde das erste Mal im 15. Jahrhundert gefasst. Die heute sichtbaren Reste sind die einer zweiten Fassung, welche auf ca. 1620 datiert wird. Es handelt sich um eine Kalkseccomalerei. Spätestens seit dem 18. Jahrhundert hat die Deckenmalerei schwer gelitten und ist großflächig verloren.[9]
Beschreibung und Ikonographie
Die Decke wird durch vier Deckenbalken in Längsrichtung begrenzt und unterteilt, sodass drei Fachen entstehen. Jede Fache nahm ehemals fünf Medaillons auf. Die profilierten Balken sind in Hell- und Dunkelgrau sowie Ocker gefasst und mit fingierten Diamantquadern verziert. Die Fachen selbst werden mit einem dunkelgrauen Band von den Balken geschieden. Ihre Bemalung gibt Knorpel-, Schweif- und Rollwerk in den Farben Ocker, Rot und Blau auf hellem Grund wieder, auf dem sich in der Art niederländischer Grotesken verschiedene Pflanzentöpfe oder Putten symmetrisch verteilen. Diese Malerei ist vor allem im westlichen Deckenbereich erhalten. Die kreisförmigen Medaillons haben einen ockerfarbenen Rahmen, der die graue Begrenzung der Fachen überschneidet. Sie präsentieren bzw. präsentierten in Grisaillemalerei Szenen aus den Metamorphosen des Ovid. Nur fünf von ihnen haben sich soweit erhalten, dass man die Darstellung bestimmen kann.[10]
Gestalterische Mittel – Komposition und Ansichtigkeit
Die Ansichtigkeit der Grotesken und Medaillons erfolgt vom Eingang im Osten.
Vorlagen und Vergleiche
Die Vorlagen für die Grisaillemalerei stammen von Virigil Solis aus dem Jahr 1563,[11] der sich seinerseits an Bernard Salomon orientierte, indem er dessen Illustrationen zu den Metamorphosen des Ovid von 1557 gespiegelt wiedergab.[12]
Herkules im Kampf mit Achelous
Beschreibung und Ikonographie
Die erste Darstellung in der nördlichen Fache zeigt Herkules im Kampf mit dem Flussgott Achelous. Preis dieses Kampfes war Deianeira, die Tochter des Oineus. Achelous verwandelte sich im Laufe des Kampfes mehrfach und nahm etwa die Gestalt einer Schlange oder die eines Stieres an. Herkules konnte ihm in Stiergestalt eines seiner Hörner abbrechen, womit der Kampf entschieden war. Um sein Horn zurückzuerhalten, musste Achelous Herkules zusätzlich noch ein Horn der Ziege Amaltheia geben – das Füllhorn.
Zu sehen sind drei verschiedene Szenen des Kampfes: Im Hintergrund hat Achelous die Gestalt einer Schlage, rechts die eines Menschen und links vorne ist er als Stier zu sehen. Herkules hat ihm das Horn bereits abgebrochen – der Kampf ist entschieden. Im Hintergrund links ist schemenhaft noch eine Nymphe mit dem Horn des Überflusses mit zwei Begleiterinnen zu erkennen. Unter der Malerei steht geschrieben: „HERCVLIS & ACHELOI IVCTA“.
Vorlagen und Vergleiche
Die Darstellung folgt bis ins Detail Virgil Solis,[11] wurde jedoch feiner ausgearbeitet.
Herkules tötet Nessus
Beschreibung und Ikonographie
Deianeira und Herkules werden ein Paar. Als sie an den Fluss Euenos kommen, bietet der Zentaur Nessus den beiden an, sie nacheinander über den Fluss zu tragen. Tatsächlich beabsichtigt er aber, Deianeira zu entführen. Als er sie am gegenüberliegenden Ufer bedrängt, rettet Herkules Deianeira mit einem gezielten Pfeilschuss auf Nessus.
Herkules steht links mit gespannten Bogen vor einem Baum am Flussufer. Er ist im Begriff, den tödlichen Schuss auf Nessus abzugeben, der mit Deianeira im Fluss davonschwimmt. Deianeira hat hilfesuchend die Arme emporgeworfen. Unter der Malerei ist zu lesen: „NESSI COEDES“.
Vorlagen und Vergleiche
Die Darstellung folgt recht genau einer Vorlage von Virgil Solis,[11] ist aber detailreicher. Der Flusslauf wurde zudem durch das Schilfrohr rechts schmaler gemacht. Bei Virigil Solis gibt es diese Begrenzung nicht.
Der Wunsch des Königs Midas
Beschreibung und Ikonographie
König Midas wollte so weise werden wie Silenos, der Lehrer des Dionysos. Daher machte er Silenos betrunken, um ihn einzufangen. Als Dionysos den Silenos befreien wollte, verlangte Midas dafür die Erfüllung eines Wunsches: Alles, was er berühre, solle zu Gold werden. Der Wunsch wurde wortwörtlich erfüllt und Midas drohte zu verhungern, da alle Speisen, die er berührte, sich in Gold verwandelten. Er bat deshalb, dass diese Gabe zurückgenommen werde. Dionysos riet ihm, im Fluss Paktolos zu baden. Und tatsächlich ging die Gabe auf den Fluss über und Midas war gerettet.
Man sieht im Vordergrund den trunkenen Silenus dem Midas entgegenreiten. Links im Hintergrund steht Midas vor einem Tisch mit Speisen und rechts im Hintergrund schickt er sich an, im Fluss zu baden. Die Malerei ist stark beschädigt und in den Details kaum zu erkennen. Der Text unter der Malerei lautet: „[TACT]A A MIDA IN AVRVM“.
Vorlagen und Vergleiche
Die Darstellung folgt recht genau Virigil Solis.[11]
Der Wettstreit zwischen Apoll und Pan – das Urteil des Midas
Beschreibung und Ikonographie
Im nächsten Medaillon folgt eine weitere unrühmliche Begebenheit aus dem Leben des Königs Midas. Pan forderte Apoll zu einem musikalischen Wettkampf auf. Als Schiedsrichter wurde Tmolus bestellt. Er kannte Apolls Spiel auf der Leiher die höhere Kunst zu. Midas aber vermeinte, das Flötenspiel Pans sei besser und erhob ungefragt Einspruch, woraufhin Apoll ihm die Ohren lang zog, die sich daraufhin in Eselsohren verwandelten.
Der linke Bereich der Malerei ist stark beschädigt. In der Mitte sitzt Tmolus, rechts steht Pan mit seinem Gefolge, links Apoll mit dem Seinen. Rechts hinter Pan ist Midas auszumachen, bereits mit Eselsohren, die der Künstler fälschlicherweise auch Tmolus verpasst hat. Unter der Malerei steht geschrieben: „MID[AE AU]RES I[N A]SININAS“.
Vorlagen und Vergleiche
Die Darstellung folgt recht genau Virigil Solis.[11] Der Künstler hat die Darstellung im Mölln detaillierter ausgeführt und dabei Tmolus fälschlich Eselsohren gegeben. Vermutlich hielt er Midas rechts für einen der Satyrn im Gefolge Pans.
Koronis wird in eine Krähe verwandelt
Beschreibung und Ikonographie
Das dritte Medaillon zeigt die Verwandlung der Koronis. Neptun verliebte sich in die schöne Königstochter Koronis. Da sie seine Gefühle nicht erwiderte, versuchte er sie am Strand zu vergewaltigen. Koronis wollte entfliehen, war aber nicht schnell genug und bat Minerva um Hilfe, die sie daraufhin in eine Krähe verwandelte, die davonflog.
Koronis flieht am Strand vor Neptun, der gerade dem Meer entstiegen ist. Im Wasser sieht man seine Hippocampen. Sie blickt verzweifelt zurück. Ihr sind bereits Flügel gewachsen und ihre Beine sind schon zu Krähenfüßen verwandelt. Im nächsten Moment wird sie zur Krähe geworden sein und davon fliegen. Unter der Malerei ist zu lesen: „[COR]ONIS IN CORNICEM“.
Vorlagen und Vergleiche
Die Darstellung folgt recht genau Virigil Solis.[11] Die Vorlage wurde getreu, aber detaillierter umgesetzt. Sogar das Segelschiff im Mittelgrund sowie die Felsen im Meer stammen von dort.
Minerva bei den Musen
Befund – Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte
Das vierte Medaillon in der südlichen Fache ist fast komplett zerstört.
Beschreibung und Ikonographie
Es zeigte Minverva auf dem Helikon, wie sie die Musen besucht, um die neue Quelle Hippokrene zu betrachten. Ehemals kam Minerva von links zu den rechts versammelten Musen. Unter der Malerei stand: „PALLA CVM MUSIS“. Der heute zu lesende Buchstabe „R“ wurde statt des „P“ falsch rekonstruiert.
Vorlagen und Vergleiche
Die Darstellung folgt recht genau Virigil Solis.[11] Nur über dieser Vorlage war es möglich, die Darstellung zu bestimmen. Wie genau die Umsetzung erfolgte, ist beim großen Malereiverlust nicht mehr zu bestimmen.
Bibliographie
- Literatur:
- Dehio, Schleswig-Holstein, 2009. – Dehio, Georg: Hamburg. Schleswig-Holstein (Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler). Bearbeitet von Johannes Habich, Christoph Timm, Lutz Wilde. München/Berlin 2009.
- Holst, Stadthauptsmannhof, 1985. – Holst, Jens Christian: Mölln, Stadthauptmannshof, in: Nordelbingen 54 (1985), S. 290-300.
- Holst, Stadthauptmannshof, 1995. – Holst, Jens Christian: Der Möllner Stadthauptmannshof, in: Jürgensen, Kurt (Hrsg.): Herrensitz und Herzogliche Residenz in Lauenburg und in Mecklenburg (Lauenburgische Akademie für Wissenschaft und Kultur – Stiftung Herzogtum Laugenbug – Kolloquium VI). Mölln 1995, S. 120-153.
- Holst, Hauptmannshof, 1987. – Holst, Jens Christian: Bauforschung im Möllner Hauptmannshof – ein Zwischenbereich, in: Godyla, Herbert: Zehn Jahre Stiftung Herzogtum Lauenburg (Schriftenreihe der Stiftung Herzogtum Lauenburg 13) Hamburg-Bergedorf 1987, S. 103-122.
- Quellen:
- Salomon, Metarmorphose, 1557. – Salomon, Bernard: La metamorphose d'Ovide figurée. Lyon 1557.
- Spreng/Solis, Metamorphoses, 1563. – Spreng, Johannes/Solis, Virgil: Metamorphoses Ovidi. Argumentis quidem soluta oratione [...]. Frankfurt a. M. 1563.
- Archivalien:
- Doose, Mölln, 1982. –Doose, Michael: Untersuchungsbericht über die restauratorische Befunduntersuchung im Haus Hauptstraße 150 in Mölln Juni 1982. Im Aktenarchiv des Landesamts für Denkmalpflege Schleswig-Holstein (Akte RZ, Kappeln, Lübecker Vogteigebäude ONR 3422, RM 1158).
Einzelnachweise
- ↑ Dehio, Schleswig-Holstein, 2009, S.686-687.
- ↑ Dehio, Schleswig-Holstein, 2009, S.686-687; Holst, Stadthauptmannshof, 1995, S. 145; Holst, Hauptmannshof, 1987, S. 105; Holst, Stadthauptmannshof, 1985, S. 294, 297.
- ↑ Holst, Stadthauptmannshof, 1995, S. 133.
- ↑ 4,0 4,1 Doose, Mölln, 1982.
- ↑ Dehio, Schleswig-Holstein, 2009, S. 686; Holst, Stadthauptmannshof, 1995, S. 127-134.
- ↑ Holst, Stadthauptmannshof, 1995; Holst, Hauptmannshof, 1987; Holst, Stadthauptmannshof, 1985.
- ↑ Dehio, Schleswig-Holstein, 2009, S. 686; Holst, Hauptmannshof, 1987, S. 115-116; Holst, Stadthauptmannshof, 1985, S. 300.
- ↑ Holst, Hauptmannshof, 1987, S. 116. Doose, Mölln, 1982.
- ↑ Holst, Stadthauptmannshof, 1995, S. 145; Holst, Hauptmannshof, 1987, S. 116; Holst, Stadthauptmannshof, 1985, S. 290. Doose, Mölln, 1982.
- ↑ Holst, Hauptmannshof, 1987, S. 116.
- ↑ 11,0 11,1 11,2 11,3 11,4 11,5 11,6 Spreng/Solis, Metamorphoses, 1563.
- ↑ Salomon, Metarmorphose, 1557.