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Kassel, Orangerie

Aus Deckenmalerei-Lab
Laß, Heiko:Kassel, Orangerie, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2023, URL: www.deckenmalerei.eu/3c63ccd7-2732-4c06-86ed-90ba3c58a431

Inventarnummer: cbdd10518

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Der Text dieses Artikels steht – ausgenommen Abbildungen – unter der Lizenz CC BY 4.0. Dieser Artikel ist lediglich eine Kopie der Originalveröffentlichung auf deckenmalerei.eu und kann veraltet sein; maßgeblich ist die dortige Originalfassung.

Die 1704-10 erbaute Orangerie ist zerstört. Neben Entwürfen hat sich die Fotografie eines Deckengemäldes von Carlo Ludovico Castelli erhalten. Ferner werden der Orangerie sieben translozierte Deckenmalereien zugeschrieben, deren Künstler aber unbekannt sind.

Wiederaufgebaute Orangerie
Wiederaufgebaute Orangerie

Die Orangerie in der Kasseler Karlsaue

Wiederaufgebaute Orangerie

Kurzbeschreibung und Lage

Das so genannte Orangerieschloss steht im Nordosten der so genannten Karlsaue, einem ehemaligen Lustgarten der Landgrafen von Hessen-Kassel unweit ihres damaligen Residenzschlosses. Der breitgelagerte Bau bildete den Auftakt zum eigentlichen Garten.

Bau- Ausstattungs- und Nutzungsgeschichte

Das Orangerieschloss in Kassel wurde für Landgraf von Hessen-Kassel nach 1700 konzipiert und überwiegend 1704-10 erbaut. Es ersetzte ein 1688 abgebranntes altes Pomeranzenhaus und gehört in den Kontext der bereits 1680 einsetzenden Neuplanungen für einen Lustgarten in dem später Karlsaue genannten Areal. Es sollte eine offene Dreiflügelanalage entstehen oder doch zumindest ein Komplex im Pavillonsystem. Der Architekt war vermutlich Johann Conrad Giesler. Die Anlage wurde in ihrer Gesamtkonzeption nicht verwirklicht. Erst 1722-28 kam als ein Pavillon das Marmorbad hinzu, der Küchenpavillon als Pendant folgte erst 1765-70. Die Ausstattungsabreiten am Außen- und Innenbau zogen sich bis um 1730 unter Wilhelm VIII. hin, dem Nachfolger des Landgrafs Karl.

1828-31 wurde die Anlage instand gesetzt. Allerdings übertünchte man damals die meiste Deckenmalerei und entfernte aus den Räumen die Statuen, um die Nischen, in denen sie gestanden hatten, zu verschließen. Einer weiteren Instandsetzung 1872-76 fiel fast der gesamte Stuck zum Opfer. 1943 wurde der Bau bis auf geringe Reste der Außenmauern zerstört und 1977-81 wieder aufgebaut, wobei das Äußere sich am Zustand vor 1800 orientiert, das Innere aber ein Neubau ist.[1]

Auftraggeber

Landgraf Karl von Hessen-Kassel[2] regierte ausgesprochen lange von 1677 bis 1730. Er schuf seiner Landgrafschaft eine wirtschaftlich und militärisch weitgehend unabhängige Stellung, machte Kassel zu einem der kulturellen Mittelpunkte des Reiches und erlangte für seinen Sohn 1720 eine Königskrone. Die angestrebte Rangerhöhung der Landgrafschaft zu einem Kurfürstentum gelang allerdings nicht. Bedeutendste Werke auf künstlerischem Gebiet waren die Parkanlagen in der Karlsaue mit Orangerie und Marmorbad, der Karlsberg (heute Wilhelmshöhe) mit Schloss sowie seine reichen Kunstsammlungen. Der Landgraf war mit Maria Amalia von Kurland (1653–1711) verheiratet.

Architekt

Über den Architekten Johann Conrad Giesler[3] ist wenig bekannt. Bis auf das Schloss in Wabern sind Zuschreibungen an ihn unklar. Er könnte auch für den Umbau des Ottoneums zum Kunsthaus[4] oder für die Pläne zum Jagdschloss in Veckerhagen verantwortlich gewesen sein.

Beschreibung

Das langgestreckte Gebäude von 139,40 Metern Länge setzt sich aus einem zweigeschossigen achteckgien Mittelpavillon, zwei eingeschossigen Flügelbauten zu je 13 Achsen sowie zwei abschließenden rechteckigen Eckpavillons von anderthalb Geschossen zusammen. Der Mittelpavillon war im Erdgeschoss offen und bildete quasi ein Tor vom Residenzschloss im Nordosten zum Lustgarten im Südwesten. Das Obergeschoss des Pavillons nahm einen Saal auf – den Apollosaal. In den Seitenpavillons waren Appartements für den Landgrafen und seine Gemahlin Maria Amalie gelegen. Der Apollosaal war nur über die eingeschossigen Dächer der Längsbauten erreichbar, zu denen Treppen in den Eckpavillons hinaufführten. Die Längsbauten öffneten sich mit je 13 Fenstern nach Süden, denen Nischen an der Nordwand der Galerie entsprachen. In der Mitte eines jeden Flügels ist je ein Giebel angebracht, der mit dem Wappen des Landgrafen im Westen bzw. dem seiner Frau im Osten geziert war.[5]

Der ehemalige Apollosaal

Bau- und Ausstattungsgeschichte

Der Raum wurde zwischen 1704 und 1710 erbaut, im 19. Jahrhundert seiner Ausstattung beraubt und 1943 zerstört.

Beschreibung

Der Raum befand sich im Obergeschoss des Mittelpavillons und war achteckig gestaltet. Er dürfte wie der Saal im Erdgeschoss 17,80 auf 11,30 Meter gemessen haben. Seine Wände wurden durch korinthische Pilaster gegliedert. An allen Seiten befanden sich bis zum Boden hinabreichende Fenster, wobei jene im Nordwesten und Südosten als Zugangstüren dienten. Ferner gab es Wandnischen, in denen Statuen der Musen ihren Platz fanden. Über den Nischen waren kreisrunde Medaillons mit Malerei angebracht.[6]

Das Deckengemälde des Apollosaals

Befund – Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

An der Decke befand sich ein Gemälde von Johann Christoph Hochfeld, das in Ergänzung zu den Statuen der Musen Apoll zeigte. Es wurde bereits im 19. Jahrhundert zerstört.[6]

Beschreibung und Ikonographie

Das Aussehen der Malerei ist unbekannt.

Ein ehemaliger Saal im östlichen Eckpavillon

Bau- und Ausstattungsgeschichte

Der östliche Eckpavillon diente Maria Amalie als Wohnung. Er entstand 1704-10 und wurde anschließend ausgestattet. Anfang des 20. Jahrhunderts waren noch zwei Stuckdecken erhalten, die 1911 ausgebessert wurden. Eine dieser Stuckdecken nahm Deckenmalerei auf. 1943 ist der Pavillon mit seinen Räumen zerstört worden.[6]

Die Deckengemälde des Saals

Ehemalige Decke im östlichen Pavillon des Orangerieschlosses

Befund – Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Die Malerei wurde vermutlich von Carlo Ludovico Castelli nach 1710 geschaffen und 1943 zerstört.

Beschreibung und Ikonographie

Die Stuckdecke nahm neun Deckenbilder auf. Das Hauptbild zeigte Apoll auf Wolken zusammen mit den Musen und Pegasus. An den vier Langseiten erblickte man Szenen aus den Metamorphosen des Ovid mit Jupiter als Liebhaber, etwa Leda mit dem Schwan nach Correggio. Nicht alle Szenen sind anhand der Fotografie zu bestimmen. In den vier Zwickeln dazwischen waren Genien zu sehen.[6]

Vorlagen und Vergleiche

Die Figuren gleichen stark denen, die Carlo Ludovico Castelli verwendete – etwa im nahem Bad Arolsen.[7] Daher wird die Malerei Castelli zugeschrieben.

Die ehemaligen Galerien

Bau- und Ausstattungsgeschichte

Die beiden Galerien wurden 1604-10 erbaut und 1943 zerstört. Sie dienten als Orangerie und verbanden die drei Pavillons miteinander.

Beschreibung

Die Galerien waren als Orangerien nach Süden mit großen Fenstern geöffnet, die im Norden als Pendants Nischen erhielten. Dahinter befand sich an der Nordseite ein Gang. Die Wandflächen zwischen den Fenstern bzw. Nischen zierten Pilaster. In die Nischen kamen Öfen, Statuen und Springbrunnen.[6]

Die Entwürfe von Johann Oswald Harms zur Ausstattung der Galerien

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Kassel, Orangerie: Scheinarchitektur mit Skulpturen, Büsten und Brunnen in Nisch
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Kassel, Orangerie: Scheinarchitektur mit nach oben offener ovaler Kuppel und rec
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Kassel, Orangerie: Entwurf für die Ausstattung der Verbindungsgalerien
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Beschreibung und Ikonographie

Im Herzog Anton Ulrich Museum in Braunschweig haben sich drei Entwürfe von Johann Oswald Harms zur Ausgestaltung der Verbindungsflügel der Orangerie erhalten.[8] Welcher ausgeführt wurde, und ob überhaupt einer ausgeführt wurde, ist unbekannt. Sie decken sich jedoch prinzipiell mit den zeitgenössischen Beschreibungen des 18. Jahrhunderts. Die Ausmalung der Orangerie war Harms letztes großes Projekt, über dessen Ausführung er 1708 verstarb. Die Blätter sind wohl um 1706 entstanden, frühestens aber 1704 und spätestens 1707.

Die Blätter sind mit Feder in Grau und Braun, laviert über Graphit ausgeführt. Sie geben jeweils einen Abschnitt der Galerie mit angrenzender Decke wieder und sind teilkoloriert – der fingierte Himmel ist etwa in Blau angelegt. Die Wände sind in Nischen aufgelöst, zwischen denen Pilaster stehen. Dies entspricht der späteren Ausführung ebenso wie die Bestückung der Nischen mit Statuen, Öfen und Springbrunnen. Unklar ist, ob der Muschelabschluss der Nischen gemalt oder stuckiert werden sollte. Die illusionistische Deckenöffnung sollte sicher mit malerischen Mitteln geschaffen werden. Ob die teilweise angegebene Kassettierung der Voute stuckiert oder gemalt werden sollte, bleibt wiederum unklar. Ein Entwurf zeigt eine Scheingalerie mit Blick in ein Kreuzgratgewölbe. Ein anderer gibt nur die Decke wieder und zeigt auch jene des Mittelpavillons. Der dritte Entwurf schlägt eine Balustrade mit Sitzfiguren und Kübeln vor.[9]

Die Deckengemälde im Besitz der Hessischen Hausstiftung

Befund – Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Sieben Deckenbilder im Besitz der Hessischen Hausstiftung werden der Orangerie in Kassel zugeschrieben und befanden sich seit dem 19. Jahrhundert bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts in Schloss Philippsruhe in Hanau.[10] Die Darstellungen werden als „Flora und Gespielinnen“[11] oder „Flora mit ihren Mädchen“[12] identifiziert und in das erste Drittel des 18. Jahrhunderts datiert. Warum die Malereien der Orangerie in Kassel zugeschrieben werden,[13] ist unklar. Eventuell erfolgt sie aufgrund der Identifizierung der Allegorie auf dem Hauptbild mit Flora.

Tatsächlich zeigen die Deckengemälde aber nicht Flora und ihre Gespielinnen. Vielmehr ist auf dem Hauptbild Aurora dargestellt. Hinzu kommen zwei Darstellungen von Winden und vier Allegorien der Jahreszeiten Frühling, Sommer, Herbst und Winter.

Der Künstler ist unbekannt. Es könnte sich um Johann Christoph Hochfeld handeln, von der Zeitstellung her ist aber auch Hermann Hendrik de Quitter denkbar.

Aurora

Die geflügelte Aurora schreitet über den Himmel und streut dabei Blumen. Sie wird begleitet vom kleinen Hymen mit Fackel über der Schulter und Stern auf dem Haupt.

Mehrere Winde

Zwei kleine runde Nebenbilder zeigen Winde, die durch je drei blasende Putten dargestellt werden.

Die vier Jahreszeiten

Die vier hochrechteckigen Bilder mit eingerundeten Ecken müssen nicht zwingend für den Kontext mit Aurora entstanden sein. Sie zeigen die Personifikationen der vier Jahreszeiten und gehören auf jeden Fall zusammen. Den Frühling personifiziert eine Flora mit Blumen. Der Sommer wird durch Ceres mit einer Korngarbe dargestellt. Für den Herbst steht ein knabenhafter Bacchus mit Thyrsosstab und Weinlaub im Haar. Der Winter wird als alter Mann gezeigt, der sich wärmend in eine Decke hüllt.

Bibliographie

  • Literatur:
  • Bungarten/Dohe, Carl, 2018. – Bungarten, Gisela/Dohe, Sebastian (Hrsg.): Groß gedacht! Groß gemacht? Landgraf Carl in Hessen und Europa (Kataloge der Museumslandschaft Hessen Kassel, 65). Petersberg 2018.
  • Dehio, Hessen, 2008. – Dehio, Georg: Hessen I. Regierungsbezirke Gießen und Kassel (Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler). Bearbeitet von Folkhard Cremer, Tobias Michael Wolf. München/Berlin 2008.
  • Dehio, Schleswig-Holstein, 2009. – Dehio, Georg: Hamburg. Schleswig-Holstein (Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler). Bearbeitet von Johannes Habich, Christoph Timm, Lutz Wilde. München/Berlin 2009.
  • Dohe, Orangerie, 2018. – D[ohe], S[ebastian]: IX.21. Johann Oswald Harms (Hamburg 1643-1708 Braunschweig). Entwurf für die Deckenmalerei der Kasseler Orangerie, in: Bungarten, Gisela/Dohe, Sebastian (Hrsg.): Gross gedacht! Gross gemacht? Landgraf Carl in Hessen und Europa (Kataloge der Museumslandschaft Hessen Kassel, 65). Petersberg 2018, S. 380.
  • Gräf/Kampmann/Küster, Carl, 2017. – Gräf, Holger Th./Kampmann, Christoph/Küster, Bernd (Hrsg.): Landgraf Carl (1654-1730). Fürstliches Planen und Handeln zwischen Innovation und Tradition (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen, 87). Marburg 2017.
  • Holtmeyer, Cassel, 1923. – Holtmeyer, Alois W.: Kreis Cassel-Stadt (Die Bau- und Kunstdenkmäler im Regierungsbezirk Cassel, 6). 2 Teile. Kassel 1923.
  • Lafrenz, Herrenhäuser, 2015. – Lafrenz, Deert: Gutshöfe und Herrenhäuser in Schleswig-Holstein. Petersberg 2015.
  • Pegah, Harms, 2017. – Pegah, Rashid-S.: Johann Oswald Harms in Kassel, in: Gräf, Holger Th./Kampmann, Christoph/Küster, Bernd (Hrsg.): Landgraf Carl. (1654-1730). Fürstliches Planen und Handeln zwischen Innovation und Tradition (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen, 87). Marburg 2017, S. 329-341.
  • Pütz, Bauten, 2017. – Pütz, Frank: Herrscherapotheose und Architekturpolitik – Landgraf Carl im Spiegel seiner Bauten, in: Gräf, Holger Th./Kampmann, Christoph/Küster, Bernd (Hrsg.): Landgraf Carl (1654–1730). Fürstliches Planen und Handeln zwischen Innovation und Tradition (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen, 87), Marburg 2017, S. 263-279.
  • Rumohr, Ostholstein, 1989. – Rumohr, Henning von: Schlösser und Herrenhäuser in Ostholstein. Frankfurt a. M. 1989.
  • Rumohr/Neuschäffer, Schlösser, 1983. – Rumohr, Henning von/Neuschäffer, Hubertus: Schlösser und Herrenhäuser in Schleswig-Holstein. Frankfurt a. M. 1983.

Einzelnachweise

  1. Pütz, Bauten, 2017, S. 272; Dehio, Hessen, 2008, S. 487; Holtmeyer, Cassel, 1923, S. 232-236.
  2. Bungarten, Gisela/Dohe, Carl, 2018; Gräf/Kampmann/Küster, Carl, 2017.
  3. https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Konrad_Giesler.
  4. http://www.deckenmalerei.eu/6ac179e1-409f-411d-909e-9da585aa2040.
  5. Pütz, Bauten, 2017, S. 274; Dehio, Hessen, 2008, S. 487-489; Holtmeyer, Cassel, 1923, S. 335, 337.
  6. 6,0 6,1 6,2 6,3 6,4 Holtmeyer, Cassel, 1923, S. 338.
  7. http://www.deckenmalerei.eu/dc7d9474-014d-4afd-83dd-ef9ccb8b7e28.
  8. HAUM, Inv. Z 3806; HAUM, Inv. Z 3807; HAUM, Inv. Z 3808.
  9. Dohe, Orangerie, 2018; Pegah, Harms, 2017, S. 339.
  10. Lafrenz, Herrenhäuser, 2015, S. 431; Dehio, Schleswig-Holstein, 2009, S. 737; Rumohr, Ostholstein, 1989, S. 223; Rumohr/Neuschäffer, Schlösser, 1983, S. 177.
  11. Dehio, Schleswig-Holstein, 2009, S. 737.
  12. Rumohr, Ostholstein, 1989, S. 223.
  13. Rumohr, Ostholstein, 1989, S. 223; Rumohr/Neuschäffer, Schlösser, 1983, S. 177.