Kirchdorf, Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 8: Landkreis Mühldorf am Inn. Hirmer, München 2002, ISBN 978-3-7774-9430-2, S. 133–139, geschrieben von Böhm, Cordula. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Pfarrkirche, Pfarrverband und Gemeinde Kirchdorf bei Haag, Erzdiözese München und Freising. 1738 wurde die Pfarrei dem neugegründeten Kollegiatstift St. Wolfgang inkorporiert. Seit 1622 bestand an der Kirche die Skapulier-Bruderschaft. Grafschaft Haag, seit 1715 bei Kurbayern

Patrozinium: Mariä Himmelfahrt

Zum Bauwerk: Erwähnt 790. Aus dem 10.-11. Jh. stammt die Krypta unter dem AR. Der Vorgängerbau war eine dreischiffige romanische Basilika aus der Zeit um 1200, von der das Westportal, die Rundbogenwand des nördlichen Kirchenschiffs und die Ostwand des Turmes erhalten ist. Ab 1471 gotischer Neubau unter Verwendung von Teilen des romanischen Mauerwerks durch Baumeister Wolfgang Clarr. Zwei Wappen seitlich am Chorbogen (Graf Sigmund von Haag und dessen Gemahlin Margaretha von Aichperg). Ab 1698 Umbau, da die Kirche wegen der Verehrung zweier Gnadenbilder zu klein geworden war; tiefe Westempore, Erhöhung der Seitenschiffe und Einbau von Galerien. Die Stabdekoration dort läßt sich in die Zeit um 1700 datieren. Barockisierung 1747/48: Abnehmen der gotischen Rippen durch Maurermeister Wolfgang Edlmayr, prächtige Stuckierung durch den Freisinger Stuckator Thomas Glasl (StAM Pfleggericht Haag), mit lebensgroßen Engeln an der Empore und Hermen an den Kämpfern sowie einem Vorhang mit Wappen am Chorbogen. 1746–49 Hochaltar durch den Freisinger Hofkünstler Johann Aichhorn, Fassung Wolf Adam Hofmann aus Haag, und Seitenaltäre. 1798 und 1866 neue Turmhauben, letztere neugotisch.

Dreischiffiges Langhaus zu vier Jochen (22,60×17,15 m mit westlicher Vorhalle), die Seitenschiffe nur in den seitlichen Eingangsjochen mit Durchgängen, sonst mit Altarwänden zu Kapellen gestaltet. Über dem Eingangsjoch Empore, über den Seitenschiffen breite Galerien. Dreijochiger AR (12,70×9,25 m), gleichbreit wie das Mittelschiff, dreiseitig geschlossen. Gliederung durch Wandpeiler, im LHs mit vorgelegten Halbsäulen. Die Arkadenwände zu den Seitenkapellen sind spitzbogig, und die Galerien setzen in Höhe der Kämpfer an. Belichtung durch Rundbogenfenster in den Seitenschiffen und durch Oculi auf den Emporen, im AR durch hohe Spitzbogenfenster.

Auftraggeber: Dekan Johann Baptist Lechner vom Kollegiatstift St. Wolfgang, dem die Pfarrei bei der Neugründung des Stiftes 1738 durch Kurfürst Karl Albrecht inkorporiert worden war. Den Bau führte Pfarrvikar Stephan Nagl, Kanoniker von St. Wolfgang (1742–49). Das Skapulier-Programm der Deckenbilder weist auf die seit 1622 in Kirchdorf bestehende Skapulierbruderschaft als Stifter hin.

E Anbetung der Könige

KIRCHDORF

Der Kirchenraum nach Weste

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Autor und Entstehungszeit: Chor (E) Joseph Zitter (* um 1712 Bruchsal †begraben 19.7.1777 München) 1747. Datum in der Kartusche am Chorbogen SUB / TUUM / PRAESIDIUM / MDCCXLVII

LHs (A-C) Wolfgang Adam Hofmann (* 1696 Haag † 1778 Haag) 1748

Seitenkapelle (K) Zuweisung an Wolfgang Adam Hofmann 1740

Die Archivalien zur Ausstattung wurden neuerdings aufgefunden (freundl. Hinweis Gerhard Koschade M. A.): »Franz Joseph Citter, Mahler in München, umb er das Fresco Gemäh in besagten Chor, Simon Stockh aufn Carmelli Berg, entworffen accordiertermassen 55 fl. Und dessen bei sich gehabten Jung die Farben zu reiben und anders mehr zu verrichten 4 fl 15 x.« (StAM, Pfleggericht Haag 102, fol. 9 f.; Quittung Zitters fol. 42)

Die Fresken Zitters von 1750 in St. Georgen in Diessen (CDB, Bd 1, S. 212-15) zeigen viele gemeinsame Merkmale mit dem Chorfresko in Kirchdorf. Am auffallendsten sind die originellen Wolkenringe, die aus scharf umrissenen, faserig-länglichen Wölkchen bestehen und die sich in vielfachen Weiß- bis Braunschattierungen zu einer Gloriole zusammenschließen. Vor ihr erscheint der Heilige scharf umrissen wie im Gegenlicht. Die Darstellung des Simon Stock in Kirchdorf zeigt große Übereinstimmung mit der Darstellung des Prälaten im Chorfresko von St. Georgen.

»Dem Hofmann, Mahler in Haag habe vor die von gewester H. Director Nagl per accordierte 3 Fresco Gemähl im Langhaus behendtigt 30 fl.« (StAM, Pfleggericht Haag 102, fol. 9 f.) Die Langhausfresken Hofmanns heben sich vom Chorfresko Zitters stilistisch deutlich ab; sie zeigen Wolkenszenerien flächig angelegt, die bis an den Rand mit großformatigen Figuren angefüllt sind, die Figuren fast kindlich in den Proportionen. Der beherrschende farbliche Eindruck liegt in der Skala Blau-Weiß-Rot.

Wolfgang Adam Hofmann wurde am 11.12.1696 in Haag als Sohn des Haager Malers Wolfgang Hofmann († 1739) geboren, heiratete am 23. 1. 1736 Barbara Brunnauer aus Haag und nach deren Tod 1739 Maria Ursula Zunhammer († 1787) aus Haag. Er starb am 5.12.1778 82jährig in Haag. Hofmann malte in Kirchdorf 1748 um 55 fl. das Heilige Grab (StAM, Pfleggericht Haag 102, fol. 42).

Befund

Träger der Deckenmalerei: LHs verschliffenes gotisches Spitzgewölbe mit Stichkappen, AR Spitztonne mit Stichkappen, in O gemuldet

Rahmen: A-D Stuckprofil, K Rocaillerahmen

Technik: Fresko; polychrom

Maße: A Höhe 12,85 m; 3,50 × 4,30

B Höhe 12,85 m; 3,50 × 4,30

C Höhe 12,85 m; 3,20 × 2,95

D Höhe 12,70 m; 6,45 × 2,70

K Höhe 6,00 m; 1,75 × 1,20

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Zwei Renovierungen fanden im 20. Jahrhundert statt: 1908 durch Karl Weinzierl, Isen, und 1972 durch Helmut Knorr, Grafing. Bei der letzten Renovierung wurden frühere Übermalungen entfernt. Die Deckenbilder sind gut erhalten; Verschmutzungen und leichte Haarrisse.

Beschreibung und Ikonographie

Die Stuckierung gliedert das Gewölbe jochweise durch dekorativ aufgelöste Gurtbögen, blaufarbige Medaillons und Kartuschen, die von ockerfarbenen Ranken eingefaßt sind, durchsetzt von vereinzelten Puttoköpfchen. Im Chor sind die Stuckaturen reicher: Das Gewölbe ist netzartig versponnen mit weißen Ranken und Blumengirlanden, die Stichkappen sind blau, die Zwickel rosa grundiert. Ockergelb sind die Ranken, diese Farbe ist zur Konturierung eingesetzt. Blau-Rot-Gelb sind auch die Hauptfarben der Fresken, die eine festliche – und mit dem kräftigen Blau ungewöhnliche – Gesamtwirkung ergeben.

A ERLÖSUNG AUS DEM FEGFEUER DURCH DAS SKAPULIER In einer gemauerten, rundbogigen Substruktion lodert das Fegfeuer über schwarzen Kohlen im Vordergrund. Im Feuer sind Arme Seelen zu sehen, von denen zwei ein Skapulier tragen. Eine davon, ein junger Mann, wird eben von einem Engel rettend ergriffen. Die zweite, eine junge Frau, weist vertrauensvoll auf ihr Skapulier; der Mann im Feuer neben ihr, ohne Skapulier, schaut bitter auf sie. Darüber trägt ein Engel eine Seele mit Skapulier nach oben. Von der himmlischen Szene quellen Wolken bis über den Rand der Fegfeuerhöhle. Oben erscheint inmitten von Putten und Puttenköpfchen Maria mit dem Jesuskind und weist mit fürbittender Gebärde auf die Armen Seelen.

Die Komposition ist – wie die der zwei anderen Langhausfresken – flächig angelegt, in Untersicht, aber ohne bemerkenswerte Verkürzungen. Die Figuren sind alle etwa gleich groß, aber mit kindlichen Proportionen. Die Darstellung weist eine gleichmäßige Helligkeit und Buntheit auf.

B AUFNAHME EINES BRUDERSCHAFTSANGEHORIGEN IN DEN HIMMEL Die Figuren erscheinen in einer gegenläufigen Bewegung von rechts nach links: Christus als Weltenrichter auf einer kugelförmigen Wolke, hinterfangen vom Regenbogen, Maria als Fürbitterin zu seiner Seite, unterhalb von ihr, durch bewegte Gebärde und Mantelschwünge mit ihr verbunden, St. Michael mit Flammenschwert und Schild. Als Hüter des Himmels stürzt er blitzeschleudernd einen Teufel in die Tiefe; dieser verschwindet »hinter« dem Bildrahmen. Maßstäblich klein kniet vor dem Weltenrichter eine Seele in weißem Kleid, angetan mit dem Skapulier, und Christus streckt ihr beide Arme entgegen. Das Skapulier als Unterpfand des Heils verhilft ihr zur himmlischen Seligkeit.

C DAS APOKALYPTISCHE LAMM Johannes der Täufer und Johannes Evangelist sitzen auf Wolken; der Täufer mit dem Kreuzstab, er ist der Vorläufer von Christus und hat diesen mit den Worten ecce »ecce agnus Dei, ecce qui tollit peccatum mundi« (Jo 1,29) als Erlöser bezeichnet. Der Evangelist hat den Blick zum Himmel erhoben, während seine Hand in das Buch der Geheimen Offenbarung schreibt, das an sein Attribut, den Adler mit dem Tintenfaß gelehnt ist. Über ihnen in einer lichten Glorie erscheint das Apokalyptische Lamm auf dem Buch mit den sieben Siegeln. Ein Engel im Vordergrund, der eine Posaune in der Hand hält, weist auf das Buch mit den Worten quis est dignus aperire (Apoc 5,2). In der Apokalypse öffnete das Lamm die sieben Siegel, und beim Öffnen eines jeden Siegels kam großes Unheil über die Erde, und es herrschte große Angst. Vor dem Öffnen des siebten Siegels rief ein Engel: »Schädigt nicht das Land noch das Meer noch di Bäume, bis wir den Knechten unseres Gottes das Siegel au ihre Stirn gedrückt haben. Und ich hörte die Zahl der Gesie gelten ... « (Apoc 7,2–4). Zu der Zahl der Gesiegelten, die da Gericht nicht fürchten müssen, zählen sich die Angehörigen der Bruderschaft und sehen das Skapulier als Siegel und als ein Heilszeichen.

 
Vision des Simon Stock – Skapulierspende
 

D VISION DES SIMON STOCK - SKAPULIER SPENDE Das Fresko erstreckt sich über drei Joche und schließt die Heilig-Geist-Öffnung ein, die, von der Komposition etwas abgetrennt, in eine Gloriole gefaßt ist. Eine breite mit Wolkenfasern in verschiedenen Schattierungen gesäumte Gloriole umgibt die Muttergottes, die das Jesuskind mit Zep-ter auf dem Arm hält. Auf einem lehmigen überhängenden Erdvorsprung kniet der hl. Karmeliter Simon Stock in dunkler Kutte und weißem Umhang. Er empfängt aus den Händen Marias das Skapulier. Seine Attribute Lilie und Buch zeigt ein Putto vor, der auf dem Hügelchen sitzt.

Im Vergleich zu den kleinteiligen Langhausfresken dominier in diesem großflächigen Fresko der großangelegte Entwurf der in einem S-Schwung Wolken- und Erdszenerie verbindet und sich auf die drei Hauptfiguren konzentriert. Einige Putten beleben die Darstellung, halten sich farblich im Hintergrund. Weiß, strahlend helles Blau und Ocker sind die Farbwerte, die sich mit der Fassung der Stuckierung zu einer festlichen Harmonie verbinden.

 

Die Skapulierbruderschaft geht zurück auf eine Vision des Simon Stock. Der Heilige lebte in Kent als Eremit in einem Baum (daher sein Name) und schloß sich den Karmeliten an, als diese sich in England niederließen. In Cambridge wurde er zu ihrem General gewählt. Am 16.7.1251 erschien ihm Maria und überreichte ihm ein Skapulier als Unterpfand des Heils für alle, die mit ihm bekleidet stürben. Das Skapulier ist ursprünglich ein Teil des Ordensgewandes, eine breite Stoffbahn, die, über den Kopf gezogen, bis zu den Füßen reicht und als Schürze gedacht war. Das >kleine« Skapulier, Abzeichen der Bruderschaft, besteht aus einem Relikt dieses Bekleidungsstückes, zwei handtellergroßen Stoffstreifen, die, an Bändern gehalten, auf Brust und Rücken liegen. Im 16. Jahrhundert wurde die Skapulierbruderschaft päpstlich genehmigt; in Kirchdorf bestand eine Bruderschaft seit dem 7. Mai 1622. Der Bruderschaftsaltar in der nordwestlichen Kapelle wurde vermutlich 1761 ausgeführt; das Altarblatt zeigt die Rosenkranzspende, umgeben von Mariahilf-Szenen.

K FUNF WUNDEN JESU Die südöstliche Kapelle des Langhauses ist als einzige der Seitenkapellen barockisiert. Das verschliffene ehemalige gotische Kreuzgewölbe ist mit Ranken ausgeschmückt, in denen schon die Rocaille anklingt, aber noch nicht ausgeprägt ist. Die Zwickel sind rosagrundig, einige Felder hellblau abgesetzt, die Stuckaturen sind überwiegend goldgefaßt und geben dem Gewölbe ein reiches Gepräge. Das Mittelfeld und vier diagonal angrenzende tropfenförmige Kartuschen zeigen auf einem rosagelblichen Grund die Fünf Wunden Jesu. In der Mitte das durchbohrte, dornenumwundene flammende Herz, aus dem ein Kreuz ragt, in den Nebenfeldern die durchbohrten Hände und Füße. Puttenköpfchen säumen die Wolkenglorie. An der Innenseite des Arkadenbogens steht die Jahreszahl 1749.

 

Die Darstellung bezieht sich auf eine gotische Pietà aus Stein-guß, die in der Nische des barocken Altars dieser Kapelle steht. In ikonographischem Zusammenhang stehen die zwei Gemälde in Rocaillerahmen, Brustbilder von Jesus und Maria, die ihre brennenden Herzen zeigen; im Auszug der hl. Johanne Evangelist mit dem Giftbecher (alle drei Bilder vermutlich vor Balthasar Mang, von dem Altarentwürfe für Kirchdorf sich in AEM, Konvolut Mang, befinden).

Quellen und Literatur

StAM, Grafschaft Haag 102: Kirchenrechnungen (freundlicher Hinweis und Quellenauszüge von Gerhard Koschade). BLfD, Akt Kirchdorf, Kirche Mariä Himmelfahrt.

 
K Fünf Wunden Jesu

Schmidtsche Matrikel, Bd 1, S. 381, 542

Zoepf, Bernhard, Kurze Geschichte der ehem. Reichsgrafschaft Haag, in: OAVG 16, 1856–57, S. 293–94.

Mayer-Westermayer, Bd 3, S. 535.

Fischer, Felix, Kurze Geschichte der Pfarrei Kirchdorf bei Haag. Haag 1921.

Stadt- und Landkreis Wasserburg am Inn, Heimatbuch (Hg. Sigfrid Hofmann), Wasserburg 1962, S. 133.

Historischer Atlas Teil I, Bd 15, Wasserburg und Kling (Tertulina Burkard), München 1965, S. 81, 124

Münch, Rudolf, Kirchdorf bei Haag (KKF Nr. 1785), München und Zürich 11990.

-, Das große Buch der Grafschaft Haag, Bd 1-4, Haag 1987-93.

Böhm, Cordula, Der Barockmaler Franz Joseph Zitter, in: Amperland 36, 2000, S. 276–85. C. B.