Hamburg, Haus Lange Reihe 61, sog Nähmaschinenhaus

Laß, Heiko:Hamburg, Haus Lange Reihe 61, sog. Nähmaschinenhaus, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2025, URL: www.deckenmalerei.eu/26eeb39b-c560-4896-94cb-623c5bca776a

Inventarnummer: cbdd20224

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Die Holzbalkendecke von 1620/40 ist mit Blüten und Obst bemalt, um die sich vegetabile Schlingen winden. Sie soll eventuell auf das Paradies verweisen. Die Malerei wurde stellvertretend für weitere Beispiele in Hamburg erfasst.

Das so genannte Nähmaschinenhaus

Kurzbeschreibung und Lage

Das ursprüngliche Sommerhaus[1]steht in der ehemaligen Hamburger Vorstadt St. Georg an der Nordseite der Straße Lange Reihe. Sein ehemaliger Garten reichte bis zur Alster.

Bau-, Ausstattungs- und Nutzungsgeschichte

Das Gebäude wurde 1621 von einem Hamburger Kaufmann als Gartenhaus errichtet und umfasste damals nur zwei Geschosse. Das gegenwärtige Zwischengeschoss ist nicht ursprünglich, sondern wurde erst um 1764 eingezogen. Ehemals befand sich hier die umlaufende Galerie einer zweigeschossigen Diele. Der traufständige Bau hatte bereits damals ein Zwerchhaus. 1764 wurde das Haus an der Nordseite zum Garten hin erweitert und ein neues Treppenhaus gebaut. Ferner erhielt das Gebäude neue Fenster. Vermutlich stehen diese Maßnahmen in Zusammenhang mit einem Eigentümerwechsel. Eventuell wollte der neue Eigentümer Heinrich Rudolf Sölcke hier dauerhaft wohnen. Im 19. Jahrhundert wurde das Haus dann vermietet. 1853 erfolgte die Parzellierung des Anwesens. 1853 und 1878 wurde das Haus zum Mietshaus umgebaut und aufgestockt sowie ein Ladengeschäft eingebaut.[2]

Beschreibung

Das dreigeschossige Traufenhaus von Fachwerk ist nur vier Achsen breit und hat zwei vorkragende Obergeschosse sowie ein mittiges Zwerchhaus. Die Geschosse haben zur Straße hin durchlaufende Fensterbänder. Im ersten und zweiten Obergeschoss befindet sich zur Straßenseite hin jeweils ein durchgehender Saal. Im zweiten Obergeschoss ist ferner an der Rückseite ein zwei Stufen niedriger gelegenes repräsentatives Hinterzimmer gelegen. Es befindet sich in dem drei Achsen breiten Fachwerkanbau des 18. Jahrhunderts.[3]

Der ehem. Saal im Obergeschoss

 

Bau- und Ausstattungsgeschichte

Der Raum stammt aus der Erbauungszeit und nahm ehemals das gesamte Geschoss ein. Vermutlich hatte er ursprünglich auch an den Seiten im Osten und Westen Fenster, ehe die Nachbarbebauung hochgezogen wurde. Im Rahmen der Umbauten des 18. Jahrhunderts wurde der Raum verkürzt. Zusätzlich kam ein Kamin in die Nordwestecke, der heute wieder entfernt ist.[4]

Beschreibung

Der Restraum weist mit vier Fenstern zur Straße hin und nimmt die ganze Breite des Gebäudes ein. Zwei weitere Fenster an den Giebelseiten sind heute verloren.[5]

Die Decke

Befund – Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Die Freihandmalerei an der Decke wurde um 1620/40 ausgeführt, im 18. Jahrhundert verdeckt und erst im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts wiederentdeckt. 1989 erfolgte ihre Konservierung und Restaurierung. Die Leimfarbenmalerei ist ohne Grundierung direkt auf das Holz aufgetragen worden. Es wurde teures Pigment verwendet, so wurde das Blau mit Smalte gemischt. Die die Fugen abdeckenden Leinwandstreifen stammen von 1989. 1994 wurde die Malerei gefestigt.[6]

Beschreibung und Ikonographie

Die Holzbalkendecke hat vier Fachen. Sie reicht über den Raum hinaus in die Mitte des Gebäudes, mit Flurtrakt und Toilettenraum, wo weitere Malereireste sichtbar sind. Balken und Fachen zieren rankenförmig-vegetabile Darstellungen in Blau und Rotbraun mit schwarzen sowie grauen Konturen und Binnenzeichnungen sowie weißen Lichthöhungen auf grauweißem Fond in blauer Rahmung.[7]

Die Deckenbalken sind scheinbar von blauem Laub umrankt, zwischen dem rotbraune Weinreben zu sehen sind – es sind aber keine Weinblätter gemalt. Die Fachen werden von blauen Blattschlingen eingenommen, die sich um zentrale rotbraune Blüten oder Früchte anordnen. Keine Schlinge und keine Blüte oder Frucht gleicht der anderen. Bei genauerem Hinsehen erkennt man, dass auch im Schlingwerk Obst vorhanden ist. Die blaue Rahmung ist rotbraun umrankt.

Es ist denkbar, dass die Malerei auf das Paradies anspielen soll. Blüten und Obst verweisen formelhaft auf Gärten und damit auf Gottes Schöpfung und das Weiß stünde dann für das göttliche Licht.[8]

Vergleichbare andere Decken in Hamburg

Diese weitgehend ornamentale Deckengestaltung bleibt in Hamburg mehr als 100 Jahre aktuell. Sie ist hier beispielhaft aufgenommen für andere vergleichbare Decken. Drei Vergleiche seien genannt.

Die Holzbalkendecke im ehemaligen Gartenhaus Krayenkamp 10m von ca. 1630 befindet sich ebenfalls im Obergeschoss, ist aber schlichter als jene im Nähmaschinenhaus. In ornamentaler Anordnung winden sich in den Fachen auf grauem Fond grüne Blattranken um große rote Blumen. Hinzu kommen verstreut in Grün Weinreben und Weinblätter.[9]

Nach 1751 wurde eine erst 2021 entdeckte und restaurierte Decke im Erdgeschoss des Hauses Peterstraße 39 geschaffen.[10]Die Malerei folgt formal eng jener im Nähmaschinenhaus. In den Fachen schlingen sich blaue Blätter mit schwarzen Schatten um goldene Blüten und goldenes Obst mit roten Schatten. Obst und Blumen entsprechen jenen in der Langen Reihe. Auch hier ist im Blattwerk weiteres Obst zu erkennen.

Eine Alternative stellt die Malerei an der Holzbalkendecke im ersten Obergeschoss des Hauses Deichstraße 25 dar, die um 1700 entstanden ist. Hier winden sich blauschwarze Rankenornamente in den Fachen um zentrale gelbe Früchte und Blumen, die allerdings in Medaillons dargestellt sind.[11]

Die Decke im rückwärtigen Raum

Die Deckenmalerei

Im rückwärtigen Erweiterungsbau wurde die Holzbalkendecke in Ölfarben um 1765 ornamental bemalt. Auf hellblauem Grund sind hellgraue leere Rocaillerahmen gemalt, die vermutlich eine Stuckdecke imitieren sollen.[7]

Bibliographie

  • Literatur:
  • Dehio, Schleswig-Holstein, 2009. – Dehio, Georg: Hamburg. Schleswig-Holstein (Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler). Bearbeitet von Johannes Habich, Christoph Timm, Lutz Wilde. München/Berlin 2009.
  • Gramatzki, Dornse, 1993. – Gramatzki, Rolf: Dornse, Diele und Paradiesgärtlein. Malerei in bürgerlichen Wohnhäusern Lübecks des 16. bis 18. Jahrhunderts, in: Eickhölter, Manfred/Hammel-Kiesow, Rudolf (Hrsg.): Ausstattungen Lübecker Wohnhäuser. Raumnutzungen, Malereien und Bücher im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit (Häuser und Höfe in Lübeck. Historische, archäologische und baugeschichtliche Beiträge zur Geschichte der Hansestadt im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit, 4). Neumünster 1993, S. 153-268.
  • Lange, Hamburg, 2008. – Lange, Ralf: Architektur in Hamburg. Der große Architekturführer. Über 1000 Bauten in Einzeldarstellungen. Hamburg 2008.
  • Archivalien:
  • Fischer-Menshausen, Arbeitsbericht, 2005. – Fischer-Menshausen, Angela: Arbeitsbericht über eine restauratorische Maßnahme. Hamburg 2015.
  • Padberg/Vogel, Lange Reihe 61, 1990. – Padberg, Jürgen /Vogel, Bodo: Bauhistorische Dokumentation des Hauses Lange Reihe 61 in Hamburg (1990), in: Freie und Hansestadt Hamburg. Behörde für Kultur und Medien, Denkmalschutzamt, Objektakte Lange Reihe 61, Aktenzeichen 39-114.106.
  • 39-102.141. – Freie und Hansestadt Hamburg. Behörde für Kultur und Medien, Denkmalschutzamt, Objektakte Deichstr. 37, Aktenzeichen 39-102.141.
  • 39-114.106/1. – Freie und Hansestadt Hamburg. Behörde für Kultur und Medien, Denkmalschutzamt, Objektakte Lange Reihe 61, Aktenzeichen 39-114.106, Bd. 1.
  • 39-114.106/2. – Freie und Hansestadt Hamburg. Behörde für Kultur und Medien, Denkmalschutzamt, Objektakte Lange Reihe 61, Aktenzeichen 39-114.106, Bd. 2.

Einzelnachweise

  1. Dehio, Schleswig-Holstein, 2009, S. 126; Lange, Hamburg, 2008, S. 104. 39-114.106/1; 39-114.106/2.
  2. Dehio, Schleswig-Holstein, 2009, S. 126; Lange, Hamburg, 2008, S. 144. Padberg/Vogel, Lange Reihe 61, 1990, S. 11-17, 20, 23, 24; 39-114.106/2.
  3. Dehio, Schleswig-Holstein, 2009, S. 126. 39-114.106/2.
  4. Padberg/Vogel, Lange Reihe 61, 1990, S. 11, 16; 39-114.106/2.
  5. 39-114.106/2.
  6. Lange, Hamburg, 2008, S. 144. Padberg/Vogel, Lange Reihe 61, 1990, S. 13; 39-114.106/2.
  7. 7,0 7,1 39-114.106/1; 39-114.106/2.
  8. Gramatzki, Dornse, 1993, S. 161, 164, 189.
  9. Fischer-Menshausen, Arbeitsbericht, 2005, S. 1-4.
  10. Ich danke Ruth Hauer-Buchholz vom Denkmalschutzamt Hamburg herzlich für diesen Hinweis.
  11. 39-102.141.