München-Thalkirchen, Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Maria


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 3, Teil 1: Stadt und Landkreis München. Sakralbauten. Hirmer, München 1987, ISBN 978-3-7991-6111-4, S. 102–106, geschrieben von Lüdicke, Lore. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

THALKIRCHEN St. Maria

Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Maria, Fraunbergplatz 1, Erzdiözese München und Freising; z. Z. der Ausmalung war der Pfarrsitz in Sendling bei St. Achaz, Landgericht Wolfratshausen

Patrozinium: Mariä Himmelfahrt

Zum Bauwerk: In St. Maria Thalkirchen wird eine Gründung von Kloster Schäftlarn vermutet. Zur mittelalterlichen Pfarrei gehörte nach Ausweis der Konradinischen Matrikel von 1315 das ganze Gebiet links der Isar.

Der Kirchenbau weist in Turm und LHs spätromanische Teile auf. Der Bau des Chores – gegen 1400 – wird auf ein Gelöbnis der Grafen Wilhelm und Christian von Fraunberg zurückgeführt, wie es das Inschriftband mit dem Fraunberger-Wappen an der O-Seite des Chorbogens angibt »DIS GOTTSHAUS IST AUSS GLIBT UND SCHULTIGEN DANCKH DER HIM MELSKONIGIN MARIA ZU EHRN ERPAUT WORDN ANNO 1372 VON DEI EDL/RITTER CHRISTIAN VON FRAUPERG WELICHER AUSS FEINDL CHER TODTS GE/FAHR SAMBT SEINEN BRUEDTER, ERLEST IS WORDEN.«

Im späteren 15. Jh. folgte das annähernd quadratische LHs mit einer Mittelstütze. Der 1482 von Pfarrer Lienhart Ruprecht bestellte Marienaltar der Werkstatt von Michel und Gregor Erhart in Ulm bezeichnet den Abschluß dieser Bauphase. Nach den Zerstörungen des 30jährigen Krieges gründeten die kurfürstlichen Hofmusiker 1656 das

»Marianische Ehr- und Zierdbündnis« zugunsten der Wallfahrtsgottesdienste.

Ab 1692 bemühte man sich um eine bauliche Erneuerung der Kirche (vgl. Oeller, in KKF, S. 6–8), diese wurde nach Ausweis der 1698 abgelegten und von Maximilian Ridler, Pfarrer Simon Soyer, Johann Andreas Wolf und Michael Khirnberger unterzeichneten »Paurechnung« (StadtA München, Kultusstiftungen 560/19) im April 1695 begonnen und 1698 vollendet. Im Vorwort zur Baurechnung werden die wichtigsten Baumaßnahmen aufgeführt, so die »auslesung des grossen in der Khürche stehenten Pfeillers wider des Gwölb uf ein neues mit gross starckhen Schleider zuverfestigen, die Fenster auszeprechen, weiter zumacher und neu zeglasen, ... item die Khürchen von schöner Stuckhator arbeith neben einem Oratorio yber die Sacristey, ein neuen Choraltar, Cänzl, Pfarrthürchen [die Portale?] Clausen, und Stüell alls neu zemachen ... 1695 den 19. April bis 1698 inclusive als 4 Jahr mit hochlöbl. Geistl. Rahts etc. Consens: und under der Direction etc. Herrn Johann Andre Wolf churfürstl. Hofmallers etc. craft. gdigisten [= gnädigsten] Bevälchs [der kurfürstliche Consens] sub dato 27. May 1695 angefangen: und 1698 vollendet ... « (Titelblatt).

1696 sind für Stukkator-Arbeiten Thomas Pader, Mathias Walser, Johannes Zimmermann und Magnus Scheffler angegeben. Für Johann Andreas Wolff finden sich für 1696 drei Einträge (fol. 25 r u. v, Nr. 33-35, s. S. 103) und für 1698 zwei: fol. 22 v, Nr. 3 »Bartholomäus Profisern Stuckatorn alhier für 4 Altarsäullen, welche Andre Wolf Churfürstl. Hofmahler angefrimbt: ...« und fol. 27r Nr. 56 »... Und den anderen [Seitenaltar] mit S: Josephi plat, v. H. Andre Wolf verfertiget. ...«

 

Aus der Abrechnung geht hervor, daß die bauliche Erneuerung 1696 im wesentlichen abgeschlossen war (mit Stuck und Deckenfresko), das bestätigt die Inschrift in der Laibung des Chorbogens: *RENQVATVM EST PERVESTVTVM / CELEBRE HOC TEMPLVM BEATAE MARIAE / VIRGINIS ANNO DOMINI M.D.CXC VI*. Der Hochaltar von 1698 wurde Mitte des 18. Jh. von Ignaz Günther umgestaltet, die Seitenaltäre von 1698 erhielten 1798 Altarblätter von Joseph Hauber. 1907–08 wurde im W die Musikempore und Klause abgerissen und von Gabriel Seidl ein oktogonaler Anbau angefügt.

Annähernd quadratisches, flach gewölbtes LHs zu drei Achsen und dreiseitig geschlossener, eingezogener und tonnengewölbter AR zu drei Jochen. Gliederung durch Wandpfeiler mit vorgelegten Pilastern und Gebälk mit reichem Stuckornament. Im AR an der S-Seite zwei Oratorien. Das LHs mit dem Flachkuppel-Fresko ist durch je zwei große und ein kleines rundes Fenster über der Tür von N und S und durch die sechs Fenster des Chores von O her sehr gut beleuchtet.

Auftraggeber: Simon Soyer, Pfarrer von Sendling (investiert 1687, resigniert 1712, † 1717); er ist in der Bauabrechnung als Stifter vermerkt und wird in der Grabsteininschrift als Erneuerer von drei und Erbauer von zwei Kirchen seines Pfarrsprengels gefeiert: »...tandem Ecclesiarum Renovatarum in TahllKirchen, Neuhausen & Söhln ac neo exstructarum in Untersendling & Höslo [= Hesselohe] ... «

Die Kirchenverwaltung lag beim Magistrat von München, das dokumentiert das Wappen Bayerns und Münchens am Chorbogen. Verwalter waren z. Z. der Ausmalung Johann Ignatius Ridler vom Inneren Rat und Michael Khirnberger (Kienberger) vom Äußeren Rat, der auch als Stifter aufgeführt ist. Kirchenpröpste: Wolf Floßmann und Jacob Wues (vgl. StadtA München, Kultusstiftungen, Rechnungsbücher 560/17 u. 18 und Bauabrechnung 1698 in 560/19 AEM, Bestand Sendling-Thalkirchen, Beschreibung der Pfarrei Sendling von Pfarrer Franz Vierneis von Sendling (1720–28). Der bayerische Kurfürst hatte das Patronat für das Benefizium Thalkirchen in Nachfolge der Grafen von Haag inne.

Autor und Entstehungszeit: Der Maler des Flachkuppelfreskos ist der Münchner Hofmaler Johann Andreas Wolff (*1652 † 1716 in München, vgl. CBD, Bd 3, II).

In der Bauabrechnung von Maria Thalkirchen findet sich für das Jahr 1696 unter der Nr. 34 folgender Eintrag: »Ersagten H. Wolf die Triumphierliche Crönung B.M.V. an Gwölb, und anderes zemallen, vermög Zötl 115.-- Gulden.« Die Einträge Nr. 33 und 34 sind belanglos: »...die Ziffern an der Uhr, auch die Zaiger ...«; »...umb farben zum Choraltar.. « (StadtA München, Kultusstiftungen 560/19, fol. 25 r u. v).

Das mit 115 Gulden hoch bezifferte Honorar spricht dafür, daß es sich bei der nicht näher bezeichneten Malerei um die sechs symbolischen Chorbilder handelt. Bei seinen Notizen zu Caspar Sing erwähnt Andreas Oefele, daß Wolff das Fresko von Thalkirchen gemalt habe.

Johann Andreas Wolff hat hier wohl zum ersten Mal die Freskotechnik angewendet. Die Deckenbilder für die Residenz sind in Öl auf Leinwand gemalt, ebenso wahrscheinlich das für 1698 überlieferte, zugrundegegangene Mittelbild des ehem. Jesuiten-Kongregationssaales (S. 235–40). Das Thalkirchener Deckenbild ist bislang das einzig bekannte Fresko Wolffs, sein schlechter Erhaltungszustand erlaubt kaum ein Urteil über seine Qualität.

Wolff hat in Thalkirchen nicht als Maler im Fresko, vielmehr als der künstlerische Leiter des Umbaues und der Ausstattung im Chorgewölbe signiert: Seine auf ein Schild gemalten Initialen I A W und darunter ein Wolf als Wappentier finden sich im Stuckornament unmittelbar über dem Hochaltar. In der angeführten Bauabrechnung hat Wolff seine Unterschrift (fol. 31) »Johann Andreas Wolff Churfst. HofMahler« gesiegelt. Das Wappen zeigt hier oben den – wie im Stuckschild – nach links springenden Wolf und darunter die Initialen, jeweils in einem kleineren Schild.

Befund

Träger der Deckenmalerei: A Das mehrteilige gotische Rippengewölbe wurde zu einer Flachkuppel über Pendentifs gestaltet. a-f Stichkappen des Tonnengewölbes im AR Rahmen: A Stuckgesims mit Kyma und Akanthusgewinde, a–f vier von Puttoköpfen und zwei von Muscheln gekrönte Stuck-Kartuschen

Technik: Fresko; polychrom

Maße: A Höhe 10,30 m (Stich 0,70 m), Ø 6,10 m

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Restaurierungen 1936 (Bushart, S. 14), 1959 (?), 1981 durch Norbert Fischer, Egling an der Paar.

Das Flachkuppelfresko A ist sehr schlecht erhalten. Umrisse und Binnenzeichnung der Figuren sind nachgezeichnet und vergröbert, die Licht- und Schattenkontraste verschärft und verfälscht. Besonders auffällig ist das bei Christus und Maria zu beobachten, deren Inkarnate zudem wie weiß »gepudert« erscheinen. Die Farbsubstanz hat augenscheinlich stark gelitten, denn nur an wenigen Stellen kommt eine original wirkende, hell und kühl gestimmte Farbigkeit zum Vorschein, so z. B. bei den Putti mit dem Inschriftband »Regina Caeli« und bei den die Weltkugel tragenden Engeln oder auch beim lichtblauen Gewand Mariens. Das Rot in Christi Mantel dagegen ist verdorben. Das lichte Zentrum des Bildes ist farblich ausdruckslos und stumpf. Die verwaschen-unförmigen Randwolken lassen deutlich Restaurierung erkennen.

Auch die Kartuschbilder a-f zeigen eine auffrischende Nachzeichnung (photographische Aufnahme vor der Restaurierung von 1981).

Das Deckengemälde im neubarocken Anbau von Gabriel von Seidl, die Anbetung der Könige sowie drei Ovalmedaillons in den Schildbögen der südlichen Chorwand, von W:

 
 
A Empfang und Krönung Mariens im Himmel

Beschreibung und Ikonographie

A EMPFANG UND KRÖNUNG MARIENS IM HIMMEL Die figürliche Komposition ist wohl nur in den Hauptfiguren und den wichtigsten Engelsgruppen ganz erhalten, denn weite Bildpartien zeigen Füllwolken (vgl. Erhaltungszustand) und die darin vorhandenen Engel oder Köpfchen lassen weitere, nicht mehr vorhandene Figuren vermuten.

In der Bildanlage ist eine axiale Kompositionsordnung im Sinne der Tafelmalerei für die Hauptfiguren verbindlich. Zentrum der Komposition ist eine Gloriensonne mit dem hellen Dreifaltigkeitssymbol. Die Szene der Marienkrönung spielt vor der hellen Himmelsöffnung, während zum Kuppelrand hin das Bild durch die dunklen Farbwerte der schweren Wolken abgeschattet ist. Maria wird auf einer Wolke von Putti nach oben getragen. Sie tritt auf den Kopf der Schlange mit dem Paradiesapfel. Putti tragen die Weltkugel und die Mondsichel zu ihren Füßen: Sie wird dadurch als Immaculata Conceptio gekennzeichnet. In der Rechten hält sie ein Zepter mit bekrönenden Lilien als Symbol sowohl ihrer Reinheit als auch ihrer Eigenschaft als Himmelskönigin (zum Lilienzepter als Attribut Mariens als Braut des Hl. Geistes s. LCI, Bd 3, Sp. 201, Abb. 24). Von oben neigt sich Christus über Maria und hält die Krone über ihr Haupt. Unter seinem bauschig auffliegenden Mantel sieht man Putti, dahinter das große Kreuz. Über der Krönungsszene schwebt die Taube des Hl. Geistes.

Christus und Maria sind von vielen Engeln und Putti in den Wolken begleitet: sie spielen in den Falten der weitgebreiteten Gewänder, umgeben in einem weiten Wolkenring die Glorie, halten Attribute und streuen Rosen (am östlichen Bildrand). Links neben Maria umarmen sich zwei Putti: Darüber steht die Inschrift REGINA CAE (ligiert) LI. Rechts von Maria ist eine Gruppe großer Engel ihr kompositionell zugeordnet; sie huldigen Christus mit einem Weihrauchfaß. Darunter befinden sich Putti mit Kränzen, Rosen und einem Schild mit der Inschrift VNDE. Zwischen beiden Inschriften besteht ein Kausalzusammenhang: Tugenden und Taten Mariens, durch die verschiedenen Attribute symbolisiert, sind der Grund (unde) ihrer Erhebung zur Himmelskönigin. Am südöstlichen Bildrand musizierende Engel.

Die Mariendarstellung ist von sechs Kartuschen mit Elogen aus der Lauretanischen Litanei begleitet, diese befinden sich über den je drei Fenstern. Anknüpfend an das Bildthema und die Bildinschrift REGINA CAELI sind dabei vier Regina-Anrufungen ausgewählt. Die Inschriften an der N-Seite lauten: REG. / PROPHET/ORVM - ROSA MYSTICA - REG. VIRGIN. An der N-Seite: REG. MART. - MATER ADMIRAB. - REG. / CONFESS/ORVM

a-f MARIEN-SINNBILDER Im AR sind nur die reich stuckierten Kartuschen in den tiefen Stichkappen des Gewölbes ausgemalt. Alle sechs Bilder enthalten den

 
a-f Marien-Sinnbilder in den Stichkappen des Altarraums

THALKIRCHEN

Namen Mariens, dreimal ist das Marienmonogramm mit dem Herz Mariens verbunden – dies sind Hinweise auf die kultische Verehrung Mariens (das Fest Namen Mariä wurde am 12. Sept. 1683 kanonisch).

Die Sinnbilder sind jeweils von einer deutschen Inschrift in einer Kartusche im Bogenfeld darunter begleitet. Je zwei hochovale Bildfelder (a, c und d, f) fassen eine dreipaßförmige Kartusche (b und e) ein.

Quellen und Literatur

Hund, Wiguleus, Bayrisch Stammenbuch, Ingolstadt 1598, Oefeleana 5, V, S 199

Schmidtsche Matrikel Bd 1, S. 425–27.

Die Wallfahrtskirche zu Thalkirchen bei München (o. V.), in: Kalender für Katholische Christen 22, 1862, S. 51f.

Mayer-Westermayer, Bd 2, S. 475–80.

Forster, Joseph Martin, Beschreibung und Geschichte des Wallfahrtsortes Thalkirchen bei München, München 1896. Lanzhammer, Hans, Alt-Sendling und seine Beziehungen zu München, München 1926, S. 39–47; Nachdruck, bearbeitet von W. J. Clemens, in: Münchner Texte, Heft 3, München 1980.

Hartig, Michael, Bestehende mittelalterliche Kirchen Münchens, Augsburg 1928, S. 48ff.

Bushart, Bruno, St. Maria-Thalkirchen in München, Regensburg 1951.

Dehio-Gall OB, S. 38

Oeller, Fritz und Peter Steiner, St. Maria Thalkirchen München (= KKF, Nr. 980), München 1973.

Lieb/Sauermost, S. 27, 31, 36

Kemp, S. 254f

Böhm, Cordula, Die Münchner Maler J. A. Wolff, C. G. und N. G. Stuber sowie C. D. Asam als Freskanten in drei Kirchen der ehem. Pfarrei Sendling, in: Jahrbuch des Vereins für christliche Kunst in München e.V., Bd 16, 1987, S. 170–75. L.L.

LANDKREIS MÜNCHEN