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Marburg, Ledertapeten aus dem Haus Markt 8

Aus Deckenmalerei-Lab
Marburg, Ledertapeten aus dem Haus Markt 8, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2026, URL: www.deckenmalerei.eu/162021b9-1b14-44ec-b354-45c491c3554c

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Der Text dieses Artikels steht – ausgenommen Abbildungen – unter der Lizenz CC BY 4.0. Dieser Artikel ist lediglich eine Kopie der Originalveröffentlichung auf deckenmalerei.eu und kann veraltet sein; maßgeblich ist die dortige Originalfassung.

Im Museum für Kunst und Kulturgeschichte Marburg haben sich Fragmente von Ledertapeten erhalten, die vermutlich im späten 18. Jhd. mit mythologischen und genrehaften Motiven bemalt wurden. Sie wurden 1907 im Haus Markt 8 aufgefunden, stammen möglicherweise aber aus einem anderen Kontext.

Das Gebäude Markt 8 (Auffindeort der Tapeten)

Das Haus mit der Adresse Markt 8 befindet sich in äußerst zentraler Lage an der Westseite des Marburger Marktplatzes, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Rathaus. Es ist über einen zweigeschossigen Fachwerkgang auf Höhe des ersten und zweiten Stocks direkt mit dem Küchenbau des Rathauses verbunden, der 1754/55 an dessen Westseite errichtet wurde.

Hinweise zur genauen Erbauungszeit des Gebäudes Markt 8 fehlen, der Bauplatz ist in der Mitte des 18. Jahrhunderts belegt [1]; ein Aquarell, das auf 1750 datiert wird, zeigt im Hintergrund eines Freudenfeuers vor dem Rathaus ein Haus an dieser Stelle als fünfgeschossiges Fachwerkgebäude mit mindestens zwei schieferverschlagenen Giebeln.[2] Plan- und Archivmaterial zu dem Haus liegt erst seit dem 20. Jahrhundert vor. Darin wird es auch als "Hastenpflug'sches" Haus bezeichnet - eine Verbindung, die mindestens auf das 1889 nachweisbare Wollwarengeschäft eines Wilhelm Hastenpflug zurückzuführen ist [3]. Dass Namensvetter "Hastenpflug" bereits seit dem 18. Jahrhundert in Marburg nachweisbar sind, eröffnet die Möglichkeit, dass das Gebäude vielleicht schon länger im Besitz einer Familie dieses Namens war, lässt sich aber an dieser Stelle nicht nachweisen. [4]

Vergleiche der äußeren Erscheinung offenbaren, dass das Gebäude insgesamt im 20. Jahrhundert stark verändert wurde: Während Aufnahmen von Bickell [5] es noch mit fünf verputzen Geschossen und einer verschieferten trapezförmigen Gaube in Richtung Markt zeigen, die aus einem Mansardwalmdach ragt, weist das Gebäude heute vier Geschosse und ein breiteres, höheres Giebelgeschoss mit Schieferbeschlag auf, das Dach ist in einer simpleren Form gewalmt. Spätestens im frühen 20. Jahrhundert wurde das Gebäude für die Stadtverwaltung umgenutzt, denn zwischen 1906 und 1922 weisen mehrere Grundrisse Um- und Einbauten zur Nutzung als öffentliches und Verwaltungsgebäude aus; so wurden etwa eine "öffentliche Bedürfnisanstalt" und ein "Lichtpausraum" sowie eine Wachstube für die Stadtwache im Erdgeschoss eingerichtet.[6] Über das Aussehen der Innenräume vor diesem Umbau liegen keine Informationen vor.

Die früheste bekannte Dokumentation der Ledertapeten ist eine Fotodokumentation einzelner Abschnitte von 1979. Entsprechend der Beschriftung dieser Bilder wurden die Tapeten 1907 im Haus Markt 8 "entdeckt".[7] Wo und ob sie überhaupt tatsächlich dort gehangen haben, ist jedoch fraglich. Die Fotos geben keinen Aufschluss darüber, wie genau sie gefunden wurden, und eine ergänzende Dokumentation der Auffinde-Situation ist nicht bekannt. Vermutlich waren die Tapeten längere Zeit gefaltet oder aufgerollt und wurden möglicherweise nur in dem Gebäude Markt 8 gelagert. Auch wurden die Tapeten teilweise an ungewöhnlichen Stellen zerschnitten oder Teile ausgeschnitten – dies mag auf spätere Einbauten an ihrem ursprünglichen Standort hinweisen, oder aber auf eine Wiederverwendung in einem neuen Raum oder Gebäude.

Die Ledertapeten mit Szenen der Geschichte des Telemachus und Gesellschaftsszenen (?)

Die Malereien wurde in Ölfarbe auf Ledertapete gemalt. Wie im vorigen Abschnitt beschrieben, kamen sie möglicherweise beim Umbau des Hauses Markt 8 im frühen 20. Jahrhundert hinter einer Wandverkleidung wieder zum Vorschein oder waren im Gebäude eingelagert, die Fotodokumentation aus dem Jahr 1979 bezeichnet sie als "entdeckt 1907".[8] Die Fotos der nach dem Wiederauffinden ins Universitätsmuseum Marburg überführten, in unterschiedlich große Stücke aufgetrennten Tapete zeigt sie zerknittert und mit starken Faltspuren, abgeriebenen Fehlstellen und mehreren Retuschen/Reparaturen.

Die Tapete ist nicht signiert und ein Künstler oder die Herkunft aus einem anderen Kontext ist nicht bekannt; sie wird in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts datiert. Das Hauptmotiv, die Geschichte des Telemachus, untermauert diese Annahme. Nach der ersten Veröffentlichung von François de Salignac de La Mothe-Fénelons Roman Les Aventures de Télémaque 1699 war der Stoff dieses an die antiken homerischen Epen angelehnten Romans im Verlauf des 18. Jahrhunderts ein wiederkehrendes Sujet. [9] Das Buch gewann unter den Zeitgenossen schnell Popularität und Aufsehen; Fénelon schickt darin den jungen Helden Telemachus auf eine Irrfahrt, die der seines Vaters Odysseus gleicht. Ihm steht ein weiser Begleiter bei, Mentor genannt, bei dem es sich eigentlich um die Göttin der Weisheit, Athene, handelt. Mit ihm begibt sich Telemachus auf die Suche nach seinem Vater, der nach der Schlacht von Troja nicht in seine Heimat Ithaka zurückkehren kann, nachdem er den Zorn des Meeresgottes Poseidon auf sich gezogen hatte. Im Verlauf seiner eigenen Reise entwickelt Telemachus die Einsicht, dass seine Erlebnisse ihn selbst geprägt haben, und dass er Weisheit entwickelt hat, auch wenn er vom Vater getrennt blieb, von dem er ursprünglich gerechte Herrschaft und Stärke erlernen wollte. Die Geschichte wurde nach der Veröffentlichung als Kritik an der Regierung von Ludwig XIV. gedeutet, denn Fénelon hatte sie als Lektüre für dessen Enkel geschrieben. Der König, unter dessen Privileg der erste Teil der Aventures noch gedruckt worden war, verbannte den Autor daraufhin. Das Buch wurde dennoch innerhalb kürzester Zeit in mehreren Sprachen übersetzt und in den folgenden Jahrzehnten in zahlreichen Auflagen verlegt, meist begleitet von Illustrationen von Schlüsselszenen, und erhielt so eine weite Verbreitung.

Die Ledertapeten mit Landschafts- und Gesellschaftsszenen

Bibliographie

Einzelnachweise

  1. Atlas Marburg, 1934, Tafel 8 (rekonstruierter Stadtplan um 1750), hier Nr. 22, "Helm")
  2. Atlas Marburg, 1934, Tafel 62,1.
  3. StadtA MR, N 1, 495 (in)
  4. siehe HStAM, 5, 3697: ein "Posamentier Hastenpflug zu Marburg" bekommt ein "Privileg zur Anlage einer Fabrik von seidenen Bändern " erteilt.
  5. Atlas Marburg, 1934, Tafel 66,1.
  6. vgl. StadtA MR, S 1, P II 103/1 und StadtA MR, S 1, P II 103/3
  7. z.Bsp. Inv. 16.403 http://id.bildindex.de/thing/0001676078
  8. siehe zum Beispiel Aufnahme-Nr. 400.013, http://id.bildindex.de/thing/0001676086
  9. Die anonyme Erstausgabe erschien als Suite du quatrième livre de l'Odyssée d'Homère, ou les Avantures de Télémaque, fils d'Ulysse, Paris, chez la Veuve de Claude Barbin, 1699. Spätere Ausgaben erschienen aber unter dem Namen Fénelons.