Minden, Haus Simeonstraße 19

Laß, Heiko:Minden, Haus Simeonstraße 19, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2025, URL: www.deckenmalerei.eu/9d57520e-d52e-47fd-aefd-a3b8b9bcc5ae

Inventarnummer: cbdd20257

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Im rückwärtigen Flügelbau des Hauses Simeonstraße 19 hat sich Deckenmalerei aus dem letzten Drittel des 17. Jahrhunderts erhalten. In ein christlich geprägtes Bittprogramm eingebunden, präsentiert sie die Tierkreiszeichen in Verbindung mit präzisen Angaben der Dauer in Tagen, Stunden und Minuten.

Das Haus Simeonstraße 19 in Minden ist noch in Bearbeitung

Kurzbeschreibung und Lage

Das ehemalige Bürgerhaus[1]befindet sich im südöstlichen Bereich der Mindener Altstadt, nahe der ehemaligen Stadtmauer mit dem Simeonstor an der Ostseite der Simeonstraße. Das Grundstück erstreckt sich bis zur Petersilienstraße und umfasst ein Vorderhaus mit einem rückwärtigen Flügelbau, in dem sich die Deckenmalerei befindet.

Bau-, Ausstattungs- und Nutzungsgeschichte

Das Vorderhaus und der rückwärtige Flügelbau können dendrochronologisch in die Zeit um 1320/30 datiert werden und bildeten von Beginn an eine bauliche Einheit. Die Fällzeit der verbauten Hölzer ist frühestens 1318. Um 1615 erfolgte ein umfassender Umbau des Hauses, der das heutige Erscheinungsbild entscheidend prägt. Die kleine Hoffläche neben dem Flügelbau war spätestens seit dem 16. Jahrhundert über eine nördlich gelegene Beifahrt erschlossen. Im frühen 19. Jahrhundert wurde sie überbaut. Ursprünglich umfasste der Flügelbau nur ein Geschoss. Von der damaligen Saalkammer blieb lediglich die Südwand mit vermauerten Öffnungsresten erhalten. Im späten 15. Jahrhundert erfolgten eine Aufstockung des Baus sowie vermutlich die Erneuerung der Nordwand und des Ostgiebels. Um 1615 wurde der Flügelbau zusammen mit dem Vorderhaus tiefgreifend umgestaltet: Neben neu eingebrochenen Fensteröffnungen entstand damals vermutlich auch der vom Vorderhaus zugängliche Keller; zugleich wurde das Niveau des Erdgeschossbodens um rund 60 Zentimeter angehoben und die Decke um etwa 70 Zentimeter abgesenkt, sodass zwei Wohnetagen entstanden. Anfang der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts wurde das Gebäude saniert und restauriert.[2]

Auftraggeber

Im 14. und 15. Jahrhundert war das Haus im Besitz der Familie von Leteln, die nach 1525 archivalisch nicht mehr nachzuweisen ist. 1663/67 gehörte das Haus Jobst Hermann Gevekoth und 1680/84 seiner Witwe. 1685 wohnte hier Gabriel Möller „zur Heuer“. Die Familie Möller/Müller blieb dort bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts ansässig, ehe Mitglieder der Familie Harten folgten. Die Auftraggeber der Arbeiten um 1616 sind unbekannt.[3]

Beschreibung

Der rückwärtige Flügelbau nimmt mit 6,5 Metern die halbe Grundstücksbreite ein und reicht bis zur Petersilienstraße. Seine Südwand ist 9,3 Meter und seine Nordwand 10 Meter lang. Heute ist er unterkellert und hat zwei Stockwerke.[4]

Der große Saal im Erdgeschoss des Flügelbaus

 

Bau- und Ausstattungsgeschichte

Der große Saal im Erdgeschoss des Flügelbaus entstand in seiner heutigen Form im Rahmen der Umbauten im Jahr 1615. Er erhielt einen offenen Wandkamin und wurde offenbar sofort komplett farbig gefasst. Fassungsreste an den Wänden deuten darauf hin, dass sich hier auch zuvor ein repräsentativer Raum befand. Vermutlich wurde der Saal im letzten Drittel des 17. Jahrhundert neu ausgestattet, wobei Wände und Holzbalkendecke mit einer dicken Lehmputzschicht mit Strohzuschlag versehen und anschließend mit einem dünnen Kalkputz überzogen wurden. Aus dieser Zeit stammen die heute sichtbaren Malereireste. Als mögliche Auftraggeber kommen Jobst Hermann Gevekoth, dessen Witwe oder Gabriel Möller infrage. Im späten 18. Jahrhundert erfolgte ein weiterer Umbau, bei dem der Raum unterteilt wurde. und der Raum wurde geteilt. Um 1800 ist die Malerei mit einer unter den Balken befestigten Decke verborgen worden. Erst 1993 erfolgte im Rahmen von Sanierungsarbeiten ihre Wiederentdeckung. Sie wurde freigelegt und die Längswand im Raum entfernt. Aufgrund der weitgehend gut erhaltenen Deckenmalerei ist der ganze Raum in den Zustand des späten 17. Jahrhunderts zurückgebracht worden. Dazu wurden ältere Wandöffnungen in der Nordwand wieder verschlossen, jedoch als Bogenöffnung sichtbar gemacht.[5]

Beschreibung

Der langgestreckte, rechteckige Saal misst 9,58 auf 4,78 Meter und ist 3,45 Meter hoch. Er ist durch zwei Türen im Westen betretbar. Nach Osten, Norden und Süden befinden sich Fenster. Der Raum besitzt einen neuen Dielenboden, wird von einer Holzbalkendecke überfangen und präsentiert sich in der Kubatur des 17. Jahrhunderts. Ältere Befunde und Wandöffnungen, wie etwa die ehemaligen Fenster der Nordwand, sind weitgehend verdeckt.[6]

Die Saaldecke

Befund – Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Die Holzbalkendecke mit Eichenbalken und Eichenbrettern, die 1318 gefällt worden sind, stammt aus dem Jahr 1616. Sie wurde sofort mit einem monochromen dunkelgrauen Anstrich direkt auf den Holzbalken und einem etwas helleren Blaugrau in den Fachen versehen. Im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts wurde sie mit Lehmputz verdeckt und auf einer dünnen Kalkputzschicht mit einer leimgebundenen Malerei auf Kalkfarbengrund verziert. Um 1800 befestigte man unter den Balken eine flache Decke, wodurch die Malerei in Vergessenheit geriet. 1993 wurde diese Decke geöffnet und anschließend entfernt. Die Decke wurde 1994 gereinigt und die Malerei gefestigt, Fehlstellen wurden gekittet oder das Holz ergänzt. Bei der Malerei wurden die Hintergrundbereiche lediglich retuschiert, ohne jedoch die Malerei zu rekonstruieren .[7]

Beschreibung und Ikonographie

Die Decke misst 9,58 auf 4,78 Meter und wird durch acht Balkenunterzüge in sieben Deckenfelder untergliedert. Die Balken messen ca. 0,25 auf 0,25 Meter. Ihre Köpfe sind in die Wände eingemauert. Die äußeren Balken liegen direkt vor den Wänden. Die unterschiedlich breiten Bretter sind mit Nut und Feder verbunden. Die Fachen sind 0,85 bis 1,0 Meter breit und sind mit einer vegetabilen grünen Rankenmalerei auf hellem Grund überzogen. Es handelt sich um fleischige, stark verzweigte, sich einrollende Akanthusranken mit langzipfeligen Blattendungen, die jeweils einen Fruchtstand haben. Schwarze und rote Konturstriche verleihen der Darstellung dabei Plastizität. In jeder Fache sind streng symmetrisch je zwei hochovale Blattkränze, gleich Kartuschen, eingefügt. Die Blätter, vermutlich Lorbeer, werden von Bändern zusammengehalten und nehmen Darstellungen der Tierkreiszeichen auf. Die teilweise erhaltenen zugehörigen Beschriftungen nennen den Monat sowie die Tage, Stunden und Minutendauer des jeweiligen Monats. Lediglich die Medaillons der westlichen Fache nehmen einen Text auf, bei dem es sich um einen Bittspruch handelt. Die Abfolge der Monate beginnt im Osten über dem südlichen Fenster, setzt sich bis an das sechste Deckenfeld nach Westen fort und geht dann auf der Nordachse wieder nach Osten zurück. Im vierten Deckenfeld von Osten wechselt sich die Ausrichtung der Medaillons: Die ersten drei östlichen Felder weisen zur Außenwand, die vier westlichen Felder zu den Eintretenden. Die Seitenflächen der Balken waren ebenfalls mit Ranken bemalt und mit Sinnsprüchen beschrieben. Die Bemalung der Balkenunterseiten ist unbekannt.[8]

Programm

Das Programm der Decke scheint sich zunächst auf den Jahreslauf zu beziehen. Die Medaillons mit den Monatsbildern sind in der Region ohne Vergleich. Zusammen mit dem Bittspruch werden die Monate jedoch in Bezug zum christlichen Glauben gesetzt und verweisen damit auf die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens und die Erlösung nach dem Tode.[9]

Die zwölf Tierkreiszeichen

Beschreibung und Ikonographie

In den östlichen sechs Fachen sind die zwölf Tierkreiszeichen dargestellt. Die teilweise erhaltenen zugehörigen Beschriftungen nennen den jeweiligen Monat sowie seine Tage, Stunden und Minutenangaben. Die Reihe beginnt im Osten mit dem Wassermann bzw. dem Januar. Die Inschrift lautet: „IANUARIUS HAT 31 TAGE 16 M.“ Es folgen die Fische und der Februar. „FEBRUARIUS HAT 28 TAGE 10 ST. […] M.“ Die Beschriftung beim Widder gibt an: „MARTIUS HAT 31 TAGE 12 ST.“ Beim Stier ist zu lesen: APRI[LI]S HAT 30 TAGE 14 ST. 8 M.“ Bei den Zwillingen steht geschrieben: „MAIUS HAT 31 TAGE 15 ST. 50 M.“ Zum Krebs kommt der Text: „IUNIUS HAT 30 TAGE […] ST. […] M.“ Die Inschrift beim Löwen lautet: „IULIUS HAT 31 TAGE 15 ST. 54 M.“ Nun folgt der Wechsel und die Reihe geht wieder zurück. Die Beschriftung bei der Jungfrau lautet: „AUGUSTUS HAT 31 TAGE 14 ST. 12 M.“ Es folgt die Waage mit dem Text: „SEPTEMBER HAT 30 TAGE 12 ST.“ Beim Skorpion ist zu lesen: „OCTOBER H[A]T 31 TAGE 1[…] ST. […] M.” Beim Schützen steht: „NOVEMBER HAT 30 […].“ Die rechte Hälfte der Darstellung ist weitgehend zerstört. Den Schluss bildet der Dezember mit dem Steinbock, dessen Darstellung jedoch noch schlechter erhalten ist. Zu lesen ist nur noch: „DECEMBER HAT 31 TA[…].“ Die Ausrichtung der Medaillons wechselt im vierten Deckenfeld von Osten. Die Leserichtung der Inschriften orientiert sich zur Mitte des Zimmers .[10]

Der Bittspruch

Beschreibung und Ikonographie

Die beiden Medaillons an der Westseite der Decke präsentieren einen Bittspruch an den Herrn Jesus. In der ersten Kartusche steht sehr schlecht erhalten: „HER IESU / SEI AUCHS BIS / BEI MIER WEN ICH / SCHLIESEN WER=/[DE] ME[I]NE [T]Ü[:]R“, in der zweiten Kartusche ist zu lesen: „HER IESU / KOMM MIER / FRÜH ENTGEGEN /WEN ICH GEHE / AUFF MEINEN / WEGEN.“[11]

Malerei- und Inschriftenreste an den Balken

Beschreibung und Ikonographie

Auf den Seitenflächen der putzummantelten Balken befand sich, analog zu den Deckenfeldern gemalt, ebenfalls Rankenwerk mit je zwei Kränzen an der Ost- und Westseite. Lediglich geringe Reste haben sich erhalten. In den Kränzen waren Sinnsprüche zu lesen, die jedoch fast alle nicht mehr zu entziffern sind. Ausschließlich an den beiden östlichen Balken bleiben sie einigermaßen lesbar. Zu entziffern ist noch: „MAN SOL IN ALLEN SACHEN […]“, „JETWEDEN IST SEIN ZIEL BESTIMT […]“, „HIN GEHT DIE ZEIT HER KOMT DER TODT […]“, „WER ZU GWISSER ZET DAS GELT […]“, „EIN MENSCH IHN FÜRSETZET VIEHL […]“, „AUS GOTTES VATTER SCHOS DER SEGEN […]“, „[…]D[…]“, „[…] AUFRICHTIG […]“, „[…] IHR N[…]“.[12]

Malereireste an den Wänden

Befund – Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Die Wände sind seit dem 14. Jahrhundert mehrfach umgestaltet worden: Fenster und Türen wurden zugesetzt und andere Öffnungen eingebrochen. Aufgrund der bemalten Balkenschürzen ist anzunehmen, dass auch die Wände im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts, wie die Decke, bemalt waren. Wegen ihres fragmentarischen Zustands wurde die Malerei jedoch nicht freigelegt. Ferner konnten geringe Reste einer älteren, zarten, schwarzen Rankenmalerei auf der Nord- und Südwand nachgewiesen werden. In einer östlichen Nische fanden sich Reste einer Vorhangmalerei mit gerafftem Stoff und zwei Ringen.[13]

Beschreibung und Ikonographie

Nach Entfernen der abgehängten Decke traten an den Längswänden des Saals zwischen den Deckenbalken nicht - übermalte Fragmente der ehemaligen Wandmalerei zutage. Es handelt sich um eine barocke Malerei auf gaublauem Grund mit sich einrollenden, goldenen Akanthusranken. Wie weit sie sich nach untern fortsetzte, ist unklar. Da Decke und Wand gemeinsam verputzt worden sind und beide Malereien in Leimfarben aufgeführt wurden, ist von einer annähernd zeitgleichen Ausführung auszugehen. Sehr wahrscheinlich war die ganze Wand – zumindest bis zu einer Lambris – mit der ornamentalen Akanthusmalerei bedeckt.[14]

Bibliographie

  • Literatur:
  • Kaspar/Korn, Minden 3, 2000. – Kaspar, Fred/Korn, Ulf-Dietrich: Stadt Minden. Altstadt 3, die Profanbauten. Teilband 2. Bearbeitet von Fred Kaspar und Peter Barthold (Bau- und Kunstdenkmäler von Westfalen, 50). Essen 2000.
  • Strohmann, Neufunde, 1995. – Strohmann, Dirk: Neufunde dekorativer Wand- und Deckenmalerei der Spätgotik und des Barock im Hause Simeonstraße 19 in Minden und ihre Präsentation, in: Die Denkmalpflege. Wissenschaftliche Zeitschrift der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger in der Bundesrepublik Deutschland 53 (1995), Nr. 1, S. 66-72.
  • Wehking, Minden, 1997. – Wehking, Sabine (Bearb.): Die Inschriften der Stadt Minden (Die deutschen Inschriften, 46). Wiesbaden 1997.
  • Archivalien:
  • Akte II, 1975-1992. – Landschaftsverband Westfalen-Lippe. Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen. Archiv. Bismarckstrasse 8. Schlossanlage „Haus Sassendorf“. (Schloss, Gräfte, Brücke, 2 Wirtschaftsgebäude, Park). Bad Sassendorf. Kreis Soest. Akte II 1975-1992.

Einzelnachweise

  1. Kaspar/Korn, Minden 3, 2000, S. 2161-2171. Akte II, 1975-1992.
  2. Kaspar/Korn, Minden 3, 2000, S. 2161-2164, 2168-2169; Strohmann, Neufunde, 1995, S. 66. Akte II, 1975-1992.
  3. Kaspar/Korn, Minden 3, 2000, S. 2161-2162. Akte II, 1975-1992.
  4. Kaspar/Korn, Minden 3, 2000, S. 2168. Akte II, 1975-1992.
  5. Kaspar/Korn, Minden 3, 2000, S. 2164, 2169-2170; Strohmann, Neufunde, 1995, S. 66, 72. Akte II, 1975-1992.
  6. Kaspar/Korn, Minden 3, 2000, S. 2169; Strohmann, Neufunde, 1995, S. 66. Akte II, 1975-1992.
  7. Kaspar/Korn, Minden 3, 2000, S. 2170; Strohmann, Neufunde, 1995, S. 66-69. Akte II, 1975-1992.
  8. Kaspar/Korn, Minden 3, 2000, S. 2170; Strohmann, Neufunde, 1995, S. 67-70. Akte II, 1975-1992.
  9. Kaspar/Korn, Minden 3, 2000, S. 2170; Wehking, Minden, 1997, S. 172; Strohmann, Neufunde, 1995, S. 71.
  10. Kaspar/Korn, Minden 3, 2000, S. 2170; Wehking, Minden, 1997, S. 171-172; Strohmann, Neufunde, 1995, S. 70. Akte II, 1975-1992.
  11. Wehking, Minden, 1997, S. 172; Strohmann, Neufunde, 1995, S. 70.
  12. Kaspar/Korn, Minden 3, 2000, S. 2170; Wehking, Minden, 1997, S. 172; Strohmann, Neufunde, 1995, S. 70.
  13. Kaspar/Korn, Minden 3, 2000, S. 2169-2170; Strohmann, Neufunde, 1995, S. 66-67, 71-72. Akte II, 1975-1992.
  14. Strohmann, Neufunde, 1995, S. 66-67. Akte II, 1975-1992.