Indersdorf, Kloster, Klostergebäude
Kapelle, zeitweise Kapitelsaal
Patrozinium: St. Nikolaus
Zum Bauwerk: Die Klostergebäude im S und O der Kirche wurden unter Propst Dominikus Vent (1693-1704) unter Einbeziehung älterer Teile neu errichtet.
Die Nikolauskapelle geht auf einen Bau Ottos III. von Wittelsbach von 1096 zurück. Um die Kapelle gruppierte sich das von dessen Sohn Otto V. (IV.) gegründete Stift. 1147 Verleihung des Sepulturrechts; die Adelsgeschlechter der Umgebung ließen sich in dieser Kapelle beisetzen. 1759 Barockisierung durch Propst Gelasius Morhart, der eine Anzahl von Grabsteinen hierher übertragen ließ.
Die Nikolauskapelle liegt am Kreuzgang, der im Kern noch gotisch ist, in der Mitte des O-Flügels. Längsrechteckiger Saal (8,70 × 5,80 m), geostet; Belichtung durch zwei Fenster im O zu beiden Seiten des Altars; Zugang von W.
Auftraggeber: Propst Gelasius Morhart von Indersdorf (1748–68) (vgl. Morhart-Chronik 1762, S. 22, Taf. 11)
Autor und Entstehungszeit: Das Deckenfresko ist nach der Morhart-Chronik 1759 entstanden. Es wird aus stilistischen Gründen Johann Georg Dieffenbrunner zugeschrieben (Böhm 1980; Paula 1983). Eine Autorschaft Dieffenbrunners ist auch aus äußeren Gründen wahrscheinlich. 1761 und 1767 erhielt er Zahlungen für die Bemalung der Pilaster mit Wappen und für die bemalte hölzerne Verkleidung des Stiftergrabmals. Der Künstler war als Mitarbeiter Matthäus Günthers nach Indersdorf gekommen. Nachdem dieser 1758 mit der Freskierung der Rosenkranzkapelle seine Tätigkeit im Stift beendet hatte, wurde Dieffenbrunner zu einer Art Hausmaler, der alle noch ausstehenden Projekte für Propst Gelasius zu realisieren hatte. Für dessen 1762 erschienene, mit fünfzehn Stichen illustrierte Chronik von Indersdorf fertigte er die 13 Reproduktionsstiche der durch den Propst barockisierten Räume, während das Titelblatt mit der Allegorie der Eitelkeit und Vergänglichkeit und der Stich mit der Statue der sog. Domina fundatrix (Taf. 1 und 2) von Matthäus Günther stammen. 1767 erschien als Ergänzung zur Chronik ein weiterer Stich Dieffenbrunners, der den von Morhart eingerichteten Physiksaal des Klosters zeigt. Hier ist ein teilweise überschnittenes Deckenbild zu sehen mit Sol, Luna und Merkur auf Wolken als Teil einer Götterversammlung (Abb. 1 und 7 bei Dorner 1978). Zwischen 1768 und 1771 kam noch ein weiterer Ergänzungsstich von Dieffenbrunner heraus mit einer Ansicht des oberen Refektoriums (s. u.) (Dorner 1974, Abb. S. 538). Im Auftrag des Propstes war er auch außerhalb des Stifts tätig. Um 1765/66 freskierte er die neu erbaute Kapelle an der Rothschwaige bei Dachau (1802 abgebrochen) mit Darstellungen ihrer Gründungssage, dem Mord an einem Dachauer Grafensohn, dessen Mutter am Ort der Tat eine Kapelle erbauen ließ und sie 1128 dem neu erbauten Kloster Indersdorf schenkte (Westenrieder 1792, S. 267 f.; Paula 1983, S. 219 ff., 280). Die Tätigkeit Dieffenbrunners im Stift endete mit der Resignation von Propst Gelasius Morhart 1768 († 1771). Bis zu diesem Zeitpunkt wirkte der Künstler auch im Dachauer Land in zahlreichen Kirchen (s. S. 86).
Befund
Träger der Deckenmalerei: Flachtonne mit Stichkappen Rahmen: Gemalter ockergelber Rahmen mit Goldhöhungen von Wolken überspielt. Die Freskierung erstreckt sich auch auf die Stichkappen und die Gewölbezwickel, im W ziehen sich auch die Wolken bis auf die Stirnwand herab.
Technik: Fresko mit Secco; polychrom Maße: Höhe 5,10 m; 7,60 × 4,20 Erhaltungszustand und Restaurierungen: Das Fresko wurde 1980 durch Werner Peltzer, Söcking, gereinigt und saniert (Die photographischen Aufnahmen zeigen den Zustand vor der Restaurierung mit Farbabreibungen vornehmlich an der N-Seite.)
Beschreibung und Ikonographie
A DER HL. NIKOLAUS EMPFIEHLT DIE NEUGRÜNDUNG DER DREIFALTIGKEIT Langgestrecktes, die ganze Decke überspannendes Fresko, einansichtig, Blickrichtung...
tung nach O, Betrachterstandpunkt unter dem westlichen Bilddrittel. Ein kräftig gemalter Goldrahmen, der den Stuckrahmen an der Decke der Kirche nachahmt, akzentuiert den bewegten, jeweils gegen die drei Gewölbezwickel hin ausschwingenden Umriß. Seine Form betont die Aufteilung des Bildfeldes in drei Zonen, die jedoch nicht streng geschieden sind, sondern durch die den Rahmen überspielenden Wolken verschliffen werden
Zuoberst erscheint im Himmel die Dreifaltigkeit auf Wolken, umgeben von Engeln (der große Engel rechts hat den für Dieffenbrunner typischen abgeknickten Flügel). Zu ihren Füßen kniet anbetend der hl. Nikolaus im bischöflichen Gewand, begleitet von zwei Engeln, von denen einer sein Attribut, das Buch mit den drei goldenen Kugeln, über dem Kopf hält, der andere den Bischofsstab trägt. Der Heilige empfiehlt die Klostergründung von Indersdorf, die sich gerade auf Erden vollzieht, der göttlichen Gnade. Die beherrschende Figur in der Gründungsszene ist der Klostergründer Otto V. (IV.) von Wittelsbach. Er trägt ein auffallendes, bis zur Taille geschlitztes Gewand mit exotischem Muster, für das sich Dieffenbrunner ein großes Ganzfigurenbildnis Ottos aus der ersten Hälfte des 17. Jh. zum Vorbild genommen hat, das heute im südlichen Seitenschiff der Kirche hängt. Mit der Rechten weist der Pfalzgraf auf eine riesige perspektivische Darstellung des Klosters Indersdorf, die ein Baumeister ihm präsentiert. Otto wird von seinem Vetter Otto von Indersdorf begleitet; im Hintergrund sieht man Augustiner-Chorherren vor dem einfachen Gebäude der Nikolauskapelle; links errichten Arbeiter das Baugerüst und beginnen mit dem Aufmauern der Klosterbauten. Das bräunliche Kolorit Dieffenbrunners erhält Akzente vor allem durch das kräftige Blau im Gewand des Baumeisters, das sich mit den Gelbtönen im Gewand des Stifters und des Heiligen und sparsam gesetztem, zarten Grün bei den Engeln zu einer harmonischen Farbwirkung verbindet
Otto V. (IV.) siedelte das Sühnekloster (s. o.) bei der 1096 von seinem Vater erbauten Nikolauskapelle an. Sein Vetter Otto, Herr von Indersdorf, der ohne Erben war, schenkte dieser Stiftung seine Hofmark >Undiesdorf« unter der Bedingung, laß deren Name vom Kloster für alle Zeit geführt werden müsse, ebenso sein Wappen. Dieses, zwei goldene Löwen auf blauem Grund, die sich den Rücken zukehren, jedoch über die Schulter anblicken, und deren Schwänze verschlungen sind, bildet zusammen mit dem roten Zickzackbalken auf weißem (silbernem) Schild, das die Wittelsbacher führten, das Wappen des Klosters. Beide Wappenbilder erscheinen in Rocaillekartuschen, die durch eine Krone verbunden sind, über dem Altar am östlichen Ende der Decke.
3 Stukkatur
4 Genealogie
Über das Patrozinium der Kapelle berichtet der Churbayerisch-Geistliche Kalender von 1754 (s. u.), der Erbauer, Otto III. von Wittelsbach, habe von einem Besuch am Grabe in Myra, in einer goldenen Büchse verwahrt, einen Finger des hl. Nikolaus mitgebracht, ihn zu Hause jedoch nicht mehr vorgefunden, da er sich inzwischen in wohlriechendes Öl verwandelt gehabt habe. Dieses Wunder veranlaßte den frommen Fürsten zur Gründung zahlreicher Nikolausheiligtümer. Die Wahl des Bildthemas ist für die Nikolauskapelle, die Urzelle des Konvents und Grablege der Wittelsbacher, naheliegend, vor allem entspricht sie den ausgeprägten historischen Interessen des Auftraggebers Gelasius Morhart. Er befaßte sich mit der Geschichte des Stifts ausführlich bereits um 1734 in einer lateinischen Chronik (AEM, Deutingeriana B 1391), der er 1762 die immer wieder zitierte, kürzere Version in deutscher Sprache im Druck folgen ließ. Er beschäftigte sich darin mit der Gründung des Klosters, der Familie des Stifters und mit den im Stift begrabenen Adeligen. Anläßlich der Barockisierung der Kapelle ließ er, nach dem Vorbild des Freisinger Domkreuzgangs (s. CBD, Bd 6) fünfzehn Grabsteine dorthin transferieren und an den Wänden aufstellen, an jeder Längsseite 7, den Grabstein des Stifters rechts vom Eingang an die W-Wand. In den 6 Stichkappen des Gewölbes (a1-4, b1-2) wurden in Rocaillekartuschen die Wappen der hier begrabenen Geschlechter gemalt, darunter hingen jeweils die entsprechenden, auf Holz gemalten, ovalen Porträts (heute im Schiff der Kirche). Bildnisse und Wappen beziehen sich jeweils auf die darunter in der Wand eingelassenen Grabsteine, unter den mittleren Stichkappen jeweils drei, unter den äußeren je zwei Grabsteine. Die Holzpilaster zwischen den Grabsteinen schmückte Dieffenbrunner 1761 mit weiteren Wappen hier begrabener Familien. Sie beginnen
in der W-Ecke der N-Wand und laufen in alphabetischer Folge um den ganzen Raum; auf dem vorletzten Pilaster leere Wappenschilde; der letzte Pilaster blieb ganz leer. Das Stiftergrabmal wurde mit einem hölzernen Kasten umkleidet, auf den Dieffenbrunner eine Darstellung des Pfalzgrafen malte, die dem Relief der heute stark verwitterten Tumba entspricht.
1-4 Als Hinweis auf das im Raum verwirklichte Programm sind die vier Gewölbezwickel jeweils mit einem geflügelten, zum Betrachter herabblickenden Putto bemalt, der auf einer ockergelben Konsole mit Goldhöhungen sitzt.
I MALEREI (NO) Der Putto mit Malstock und Pinseln in der Linken malt an einem Leinwandbildnis eines bärtigen Mannes.
2 SKULPTUR (SO) Der Putto mit einem Holzklöpfel in der erhobenen Rechten arbeitet mit dem Meißel an einer Reliefplatte mit einem Wappen.
3 STUKKATUR (SW) Der Putto trägt frei mit einer Spachtel Stuck an eine bewegte Rocaillekartusche an.
4 GENEALOGIE (NW) Der Putto mit hochgestelltem rechtem Bein präsentiert ein Buch mit Wappen auf der linken Seite, auf die er deutet. Auf der rechten Seite steht die Aufschrift GENE/ALO: GIA. Er trägt ein kreuzförmiges Wappen an einem Band, hat ein Tuch um den Kopf geschlungen und hinter das rechte Ohr eine Schreibfeder gesteckt.
a1-4, b1-2 WAPPEN in den Stichkappen des Gewölbes, jeweils bezogen auf die Grabsteine darunter (s. o.)
N-Wand, von O nach W
a, KLAMMENSTEIN: Weiße, schräg verlaufende Mauer auf Schwarz
WEICHS: Schwarzes Dreieck
b1 HILGERTSHAUSEN (rechts unten): Blaue Streitaxt auf braunem (goldenem) Grund WFICHS/KAMMFR (zwei Wappenbilder oben): Schwarz
WEICHS/KAMMER (zwei Wappenbilder oben): Schwarzes Dreieck – Rote Streitaxt auf weißem Grund
KAMMER (links unten): Rote Streitaxt auf weißem Grund
a2 KAMMERBERG: Weiße Streitaxt auf rotem Grund MASSENHAUSEN: Braune (goldene) Streitaxt auf blauem Grund
S-Wand, von O nach W
a3 KASPAR SIGMERSHAUSER: Schwarze Lilie auf weißem Dreieck
HERZHAUSEN: Weiße Zinnen auf rotem Grund
b2 HANS PELHAMER (zwei Wappenbilder unten): Schwarz-Weiß gezahnt – diagonal geteilt in Blau und Braun (Gold). Der Grabstein des Hans Pelhamer hat zwei Wappen. Letzteres ist das Pelhamersche.
RIEDLER (links oben): Schwarzer Pfeil in weißem Schrägbalken auf rotem Grund
EISENHOFEN (rechts oben): Drei Scheren auf weißem Grund
a4 ECK: Rosette auf braunem (goldenem) Band über blauem Grund
AFRA BRUNNER: Goldener Brunnen mit Schöpfvorrichtung auf grünem Berg vor blauem Grund
(Zu den Grabsteinen und ihrer Abfolge s. KDB, S. 297-300. - Die Reihenfolge auf dem Stich in der Morhart-Chronik Taf. 11, entspricht der tatsächlichen Aufstellung nur teilweise.)
Literatur s. S. 150 f.