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Högling, Filialkirche St. Martin

Aus Deckenmalerei-Lab


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 12, Teil 1: Stadt und Landkreis Rosenheim. Hirmer, München 2006, ISBN 978-3-7774-3355-4, S. 263–267, geschrieben von Bauer-Wild, Anna. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Filialkirche, Pfarrei Weihenlinden-Högling, Markt Bruckmühl, Erzdiözese München und Freising; z. Z. der Ausmalung war Högling Pfarrei. Zusammen mit der Wallfahrt Weihenlinden wurde sie 1651 dem Augustiner-Chorherrenstift Weyarn inkorporiert und von Weyarner Konventualen versehen. Der Pfarrsitz war in Weihenlinden. Gericht Aibling

Patrozinium: St. Martin

Zum Bauwerk: Bau des Chors im späten 13. Jh.; aus dieser Zeit stammt die Ostpartie mit den drei sehr schmalen Fenstern im Chorschluß, wo man spätgotische Fresken (um 1420) aufgedeckt hat. Diese Fenster wurden später vermauert. Erhöhung und Neuwölbung des Chors sowie Einwölbung des LHs und Bau des Westturms um 1500. 1683 neuer Hochaltar. 1728 Turmreparatur und Neueindeckung, sowie Ausbrechen von zwei Fenstern durch den Maurermeister Martin Auer von Ellmosen. Spätestens bei der Barockisierung 1758 wurden die Gewölberippen abgeschlagen (die Kirchenrechnung von 1758 ist nicht erhalten). 1965 durchgreifende Umgestaltung des Innern: die drei Altäre wurden entfernt, die drei vermauerten gotischen Fenster im Chorhaupt wiederhergestellt, die obere Empore abgebrochen und das alte Kirchengestühl durch einen Bankblock ersetzt.

Einfacher Saal zu drei Jochen, Empore im W, Gliederung durch Wandpfeiler mit vorgelegten Pilastern, Belichtung durch zwei Fenster im S und eines im N. Eingezogener AR zu zwei Jochen mit dreiseitigem Schluß, Belichtung durch zwei Fenster von S, eines von N und die drei Fenster im Schluß.

Auftraggeber: Propst Augustin Hamel von Weyarn (1753-65) als Inhaber der Pfarrei Högling, die von in Weihenlinden exponierten Weyarner Konventualen versehen wurde, z.Zt. der Ausmalung von Vikar P. Maximilian Westermayr (1756-63). Es kommen wie meist auch private Spender in Frage.

Autor und Entstehungszeit: Johann Georg Gaill (* 1721 Friedberg † 1793 Aibling) 1758. Signatur in B joa: ge: Gaill, in C Joa. Ge: Gaill. pinx. 1758

Die Deckenbilder in Högling, besonders Fresko B, gehören zu den ansprechendsten Arbeiten des Aiblinger Bürgers und Malers Johann Georg Gaill, der im Bereich des alten Gerichts Aibling zahlreiche Kirchen freskierte. Das Augustiner-Chorherrenstift Weyarn beschäftigte ihn nach der Freskierung Höglings in vier weiteren Kirchen der ebenfalls Weyarn inkorporierten Pfarrei Neukirchen im Gericht Aibling, so in Reichersdorf 1760 (CBD Bd 2, S. 549-54), in Gotzing 1761 (ebd. S. 503-08), in Neukirchen 1763 (ebd. S. 529-34) und in Kleinpienzenau 1766 (ebd., S. 523–28). In Aibling selbst hatte Martin Heigl 1756 die Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt freskiert (S.71ff.) und im gleichen Jahr Zimmermann mit Heigl die nahegelegene Pfarrkirche Berbling (S. 90ff.). Der Einfluß Johann Baptist Zimmermanns und seiner Schule auf Gaill ist in Högling unübersehbar. Daß Gaill sich an Zimmermann orientierte, beweist Fresko C in Gotzing, wo er Zimmermanns Fresko E in Weyarn (CBD Bd 2, S. 618) wiederholte.

Befund

Träger der Deckenmalerei: LHs (A und B) und AR (C) Stichkappentonne

Rahmen: A und B Gekurvte Stuckprofilrahmung; C Gelängter Vierpaß, Stuckprofilrahmen

Technik: Fresko; sämtliche Deckenbilder sind polychrom

Maße: A Höhe 7,20m; 3,10×2,60

B Höhe 7,20 m; 4,25 × 2,80

C Höhe 7,00 m; 2,50 × 2,00

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Der Raum wurde bei einer Innenrestaurierung 1871 völlig umgestaltet, mit Übermalen der barocken Dekorationsmalerei durch neue dekorative Malerei. Nächste Innenrestaurierung 1929/30 durch den jungen Maler Sebastian Niedermeier aus Bruckmühl, einem Schüler und Mitarbeiter von Georg Hilz. Dabei wurde die barocke Dekorationsmalerei aufgefunden, sie war nur mehr in Resten vorhanden und konnte nicht wiederhergestellt werden. Neutönung des Kirchenraums und Reinigung der Deckenbilder. Letzte Restaurierung 1965 durch Helmut Knorr Glonn: die Deckenbilder wurden gereinigt und restauriert.

B Baumwunder des hl. Martin (Johann Georg Gaill 1758)

Die Wände wurden rein weiß, die Gewölbefläche gebrochen weiß getüncht. Die Deckenbilder wirken zwar in ihrer originalen Substanz gut erhalten und frisch in der Farbigkeit (besonders B), doch sind sie verschmutzt und es zieht sich ein ziemlich starker, in seiner Kittung bereits schadhafter Längriß durch das Gewölbe. Übermalungen besonders in C.

Beschreibung und Ikonographie

A TAUFE DES HL. MARTIN Ansicht nach W. Das Bild zeigt das Innere eines Kirchenraums: Links, von zwei hohen Säulen flankiert, sieht man ein großes, baldachinüberwölbtes Taufbecken. Auf den Stufen, die zum Becken führen, steht ein Bischof und spendet dem vor ihm knieenden Martin die Taufe; dieser ist in Soldatentracht dargestellt (nach der Legende wurde Martin als Achtzehnjähriger getauft, s. Vita des Sulpicius Severus, Cap. 3). Ministranten mit Kerzen und andere Assistenzfiguren beobachten die Szene. Von oben, wo über dem Baldachin, in Wolken verschwimmend, eine Himmelsöffnung angedeutet ist, kommt ein Putto geflogen und trägt Mitra und Stab. Rechts im Hintergrund führt ein Rundbogen in: Freie

B BAUMWUNDER DES HL. MARTIN In einer weiten Landschaft, deren Berge im Hintergrund in blauem Dunst verschwimmen, spielt die Szene des Baumwunders auf einem freien Platz vor einer kleinen Kirche. Hier steht, fast im Bildzentrum, der hohe Baum, den abzuhacken sich ein junger Bauer bemüht. Der Baum neigt sich bereits nach rechts, dorthin, wo Martin steht, als Bischof gekleidet, die Füße gebunden und die Hände abwehrend erhoben. Ein Soldat, ein Edelmann und ihre Begleiter beobachten die Szene, unter anderen auch ein bärtiger Mann im Vordergrund als dunkle Repoussoirfigur (seine schwarze Tracht, das Barett und die Halskrause lassen vermuten, daß Gaill hier einen Häretiker darstellen wollte). In der Ferne sieht man zwei junge Geistliche, Begleiter des Heiligen. Über der Wunderszene öffnet sich der Himmel, und von Putten und Wolken umgeben, erscheint die Geisttaube.

Nach der Vita des Sulpicius Severus (Cap. 13) wollte Martin einst einen Baum fällen lassen, weil er nach seiner Ansicht dem bösen Feind geweiht war. Die Anwohner wehrten sich und gehorchten nur unter der Bedingung, daß sich Martin unter den stürzenden Baum stellen müsse. Das tat der Bischof, während eine neugierige Schar zuschaute und die Mönche voller Schrecken in einiger Entfernung warteten. Als der Baum der Heiligen schon fast berührte, hob dieser seine Hand mit dem Segenszeichen gegen ihn und er stürzte mit Getöse auf die andere Seite; worauf sich viel Volk taufen ließ.

Gaill stellt das legendäre Geschehen volkstümlich und drastisch dar, in hellen, lebhaften Farben und mit Freude am ikonographischen Detail. Er bemüht sich, der tiefen Vergangenheit, in der das Wunder spielt, durch historische Kostümierungen gerecht zu werden. Seine Abhängigkeit von Heigl und damit von Zimmermann zeigt sich in diesem Bild besonders deutlich, sowohl in den Physiognomien als auch in der Übernahme ganzer Figuren (s. den blaugekleideten Edelmann).

C AUFNAHME DES HL. MARTIN IN DEN HIMMEL In Wolken erscheinen Christus und rechts von ihm Gottvater der die Hand ausstreckt, um den unter ihm auf einer Wolke knienden Heiligen im Himmel zu empfangen. Martin trägt Pontifikalkleidung; Putten, die ihn begleiten, halten Mitra und Stab sowie die Gans, sein persönliches Attribut.

A Taufe des hl. Martin
Martin küßt den Aussätzigen

EMPORENBRÜSTUNG: SZENEN AUS DEM LEBEN DES HL. MARTIN Acht Bilder, Öl auf Holz, an der Emporenbrüstung, die aus der Zeit um 1700 stammen dürften, erzählen die Martinslegende (von links nach rechts): Mantelspende, Erweckung des Katechumenen, Blindenheilung, Totenerweckung, Baumwunder (s. Fresko B), Martin küßt den Aussätzigen, Feuererscheinung über dem Haupt des hl. Martin während der Messe (Sulpicius Severus, Dialoge 2,2), Tod des hl. Martin. Als Autor kommt Johann Baptist Vicelli in Frage, der seit 1670 Bürger und Maler in Aibling war † 1720).

Quellen und Literatur

StAM, Geistlicher Rat, Kirchen- und Stiftungsrechnungen. StAM, Gericht Aibling, Kirchenrechnungen. StAM, LRA 119032: Restaurierung 1929/30. AEM, Pfarrakten Högling, Pfarrbeschreibung; Bauten II. BLfD, Akt Högling, Kirche St. Martin. Schmidtsche Matrikel, Bd 2, S. 59. Wiedemann, Theodor, Geschichte der Pfarrei Hegling im Landgerichte und Decanate Aibling, in: Deutingers Beyträge 2, 1851, S. 295–396. Mayer-Westermayer, Bd 1, S. 60 f. KDB I OB (2), S. 1603. Oppenrieder, Peter, Die Geschichte der Pfarrei Högling, in: Altheimatland 3, 1927, S. 178 f., 186 f.

Bomhard, Peter von, Weihenlinden (KKF Nr. 782), München 31979, S. 21–23. Dehio 1990, S. 436. Engel, Rudolf, Land zwischen Isar und Inn, München-Zürich 1975, S. 250. Bomhard, Peter von und Sigmund Benker, Weihenlinden Regensburg 1995. Bartkowski, Gregor, Ehemalige Pfarrkirche St. Martin in Högling, in: Högling. Geschichte und Gegenwart (Hg. Pfarramt Weihenlinden-Högling), Eching 2001, S. 17–20. Pechinger-Theuerkauf, Evelyn, Högling. Ehemalige Pfarrkirche St. Martin (= Peda-Kunstführer Nr. 216), Passau 2003.

A. B.

Erweckung des Katechumenen
Tod des hl. Martin