Memmingen, Maximilianstraße 5
Inventarnummer: cbdd20254
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Die Fassadengestaltung des Memminger Bürgerhauses und die darin erhaltene freskale Ausstattung vermitteln auf ihre ganz eigene Weise einen anschaulichen Eindruck gehobener Wohnkultur in der Reichsstadt Memmingen des 18. Jahrhunderts.

Lage, Bau- und Ausstattungsgeschichte
Lage
Die Maximilianstraße ist eine der Hauptstraßen im historischen Stadtkern der ehemaligen Reichsstadt Memmingen. Ihre Ost-West-Ausrichtung erstreckt sich heute vom Bahnhof aus und führt zum Weinmarkt, dem ehemaligen Platz der Zünfte.
Bau- und Ausstattungsgeschichte
Im Jahre 1728 erwarb Johann Wannenmacher, der Memminger Stadtwerkmeister, das Haus an der Maximilianstraße.[1] Sein beruflicher wie sozialer Anspruch war es, die Gesamterscheinung des Gebäudes im vorherrschenden Zeitgeschmack umzugestalten, womit er, so darf man wegen fehlender archivalischer Nachrichten vermuten, seine eigene Baufirma beauftragte.
Das Bauwerk
Die Besonderheit der Süd-Fassade des zweigeschossigen Traufhauses besteht darin, nicht nur im längs gerichteten Kontext des Straßenzuges, sondern auch vom gegenüber liegenden Mangplatz aus wahrgenommen werden zu können. Erst von hier aus erschließt sich wegen der freien Ansicht des Gebäudes deren gestalterisch gehobener Standard, der sich im analytischen Vergleich mit anderen Fassadenlösungen in der Reichsstadt Memmingen bestätigt.
Der Stadtwerkmeister Johann Wannenmacher, der selbst Besitzer des Gebäudes war, nutzte diese städtebaulich vorgegebene Platzsituation, um sein Eigentum in Szene zu setzen und es als Ausweis seiner städtischen Profession und sozialen Position in der eher übersichtlichen Memminger Gesellschaft zu präsentieren.
Die im architektonischen Gesamtbild von Memmingen auffallenden Kriterien lassen sich einerseits am Aufbau des Bürgerhauses und andererseits an der Verwendung der strukturierenden Gliederung festmachen. Diese zeugt auf alle Fälle von der grundsoliden Kenntnis und dem Verständnis der seit Vitruv eingeführten Architekturtheorie und dem überlegten Einsatz der Säulenordnungen als rhetorisches Mittel einer sprechenden Architektur.
So vermitteln im Erdgeschoss die genuteten Lisenen und die Keilsteine über den hochrechteckigen Öffnungen insgesamt einen stabilen, das gesamte Gebäude tragenden Charakter. Das darüber befindliche Stockwerk zeigt hingegen eine ganz andere Auffassung. Dort verwendete der planende Baumeister die toskanische Pilasterordnung nicht nur als geschossgliederndes Mittel, sondern ebenso dazu, die dahinter liegenden Räumlichkeiten als das zum Wohnen bevorzugte Piano nobile hervorzuheben und auszuzeichnen.
Diese Intention verstärken die Stuckfelder ober- und unterhalb der sechs Fensteröffnungen, welche für großen Lichteinlass sorgen.
Über den beiden Mittelachsen befindet sich im Dachbereich ein zweiteiliges, hoch aufragendes und zusätzliche Innenräume generierendes Zwerchhaus, dessen erstes, zweifenstriges Geschoss mit jonischen Pilastern besetzt ist. Die geschweiften Anschwünge und der Dreiecksgiebel bilden den oberen Abschluss des Zwerchhauses.
Dieses regelkonform gegliederte Hauptgebäude wird auf der Westseite von einer dreigeschossigen, etwas zurückgesetzten Wandachse begleitet, die gestalterisch zwar zurückgenommen ist, aber innenräumlich dem Kernbau zugehört. Die grundsätzliche Gestalt dieses Bürgerhauses orientiert sich in etwas vereinfachter Form am Fassadenschema der Memminger Großzunft, das, prominent am Marktplatz stehend, 1718/19 von Wannenmacher seine bis heute sichtbare Gestalt erhielt.[2]
Bei diesem städtischen Auftrag orientierte sich der Stadtwerkmeister an bereits vorgeprägte Muster der Zeit um 1600, wie sie zum Beispiel exemplarisch am Rathaus von Bremen zu beobachten sind.
Der Auftraggeber: der Memminger Stadtwerkmeister Johann Wannenmacher
Den Auftrag für die Gestaltung, genauer: die Um-Gestaltung des Gebäudes erteilte der Memminger Stadtwerkmeister Johann Wannenmacher (?–?), der ab 1728 das Anwesen besaß.
Der Wohnraum im 1.OG: Beschreibung und Maße
Der mit dem Deckenbild versehene ehemalige Wohnraum befindet sich in der westlichen Hälfte des 1. Obergeschosses. Er wird von den drei relativ großen Südfenstern und einem Westfenster belichtet, was ihm insgesamt viel Helligkeit verleiht.
Direkten Zugang hat man vom Gang aus, der auch die westlich und östlich gelegenen Räumlichkeiten erschließt.
Mit einer Grundfläche von knapp 30qm (5,7m Länge und 5,1mBreite) bei einer Deckenhöhe von 3,1m ist der Raum ein gutes Beispiel von gehobenem bürgerlichen Wohnen in Memmingen.
Die Auftraggeberin des Deckengemäldes: Catharina Wannenmacher, Witwe Johann Wannenmachers
Catharina Wannenmacher (?–?), die Witwe des Memminger Stadtwerkmeisters Johann Wannenmacher gab um 1738 den Auftrag zur Ausmalung der Wohnstube.[3] Das hierfür ausgewählte und dargestellte Thema mit der ,Vermählung von Bacchus und Ariadne‘ sollte auf allegorische Weise das mythologische Liebes- und Ehepaar als nachahmenswertes Vorbild für die eigene Lebensführung in bleidende Erinnerung rufen.
Der Künstler: Franz Georg Hermann (1692–1768) zugeschrieben
Das nicht signierte und datiere Deckengemälde wurde von dem Kemptener Hofmaler Franz Georg Hermann (1692–1768) ausgeführt. Mehrere Umstände sprechen dafür: Zum einen existiert von ihm eine fast identische Wiederholung des Bildmotivs im Deckengemälde des Saales im Kemptener Ponikau-Haus, das er signierte und auf das Jahr 1741 datierte. Zum anderen sprechen die ungewöhnliche maltechnische Ausführung genauso für Hermann wie die stilistischen Eigenheiten der Figurenbildung.
Die Maltechnik: Ölfarben auf Putz
Der Kemptener Hofmaler Franz Georg Hermann malte „[e]ntgegen der Entwicklung in der Deckenmalerei [...] nicht in ,fresco buono‘, also in Kalkfarben auf frischen Verputz, sondern in Ölfarben. Wie Cordula Böhm glaubhaft machte, hat Hermann diese Technik wohl von Karl Jakob Stauder gelernt [...]. Beeindruckt war man von der Öltechnik an der Decke von den tiefen und leuchtenden Farben, daß diese im Gegensatz zum Fresko nachdunkeln würden, wusste man noch nicht. Neben den Nachteilen hatte diese Technik jedenfalls einen Vorteil: Man war nicht gezwungen in Tagwerken schnell und ohne Möglichkeit von Korrekturen zu arbeiten, man konnte wie an einem Staffeleibild malen [...] und das Deckenbild in die Sphäre der Raumdekoration einbinden [...].“[4]
Das Deckengemälde: Bacchus und Ariadne
Das circa 2,2 x 2,5m große Gemälde beinhaltet zwei mythologische Figuren, die in dieser Konstellation nicht unbekannt sind, während der darauf dargestellte Moment ihrer Begegnung hingegen eher seltener ist. Gezeigt werden der Weingott Bacchus und die kretische Königstochter Ariadne im Akt ihrer Vermählung und, im mythologischen Zeitsprung, deren spätere Verstirnung am Sternenhimmel, ausgedrückt mit dem Sternenreif, den zwei Putten über ihr herbeifliegen.
Der auf einer Wolkenbank stehende Bacchus und die darauf sitzende, von ihm zärtlich umarmte Ariadne werden hier nicht nur als ein innig verliebtes Paar gezeigt, das sich sehr zugeneigt ist. Bildmotivisch am aussagekräftigsten ist die behutsam-bewußte Begegnung ihrer rechten Hände, die eine „manus-Ehe“[5]wiedergibt und seit der Antike als sprechendes Zeichen einer vollzogenen Vermählung gilt.
Am unteren Bildrand nehmen Satyrkinder die Hochzeit zum Anlass, um Weintrauben auszupressen, daraus Wein herzustellen und das produzierte Getränk dem Brautpaar als Vermählungstrunk anzubieten. Gleichzeitig versuchen die kleinen Begleiter die vor den Wagen von Bacchus gespannten Zugtiere im Zaum zu halten.
Die künstlerische Gestaltung und Komposition des Gemäldes ist ganz auf die Darstellung des Brautpaares ausgerichtet, um deren Sinngehalt noch eindrücklicher zu veranschaulichen. Auch die farbintensive Kleidung, der rote wehende Mantel von Bacchus sowie das weiße Kleid und der blaue Mantel von Ariadne unterstützt diesen Aspekt genauso wie die bewusst zurückgenommene monochrome Darstellung der übrigen im Bild anwesenden Figuren und Gegenstände.
So treten aus diesem Grund auch die Putten, die den Sternenreif herbeibringen oder den mit Weinlaub umwickelten Thyrsusstab vorzeigen, genauso wie der Triumphwagen mit dem Kinder- und Tierpersonal auf den ersten Blick auch weniger detailliert in Erscheinung.
Dieses bildnerische Konzept, aus einem Minimum an Figurenanzahl ein Maximum an inhaltlicher Aussage zu entwickeln, dürfte wohl auf den Wunsch der Auftraggeberin zurückzuführen sein. Ihr emotionales Anliegen war es wohl, den Verlust ihres Ehemannes mit der Versinnbildlichung des mythologischen Liebes- und Ehepaares zu kompensieren und ein bildliches Vermächtnis der in gegenseitiger Zuneigung verbrachten Ehezeit zu stiften.
Diese thematische Konzentration erbrachte, bildtraditionell gesehen, zugleich den Verzicht auf jeglichen Hinweis aus der Vorgeschichte von Bacchus und Ariadne, welche über die Jahrhunderte hinweg viele Maler zum Anlass nahmen, eine figurenreiche Erzählung darzustellen.
Das Deckengemälde als Vorlage für das Ponikau-Haus in Kempten
Die Darstellung von der Hochzeit des Weingottes Bacchus mit seiner geliebten Ariadne übertrug der Freskant Hermann mit geringen formalen und motivischen Abweichungen kurze Zeit später auf die Decke des Saales im Ponikau-Haus in Kempten.
Der entscheidende Unterschied besteht allerdings weniger in den geringfügigen formalen Änderungen, sondern in der thematischen Umgewichtung des mythologischen Ehepaares, das Franz Georg Hermann in dem Kemptener Patrizierhaus in eine vielfigurige allegorische Erzählung zur Stadtgeschichte integrierte.[6]
Programm und Synthese: Bacchus und Ariadne, Sinnbild der harmonischen Ehe
1.OG: Wohnraum: Deckenbild: Bacchus und Ariadne: Ikonographie
Das wissenschaftlich bisher kaum beachtete und untersuchte Fresko in dem Memminger Bürgerhaus ist in ihrer thematischen Bestimmung nur unzureichend erfasst, obwohl die Darstellung eigentlich nur geringen Deutungsraum lässt.
Bezieht man die archivalisch bekannte Auftraggeber-Situation in die Themen-Bestimmung mit ein, erscheint die Angabe von „Bacchus und Ariadne“[7] als viel zu unspezifisch. Und auch die ein Narrativ suggerierende Deutung von „Bacchus findet Ariadne“[8] lässt sich am Gemälde nicht wirklich verifizieren.
Versucht man hingegen die überlieferten Erzählmotive antiker Autoren mit der Auftraggeberlage in inhaltlichen Einklang zu bringen, so könnte man folgende Motivation für die Themenwahl konstruieren: Die Witwe Catharina Wannenmacher[3], die gerade ihren geliebten Ehemann verloren hatte, wollte, in Erinnerung und Gedächtnis an ihn, eine die eigene Lebenszeit überdauernde Versinnbildlichung ihres scheinbar als harmonisch empfundenen Ehelebens.
Um diese persönlichen Lebensumstände in allegorisierter Form adäquat zu übersetzen, bot sich ein breiter Fundus bekannter mythologischer Narrative an. Idealtypisch scheint für die Auftraggeberin die Erzählung von Bacchus und Ariadne gewesen zu sein, deren mythologisch-märchenhafte Version von Liebe und Ehe man zur Ausstattungszeit als vorbildhaft verstand.
Die damals weitverbreitete Version war folgende: Der Weingott Bacchus hatte sich auf der Insel Naxos in Ariadne, die dort gerade von ihrem Geliebten Theseus so schmählich verlassene Königstochter, unsterblich verliebt und war dafür bereit, sein einstiges wildes und rauschhaftes Streunerleben aufzugeben, um mit seiner Ariadne den Bund fürs Leben zu schließen und eine harmonische Ehe mit reichem Kindersegen zu führen.
Diese, von außen gesehen, radikale Änderung seiner Lebensweise, naturgemäß unter dem Einfluß der himmlischen Liebeskräfte von Amor, die schließlich in ein Ehebündnis führte, ist die helle Seite in der abwechslungsreichen Biographie von Bacchus, so zumindest deutet es uns der Maler mit seinen ihm zur Verfügung stehenden bildnerischen Mitteln an.
Aber, dieser harmonisches Glück verheißende Neuanfang ist gleichzeitig mit dem Überwinden und Zurücklassen der vorherigen, dunkleren Lebensphase verbunden. Aus diesem Grund sind sein in durch die verschiedenen Länder tragendes Gefährt, die ihn ziehenden Raubtiere und die weinbegeisterten Satyrkinder zuerst nur als eine dunkle, motivisch kaum ausdifferenzierbare Malmasse wahrnehmbar.
Auf diese gestalterische Art löst sich der Weingott Bacchus von seiner exaltierten und rauschhaften Lebensführung, denn im damaligen Zeitverständnis bedeutete der Wagen „die Unbeständigkeit der Betrunkenen, denn zu viel Wein lässt das menschliche Gehirn oft sich drehen, wie sich die Wagenräder drehen.“[9] Und auch die Zugtiere, Tiger und Panther, verstärkten diese negativen Auswirkungen des Weingenusses, denn sie „zeigen die Grausamkeit der Betrunkenen [...].“[9]
Bibliographie
- Bauer, Hermann, 1992 — Bauer, Hermann: Franz Georg Hermann 1692–1768 (=Festschrift der Stadt Kempten (Allgäu) zum 300. Geburtstag am 29. Dezember 1992), Kempten (Allgäu) 1992
- Bayer, Hermann, 2007 — Bayer, Günther: Memminger Maler zur Zeit des Barock. Lebensbilder und Werke. Franz Georg Hermann. Neue Forschungsergebnisse, Lindenberg 2007
- Breuer, Memmingen, 1959 — Breuer, Tilmann: Stadt und Landkreis Memmingen (=Kreisel, Heinrich/Horn, Adam (Hgg.): Bayerische Kunstdenkmale IV: Stadt und Landkreis Memmingen. Kurzinventar), München 1959
- Bushart/Paula, Schwaben, 2008 — Bushart, Bruno/Paula, Georg: Bayern III, Schwaben (=Dehio, Georg: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Bayern III, Schwaben), München/Berlin 2008 (2. Auflage)
- Ripa, Iconologia, 2012 — Ripa, Cesare: Iconologia, Turin 2012
- Weeber, Alltag, 1995 — Weeber, Karl-Wilhelm: Alltag im Alten Rom, Zürich 1995 (2. Auflage)
Einzelnachweise
- ↑ Breuer, Memmingen, 1959, S. 47.
- ↑ Bushart/Paula, Schwaben, 2008, S. 717.
- ↑ 3,0 3,1 Bayer, Hermann, 2007, S. 127.
- ↑ Bauer, Hermann, 1992, S. 11–12.
- ↑ Weeber, Alltag, 1995, S. 179–181, bes. S. 180.
- ↑ Dreyer, Kempten, Ponikau-Haus: Dreyer, Angelika: Kempten, Ponikau-Haus, Rathausplatz 10–12 (cbdd20251), in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2025, URL: www.deckenmalerei.eu/79f0652d-b1d1-489a-8ef1-59eedcb85f11, letzter Zugriff: 2025-08-30
- ↑ Bushart/Paula, Schwaben, 2008, S. 721.
- ↑ Bayer, Hermann, 2007, S. 129.
- ↑ 9,0 9,1 Ripa, Iconologia, 2012, S. 84.